JUNGE KARL MARX, DER | Le jeune Karl Marx
Filmische Qualität:   
Regie: Raoul Peck
Darsteller: August Diehl, Stefan Konarske, Vicky Krieps, Olivier Gourmet, Michael Brandner, Alexander Scheer, Hans-Uwe Bauer, Hannah Steele
Land, Jahr: Frankreich, Deutschland, Belgien 2016
Laufzeit: 118 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: X
im Kino: 3/2017


José Garcia
Foto: Neue Visionen

Die Filmbiografie "Der junge Karl Marx" von Raoul Peck behandelt lediglich fünf Jahre in Marx Leben, von 1843 bis 1848, die allerdings als Schlüsseljahre für die Entwicklung des Marxismus dargestellt werden. Darin bringt etwa Karl Marx (August Diehl) in einer Rede vor Arbeitern seine berühmte Definition des Proletariats zum Ausdruck. Proletarier seien Menschen, die nichts anderes als ihre Arbeitskraft besäßen. Deshalb verkauften sie eben diese Arbeitskraft, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wie das Leben besitzloser Proletarier Mitte der 1840er Jahre aussah, verdeutlichen Raoul Peck und sein Mit-Drehbuchautor Pascal Bonitzer anhand mehrerer Szenen. So beginnt ihr Spielfilm mit einer Gruppe Menschen, die in einem Wald Holz auflesen und von Soldaten angegriffen, teilweise getötet werden. Darüber ist die Stimme Karl Marx selbst zu hören: "Die Geschichte aller bisherigen Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen". Sie gipfelt in der Aussage, nun sei eine "neue Klasse, das Proletariat" entstanden.

Der 25-jährige Karl Marx arbeitet 1843 in der Redaktion der "Rheinischen Zeitung" von Arnold Ruge (Hans-Uwe Bauer) in Köln. Er plädiert für eine radikale Gangart — was die Zensur auf den Plan ruft. Zusammen mit seiner Frau Jenny, geborene von Westphalen (Vicky Krieps) muss sich Marx ins Exil begeben. In Paris, wo er weiterhin für Ruge arbeitet — zusammen geben sie die "Deutsch-französischen Jahrbücher" heraus — und chronisch unter Geldmangel leidet, lernt er den zwei Jahre jüngeren Friedrich Engels (Stefan Konarske) kennen. Regisseur Peck führt Engels mit wenigen Pinselstrichen ein: Der Sohn eines Fabrikanten (Peter Benedict) in Manchester kleidet sich dandyhaft — seine bunte Weste und das farbige Halstuch kontrastieren mit der stets schwarzen und auch abgenutzten Kleidung von Karl Marx. Obwohl Engels als Prokurist in der Firma seines Vaters keine finanziellen Sorgen kennt, rebelliert er gegen den Vater — sozusagen ein Achtundsechziger avant la lettre: Er stellt sich auf die Seite der Arbeiter, wofür seine Liebe zur Rebellin Mary Burns (Hannah Steele) mit eine Rolle spielt.

In Paris lernen Marx und Engels den berühmten Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon (Olivier Gourmet) kennen. Marx und Engels beginnen, eine immer größere Rolle innerhalb der sozialistischen Bewegung zu spielen. Raoul Peck verschleiert nicht, dass die beiden Jungspunde eine gehörige Chuzpe an den Tag legen, um sich an die Spitze der Revolutionäre zu stellen. Dies gipfelt in der Auseinandersetzung mit Wilhelm Weitling (Alexander Scheer), dem Haupt des "Bundes der Gerechten", dem Marx und Engels 1847 in Brüssel beitreten. "Der junge Karl Marx" inszeniert die Auseinandersetzung als einen regelrechten Putsch: Karl Marx und Friedrich Engels reißen rücksichtlos die Macht an sich. Aus dem "Bund der Gerechten" ist der "Bund der Kommunisten" geworden. Das gewaltlose Motto "Alle Menschen sind Brüder" wird durch den Klassenkampf ersetzt. Nicht umsonst hatte Marx zu seinem Freund Engels — im Film nach einer durchzechten Nacht — gesagt: "Bis jetzt haben alle Philosophen die Welt interpretiert. Es kommt aber darauf an, sie zu verändern!" Erste Veränderung: Die neuen Arbeiterführer drängen Weitling und dessen Anhänger aus der Bewegung heraus. Nun sollen Marx und Engels unter Zeitdruck das "Manifest der Kommunistischen Partei" verfassen. Nach Pecks Darstellung geschieht dies sechshändig: Jenny Marx arbeitet daran mit den beiden Freunden zusammen.

"Der junge Karl Marx" durchläuft die wichtigsten Stationen im Leben seines Protagonisten in diesem Jahrfünft. Manchmal ermüdet dieser Schnellgang, der wie ein schneller Szenenwechsel in einem James-Bond-Film wirkt: Auf "Köln April 1843" folgt "Paris Juli 1844" und so weiter — bis zum entscheidenden Parteikampf in Brüssel am 30. März 1846, als Weitling geschasst und die Parole "Kampf oder Tod" ausgegeben wird. Dies hemmt teilweise die Dramaturgie des Filmes.

Das Produktionsdesign von Benoît Barouh und Christophe Couzon sowie die Kostüme von Paule Mangenot rekonstruieren penibel die Zeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts, was allerdings hin und wieder so sehr in den Vordergrund gestellt wird, dass sich die Bezeichnung "Ausstattungskino" aufdrängt. Raoul Pecks "Der junge Karl Marx" will auch ein Liebesfilm und darüber hinaus ein Film über Freundschaft sein. Abgesehen von kleineren Makeln wie der fehlerhaften Nachsynchronisierung — der Film wurde auf Deutsch, Französisch und Englisch gedreht und sollte auch in dieser Fassung gesehen werden — verfällt Raoul Peck dem Pathos, wenn etwa zum Schluss "Proletariat-Kollektivporträts" nachgestellt werden, die außerdem von ebenso pathetischer Musik unterlegt werden.

In dieses Bild passt wohl auch, dass der Regisseur der Versuchung nicht widerstehen konnte, für ein paar Sekunden selbst auf der Leinwand zu erscheinen. Wenn sich Peck ebenso dazu genötigt sah, einen Bogen bis zur Gegenwart — Martin Luther Kind, Nelson Mandela — zu schlagen, hätte er die Abermillionen Menschen nicht unterschlagen dürfen, die Marx´ Nachfolgern Lenin, Stalin, Mao ... zum Opfer fielen.

Raoul Peck streut immer wieder Zitate in seinen Film ein, so etwa den Beginn des Kommunistischen Manifests "Ein Gespenst geht um in Europa — das Gespenst des Kommunismus". Er lässt seinen Protagonisten vom Primat der Produktionsverhältnisse als Schlüssel für das Verständnis der Geschichte reden. Wie aber Karl Marx zu diesen Gedanken kam, eine Antwort darauf bleibt "Der junge Marx" schuldig.
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