HIMMEL WIRD WARTEN, DER | Le ciel attendra
Filmische Qualität:   
Regie: Marie-Castille Mention-Schaar
Darsteller: Noémie Merlant, Naomi Amarger, Sandrine Bonnaire, Clotilde Courau, Zinedine Soualem, Dounia Bouzar
Land, Jahr: Frankreich 2016
Laufzeit: 105 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 3/2017


José García
Foto: Neue Visionen

Zwei junge Frauen, die unterschiedliche, ja spiegelbildlich entgegengesetzte Entwicklungen durchmachen: Die 16-jährige Mélanie (Naomi Amarger) kommt über soziale Netzwerke in Kontakt mit einer Gruppe, die für den syrischen Bürgerkrieg Mitstreiter rekrutiert. Sie lernt einen Jungen kennen, der sich auf Facebook "Epris de Liberté" nennt. Er beginnt Mélanie regelmäßig zu schreiben und Komplimente zu machen. Schließlich fragt er sie, wie sie es mit der Religion hält. Eines Tages ist Mélanie verschwunden und ihre alleinerziehende Mutter Sylvie (Clotilde Courau) auf halbem Weg nach Syrien, um sie zu suchen. Die 17-jährige Sonia (Noémie Merlant) hat sich bereits dem Dschihad angeschlossen. Sie will ihrer Familie einen Platz im Paradies sichern. Bei dem Versuch, nach Syrien zu verschwinden, wird sie jedoch gefangen genommen. Der Spielfilm "Der Himmel wird warten" beginnt mit Sonias Verhaftung, als Catherine (Sandrine Bonnaire) und Samir Bouzaria (Zinedine Soualem) gerade mit ihren Töchtern aus den Sommerferien zurückgekehrt sind. Dadurch erfahren die geschockten Eltern, dass ihre Tochter einen Terroranschlag plante.

Eine der großen Stärken von "Der Himmel wird warten" besteht darin, dass Mit-Drehbuchautorin und Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar die Geschichten von Sonia und Mélanie, die parallel verlaufen und sich kaum kreuzen, nicht linear erzählt. Dabei spielt gerade Sylvie eine zentrale Rolle, ebenso die — real existierende — Dounia Bouzar, die insofern eine wichtige Funktion übernimmt, als sie den Zuschauer immer wieder über den Islam und die Radikalisierung gerade junger Frauen aufklärt. Die Kamera von Myriam Vinocour fängt immer wieder hässliche, anonyme Vororte Marseilles ein. Die teilweise arabisch anmutende Musik von Nicolas Errera und Pascal Mayer trägt zur Atmosphäre entscheidend bei. "Der Himmel wird warten" erzählt jedoch nicht nur über die Gefahr der Rekrutierung durch den "Islamischen Staat", sondern auch über die Kraft der Familie, um jungen Menschen Halt zu geben.


Interview mit Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar

Wenn man an den IS denkt, hat man meistens Männer mit Bärten vor Augen. Wie kamen Sie auf die Idee, zwei junge Frauen in den Mittelpunkt Ihres Filmes zu stellen?

Ich hatte sehr viele Artikel über junge Mädchen gelesen, die sich rekrutieren lassen in einem Alter, in dem man sich eigentlich für Popstars interessiert und Disney-Channel anschaut. So wurde beispielsweise von einem 14-jährigen Mädchen berichtet, das nach Syrien gegangen war. Ich wollte einfach verstehen, wie so etwas möglich ist. Bei Jungen konnte ich es mir irgendwie erklären, aber bei Mädchen fand ich es viel rätselhafter, unerklärlicher. Ich habe mich dann mit jungen Frauen getroffen, die dorthin gegangen sind, aber auch mit Mädchen, die letztlich doch nicht diesen Schritt getan haben.

Haben Sie herausgefunden, wie es möglich ist?

Genau das ist es, was ich mit dem Film den Zuschauern nahebringen möchte.

Können Sie etwas zur besonderen Dramaturgie des Filmes sagen? Denn er ist ja nicht chronologisch aufgebaut. Warum wollten Sie die Parallelgeschichten nicht linear erzählen?

Ich fand es sehr interessant, zwei Schicksale parallel zu erzählen, auch wenn sich die Erzählstränge eigentlich nie kreuzen. Denn sie haben sehr viele Gemeinsamkeiten. In den Zeugnissen der jungen Frauen, mit denen ich als Vorbereitung für den Film geredet hatte, konnte ich feststellen, dass sie bei allen unterschiedlichen Erlebnissen dasselbe durchgemacht hatten. Ich wollte darüber hinaus einen Spiegel-Effekt einbauen: Was die eine junge Frau tut, spiegelt sich im Verhalten der anderen wider. Für mich war es besonders wichtig, mit der Figur der Sylvie zu beginnen, die ja die Verknüpfung zwischen Mélanie und Sonia und auch zwischen den beiden Zeitebenen darstellt. Der Zuschauer lernt sie als einsame und traurige Frau kennen und fragt sich, woher diese Gefühle kommen. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn der Film chronologisch aufgebaut wäre. Sonst würde er sich diese Frage nicht stellen.

Die Schauspielerin, die Sylvie darstellt, Clotilde Courau, sieht auch in einigen Szenen gealtert aus ...

Sie verändert sich sehr — nicht nur durch den Haarschnitt. Als Sonia ihren Eltern erzählt, dass sie beinahe nach Syrien zur IS gegangen wäre, empfindet Sylvie es, als handele es sich um die eigene Tochter. Sonia übernimmt sozusagen die Stelle von Sylvies Tochter Melánie, die mit ihrer Mutter nicht sprechen konnte.

Sind Mädchen empfindlicher für Einflüsterungen ("Du bist etwas Besonderes, nicht wie die anderen", sagt der Junge zu Mélanie), so dass es dadurch einfacher wird, sie zu rekrutieren?

Die Codes, die für Jungen und Mädchen eingesetzt werden, sind nicht dieselben. Jungen sind aufnahmebereiter, wenn man ihnen von einer Mission, von der Erfüllung einer Aufgabe erzählt. Bei Mädchen spielt die persönliche Ebene eine bedeutendere Rolle.

Interessant ist darüber hinaus, was im Unterricht behandelt wird. Alle drei im Film gezeigten Unterrichtsstunden haben mit Religionskritik zu tun, ob es sich um die Kolonisation in Indochina, um Guy de Maupassant oder um "Tartuffe", den religiösen Heuchler schlechthin, handelt. Warum haben Sie gerade diese Stoffe ausgewählt? Ist eine solche Religionskritik bei jungen Menschen nicht kontraproduktiv? Statt der Radikalisierung entgegenzutreten, erreichen die Lehrer das Gegenteil ...

Zunächst einmal finde ich es bemerkenswert, dass einem deutschen Journalisten etwas auffällt, was französische Filmkritiker nicht bemerkt haben. Die Stoffe, die im Unterricht behandelt werden sollten, habe ich mit Lehrern abgesprochen. Guy de Maupassant kritisiert zwar die Religion, aber nicht nur sie, sondern etwa auch die Bourgeoisie. Wir haben ihn gerade aus diesem Grund ausgesucht. In der laizistischen Schule wird viel über Religion gesprochen, aber vielleicht ist das nicht die richtige Art, Religion zu lernen. Vielleicht müsste die Methode, wie Religion in der Schule behandelt wird, neu überdacht werden. Denn heute herrscht viel Unwissenheit über religiöse Fragen. In diesem Bereich hat sich die Lage der Schüler sehr verändert. Bei dieser Unwissenheit und der Art und Weise, wie über Religion gesprochen wird, ist es nicht verwunderlich, dass eine Tür für Klischees geöffnet wird. Die Art und Weise, wie der Islam dabei verurteilt wird, stellt in der Tat auch eine Gefahr dar.

Dounia Bouzar spielt eine wichtige Rolle. Sie macht darauf aufmerksam, dass vieles, was diese Mädchen tun — Stichwort Niqab oder Verhüllung insgesamt — eigentlich nichts mit dem Islam zu tun hat. Können Sie etwas zu ihr sagen, die ja eine reale Person ist?

Ich war drei Monate mit Dounia Bouzar unterwegs, so dass ich ihre Arbeit aus nächster Nähe kennenlernen durfte, sowohl in den Sprechstunden als auch in den sogenannten Radikalisierungsgruppen und bei der Ausbildung von Lehrern und Kommunalbeamten. Ich fand es wichtig, dass sie im Film auftritt, weil sie eine Art "Entzifferungsperson" darstellt. Diese Entzifferung ist besonders wichtig für die Zuschauer, weil dadurch unterschieden wird zwischen dem, was man etwa über den Islam denkt, und der Wirklichkeit.
Diese Seite ausdrucken | Seite an einen Freund mailen | Newsletter abonnieren