VERSUNKENE STADT Z, DIE | The Lost City of Z
Filmische Qualität:   
Regie: James Gray
Darsteller: Charlie Hunnam, Sienna Miller, Tom Holland, Robert Pattinson, Angus Macfadyen, Edward Ashley
Land, Jahr: USA 2016
Laufzeit: 140 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 4/2017


José García
Foto: Studiocanal

Der Spielfilm "Die versunkene Stadt Z" ("The Lost City of Z") von James Gray, der beim New York Film Festival Premiere feierte und nun im regulären Kinoprogramm startet, adaptiert das 2009 erschienene Buch von David Grann, der zusammen mit Regisseur Gray das Filmdrehbuch verfasste. Die Existenz einer versunkenen Zivilisation zu beweisen, wurde für den britischen Forschungsreisenden Percival Fawcett zur Lebensaufgabe. Der 1867 geborene Fawcett bekleidete diverse Posten bei der Armee des britischen Empires, ehe er insgesamt sieben Expeditionen in den südamerikanischen Urwald unternahm.

Der Film setzt im Jahre 1905 ein, als der noch junge Offizier Percival "Percy" Fawcett (Charlie Hunnam) zwar militärisch brilliert, aber mit seiner Stellung in Cork unzufrieden ist, weil er keine Aufstiegschancen sieht. Eine Gelegenheit, sich zu beweisen, wird ihm im März 1906 in Form einer Expedition ins Amazonasgebiet angeboten. Denn zu dieser Zeit war das Regenwaldplateau von Mato Grosso eines der letzten noch nicht vermessenen Gebiete der Erde. Zwischen Bolivien und Brasilien herrschte ein Grenzstreit wegen der vermuteten Kautschukbaumvorkommen in der Region. Die Royal Geographical Society wurde als Schlichter angerufen. Sie sollte das Gebiet vermessen, kartieren und so den endgültigen und anerkannten Grenzverlauf festlegen.

Mit dieser Aufgabe betraut die Londoner Royal Geographical Society Percy Fawcett. Zusammen mit seinem Adjutanten Henry Costin (Robert Pattinson) kartographiert er auf einer zweijährigen Expedition unerforschte Gebiete. Mit Hilfe von Indianern folgen sie flussaufwärts dem legendären Rio Verde, und gelangen trotz Indianerangriffen und Piranhas bis zum Quellgebiet des Flusses. Dort soll es laut einem Indianer, der sie eine Zeit lang geführt hat, "tief im Dschungel Städte aus Gold und Mais" geben, die "älter als England" seien. Und in der Tat: Mitten im dichtesten Dschungel findet Percy Fawcett verwitterte Tonscherben, die für eine versunkene Zivilisation zu stehen scheinen.

Zurück in London, fällt ihm das Zusammenleben mit seiner Frau Nina (Sienna Miller) und dem kleinen Sohn Jack recht schwer. Denn Fawcett denkt nur daran, wieder nach Südamerika aufzubrechen. Seine Versuche, die Herren der Royal Society von der Existenz einer versunkenen Zivilisation im Amazonasgebiet zu überzeugen, scheitern jedoch. Erst als der reiche Abenteurer James Murray (Angus Macfadyen) seine finanzielle Unterstützung zusagt, kann die Expedition beginnen. Murray stellt allerdings eine Bedingung: Er selbst möchte dabei sein. Obwohl die Expedition nach qualvollen Entbehrungen und Angriffen von Kannibalen mit tödlichen Pfeilen geheimnisvolle, in den Stein gemeißelte Skulpturen und Tonscherben findet, müssen die Männer umkehren, da ein geschwächter Murray die Expedition aufhält, und die Lebensmittelvorräte zur Neige gehen. Nach der Rückkehr nach England ist seine Entfremdung von der Familie allzu offensichtlich. Der Erste Weltkrieg bricht aus, Fawcett wird Opfer des Chlorgases und ist zeitweise blind. Erst 1925 überzeugt sein Sohn Jack (Tom Holland), der sich als Kind vernachlässigt fühlte, dann aber zum glühenden Bewunderer seines Vaters wird, den inzwischen zum Colonel beförderten Fawcett, sich erneut auf die Suche nach der versunkenen Stadt zu machen.

Die Bilder von Kameramann Darius Khondji nehmen sich im positiven Sinne altmodisch aus, als handele es sich um einen Abenteuerfilm aus den 1950er oder 1960er Jahren. Darius Khondji gelingt es, sich von neueren Filmen — Stichwort "Indiana Jones" — abzusetzen. Die wunderschönen Bilder einer unberührten Natur insbesondere von Rio Verde überzeugen, ebenso die Darstellung des Amazonasgebiets als letztes unerforschtes Terrain. Regisseur James Gray schafft es, dem Zuschauer einen lebendigen Eindruck der Gefährlichkeit zu vermitteln, die sich die Expeditionsmitglieder aussetzen.

Unabhängig von einigen unzusammenhängenden und deshalb verwundernden Aussagen — etwa die Rede von der "Engstirnigkeit der Kirche" im Zusammenhang mit den Widerständen in der Gesellschaft, im Dschungel etwas anderes als die Heimat der "Wilden" zu sehen, oder von der "Gleichstellung" der Frau: Fawcetts Frau Nina drängt darauf, ihren Mann als Expeditionsmitglied zu begleiten, wogegen er sich erfolgreich stellt — besteht das größte Problem von "Die versunkene Stadt Z" in einer Dramaturgie, die episodisch wirkt. Wohl um der historischen Genauigkeit willen wird vieles, etwa den Diskussionen in der Royal Society, viel zu detailreich ausgebreitet. Es entsteht der Eindruck, dass Percy Fawcett immer wieder hin- und her reist: Von England nach Südamerika, von Südamerika nach England, von dort wieder an die Somme im Ersten Weltkrieg, zurück nach England, wieder ins Amazonasgebiet... Dadurch entsteht aber kein richtiger Spannungsbogen, der über die übermäßige Länge von 140 Minuten tragen könnte. Stattdessen werden die einzelnen Episoden im Leben von Percy Fawcett "abgehakt".

Ebenso wenig gelingt es James Gray, ein stimmiges Bild von seinem Protagonisten zu vermitteln. Dass die Suche nach einer versunkenen Zivilisation bei ihm zu einer regelrechten Obsession wurde, wirkt manchmal eher behauptet als stimmig dargestellt. Zu wenig erfährt der Zuschauer von Pawcetts Erwartungen: Was erhoffte er sich im Dschungel zu finden? Eine noch halbwegs intakte Zivilisation oder lediglich weitere Tonscherben und sonstigen Ruinen? Was bedeutete für ihn der Beweis für die Existenz einer solchen Zivilisation im Einzelnen?
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