STILLE RESERVEN | Stille Reserven
Filmische Qualität:   
Regie: Valentin Hits
Darsteller: Clemens Schick, Lena Lauzemis, Marion Mitterhammer, Marcus Signer, Jaschka Lämmert, Simon Schwarz, Stipe Erceg, Daniel Olbrychski
Land, Jahr: Deutschland, Österreich, Schweiz 2016
Laufzeit: 96 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: X
im Kino: 4/2017


José García
Foto: Camino

Wien, in einer nahen Zukunft. Nur wer schuldenfrei stirbt, darf "richtig" und ruhig sterben. Schulden werden nicht einfach vererbt. Der Tote wird vielmehr in einer Art vegetativem Leben gehalten (der Film "Matrix" lässt grüßen), als Ersatzteillager oder als Datenspeicher benutzt. Frauen können auch als Leihmütter eingesetzt werden. Wer trotz Schulden in Ruhe sterben will, schließt eine Todesversicherung ab.

Vincent Baumann (Clemens Schick) führt als einer der besten Versicherungsagenten ein privilegiertes Leben in der hermetisch abgeriegelten Oberstadt. Bei seiner Vorgesetzten Diana Dorn (Marion Mitterhammer) wird er auch bei besonderen Diensten eingesetzt.
Vincents Leben erfährt jedoch eine entscheidende Zäsur, als er es nicht schafft, den berühmten Wissenschaftler Wladimir Sokulow (Daniel Olbrychski) zum Abschluss einer Todesversicherung zu bewegen. Vincent wird degradiert. Weil sein Sicherungslevel sinkt, darf er sich nur noch in der Unterstadt der Unterprivilegierten aufhalten. Dort lernt er Lisa Sukowa (Lena Lauzemis) kennen, die zu einer Aktivistengruppe gehört. Vincent wechselt die Seiten.

Valentin Hitz zeichnet eine eiskalte Welt in dieser nahen Zukunft (irgendwann einmal ist das Datum 2033 auf der Leinwand zu sehen). Eine völlig farbentsättigte, fast schwarzweiße Welt, in der nur hin und wieder Farbakzente aufblitzen. Zwar ist die Einteilung in zwei voneinander abgeschottete Welten ein Kunstgriff des Genres "dystopische Zukunftsvisionen", weshalb eine ganze Reihe Filme als Vorbild für das Produktionsdesign von "Stille Reserven" angeführt werden können — beispielsweise erinnert Clemens Schick mit seiner minimalistischen Mimik manchmal an einen Replikanten aus "Blade Runner". Drehbuchautor und Regisseur Valentin Hitz entwirft jedoch eine eigenständige (Schreckens-)Vision mit eigener Ästhetik, die im deutschsprachigen Raum eine willkommene Ausnahme darstellt.


Interview mit Drehbuchautor und Regisseur Valentin Hitz

Wie kamen Sie auf den Gedanken einer "Todesversicherung"?
"Nicht-Sterben-Dürfen." Dieser Gedanke ist der Ursprung für die Entwicklung von "Stille Reserven". Ein verstörender Gedanke, der mich seit meiner Kindheit beunruhigt und beschäftigt. Einerseits weil er sich aus der Negation heraus am Machbarkeitswunschtraum der Menschheit vom "ewigen Leben" reibt. Zum anderen scheint er die Verhinderung oder zumindest die Unterbrechung eines natürlichen Vorgangs zu beschreiben, des Sterbens. Und weiter setzt dieser Gedanke voraus, dass es eine Instanz gibt, die die Macht hat, über Leben und Tod zu entscheiden, und damit auch über den Bereich dazwischen. Zu anderen Zeiten und in anderen Zusammenhängen waren diese Instanz die Götter oder Gott. In unserer heutigen Gesellschaft stellt sich die Frage, wer oder was kann diese Instanz sein? Ist es der Staat, die Macht des Kapitals, sind es überhaupt noch Personen oder Interessensgruppen, oder sind es vielleicht schon Algorithmen, die darüber entscheiden, ob es sich rechnet, dass jemand weiterlebt, selbst in einem Zwischenzustand, oder ob es "Sinn macht", dass jemand stirbt?

Sie sagten, bereits als Kind sei Ihnen dieser Gedanke gekommen...

Ja, vermutlich bin ich diesem Gedanken zum ersten Mal beim Ansehen eines Vampirfilms begegnet. Dracula darf nicht sterben. Er hat sich vom Glauben abgewendet und Gott verflucht, weil er sich von ihm verraten gefühlt hat. Wenn man den Legenden um das Dracula-Vorbild Vlad Tepes folgt, war dieser auf Kreuzzug gegangen, um für seinen Glauben einzustehen. Von den Kreuzzügen heimgekehrt, muss er erfahren, dass seine Frau aufgrund der Fehlinformation von seinem Tod Selbstmord begangen hat. Diese Ungerechtigkeit veranlasst ihn zur Abkehr von Glaube und Gott. Dadurch lädt er Schuld auf sich, moralische Schuld, und wird mit ewigem Leben bestraft. Nun verwenden wir in der deutschen Sprache — im Gegensatz zu anderen Weltsprachen — das selbe Wort sowohl für moralische als auch ökonomische Schuld. Und so entstand die Grundidee für den Film: Nicht sterben zu dürfen aufgrund ökonomischer Schulden. Ein weiterer Aspekt im Film ist die Absicherung, der Versuch, jegliche Ungewissheit oder Unsicherheit aus dem Leben zu verbannen, ein übersteigertes Schutzbedürfnis, damit einhergehend Immunisierungsbestrebungen einer Gesellschaft, wie wir sie heute schon beobachten können. Dieser Wunsch nach Sicherheit und Kontrolle über den Tod hinaus sowie der im Österreichischen Bestattungswesen gebräuchliche Begriff einer "Ablebensversicherung" waren im Spannungsverhältnis zur Lebensversicherung und in Erweiterung des Grundgedankens, nicht sterben zu dürfen, mehr als nur inspirierend.

Lange Zeit hieß es, im deutschsprachigen Raum würden keine Genrefilme gedreht. Allerdings sind in letzter Zeit gerade deutsche Science-Fiction-Filme ins Kino gekommen. Wie stehen Sie zur Aussage, "Stille Reserven" sei ein Genrefilm?

Ich begrüße das, weil ich es auch so sehe. Dennoch finde ich es schwierig, einen Film wie "Stille Reserven" klar einem Genre zuzuordnen. Wir bewegen uns in der nahen Zukunft mit einer leicht veränderten Gesellschaft, insofern durchaus in einem Science-Fiction-Rahmen, allerdings nicht in einer total fremden und fernen Welt. Außerdem ist für mich "Stille Reserven" dem Film-noir zuzurechnen. Auch wenn jetzt Film-noir nicht als eigenes Genre gilt, gibt es da sowohl ästhetisch als auch inhaltlich ein Nahverhältnis, zum Beispiel in der Ausweglosigkeit und ihrer Ausprägung.

Einige Elemente, etwa die Zweiklassen-Gesellschaft, der geschlossene Bezirk oder die allgemeine Überwachung deuten schon auf Science-Fiction hin.

"Stille Reserven" basiert auf Beobachtungen von gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen der letzten zehn, zwanzig Jahre, die dann konsequent in die Zukunft weitergedacht und teilweise auf die Spitze getrieben wurden. Die Tendenz zur Zweiklassengesellschaft, ein fast paranoider Absicherungswahn, permanente Überwachung sowie der Wunsch nach totaler Kontrolle durch Ab- und Ausgrenzung. Wir beauftragen immer mehr private Dienstleister mit der Gewährleistung unserer Sicherheit — Security-Personal, Security-Firmen, Security-Tools — und verdrängen dabei, wie anfällig diese Systeme sind, die uns beschützen sollen, die Sicherheitscodes und Alarmanlagen. So sind eben auch Wasser- oder Stromversorgung labile Systeme, gehören zu den kritischen Infrastrukturen. Der Ausfall eines solchen Systems würde in kürzester Zeit unsere Gesellschaft erschüttern.

Spielt deshalb auch in "Stille Reserven" Vertrauen eine so wichtige Rolle, weil man im Grunde nur Menschen und nicht Systemen vertrauen kann?

Ich würde es in der Wichtigkeit umdrehen und sagen, "Stille Reserven" ist ein Film über das Misstrauen, verbunden mit dem Wunsch, nach Vertrauen zu suchen. Die Beziehung zwischen dem Versicherungsagenten und der Aktivistin ist von Misstrauen gekennzeichnet, weil bestimmt durch die Absicht, den jeweils anderen für den eigenen Zweck zu gebrauchen. Dadurch realisieren beide erst spät, dass sich da etwas einstellt, was mit Gefühlen zu tun hat, Nähe. Für Hintergrund und Zustand der gespaltenen Gesellschaft in "Stille Reserven" sollten weder eine Naturkatastrophe noch ein Super-GAU oder ein Angriff von außen verantwortlich sein. Es war mir wichtig, diese als Weiterentwicklung unserer heutigen Gesellschaft zu erzählen, als Konsequenz. Schon vor der Finanzkrise 2008 wurde allenthalben das Nulldefizit beschworen, und mit der wachsenden Staatsverschuldung Angst gemacht. In "Stille Reserven" hat man die Pro-Kopf-Verschuldung dem einzelnen Bürger rückübertragen und jeden Einzelnen so finanziell für sich selber verantwortlich gemacht. Auch wenn das im Film nicht explizit vorkommt, die große Mehrheit der Bevölkerung ist dadurch verschuldet ab Geburt, befördert durch einen von Wirtschaftsinteressen ausgehöhlten Staat, dem man schon lange nicht mehr vertrauen kann.

Insgesamt ist "Stille Reserven" auch ziemlich dunkel geworden. Die meisten Szenen spielen in der Nacht, es dominieren kalte Farben.

Mein Wunsch an den Kameramann war es, einen Farbfilm zu drehen, bei dem der Zuschauer nach dem Abspann den Eindruck hat, einen Schwarzweiß-Film gesehen zu haben. Und ich glaube, es ist uns gelungen.
Diese Seite ausdrucken | Seite an einen Freund mailen | Newsletter abonnieren