ENDE IST ERST DER ANFANG, DAS | Les premières, les dernières
Filmische Qualität:   
Regie: Bouli Lanners
Darsteller: Albert Dupontel, Bouli Lanners, Suzanne Clément, Michael Lonsdale, David Murgia, Aurore Broutin, Philippe Rebbot, Max von Sydow
Land, Jahr: Belgien, Frankreich 2015
Laufzeit: 97 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 5/2017


José Garcia
Foto: NFP/ Kris Dewitte

Bereits eine der erste Szenen von "Das Ende ist erst der Anfang" verdeutlicht, welche Vorbilder der belgische Drehbuchautor und Regisseur Bouli Lanners für seinen Spielfilm "Das Ende ist erst der Anfang" ("Les premieres, les dernieres") vor Augen hatte. Da sitzen zwei nicht mehr junge Männer in einem Café und streiten darüber, wer der Ältere von ihnen sei: Gilou (Bouli Lanners) hält sich für den Älteren, weil er im Januar und sein Kollege Cochise (Albert Dupontel) im Dezember geboren sei. Woraufhin Cochise kontert, er selbst sei zwar im Dezember, aber eben ein Jahr früher zur Welt gekommen, sei also einen Monat älter als Gilou. Ein solches Gespräch zwischen Gangstern über völlig Belangloses soll natürlich an Quentin Tarantinos Killer Vincent und Jules in "Pulp Fiction" (1994) erinnern, die sich auf dem Weg zu einem Mordauftrag darüber unterhalten, dass in Europa Bier im Glas und nicht im Pappbecher serviert wird. Unterbelichtete Killer spielen ebenfalls die Hauptrolle in "Fargo — Blutiger Schnee" (1996) der Brüder Joel und Ethan Coen. Im Laufe des Films erweisen sich Gilou und Cochise allerdings als nicht so beschränkt wie die "Fargo"-Killer oder als so abgebrüht wie die Auftragsmörder in "Pulp Fiction".

Gilou und Cochise sind unterwegs in einer winterlich-kargen Landschaft in La Beauce, einer dünn besiedelten Region südlich von Paris, die dem Film eine gewisse Endzeit- oder auch Western-Anmutung verleiht. Zum Westernhaften gehört auch die Männerfreundschaft. Denn bei aller äußeren, immer wieder mit skurrilen Elementen angereicherten Handlung bildet die Freundschaft zwischen Cochise und Gilou den Kern des Filmes. Der äußerliche Grund, warum sie die von Strommasten und Straßen zerschnittene, fast menschenleere Gegend durchstreifen, ist der Auftrag ihres Chefs, ein verlorengegangenes Handy mit sensiblen Daten zurückzubringen.

Gilou und Cochise sind jedoch nicht die einzigen, die am "gottverlassenen Ende der Welt" unterwegs sind. Esther (Aurore Broutin) und Willy (David Murgia) sind offenkundig sehr ineinander verliebt, aber auch auf der Flucht — vor der Zivilisation oder doch vor etwas Bestimmtem? Plötzlich begegnet dem Pärchen ein Mann (Philippe Rebbot), der sich Jesus nennt, und seltsame Wundmale an den Händen trägt.

Diese am Rande der Gesellschaft stehenden Menschen, die eigentlich eher an Charaktere aus den frühen Filmen von Hal Hartley ("Simple Men", 1992 oder "Amateur", 1994) als an Figuren aus den Filmen von Tarantino oder der Coen-Brüder denken lassen, zeichnet Regisseur Bouli Lanners mit unendlicher Sympathie. Zu den skurril anmutenden Figuren gehören noch ein Blumen züchtender Pensionsbesitzer (Michael Lonsdale) und ein Priester (Max von Sydow), der ein Abschiedslied für eine Leiche singt — für einen mumifizierten Mann, den Gilou und Cochise irgendwann einmal in einem verlassenen Gebäude entdecken, und für dessen Begräbnis sie sorgen.

In den lakonischen Dialogen und den verschrobenen Charakteren versteckt Bouli Lanners nicht nur Hinweise auf die Handlung, sondern auch auf einige tiefgründige Themen. So erklärt der Drehbuchautor und Regisseur selbst: "Es gibt ein immer wiederkehrendes Thema in all meinen Filmen: Die kaputte Familie, die wir mit allen Mitteln wieder zusammenbringen möchten. Was uns — die wir vielleicht die letzten sind — mit den ersten Menschen verbindet, ist dieses absolute Bedürfnis nach einem Leben in Gemeinschaft. Die ersten Menschen hatten, anders als Tiere, ein Bewusstsein, und sie suchten nach dem Göttlichen. Auch wenn mein Glaube etwas angeschlagen ist, tue auch ich das noch. Wir mögen vielleicht die letzten Menschen sein, aber so sehr unterscheiden wir uns nicht von den ersten." Anspielungen auf den Glauben finden sich nicht nur in der Jesus-Figur oder im christlichen Begräbnis, sondern etwa auch in einigen Bildeinstellungen, so etwa als ein Gespräch zwischen zwei Frauen so gefilmt wird, als befänden sie sich in einem Beichtstuhl. Der Glaube des Regisseurs mag zwar nach eigenem Bekunden "etwas angeschlagen" sein. Seinen Geburtsort Moresnet-Chapelle, eine sehr katholische Gegend in Belgien, kann er aber nicht verleugnen.

Vor diesem Hintergrund wird der Filmtitel "Das Ende ist erst der Anfang" und erst recht der Originaltitel "Les premieres, les dernieres" deutlich. Auch wenn sich die Bildgestaltung äußerst düster ausnimmt, und der Film eher als schwarze Komödie bezeichnet werden könnte, auch wenn immer wieder Gewalt aufblitzt, erweist sich Lanners Film als ein Loblied auf Mitmenschlichkeit. Am schönsten drückt dies ein Dialog aus, als Gilou den greisen Pensionsbesitzer und Orchideen-Züchter fragt, warum er sich in seinem Alter noch immer um die Gäste und sein Gewächshaus kümmere. "Weil Leben nicht nur Atmen bedeutet", lautet die Antwort. Dies unterstrich auch die Ökumenische Jury in ihrer Würdigung bei der Verleihung ihres Preises an den Film im Rahmen der Berlinale 2016.

Dass der Film einen hoffnungsvollen Abschluss findet, geht größtenteils auf die von Max von Sydow und Michael Lonsdale verkörperten Figuren zurück: "Es war das Bild des Vaters, das ich mit ihren Rollen und ihnen schaffen wollte. Es bedurfte zweier Charaktere, die älter sind als Gilou, körperlich zerbrechlicher, aber moralisch wesentlich stärker. Was Gilou braucht, um wieder auf den rechten Weg zu kommen, ist ein Vater, der ihm helfen und klar machen kann, dass seine eigene Zerbrechlichkeit relativ ist", führt Bouli Lanners dazu aus.
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