ZWISCHEN DEN STÜHLEN | Zwischen den Stühlen
Filmische Qualität:   
Regie: Jakob Schmidt
Darsteller:
Land, Jahr: Deutschland 2016
Laufzeit: 102 Minuten
Genre: Dokumentation
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 5/2017


José Garcia
Foto: Weltkino

Bekanntlich besteht in Deutschland die Lehrerausbildung aus zwei Stufen: Auf das Erste Staatsexamen, mit dem das eher theoretische Studium an der Universität abgeschlossen wird, folgt das "Referendariat", eine zweijährige praktische Ausbildung an einer Schule, die mit dem Zweiten Staatsexamen endet. Der zweistufige Aufbau der Ausbildung besteht übrigens nicht nur im schulischen Bereich, sondern auch in anderen Gebieten, siehe etwa "Rechtsreferendare": Nach dem Jura-Universitätsstudium folgt ebenfalls eine zweijährige praktische Ausbildung. Erst danach kann der Rechtsreferendar Rechtsanwalt werden.

Lehramtsreferendare unterrichten von Anfang an an einer Schule. Sie stehen aber unter besonderer Beobachtung (Stichwort: "Lehrprobe") und drücken selbst die Schulbank im sogenannten Fachseminar. Sie vergeben einerseits Noten, werden auf der anderen Seite selbst benotet. Sie sitzen zwischen den Stühlen, Lehrer und Schüler zugleich zu sein. Wohl deshalb betitelt Jakob Schmidt seinen Abschluss-Dokumentarfilm an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf "Zwischen den Stühlen". Der auf dem Dok.Festival Leipzig mehrfach ausgezeichnete Film begleitet drei angehende Lehrer drei Jahre lang. "Das lag daran, dass die einzelnen Protagonisten ihr Referendariat nicht zeitgleich antraten, und sich die Dauer der Ausbildung je nach Schulform auch unterschied", führt Jakob Schmidt dazu aus. In dieser Zeit begleitet die Kamera Anna, die an einer Gesamtschule ihr Referendariat durchläuft, Katja, die Grundschullehrerin werden möchte, sowie Ralph, der den zweiten Teil seiner Ausbildung am Gymnasium absolviert.

Da die drei Protagonisten nicht nur an drei unterschiedlichen Schultypen tätig, sondern auch untereinander recht verschieden sind, gewinnt der Zuschauer einen guten Überblick über die Referendariatszeit, die mit der Vereidigung beginnt und mit dem sprichwörtlichen Sprung ins kalte Wasser weitergeht. Anna stört sich am strengen Schulsystem. Sie versucht es mit antiautoritärer Erziehung, merkt aber bald, dass sie "Macht" ausüben muss. Als Lehrertochter ist Katja zunächst sehr motiviert. Im Laufe der Zeit beginnt sie jedoch an ihrer Berufswahl zu zweifeln, nachdem sie einige Rückschläge erfahren hat. Ralf tritt sehr selbstbewusst auf. Auch am Schulsystem hat er kaum Zweifel. Sein Augenmerk liegt eher darauf, seine eigenen Potenziale auszuschöpfen. Besonders interessant ist es dabei, dass er selbst ein Schulabbrecher war, der erst auf Umwegen zum Studium kam.

"Zwischen den Stühlen" zeigt seine Protagonisten nicht nur vor der jeweiligen Klasse. Wesentlicher Bestandteil der Referendarzeit ist die Vorbereitung einer jeden Stunde. Denn "für die Vorbereitung einer Schulstunde benötigt ein routinierter Lehrer eine halbe bis eine dreiviertel Stunde — ein Referendar zwei- bis dreimal so lang", so die Schätzung des Bundesvorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Junglehrer Oliver Arlt. Jakob Schmidt begleitet seine drei Protagonisten etwa auch bei Elterngesprächen oder bei Besprechungen mit den betreuenden Fachlehrern. Nicht alle diese Situationen sind für die drei vorteilhaft — so spricht eine Fachlehrerin Anna auf ihre Defizite ganz unverblümt an.

Die Referendariatszeit erweist sich darüber hinaus als eine schwierige Zeit für die jeweiligen Familien — alle drei Protagonisten haben selbst Kinder. Denn mit dem Unterricht, dessen Vorbereitung, der Teilnahme am Fachseminar und sonstigen schulischen Veranstaltungen bleibt für Familie und Hobbys kaum Zeit. Obwohl die immer an den Protagonisten sehr nahe Kamera bei ihnen unterschiedliche Probleme und Schwierigkeiten ausmacht, entdeckt Regisseur Jakob Schmidt bei den drei angehenden Lehrern Gemeinsamkeiten. Diese werden beispielsweise deutlich bei einer Sequenz, die aus dem Zusammenschnitt der jeweiligen Lehrproben besteht. Schmidt gelingt es auch, beim Zuschauer Sympathien für alle drei Protagonisten zu wecken. Von Wohlwollen begleitet werden darüber hinaus auch die betreuenden Lehrer und die Prüfer. Auch wenn sich hin und wieder etwas Situationskomik in "Zwischen den Stühlen" einschleicht, bleibt der mit der schlichten Musik von Andreas Bick unterlegte Erzählton ernst.

Bei der Verleihung des Prädikats "besonders wertvoll" urteilt die Deutsche Film- und Medienbewertung FBW: "Schmidt erzählt sehr filmisch, mit Aufnahmen, bei denen der Kameramann ein gutes Auge für Details hat und die mehr erzählen können als ein Text im Off, auf den Schmidt ganz verzichtet. Der Film nimmt sich zudem Zeit für längere Sequenzen, die nötig sind, um deutlich zu machen, welchem Druck die Protagonisten standhalten müssen. Auf einer anderen Ebene wird hier auch von den Fehlentwicklungen des deutschen Schulsystems erzählt. Ein Lehrer bringt dies auf den Punkt, wenn er sagt, dass heute in den Schulen nur die Mittelmäßigen gefördert werden. Ein brillanter Jugendlicher wird da genauso wenig gefördert wie ein Schüler mit Lernproblemen."

Nebenbei setzt sich Jakob Schmidt in seinem Film mit dem Schulsystem kritisch auseinander. Dazu zählt auch die Entwicklung der drei Referendare, die nicht nur optisch, sondern auch in eingestreuten Interviews nachgezeichnet wird. Dabei fragt sich etwa eine der Protagonisten, ob sie den Stress in den nächsten 35 oder auch nur fünf Jahren wird aushalten können. Der Zuschauer würde es ihr auf jeden Fall wünschen, genauso wie er mit allen drei angehenden Lehrern bei ihren Prüfungen mitfiebert. Insgesamt erweist sich "Zwischen den Stühlen" als ein hoffnungsvoller Film.
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