MONSIEUR PIERRE GEHT ONLINE | Un profil pour deux
Filmische Qualität:   
Regie: Stéphane Robelin
Darsteller: Pierre Richard, Yaniss Lespert, Fanny Valette, Stéphane Bissot, Stéphanie Crayencour, Gustave Kervern, Macha Méril
Land, Jahr: Frankreich, Deutschland, Belgien 2017
Laufzeit: 99 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: S, D
im Kino: 6/2017


José Garcia
Foto: Neue Visionen

Ältere Männer, die ein einsames Leben in den eigenen vier Wänden führen, standen in letzter Zeit mehrfach im Mittelpunkt französischer Spielfilme: In "Frühstück bei Monsieur Henri" zieht eine zwanzigjährige Studentin als Untermieterin bei einem Achtzigjährigen, weil sich dessen Sohn Sorgen um seinen gebrechlichen Vater macht. In "Gemeinsam wohnt man besser" bildet ein vereinsamter Witwer mehr oder weniger freiwillig eine Wohngemeinschaft mit drei jüngeren Menschen. Dass der jeweils Alte im Umgang mit den um Einiges Jüngeren wiederaufblüht und neuen Lebensmut schöpft, gehört zu den Gesetzen dieses Subgenres.

In "Monsieur Pierre geht online" ("Un profil pour deux") erzählt Drehbuchautor und Regisseur Stéphane Robelin ebenfalls von einem Rentner, der sich in seiner Wohnung mit den alten Filmaufnahmen seiner Frau Madeleine eingerichtet hat. Interesse an sozialen Kontakten hat Monsieur Pierre (Pierre Richard) nicht. Lieber schwelgt er in alten Erinnerungen. Dies behagt seiner Tochter Sylvie (Stéphane Bissot) allerdings nicht. Wenn er wenigstens durch das Internet virtuell aus sich herauskommen könnte, würde er vielleicht nicht weiter verwahrlosen. Sylvie kommt auf einen Gedanken, mit dem sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen könnte. Denn seit einiger Zeit wohnt bei ihr wieder ihre Tochter Juliette (Stéphanie Crayencour), allerdings nicht alleine, sondern mit ihrem Freund Alex (Yaniss Lespert), einem erfolglosen Schriftsteller und Möchtegern-Drehbuchautor, der den ganzen Tag nur so rumhängt. Alex könnte sich nützlich machen und nebenbei etwas Taschengeld verdienen, indem er dem Großvater seiner Verlobten Computer-Unterricht erteilt.

Eher widerwillig wird Alex vorstellig bei Monsieur Pierre. Eines muss er auch noch der Freundin und deren Mutter versprechen: Alex darf nicht verraten, dass er Juliettes Freund ist, denn Pierre hängt sehr am Exfreund seiner Enkelin David (Pierre Kiwitt), der jedoch inzwischen nach China gezogen ist. Nach anfänglichen Schwierigkeiten beginnt Monsieur Pierre im Internet zu surfen, und landet auf einem Dating-Portal. Als er sein Profil erstellt, gibt er als Geburtsdatum 1984 an. Und als Profilbild lädt er einfach ein Foto des nichtsahnenden Alex hoch. Bald meldet sich die 31-jährige "Flora63". Schnell entwickelt sich ein anregender Schreibwechsel. Ein ernsthaftes Problem tritt jedoch auf, als sie ein Treffen in der realen Welt vorschlägt. Für Pierre gibt es nur eine Lösung: Alex muss seine Stelle einnehmen. Dieser lehnt zunächst empört ab. Als aber Pierre mit einem Bündel Geldscheinen wedelt, kann auch Alex nicht widerstehen. Allerdings möchte Pierre in der Nähe sein — die zwei Männer, die nicht nur altersmäßig verschiedener kaum sein könnten, machen sich auf den Weg nach Brüssel, wo das Treffen mit Flora (Fanny Valette) stattfinden soll.

Zu seinem Film erklärt Drehbuchautor und Regisseur Stéphane Robelin: "Es ist ein Film über einen Mann, der einen Freund findet, um aus seiner Einsamkeit herauszukommen, und der dadurch seine Lebenslust wiederfindet. Dass er siebzig oder achtzig Jahre alt ist, verändert nichts an der Sache." Um den Komödiencharakter zu unterstreichen, setzt die Kamera von Priscila Guedes vor allem kräftige, goldene Farben ein.

Wegen seines einstigen Slapstick-Humors, insbesondere in seiner Paraderolle als "Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh" (Yves Robert, 1972), wurde Pierre Richard mit Woody Allen verglichen, dessen Siebzigerjahre-Filme teilweise von ähnlichen Parodien geprägt waren. In "Monsieur Pierre geht online" erzählt Pierre von der Handlung eines fiktiven Romans oder Drehbuchs, in dem ein Computerlehrer zerstückelt wird — eine Art fiktionale Rache an Alex. Dies erinnert an eine Szene in Woody Allens "Hannah und ihre Schwestern" (1986), als die von Dianne Wiest verkörperte Holy sich an ihrer einstigen Freundin April auf ebenso fiktionale Weise rächt. Ob dies Zufall oder eine versteckte Hommage an Woody Allen ist, sei dahingestellt. Jedenfalls verzichtet Pierre Richard in seiner Rolle als alternder Monsieur Pierre auf die grotesken Züge, durch die er jahrzehntelang bekannt war.

In dieser Neuauflage des Cyrano de Bergerac im Zeitalter des Internets zeigt er zwar durchaus komödiantische, aber auch ernste Charakterzüge. Monsieur Pierres romantische Ader hat bereits Floras Herz in der Internet-Korrespondenz gewonnen. Aber in der realen Welt bleibt er chancenlos. Zwar nicht wegen der sprichwörtlich große Nase eines Cyrano de Bergerac, wohl aber wegen seines Alters. Alex besitzt ein gutes Aussehen und vor allem Jugend. Dafür fehlt ihm die Beredsamkeit von Monsieur Pierre. Ebenso wenig besitzt er die Zielstrebigkeit, die der alte Herr an den Tag legt, als er Flora kennenlernt. Alex lässt sich nicht nur in seinem beruflichen Leben, sondern auch von Monsieur Pierre treiben.

Daraus entwickelt Stéphane Robelin eine regelrechte Verwechslungskomödie mit etlichen Figuren und einigen Volten, bei denen die ungewöhnliche Dreiecksbeziehung immer wieder für vergnügliche Missverständnisse sorgt, in die sich freilich auch etwas Melancholie einschleicht. Bei allen Verwicklungen und Wendungen, bei allen überraschenden Momenten, die das Drehbuch parat hält, bleibt eines gleich: Stéphane Robelin schaut immer liebevoll auf seine Figuren. Dabei sieht er gerne auch darüber hinweg, dass sowohl Pierre als auch Alex im Grunde Lügner sind, aber eben liebenswürdige Lügner, die aus Liebe handeln.
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