INNEN LEBEN | InSyriated
Filmische Qualität:   
Regie: Philippe van Leeuwe
Darsteller: Hiam Abbass, Diamand Abou Abboud, Juliette Navis, Mohsen Abbas, Moustapha Al Kar, Alissar Kaghadou, Ninar Halabi, Mohammad Jihad Sleik, Elias Khatte
Land, Jahr: Libanon, Frankreich, Belgien 2016
Laufzeit: 85 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: X
im Kino: 6/2017


José Garcia
Foto: Weltkino

Seit mehr als sechs Jahren tobt nun der Krieg in Syrien. Nach einer so langen Zeit können verwüstete Städte, Tote und Verwundete, Flüchtlinge ... leider zu etwas Abstraktem, zu bloßen Zahlen und Statistiken werden, wenn man weit genug davon entfernt lebt, und keine persönlichen Schicksale kennt. Daher bemühen sich Hilfsorganisationen wie Kirche in Not immer wieder darum, individuelle Zeugnisse zu verbreiten, die dem Moloch Krieg persönliche Gesichter verleihen. In seinem Spielfilm "Innen Leben" ("InSyriated") geht der belgische Drehbuchautor und Regisseur Philippe Van Leeuw einen ähnlichen Weg, indem er die Folgen eines solchen lang anhaltenden Bürgerkriegs für einzelne Menschen, für Zivilisten, verdeutlicht.

Philippe Van Leeuw inszeniert "Innen Leben" als Kammerspiel in einer einzigen Wohnung während eines einzigen Tages. Dennoch beginnt der Film mit einem Blick aus der Wohnung auf einen Hinterhof. Der Ausschnitt genügt, um die Zerstörung der Stadt zu illustrieren. Einige Menschen versuchen offensichtlich Lebensmittel oder andere Dinge zum Überleben zu organisieren, als plötzlich Schüsse eines Scharfschützen fallen. Die Menschen verschwinden schnell. Innerhalb der Wohnung, von der aus auf den Hof geschaut wurde, steht ein alter, rauchender Mann. In der Wohnung im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses befinden sich ferner die philippinische Haushaltshilfe Delhani (Juliette Navis), Yaras Freund Karim (Elias Khatter), der bei einem Besuch von schweren Kämpfen überrascht wurde, sowie die ausgebombten Nachbarn Samir (Moustapha Al Kar) und Halima (Diamand Abou Abboud) mit ihrem Baby, die in den Libanon fliehen wollen. Oum Yazan versucht, ihnen allen ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Die verdunkelten Fenster, die verbarrikadierte Wohnungstür sollen dazu beitragen. Aber sie selbst weiß, dass dies mitten im Kriegsgebiet, in einem schwer beschädigten Mehrfamilienhaus kaum möglich ist.

Zum Ursprung des Filmes führt Drehbuchautor und Regisseur Philippe Van Leeuw aus: "Im Dezember 2012 erzählte mir eine Freundin aus Damaskus, dass ihr Vater für drei Wochen in seiner Wohnung in Aleppo eingesperrt war — ohne Telefonanschluss oder andere Kommunikationsmöglichkeiten, weil die Stadt durch Bomben so sehr zerstört war. Ich sah diesen einsamen Mann vor mir, wie er in seinem eigenen Zuhause eingesperrt war, und stellte mir auch andere wie ihn vor, die Tag für Tag ums Überleben kämpfen. Dies ist die Geschichte einer Familie, die in ihrem eigenen Zuhause eingeschlossen ist, weil draußen der Krieg tobt."

Ein einschneidendes Ereignis steht am Anfang. Als Samir das Haus verlässt, wird er von einem Scharfschützen niedergeschossen. Nur die Hausangestellte Delhani hat es beobachtet. Sie konfrontiert Oum Yazan mit der Frage, ob sie seine Frau Halima benachrichtigen soll. Es ist nicht die einzige moralisch schwierige Entscheidung, die die resolute Hausherrin an diesem Tag wird treffen müssen. Irgendwann einmal wird an der Wohnungstür geklopft. Oum schickt zwar die drei Männer, die vor der Tür stehen, weg. So leicht lassen sich die Fremden jedoch nicht abschütteln. Sie werden sich später trotz mehrfach verriegelter Tür Zugang zur Wohnung verschaffen.

Philippe Van Leeuw verdichtet in den 85 Minuten Filmlänge, die einen Tag im Leben einer kleinen Gemeinschaft wiedergeben, die Schrecknisse des Krieges. Zur ständigen Angst, die mit jedem Raketeneinschlag erhöht wird, kommt das Gefühl des Ausgeliefertseins hinzu. Die Verrohung der am Krieg Beteiligten, ihre brutale Gewalt besonders gegenüber Frauen zeigt der Regisseur in einer in ihrem schonungslosen Realismus und auch in ihrer Länge kaum zu ertragenden Szene, die außerdem das Vertrauen und das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der kleinen Gruppe äußerst erschüttert. Um das Grauen des Kriegs erlebbar zu machen, setzt der Regisseur sonst allerdings eher auf Geräusche als auf Bilder.

In einem Kammerspiel bleibt naturgemäß die Kamera immer den Akteuren sehr nah. Kamerafrau Virginie Surdej folgt zwar den verschiedenen Charakteren immer wieder durch die Wohnung. Meistens zeigt sie sie aber in Nahaufnahmen, so dass die verschiedenen Regungen an ihren Gesichtern zu lesen sind. Unter solchen Umständen sticht das exzellente Spiel von Hiam Abbass besonders heraus, die bereits in so unterschiedlichen Filmen wie "Die syrische Braut" (2005), "Ein Sommer in New York - The Visitor" (2010) und "Birnenkuchen mit Lavendel" (2016) beeindruckte. Aber auch Diamand Bou Abboud besticht durch eine sehr intensive Schauspielkunst, die sich im Laufe des Filmes steigert.

"Innen Leben" lässt ohne große Effekte die physischen, insbesondere aber die psychischen Verwundungen des Krieges erfahrbar werden. Ein meisterhafter Film zum Krieg in Syrien, der die Schrecknisse der letzten sechs Jahre aus nächster Nähe exemplarisch erleben lässt.
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