BERLIN FALLING | Berlin Falling
Filmische Qualität:   
Regie: Ken Duken
Darsteller: Ken Duken, Tom Wlaschiha, Marisa Leonie Bach, Greta Nedelmann, Amelie Plaas-Link, Tim Wilde, Kida Khodr Ramadan^
Land, Jahr: Deutschland 2016
Laufzeit: 91 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: G +
im Kino: 7/2017


José García
Foto: NFP

Frank (Ken Duken) wacht am frühen Nachmittag durch einen Anruf auf. Seine Ex-Frau Claudia (Marisa Leonie Bach) erinnert ihn daran, dass er das Wochenende mit der gemeinsamen Tochter verbringen will. Früher hat Frank als Elitesoldat in Afghanistan gekämpft. Traumatisiert durch die Schrecken des Krieges, ist er zum Alkoholabhängigen geworden. Nun lebt er in einer brandenburgischen Kleinstadt ? sein Wagen hat das Autokennzeichen HVL (Landkreis Havelland). Die gemeinsame Zeit mit seiner kleinen Tochter gehört offensichtlich zu den wenigen Lichtblicken im Leben des jungen Manns. Deshalb macht er sich sofort auf den Weg zum Berliner Hauptbahnhof, wo er sich mit seiner Ex-Frau treffen soll, um Lily (Greta Nedelmann) abzuholen.

Ken Duken, der mit "Berlin Falling" sein Regiedebüt gibt, nachdem er als Schauspieler in rund hundert deutschen und internationalen Fernseh- und Filmproduktionen mitgespielt hat, erzählt sehr geradlinig: An einer Tankstelle spricht ihn ein ebenfalls junger Mann an: Andreas (Tom Wlaschiha) sucht eine Mitfahrgelegenheit nach Berlin. Obwohl Frank von der Idee, einen Fremden mitzunehmen, gar nicht begeistert ist, lässt er sich am Ende doch dazu unter der Bedingungen bewegen, dass er laute Musik hören und keine Gespräche führen will. Was allerdings der ehemalige Soldat zu dem Zeit- punkt nicht wissen kann: Andreas sympathisiert mit den Taliban und plant einen Anschlag auf den Berliner Hauptbahnhof. Er führt eine Bombe in seinem Rucksackmit. Eine Pistole trägt Andreas auch noch. Davon wird er kaltblütig Gebrauch machen, als die beiden Männer auf der Landstraße nach Berlin einer Polizeistreife begegnen. Erst allmählich begreift Frank, dass die Begegnung an der Tankstelle nicht so zufällig war, wie es den Anschein hatte. Andreas hat offensichtlich alles so geplant, dass Frank beim Anschlag eine wichtige Rolle spielen soll. Als Druckmittel setzt der Attentäter dort an, wo es Frank am meisten wehtut: Der Terrorist weiß, dass sich Claudia und Lily in diesem Augenblick auf dem Weg nach Berlin in einem ICE befinden, ja er kennt sogar ihre Sitzplätze.

Ungefähr die erste Hälfte von "Berlin Falling" ist aus- schließlich in Franks Auto angesiedelt, was dem Thriller eine klaustrophobische Anmutung verleiht. In diesem Roadmovie- Kammerspiel entfacht sich ein psychologisches Duell zwischen zwei äußerst temperamentvollen Charakteren, während sie nur noch wenige Tage vor Weihnachten an verschneiten Landschaften vorbeifahren. Bei- des miteinander zu verknüpfen, ist auch eine große Leistung des Kameramanns Ngo The Chau und der abwechslungsreichen Filmmusik von Kriton Klingler-Ioannides. Ngo The Chau fängt beispielsweise aus nächster Nähe eine Schlägerei im Auto ungemein intensiv ein. Zum kammerspielartigen Charakter von Ken Dukens Regiedebüt trägt darüber hinaus der verdichtete Handlungszeitraum bei: "Berlin Falling" spielt sich in wenigen Stunden ab ? vom frühen Nachmittag bis in die Abendstunden des- selben Tages hinein. Es herrscht eine düstere Stimmung, nicht nur wegen der Dunkelheit, weil die Handlung an einem der kürzesten Tagen des Jahres stattfindet, sondern ebenfalls wegen seiner Thematik.

Zwar ist dem Regiedebüt von Ken Duken das kleine Budget anzumerken. Zwar wirkt das Drehbuch von Christoph Mille nicht immer glaubwürdig, denn interessanterweise räumt der Zuschauer in einem Film dem Zufall nicht die gleiche Bedeutung zu, die er im wahren Leben einnimmt. Das intensive Spiel von Ken Duken und Tom Wlaschiha sowie eine Dramaturgie, die sich von Fernsehkrimis wohltuend abhebt, lassen indes darüber hinwegsehen.

Ken Duken gestaltet Frank als eine durchaus widersprüchliche Figur. Das beginnt schon gleich am Anfang damit, dass er sich auf das Wochenende mit seiner Tochter freut, und sich dennoch unter Alkoholeinfluss ans Steuer setzt. Dies setzt sich im Laufe der Handlung fort: Als Elitesoldat muss er sich dem Entführer fügen weil dieser ihn erpresst. Tom Wlaschiha verkörpert Andreas als einen zu allem entschlossenen Terroristen, der über Leichen geht und offensichtlich bis zum Äußersten gehen will, einschließlich Schlusswendung, die zwar überraschend, aber nicht unglaubwürdig von Drehbuchautor Christoph Mille und Regisseur Ken Duken eingeführt beziehungsweise inszeniert wird.

Durch die Ereignisse der letzten Monate ? Stichwort: Breitscheidplatz ? gewinnt "Berlin Falling" eine ganz neue Aktualität. Dazu führt Regisseur Duken aus: "Ich wollte es schaffen, diese Thematik hinter die Genre-Elemente zu stellen und durch gezielte Überzeichnung zum Nachdenken anregen. Wir wurden während der Dreharbeiten und der Fertigstellung des Filmes so brisant und aktuell ? wir waren es nicht von Anfang an. Ich glaube aber, mir geht es heute wie damals immer noch darum, zu hinterfragen, ob und von wem wir uns durch diese Extreme instrumentalisieren lassen."

"Berlin Falling" ist jedoch nicht nur ein Film über Terrorismus und über die Traumatisierung ehemaliger Soldaten. Auf einer anderen Ebene spielt der vielschichtige Film auch auf die Zuverlässigkeit von Informationen an. Denn vieles, was zunächst einmal kristallklar zu sein scheint, stellt sich nach einer weiteren, geschickt eingefädelten Wendung als etwas ganz anderes he- raus. Gerade diese Wendungen mit ihren Perspektivenwechseln und die dazugehörige Vielschichtigkeit stellen auch grundsätzliche Fragen nach Gut und Böse.

"Berlin Falling" läuft zunächst einmal an drei Tagen (13.?15. Juli) in den deutschen Kinos. Der Film soll in Kürze im Bezahl-Fernsehen gezeigt werden.
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