UNERWARTETE GLÜCK DER FAMILIE PAYAN, DAS | Le petit locataire
Filmische Qualität:   
Regie: Nadège Loiseau
Darsteller: Karin Viard, Philippe Rebbot, Hélène Vincent, Manon Kneusé, Stella Fenouillet, Antoine Bertrand, Raphael Ferret, Grégoire Bonnet, Côme Levin, Nadège Beausson-Diagne
Land, Jahr: Frankreich 2016
Laufzeit: 100 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: X
im Kino: 7/2017


José García
Foto: Wild Bunch

Ich wusste gar nicht, dass Omas schwanger werden dürfen." In Nadege Loiseaus Regiedebüt "Das unerwartete Glück der Familie Payan" kommt die Bemerkung zwar aus dem Mund der erst sechsjährigen Zoe (Stella Fenouillet). Sie hätte aber genauso gut von ihrer Großmutter Nicole Payan (Karin Viard) kommen können. Denn auf die Feststellung ihres Gynäkologen reagiert die 49-Jährige völlig fassungslos. Eigentlich hatte sie ihren Arzt Dr. Gentil (Grégoire Bonnet) aufgesucht, weil sie hinter den körperlichen Veränderungen Wechseljahresbeschwerden vermutete.

Das fehlte Nicole noch! Ungewollt schwanger wurde sie schon einmal, vor mehr als dreißig Jahren. Da war sie erst fünfzehn Jahre alt. Inzwischen dient ihr Ältester Vincent (Raphael Ferret) als Koch in einem U-Boot. Zu Beginn des Spielfilmes will ihn die Familie verabschieden, da er für mehrere Monate in See sticht. Die Anfangssequenz verdeutlicht, was für eine chaotische Familie Nicole hat: Obwohl sie für den Anlass ein besonderes, zitronengelbes Kleid angezogen hat, kommt ihr Mann Jean-Pierre (Philippe Rebbot) wie üblich viel zu spät nach Hause. Und der steckt auch noch im Trainingsanzug, obwohl sie längst unterwegs sein sollten. Nicole muss wieder einmal alles selbst tun, ihre zerbrechliche und teils verwirrte Mutter Mamilette (Hélene Vincent) transportfertig machen, ihre quirlige Enkelin Zoe davon überzeugen, dass sie nicht zu einem Kostümball, sondern zur Verabschiedung ihres Onkels fahren ... Natürlich sehen sie das U-Boot im Hafen nur noch abtauchen.

Nicole muss sich immer um alles kümmern. Es reicht ja nicht, dass sie in der Familie dafür sorgt, dass etwas auf den Tisch kommt, denn sie arbeitet in einer Mautstation. Sie muss es aber auch noch selbst kochen! Denn ihr arbeitsloser Mann Jean-Pierre träumt mit knapp 50 noch von einer Sportlerkarriere. Zwar war er einmal die ganz große Hoffnung des Turnsports ... aber seitdem sind Jahrzehnte vergangen. Dennoch trainiert Jean-Pierre lieber den Turner-Nachwuchs des Ortes, als einer geregelten Arbeit nachzugehen. Ihre Tochter Arielle (Manon Kneusé) arbeitet zwar in einer Wurstfabrik. Aber sie führt sich wie eine Teenagerin auf. Im "Hotel Mama" lebt es sich ganz gut. Statt sich um ihre Tochter Zoe zu kümmern, geht Arielle lieber abends aus. Da trifft es sich gut, dass ihre eigene Mutter für Zoe wie eine Mutter sorgt. Ist in Nicoles Leben noch Platz für einen "kleinen Untermieter"? — so der Originaltitel der Komödie von Nadege Loiseau "Le petit locataire".

Soll Nicole also das Baby behalten? Sie stellt sich die Frage ernsthaft, zumal in Holland eine Abtreibung bis zur 22. Woche möglich ist. Und jedes Familienmitglied scheint seine eigene Meinung dazu äußern zu müssen. Vorerst müssen sich auch sie umstellen. Denn irgendwann einmal erleidet die Vielbeschäftigte einen Schwächeanfall — kein Wunder bei der vielfachen Belastung, der sie ausgesetzt ist. Der Arzt verordnet ihr Ruhe. Damit sie sich nicht übermäßig aufregt, bekommt sie ein Blutdruckmessgerät, das sie am Handgelenk tragen soll. Plötzlich müssen Mann und Tochter Aufgaben im Haushalt und Verantwortung übernehmen. Nadege Loiseau setzt das "Biep"-Geräusch des Messgeräts als Running Gag ein.

Die satten Farben unterstützen den "Wohlfühl"-Charakter von "Das unerwartete Glück der Familie Payan". Mit für ein Spielfilmdebüt außergewöhnlicher Leichtigkeit erzählt Loiseau von einer Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, die mit der in ihrem Alter kaum zu erwartenden Schwangerschaft vielleicht auch eine ebenso unverhoffte zweite Chance im Leben bekommt. Dass der Film nicht ins Groteske umkippt, hängt größtenteils mit der Hauptdarstellerin Karin Viard zusammen, die das schwer zu findende Gleichgewicht so gut wie immer trifft. Dazu sind die Nebenrollen, insbesondere mit Philippe Rebbot als antriebsschwacher Ehemann und mit Hélene Vincent als demente Mamilette hervorragend besetzt.

Zum ernsten Hintergrund der Komödie führt Hauptdarstellerin Karin Viard aus: "Der Film sagt sehr erstaunliche und wahre Dinge. Er hinterfragt: Was bedeutet es, Mutter zu sein, wenn man selbst ein Kind mit 15 hatte? Ist man dadurch eine bessere Mutter, dass man ein Kind in einem Alter hat, wo man noch keins haben sollte? Was macht das mit einem? Man hat eine kleine Enkelin von sechs Jahren und wird trotzdem schwanger, was bedeutet dieses Baby für sie? Sich mit einem Kind wiederzufinden, das genauso alt oder jünger ist als die eigene Enkeltochter, das ist heikel."

Zwar wirkt Nadege Loiseaus Film an manchen Stellen besonders lustig. Aber "Das unerwartete Glück der Familie Payan" findet eine gutaustarierte Balance zwischen Situationskomik und melancholischen Stellen. Eigentlich nimmt sich ihr Film als eine Hommage an viel beschäftigte Frauen aus, die ihre Familie zusammenhalten. Dazu erklärt die Regisseurin: "Ich bin der festen Überzeugung, dass es in vielen Familien eine Nicole gibt. Eine Frau, die die ganze Welt am Ende in die Arme schließt, die drei, wenn nicht vier Tage in einen einzigen packen muss, die nach ihrem Arbeitstag nach Hause kommt und darüber nachdenkt, was sie zum Essen auf den Tisch stellt, der während der Hausarbeit einfällt, dass sie den Arzt anrufen muss wegen eines Familienmitglieds, für ein anderes ein Paar Schuhe abholen, die beim Zähneputzen einen detailgenauen Familienplan für den nächsten Tag aufstellt, die sich selbst vergisst oder sich selbst freiwillig aufopfert, damit ihre kleine Welt sich weiter drehen kann. Klar, meine Nicole hat eine sehr spezielle Familie, aber so ähnlich läuft es überall!"
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