THE PARTY | The Party
Filmische Qualität:   
Regie: Sally Potter
Darsteller: Patricia Clarkson, Kristin Scott Thomas, Bruno Ganz, Timothy Spall, Cherry Jones, Emiliy Mortimer, Cillian Murphy
Land, Jahr: Großbritannien 2017
Laufzeit: 71 Minuten
Genre:
Publikum: Erwachsene
Einschränkungen: --
im Kino: 7/2017


José García
Foto: Weltkino

Mit der ersten Szene ihres Spielfilms "The Party" setzt Sally Potter ein Ausrufezeichen: Nachdem sich die Haustür zu einem vornehmen Haus geöffnet hat und sich eine ebenso distinguierte, wenn auch etwas verwirrte Frau in den Blick der Kamera geschoben hat, erscheint eine auf sie gerichtete Pistole. Es folgt ein scharfer Schnitt, und die Geschichte beginnt von vorne. "The Party" handelt in einer einzigen Rückblende davon, wie es zu dieser Situation gekommen ist.

Drehbuchautorin und Regisseurin Sally Potter erzählt in gestochen scharfem Schwarz-Weiß in nur 71 Minuten und an einem einzigen Ort von einer Party in einem linksliberalen Milieu. Die ehrgeizige Politikerin Janet (Kristin Scott Thomas) wurde zur Gesundheitsministerin im Schattenkabinett ernannt. Aus diesem Anlass hat sie enge Freunde und Mitstreiter in ihr Londoner Stadthaus eingeladen. Bei ihrem Mann Bill (Timothy Spall) scheint Janets politischer Durchbruch allerdings keine große Begeisterung auszulösen. Während sich seine Frau in der Küche um die Vorbereitungen kümmert, sitzt er ziemlich teilnahmslos in einem Sessel im Wohnzimmer, trinkt und hört Musik. Bald erfährt der Zuschauer, dass Bill seine akademische Laufbahn zurückgestellt hat, um seine Frau in ihrer politischen Karriere zu unterstützen. In letzter Zeit hat dies offensichtlich zu einiger Frustration und Enttäuschung geführt. Während das Telefon immer wieder klingelt, um der Politikerin zu ihrem Erfolg zu gratulieren, kommen nach und nach die Gäste ins Haus. Janets beste Freundin April (Patricia Clarkson) zeichnet sich von vorneherein durch Zynismus aus. Zunächst gelten ihre Sticheleien ihrem deutschen Ehemann Gottfried (Bruno Ganz), einem Esoteriker, der sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Zu den geladenen Gästen gehört auch ein lesbisches Paar: Jinny (Emily Mortimer) eröffnet ihrer um einiges älteren Lebensgefährtin Martha (Cherry Jones), dass sie nach einer Hormonbehandlung Drillinge erwartet. Als letzter erscheint der junge Investmentbanker Tom (Cillian Murphy), der zunächst einmal im Bad verschwindet, um eine Linie Koks zu ziehen. Seine Ehefrau ist nicht dabei. Ob sie später dazukommen wird, bleibt offen.

Sally Potter erklärt: "The Party war als geradliniger Film angedacht, der den begrenzten Raum (und die Einschränkungen durch die Echtzeit) zur Kunst erheben sollte. In einer schwarz-weißen Filmwelt ohne Spezialeffekte und zahlreiche Ortswechsel müssen einfache Elemente der Geschichte erzählt werden. Alles ist entblößt. Es gibt keinerlei Verstecke, wenn man mit den grundlegenden Zutaten einer Geschichte arbeitet: Charakter, Licht und Dunkel, Stimmen und Musik."

In der Enge des Hauses kommt Verborgenes ans Tageslicht, ja die ganze Party wird zu einem Abend der Enthüllungen. Es beginnt damit, dass der in sich gekehrt wirkende Bill der Partygesellschaft "eine Ankündigung zu machen" hat: Er habe nicht mehr lange zu leben. Janet reagiert bestürzt. Sie beendet eine Affäre per SMS — einige der eingegangen Anrufe waren ganz offenkundig nicht beruflicher Art — und will sogar den ihr gerade zugefallenen Ministerposten im Schattenkabinett aufgeben, um für ihren Mann zu sorgen. Auf die erste Ankündigung Bills lässt dieser jedoch noch eine andere folgen: Die ihm verbleibende Zeit möchte er eben nicht mit Janet, sondern lieber mit einer anderen Frau, mit seiner Geliebten seit Jahren, verbringen. Auf einmal folgen weitere Enthüllungen der Gäste, die lang gehütete Geheimnisse offenbaren. Daraufhin werden Beziehungen, Freundschaften in Frage gestellt. Aber auch politische Überzeugungen werden aufs Korn genommen. Hier erweist sich der doppelte Sinn des englischen Worts "Party", sowohl Fest als auch (politische) Partei. Die bis dahin kultivierte Atmosphäre der Party kippt in ein emotionales Chaos aus gegenseitigen Anschuldigungen.

Um ein solches Kammerspiel, auch noch in Echtzeit, zu gestalten, braucht das Drehbuch nicht nur den richtigen Rhythmus. Darüber hinaus müssen die Konflikte glaubwürdig erscheinen. Und dafür sind insbesondere auch herausragende Schauspieler nötig. Sally Potters Kammerspiel verfügt über nur sieben Charaktere. Sie alle sind aber hervorragend besetzt. Nicht nur Kristin Scott Thomas verwandelt sich im Laufe des Abends von der strahlenden Siegerin zu einer bemitleidenswerten Frau, die ihren Lebensentwurf in Frage stellen muss. Patricia Clarkson brilliert als zynische Frau, die das politische Establishment verachtet und ihren Mann dauernd kleinmacht, um dann festzustellen, dass es im Vergleich zu Janet und Bill mit ihrer Ehe auch nicht so schlecht bestellt sei. Und Bruno Ganz lässt die Tiraden seiner Frau in stoischer Haltung über sich ergehen. Aber auch Cillian Murphy, der zunächst als personifiziertes Klischee eines Bankers auftritt, macht im Laufe des denkwürdigen Abends eine interessante Wendung.

"The Party" besticht aber auch ästhetisch. Kameramann Aleksei Rodionov liefert nicht nur ansprechende Schwarz-Weiß-Bilder, sondern entnimmt der beengten Wohnung schön komponierte, zu den Charakteren passende Einstellungen.

Mit sichtlichem Vergnügen zieht Sally Potter der linksliberalen, bildungsbeflissenen und ach so modernen Gesellschaft die Maske ab. Zielscheibe der bissigen Wortgefechte ist insbesondere auch der Feminismus, über den nicht nur die Politikerin, sondern auch das lesbische Paar unterschiedliche Auffassungen haben ("Männer sind nicht die Feinde!"). Sally Potter nennt ihre Figuren "Post-Post—Feministinnen".
Diese Seite ausdrucken | Seite an einen Freund mailen | Newsletter abonnieren