GESETZ DER FAMILIE, DAS | Trespass Against Us
Filmische Qualität:   
Regie: Adam Smith
Darsteller: Michael Fassbender, Brendan Gleeson, Lyndsey Marshal, Georgie Smith, Kacie Anderson, Rory Kinnear, Sean Harris, Killian Scott
Land, Jahr: Großbritannien 2016
Laufzeit: 99 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: G, D
im Kino: 8/2017


José García
Foto: Koch Media

Patriarch Colby Cutler (Brendan Gleeson) führt ein strenges Regiment in seinem Clan, zu dem insbesondere sein erwachsener Sohn Chad (Michael Fassbender), dessen Familie sowie eine Handvoll Außenseiter gehören. Sie leben mitten in einer idyllischen Wald- und Wiesenlandschaft im ländlichen Südwesten Englands in einer Wagenburg. Zwar versteht sich Colby Cutler als gläubiger Christ, das siebte Gebot klammert er aber gerne aus. Colby lebt denn auch seit jeher von Einbrüchen und sonstigem Diebstahl. Zu diesem Lebensstil gehört etwa auch die Lebensphilosophie "Jeder sitzt eine Runde, früher oder später". Zurzeit sitzt Colbys zweiter Sohn im Gefängnis.

Ein Leben gegen das Gesetz gehörte wohl neben dem Gehorsam gegenüber seinem Vater zur einzigen Erziehung Chads. Denn er besuchte nie die Schule, so dass er weder Lesen noch Schreiben lernte. Seine Kinder sollen jedoch richtige Bildung bekommen. Darin ist sich Chad mit seiner Frau Kelly (Lyndsey Marshal) einig. So sehr Chad die Freiheit liebt und sie seinem achtjährigen Sohn Tyson (Georgie Smith) beispielsweise dadurch vermittelt, dass der Junge bei einer Hasenjagd über die Wiesen hinter dem Steuer eines Autos sitzen darf, beim Schulbesuch seiner Kinder ist Chad unerbittlich. Damit zeichnet sich bereits ein Riss zwischen ihm und seinem Vater Colby ab, der Tysons Bewunderung für ihn dazu ausnutzt, den Schulbesuch des Enkels ins Lächerliche zu ziehen. Damit könnte aber auch das Leben in der eigenwilligen Gemeinschaft in Frage gestellt werden, die ja von der Verbundenheit zwischen Vater und Sohn lebt — augenfällig etwa darin ausgedrückt, dass die beiden den gleichen Ring tragen.

Ein Zwischenfall bringt Chad zum Nachdenken: Als ein unterbelichteter Bewohner der Wagenburg eine Explosion verursacht, die dem Hund des jungen Tyson das Leben kostet und beinah auch Tyson selbst erwischt hätte, wird Chad klar, dass das Außenseiter-Dasein für seine Kinder lebensgefährlich sein kann. Seine Frau Kelly hatte sich aus Liebe zu Chad auf dieses unstete Außenseiter-Leben eingelassen. Aber sie möchte, dass ihre Kinder ein richtiges Zuhause haben, das nicht alle paar Tage von der Polizei auf den Kopf gestellt wird. Chad entdeckt in der Nachbarschaft ein Grundstück, auf dem er und seine Familie sich sesshaft machen könnte. Trotz aller Heimlichkeit entgeht dies Colby nicht. Er erkennt, dass sich Chad immer mehr von den Traditionen entfernt, für die er als Oberhaupt steht. Deshalb plant er einen gefährlichen Raubzug in einem der am besten bewachten und gesicherten Anwesen der Gegend. Nach einigem Widerstand akzeptiert Chad den Plan seines Vaters und bricht mit einer kleinen Gruppe dorthin auf. Doch ihre übliche Routine versagt, die Polizei ist schneller vor Ort als gedacht.

"Das Gesetz der Familie" ("Trespass Against Us") ist in doppelter Hinsicht ein Debütfilm: Drehbuchautor Alastair Siddons lieferte erstmals ein Kino-Skript, und Regisseur Adam Smith führt zum ersten Mal bei einem Kinofilm Regie, nachdem er zuvor im Fernsehen tätig war. Dies merkt man auch der Dramaturgie des Films an. Zwar konzentriert sich der Film auf Chads späte Abnabelung von seinem dominanten Vater, aber die Handlung begnügt sich mit einigen wenigen Beispielen insbesondere des Hasses auf die Polizei. Der Charakter des alten Colby bleibt trotz der enormen Leinwandpräsenz des irischen Ausnahme-Schauspielers ziemlich blass. Als "echter" Gangster taugt er wohl kaum, denn seine Gefolgsleute sind eher tumbe Strolche als regelrechte "Outlaws". Oder ist er einfach ein sich selbst überschätzender kleiner Gauner, der selbstherrlich darauf besteht, dass sein Sohn Chad die "Familientradition" fortführt? Und überhaupt: Woher kommt die Ablehnung gesellschaftlicher Konventionen? Lediglich aus einem Freiheitsdrang, als fahrendes Volk von kleinen Diebstählen zu leben?

Mehr Sorgfalt haben Drehbuchautor und Regisseur in Chads Charakterentwicklung investiert. Charakterdarsteller Michael Fassbender spiegelt insbesondere in seiner Körpersprache die Zerrissenheit wider, in der sich Chad befindet: Auf der einen Seite liebt er das Rebellendasein, das lustige Um-die-Nase-Herumführen der Polizei. Auf der anderen Seite sorgt er sich um die Sicherheit und die Zukunft seiner Frau und Kinder. Um aus dem verbrecherischen System aussteigen zu können, nachdem sein Versuch, sich fernab vom Einfluss seines Vaters niederzulassen, fehlgeschlagen ist, greift Chad nach einem letzten Mittel.

Die zwei großartigen Darsteller tragen denn auch den Film eher als die freilich erstrangig gedrehten Actionszenen. Kameramann Edu Grau setzt vor allem Chads Flucht nach dem gescheiterten Einbruch in eine grandiose Verfolgungsszene um. Die bestens aufeinander abgestimmten unterschiedlichen Perspektiven und Einstellungen ergeben in Zusammenarbeit mit dem austarierten Schnitt von Kristina Hetherington und Jake Roberts eine sehr sehenswerte, actiongeladene und zugleich ästhetisch ansprechende Filmsequenz. Die von "The Chemical Brothers" stammende Filmmusik, für die Adam Smith bereits Musikvideos drehte, verleiht den Actionszenen besondere Dynamik, sorgt aber auch an anderen Stellen für eine unheilvoll wirkende Stimmung.

Obwohl die Filmemacher anfangs eine sogar mit Lagerfeuer angereicherte, romantisierte Sicht des "freiheitsliebenden" Lebens der Kleinkriminellen bieten, spart "Das Gesetz der Familie" nicht mit den Schattenseiten einer solchen "Familientradition". Sie stellen ja die Zwickmühle dar, aus der sich der junge Mann befreien muss.
Diese Seite ausdrucken | Seite an einen Freund mailen | Newsletter abonnieren