AMELIE RENNT | Amelie rennt
Filmische Qualität:   
Regie: Tobias Wiemann
Darsteller: Mia Kasalo, Samuel Girardi, Susanne Bormann, Denis Moschitto, Jasmi Tabatabai, Shenia Pitschmann, Jerry Hoffmann
Land, Jahr: Deutschland, Italien 2017
Laufzeit: 97 Minuten
Genre:
Publikum: ohne Altersbeschränkung
Einschränkungen: --
im Kino: 9/2017


José Garcia
Foto: Martin Rattini

Die 13-jährige Amelie (Mia Kasalo) lebt gerne in Berlin, ja sie ist eine typische Großstadtgöre. Trotz ihres Asthmas lässt sie sich von niemanden etwas sagen, schon gar nicht von ihren Eltern (Susanne Bormann, Denis Moschitto). Nach einem lebensbedrohlichen Asthmaanfall ziehen die Eltern jedoch die Reißleine. Sie bringen das Mädchen in eine spezielle Asthma-Klinik nach Südtirol. Mit den anderen Klinikpatienten will Amelie nichts zu tun haben. Dafür lernt sie bald den geheimnisvollen 15-jährigen Kuhhirten mit dem sonderbaren Namen Bart kennen. Nachdem die beiden ungleichen Freunde in einen Streit geraten und Amelie sich von der Klinikleiterin Dr. Murtsakis (Jasmin Tabatabai) unfair behandelt fühlt, flüchtet sie dorthin, wo sie garantiert niemand vermutet: bergauf. Sie will es allen beweisen, und den höchsten Berg erklimmen. Bald gerät sie in Schwierigkeiten. Gut, dass Bart plötzlich auftaucht. Zusammen erleben sie ein Abenteuer vor der wunderschönen Alpenkulisse der Dolomiten. Nach einem Drehbuch von Natja Brunckhorst inszeniert Tobias Wiemann eine Freundschaft zwischen zwei Jugendlichen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten. Mia Kasalo gestaltet großartig die Widerspenstigkeit einer Pubertierenden, die ihre Krankheit nicht akzeptieren kann, weil sie sich keine Blöße geben will. Samuel Girardi verkörpert einen "Herdenmanager", der der frechen, ja manchmal aggressiven Amelie nicht nur verbal Konter geben kann. Darüber hinaus verleiht er Bart innere Ruhe und Geduld, mit denen der Südtiroler Junge nach und nach Amelies Panzer durchdringt, damit sich die 13-Jährige endlich akzeptieren kann, wie sie ist.

Amelies Krankheit spielt zwar immer wieder eine Rolle, drängt sich aber nicht in den Vordergrund. "Amelie rennt" wurde im Februar auf der 67. Berlinale in der Sektion Generation Kplus uraufgeführt. Der Film erhielt eine Lobende Erwähnung durch die Kinderjury Generation Kplus: "Der Film beschreibt in einer witzigen Art und Weise und mit turbulenten Dialogen die Entwicklung einer zuerst völlig undenkbaren Freundschaft zweier interessanter Charaktere", so die Kinderjury.


Regisseur Tobias Wiemann und die 13-jährige Hauptdarstellerin Mia Kasalo zum Spielfilm "Amelie rennt"


Sowohl die Figuren als auch der Film sind sehr klassisch angelegt: Ein Mädchen trifft einen Jungen. Sie haben ganz anderen Hintergrund, aber Gegensätze ziehen sich an. Können Sie etwas zu den Figuren ausführen?

Tobias Wiemann: Mir war es wichtig, Vorbilder für die Kinder zu schaffen. Deshalb wollte ich sie als ziemlich unterschiedliche Menschen zeichnen. Amelie denkt, sie sei etwas Besseres, sie lässt sich nicht helfen. Und am Ende muss sie feststellen, dass die beiden ähnlicher sind, als sie zunächst geglaubt hatten. Man muss also dem anderen eine Chance geben und ihm zuhören, damit Vorurteile gebrochen werden — ohne dass wir dies direkt zum Thema machen. Das hat Samuel wunderbar umgesetzt. Wir hatten großes Glück mit der Wahl von Samuel Geradi für die Rolle des Bart. Es gibt ja nicht allzu viele Jungs, die man vor die Kamera stellen kann. Mit seiner liebevollen Art war er perfekt dafür.

Was ist Amelie für ein Mädchen?

Tobias Wiemann: Sie hat eine harte Schale, die durch Asthma aufgebaut wurde. Sie lässt sich nichts sagen. Sie hat Angst, Schwäche zu zeigen, verletzt zu werden. In Berlin muss man schon eine große Klappe haben, um sich zu wehren, wobei bei Anfeindungen die Hemmschwelle geringer ist als auf dem Land. Dann trifft sie auf jemanden, der ihr die Stirn bieten kann. Das überrascht sie. Sie ist baff, und lernt ihn lieben. Das ist toll, wenn sie dann merkt, vielleicht sind sie doch füreinander bestimmt.

Mia Kasalo: Ich finde, dass sie einerseits so tut, als sei sie stark. Andererseits hat sie unter der Trennung der Eltern gelitten. Meine Eltern sind nicht getrennt, aber ich glaube, in dem Alter ist die Trennung der Eltern schon heftig. Das wünscht sich kein Kind, glaube ich. Sie ist Einzelkind und hat nicht viele Freunde. Sie ist also auf sich allein gestellt. Dafür ist sie schon motiviert und lebensfroh. Sie ist einerseits zart, aber andererseits auch stur und frech.

Inwiefern spielt für Amelie die Krankheit eine Rolle?

Tobias Wiemann: Es gibt verschiedene Asthma-Stadien. Amelie hat eine schwere Form von Asthma, so dass sie durch Stress, Pollen, Staub ... schwere Asthma-Anfälle bekommt. Wenn die Krankheit behandelt wird, kann sie in der Pubertät auskuriert werden. Bei ihr ist dies nicht der Fall, weil sie es nie hat behandeln lassen.

Wie hast Du Dich darauf vorbereitet, ein Mädchen zu spielen, das Asthma hat?

Mia Kasalo: Tobias Wiemann und ich sind zu einer Asthma-Ärztin gegangen. Dort haben wir ein Mädchen kennengelernt, das Asthma hat. Ich habe auch viele Übungen für Asthmakranke gemacht.

Woher hat Bart diese Weisheit oder Stärke, um Amelie die Stirn bieten zu können?
Tobias Wiemann: Indem er einfach die Ruhe hat und sich nicht provozieren lässt, und einfach aushält, aushält, aushält. Indem er ehrlich zu ihr ist und sie ernst nimmt. Dadurch gewinnt sie Vertrauen zu ihm und kann ihm ihr Herz ausschütten.
Sie lernt aber Bart immer besser kennen. Irgendwann einmal stellen die beiden fest, dass sie nicht so verschieden sind ...

Mia Kasalo: Sie haben schon andere Lebensverhältnisse und andere Geschichten. Wie viel Gemeinsamkeiten sie haben, kann ich nicht beurteilen. Aber sie passen zueinander.

Zu einem Kinderfilm gehört auch dazu, dass Kinder über die Erwachsenenfiguren lachen. In "Amelie rennt" gibt es solche Szenen, die aber die Erwachsenen nicht lächerlich machen. Waren die Figuren schon so im Drehbuch angelegt?

Tobias Wiemann: Ja, sie waren schon immer so angelegt. Wir haben die Papa-Figur etwas stärker gemacht. Denn wir wollten stärker betonen, woher Amelie kommt, wie das Familienleben ist, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie ihr Background ist. Wir wollten sie zeigen, wie sie sind, ohne sie lächerlich zu machen, ohne Klamauk. Das war schon immer der Ansatz. Ich finde, wir haben die Eltern ganz gut getroffen, wie sie sein könnten, die auch einmal kleine Kämpfe austragen, weil sie nicht immer einer Meinung sind.

Sie haben in Südtirol gedreht. Was für eine Rolle spielt die Landschaft? Ist sie so etwas wir die dritte Hauptfigur?

Tobias Wiemann: Südtirol war schon immer als Drehort geplant. Wir haben nach der Klinik gesucht. Sie sollte wirklich schön sein, auch wenn Amelie kein Bock drauf hat. Die Landschaft sollte schön, aber auch schroff und gefährlich sein. Sie ist die neue Heimat für Amelie, die ihr die Augen öffnet. Eine Landschaft, wovor Bart sie warnt, aber wo er auch ihr Retter sein kann. Absolut richtig, dass die Landschaft im Film die dritte Hauptperson ist. Sie sollte wie gesagt nicht nur schön, sondern auch gefährlich sein, um zu zeigen, wie naiv Amelie ist. Sie sieht nicht die Gefahr, bis sie in den Bach fällt und mitgerissen wird. Genau diese Spannung wollten wir in einem Abenteuerfilm zeigen. Nicht nur schöne "Heidi"-Welt, sondern auch die Gefahr in den Gipfeln.

Mia Kasalo: Ich glaube, dass liegt auch daran, dass Amelie in der Natur nicht unter Druck gesetzt wird. Wenn sie in der Natur ist, versteckt sie sich zwar vor Bart mit dem Spray. Aber dort fühlt sie sich freier, einfach wohler.

Möchtest Du mit der Schauspielerei weitermachen?

Mia Kasalo: Ja, auf jeden Fall. Aber ich will nach der Schule auch studieren. Denn mit einem Studium ist es sicherer. Ich finde den Arztberuf ganz wichtig. Es gibt viele unwichtige Berufe, aber Ärzte helfen wirklich den Menschen, auch da, wo sich die Menschen es nicht leisten können. Ich habe aber noch Zeit, ich bin ja noch in der achten Klasse.
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