LEANDERS LETZTE REISE | Leaders letzte Reise
Filmische Qualität:   
Regie: Nick Baker Monteys
Darsteller: Jürgen Prochnow, Petra Schmidt-Schaller, Suzanne von Borsody, Tambet Tuisk, Artjom Gilz, Maria Kochur, Jevgeni Sitochin
Land, Jahr: Deutschland 2017
Laufzeit: 107 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: S, X
im Kino: 9/2017


José García
Foto: Tobis

Der störrische, 92-jährige Eduard Leander (Jürgen Prochnow) hat im Frühling 2014 seine Frau verloren. Seine Tochter Uli (Suzanne von Borsody) und seine Enkelin Adele (Petra Schmidt-Schaller) hatten zwar kaum noch Kontakt zu ihm. Nun wollen sie sich aber um den grantigen alten Mann kümmern. Eduard selbst hat nur eins im Sinn: Eine letzte Reise in die Ukraine antreten. Die Tochter kann sich zwar keinen Reim darauf machen, was ihr Vater dort will. Aber Uli will es auf jeden Fall verhindern, zumal sich die Ukraine nach der Besetzung der Krim im März 2014 durch Russland in einem offenen Kriegszustand befindet. Deshalb bittet sie Adele, den Großvater am Bahnhof abzupassen und ihn zur Vernunft zu bringen. Daran scheitert sie zwar, aber dann entscheidet die junge Frau, ihren Opa zu begleiten. In Frankfurt/Oder steigt Lew (Tambet Tuisk) in den Zug ein. Der Ukrainer mit russischen Wurzeln jobbt in Deutschland, und fährt nun ebenfalls nach Kiew. Zu Adeles Erstaunen versteht sich ihr verschlossener Opa auf Anhieb mit dem jungen Mann. Bald begreift sie auch warum: Lew erinnert Eduard an die Kosaken, an deren Seite er im Zweiten Weltkrieg zusammen kämpfte. Nach und nach versteht Adele auch, was ihren Opa antreibt: Er ist auf der Suche nach seiner ersten Liebe, nach einer Frau, zu der er schon vor Jahrzehnten jeden Kontakt verlor.

Jürgen Prochnow gestaltet den alten Mann mit gebeugter Haltung und einem wackeligen Gang, aber mit absoluter Entschlossenheit. Nach Jahrzehnten der Stille und Verschlossenheit hat er eine Entscheidung getroffen, von der er sich unter gar keinen Umständen abbringen lassen will. Die Hindernisse, die er in einem krisengeschüttelten Land vorfindet, meistert er mit einer guten Portion Sturheit. Mit-Drehbuchautor und Regisseur Nick Baker Monteys erzählt vordergründig ein abwechslungsreiches, manchmal auch amüsantes Roadmovie. Unter der Oberfläche aber schildert "Leanders letzte Reise" die Lebensgeschichte eines Mannes, der als junger Mann in den Krieg zog, sich verliebte, Jahre in einem Gulag verbrachte, und später in Deutschland eine Familie gründete, eine Frau heiratete, die er zwar nicht liebte, der er jedoch die Treue hielt. Eine Geschichte von Schuld und Sühne, aber auch von der späten Annäherung zwischen den Generationen. "Warum wir sind, wie wir sind", heißt es im Untertitel. Endlich begreift auch Adele, was der Zweite Weltkrieg nicht nur mit ihrem Großvater, sondern auch mit ihr zu tun hat.


Interview mit Regisseur Nick Baker Monteys und Hauptdarsteller Jürgen Prochnow

"Leanders letzte Reise" hatte eine langwierige Entwicklungsgeschichte. Können Sie etwas darüber erzählen?

Nick Baker Monteys: Am Anfang stand ein schräger Roadmovie in der Ukraine. Während der Entwicklungszeit des Filmes brach allerdings der Krieg aus. Dann mussten wir alles überdenken: Wir mussten die Kerngeschichte überdenken. Es ging darum, das Kriegsgeschehen in die Handlung so zu integrieren, dass es nicht als Fremdkörper wahrgenommen wird.

Wie haben Sie reagiert, als Sie die Rolle angeboten bekamen?

Jürgen Prochnow: Einen 92-Jährigen zu spielen hat mich sehr gereizt. Das ist viel Arbeit: Man muss sich in ihn hineinversetzen, man muss auch zu der Produktion und zu der Maskenbildnerin Vertrauen haben. Wir haben es geschafft, die Maske in zwei Stunden anzulegen. Dann musste ich zehn Stunden drehen. Dann muss die Maske wieder abgenommen werden. Und das alles sechs, sieben Wochen lang. Deshalb fragt man sich: Setze ich mich dem aus? Für einen 92-Jährigen muss ich auch eine andere Körpersprache finden. Ich muss auch anders sprechen, anders fühlen und anders denken.

Eduard Leander hat als Wehrmachtoffizier zusammen mit den Kosaken gekämpft. Er ist sicher kein Widerstandskämpfer gewesen. War diese Figur von Anfang an mit dieser Vergangenheit befrachtet?

Nick Baker Monteys: Das ist eine gute Frage. Nein, es hat sich so entwickelt. Mit dem Konflikt in der Ukraine war mir klar, dass alles ernsthafter werden sollte. Deshalb stellten wir uns die Frage: Was hat er im Krieg gemacht? Wie weit ging seine Täterschaft? Hat er Frauen und Kinder ermordet? Es ist klar, dass er kein Widerständler gewesen ist, sondern eher ein normaler Mitläufer/Täter. Es geht aber darum zu verstehen, was er getan hat, zu verstehen, wieso ist er so, wie er ist, ein Mensch aus Fleisch und Blut am falschen Ort zur falschen Zeit.

Jürgen Prochnow: Er war ein ganz normaler Soldat, der in der Ukraine mit den Kosaken zusammen gekämpft hat. Eduard Leander hat während des Krieges eine Kosakin kennengelernt, in die er sich unsterblich verliebt hat. Von ihr wurde er getrennt, als die Russen sie gefangengenommen haben. Die Frau ist in einen Gulag gekommen. Er ist zum Tode verurteilt worden, dann begnadigt und in einen anderen Gulag geschickt worden. Als er nach etwa zehn Jahren nach Deutschland zurückkam, wusste er nicht, ob die Frau noch lebt. Insofern, als er Soldat gewesen ist, hat er sicherlich auch Schuld auf sich geladen. Aber er ist keiner von den SS-Schergen gewesen.

Er hat dann ein ganzes Leben mit einer Frau zusammengelebt, mit der er verheiratet war, die er jedoch nicht liebte. Was ist das für ein Mensch, der so lebt?

Jürgen Prochnow: Wenn ein Mensch sein ganzes Leben lebt, und das Gefühl hat, dass er dieses Leben nicht mit der Person leben kann, die er liebt, und es nicht schafft, sich damit auseinanderzusetzen ... Hat er umsonst gelebt? Er hat es nicht geschafft, darüber zu reden. Er hat dieses Geheimnis mit sich herumgeschleppt. Ich glaube, das ist etwas ganz Furchtbares. Das prägt natürlich auch einen Menschen. Dies führt dazu, dass seine Tochter oder seine Enkelin von ihm keine Liebe bekommen haben, was zu diesen Verhältnissen in der Familie führt. Eduard Leander spricht nicht, hat ein Geheimnis vor seiner Familie. Bis er sich als 92-Jähriger auf die Reise in die Ukraine macht, und dort seinen Frieden findet. Es ist eine Art Aussöhnung mit sich selbst. Und er findet auch den Frieden mit seiner Familie, mit seiner Tochter und seiner Enkelin.

Nick Baker Monteys: Ich glaube, das ist ein sehr deutscher Mensch: Er kommt traumatisiert aus dem Krieg. Wir erzählen es zwar nicht, aber auch seine Frau war traumatisiert. Er sagt zu ihr: "Wir können heiraten, aber ich werde Dich nicht lieben". Es ist eine Zweckgemeinschaft. Und sehr deutsch in dem Sinne, dass er sich dieser Beziehung verpflichtet fühlt. Genauso wie er als Offizier seine Pflicht tut, steht er zu seinem Wort.

Verbinden Sie mit dieser Rolle auch persönliche Erinnerungen?

Jürgen Prochnow: Für mich war diese Rolle auch eine Reise in die Vergangenheit. In diesen Charakter habe ich Figuren einfließen lassen, die mit meiner Kindheit, mit den Menschen, die mich großgezogen haben, viel zu tun hatten. Ich musste mich mit meiner Kindheit beschäftigen, was wiederum Wunden aus dieser Zeit aufreißt.

Auch für die Enkelin ist die Reise eine Möglichkeit, etwas über ihre Familie und über sich selbst zu erfahren ...

Nick Baker Monteys: Für sie ist die Reise elementar wichtig. Der Film hat den Untertitel "Warum wir sind, wie wir sind". Für sie hat der Zweite Weltkrieg gar nichts mit ihr zu tun. Auf der Reise begreift sie aber langsam, dass hinter dem Verhalten des Großvaters der Krieg steckt. Bei Vorführungen, die wir bislang veranstaltet haben, habe ich festgestellt, dass die 30- bis 40-Jährigen darin irgendwie ihre Familienstruktur widerspiegelt finden.

Gerade junge Leute sagen: "Lasst uns damit in Ruhe. Wir haben schon genug davon gehört".

Nick Baker Monteys: Ja, weil sie nicht verstehen, was der Krieg mit ihnen zu tun hat. Es geht nicht um den Krieg als historisches Ereignis. Es geht darum, was der Krieg für uns jetzt bedeutet. Was für eine Bedeutung hat die Vergangenheit, auf der größeren, aber auch auf der Familienebene? Kann die Vergangenheit uns helfen zu verstehen, was wir sind? Gerade deshalb wollte ich den Film machen.

Jürgen Prochnow: Ich würde diesen jungen Menschen sagen, schaut Euch das an. Es gibt immer wieder Kriege, so zum Beispiel den Irakkrieg, der vom Zaun gebrochen wurde. Wenn dieser Krieg nicht vom Zaun gebrochen worden wäre, wären wir heute woanders. Es würde den IS nicht geben, davon bin ich überzeugt. Die Menschen machen immer wieder diese Katastrophen. Ich hoffe, dass der Film dies den Menschen vor Augen führt, und dass er auch hilft, dass junge Menschen daraus lernen.
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