NILE HILTON AFFÄRE, DIE | The Nile Hilton Incident
Filmische Qualität:   
Regie: Tarik Saleh
Darsteller: Fares Fares, Mari Malek, Yaser Maher, Ahmed Seleem, Slimane Dazi, Hania Amar, Hichem Yacoubi, Mohamed Yousry, Ger Duany
Land, Jahr: Schweden/Deutschland/Dänemark 2017
Laufzeit: 110 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: X
im Kino: 10/2017


José García
Foto: Port-au-Prince

Inzwischen hat sich der "Arabische Frühling" nicht nur abgekühlt. Im April 2015 titelte der Deutschlandfunk sogar: "Der arabische Frühling frisst seine Kinder". Ende 2010, Anfang 2011 war die Lage jedoch eine ganz andere. In Kairo etwa lag der Drang nach Veränderung in der Luft. Aber noch herrschten dort die Reichen und Mächtigen inmitten der Korruption. Dies ist der Hintergrund der schwedisch-deutschen-dänischen Koproduktion "Die Nile Hilton Affäre" ("The Nile Hilton Incident?). Der Spielfilm von Drehbuchautor und Regisseur Tarik Saleh feierte seine Premiere auf dem Sundance Film Festival, wo er den großen Preis der Jury gewann. Nun startet er im regulären Kinoprogramm. Im Mittelpunkt von "Die Nile Hilton Affäre" steht der Polizist Noredin. Der Kettenraucher scheint vor allem daran interessiert zu sein, von allen möglichen Leuten "Schutzgelder" einzutreiben. Das Geld bewahrt er im Kühlschrank seiner schäbigen Wohnung auf. Mit nur ein paar Pinselstrichen ist Noredin als bestechlicher Polizist nach dem Vorbild des Film-noir-Genres skizziert. Nach dem Unfalltod seiner Frau sucht Noredin Zuflucht in der Routine seines Jobs. Wenig später erfährt der Zuschauer, dass der Polizist der Neffe des Polizeichefs Kamal Mostafa (Yaser Maher) ist, der ihm zu Beförderungen verhilft. Vetternwirtschaft im wörtlichen Sinne bestimmt offensichtlich den Polizeiapparat. Kamal Mostafa wiederum bewegt sich äußerst geschickt auf dem politischen Parkett Kairos.

Nun aber sieht sich der schweigsame Kommissar mit einem Mord konfrontiert: In einer Luxussuite des Hotels "Nile Hilton" wird die berühmte Pop-Sängerin Lalena tot aufgefunden. Auf den ersten Blick sieht es zwar nach einem Verbrechen aus Leidenschaft aus. Noredin stellt jedoch bereits bei der Besichtigung des Tatorts Ungereimtheiten fest. Die einzige Zeugin, das sudanesische Zimmermädchen Salwa (Mari Malek), ist spurlos verschwunden. An der Hotelrezeption erhält er die Auskunft, dies sei ein "spezieller Fall", lediglich der Besitzer des Hotels wisse, auf welchen Namen das Hotelzimmer gebucht sei. Und sein Vorgesetzter befiehlt ihm, "die Finger davon zu lassen". Noredin ermittelt jedoch weiter auf eigene Faust. Die Spuren führen ihn zu einem der mächtigsten Geschäftsmänner des Landes: Der Bauunternehmer Hatem Shafiq (Ahmed Seleem) ist nicht nur der Eigentümer des Nile Hilton, sondern auch ein enger Freund der Präsidentenfamilie.

Kurz darauf bekommt Noredin überraschend Besuch von der schönen Sängerin Gina (Hania Amar), die eigentlich das Verschwinden ihrer Freundin Lalena melden wollte und nun von deren Tod erfährt. Nach kurzem Zögern — sie weiß, dass sie der Polizei nicht trauen sollte — erzählt Gina doch noch von kompromittierenden Fotos ihrer Freundin. Der korrupte Polizist setzt die Ermittlungen fort, und stößt auf ein Netz von Korruption, Intrigen und Machtkämpfen.

Für seinen Spielfilm "Die Nile Hilton Affäre" ließ sich der schwedische Drehbuchautor und Regisseur mit ägyptischen Wurzeln, Tarik Saleh, von wahren Tatsachen inspirieren: Als die bekannte Sängerin Suzanne Tamim 2008 in Dubai ermordet wurde, führte die Spurensuche zu einem ägyptischen Bauunternehmer und Politiker, der in einer Liebesbeziehung zur Sängerin gestanden und einen Angestellten und ehemaligen Polizisten mit dem Mord beauftragt hatte. Laut "Spiegel" unterhielt der Bauunternehmer gute Beziehungen zu führenden Funktionären der Regierungspartei von Präsident Husni Mubarak. Bei einem Revisionsverfahren 2010 wurde der Anstifter zu 15 Jahren, der Mörder zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt. Die politische Brisanz des Falls hatte wiederum der "Spiegel" im September 2008 in die Worte gefasst: "Wegen des Auftragsmords an seiner Geliebten wurde ein ,Unantastbarer? verhaftet." Gerade diesen Aspekt betont Tarik Saleh in der überheblichen Art, mit der der sich als "Unantastbarer" wähnende Bauunternehmer Hatem Shafiq die Polizisten von oben herab behandelt. Die Bilder des Kameramanns Pierre Aim betonen den exorbitanten Kontrast zwischen den Luxusvillen der Reichen und Mächtigen und den heruntergekommenen Behausungen der sudanesischen Emigranten. Darüber hinaus setzt die Kamera immer wieder den Fokus auf die vibrierende Großstadt. Allerdings durfte Tarik Saleh nicht in Kairo drehen: "Ich wusste, dass trotz der Revolution immer noch die gleichen Menschen an der Macht waren. Die Staatssicherheit existierte ja noch. Ich wurde von einem ägyptischen Produzenten überzeugt, dass es möglich sei, in Ägypten zu drehen, und so haben wir den Film vorbereitet. Nur wenige Tage vor den Dreharbeiten hat die Staatssicherheit dann die Genehmigung verweigert, und wir mussten das Land verlassen. Deshalb haben wir letztendlich in Casablanca gedreht."

In der Handlung und in der Figurenkonstellation folgt "Die Nile Hilton Affäre" freilich den Genrekonventionen des "Film noir". Dazu gehören der korrupte Polizeichef und die desillusionierten Polizisten. Sogar eine "femme fatale" ist in der Person der Sängerin Gina dabei. Im Mittelpunkt steht aber der vom schwedisch-libanesischen Fares Fares dargestellte, äußerst ambivalente Polizist Noredin. Er erscheint zunächst einmal als gebrochener Mann, der sich im korrupten Apparat eingerichtet hat. Erst die Möglichkeit, einen spektakulären Mordfall aufzuklären, weckt Noredin aus seiner Interessenlosigkeit. Dennoch bleibt er einer gewissen Zwiespältigkeit verhaftet — wie es für eine solche Figur nicht anders sein könnte.
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