BLADE RUNNER 2049 | Blade Runner 2009
Filmische Qualität:   
Regie: Denis Villeneuve
Darsteller: Ryan Gosling, Harrison Ford, Robin Wright, Ana de Armas, Sylvia Hoeks, Jared Leto, Hiam Abbass, Carla Juri
Land, Jahr: USA, Großbritannien, Kanada 2017
Laufzeit: 163 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: G, S
im Kino: 10/2017


José Garcia
Foto: Sony

"Blade Runner" (Ridley Scott, 1982) gehört wohl zusammen mit "Metropolis" (Fritz Lang, 1927) und "2001: Odyssee im Weltraum" (Stanley Kubrick, 1968) zu den epochenmachenden Science-Fiction-Filmen. Ihnen gemeinsam ist es, nicht nur die Sehgewohnheiten der Kinozuschauer nachhaltig beeinflusst zu haben, sondern auch Drehbuch und Ästhetik zu einer filmisch formvollendeten Einheit miteinander verknüpft zu haben. Sie handeln von menschlichen Schöpfungen, die für den Menschen zu einer lebensbedrohlichen Gefahr werden, ob es sich um den "Maschinenmenschen" in "Metropolis", den Computer "HAL" in "2001: Odyssee im Weltraum" oder die "Replikanten" in "Blade Runner" handelt. Allein der Namensfindung gebührt Anerkennung. In der Romanvorlage von Philip K. Dick "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" hießen sie noch "Androiden". Der Name "Replikant" beschwört unterbewusst durch den harten Klang eine gewisse Bedrohung herauf.

Nicht nur die Architektur, sondern auch die Musik spielt in den drei Filmen eine entscheidende Rolle. Dies gilt für Gottfried Huppertz´ Originalmusik für "Metropolis", für den Kontrast zwischen "Also sprach Zarathustra" und "An der schönen blauen Donau" in "2001: Odyssee im Weltraum", und in besonderer Weise für Vangelis´ Filmmusik für "Blade Runner", der Ridley Scotts Film einen Großteil seiner Wirkung verdankt. "Blade Runner" zeigte 1982 eine dystopische, in Kalifornien des Jahres 2019 angesiedelte Welt, in der sich einige von der "Tyrell-Corporation" für Arbeiten im Weltall entwickelte Replikanten gegen die Menschen auflehnten. Diese Androiden sind den Menschen so ähnlich, dass sie nur mit Hilfe eines langen Fragekatalogs entlarvt werden können. Als sie auf die Erde fliehen, wird der "Blade Runner" Rick Deckard eingeschaltet, damit er sie "aus dem Verkehr zieht".

Zu Beginn von "Blade Runner 2049" rekapituliert eine Schrifttafel die Ereignisse der vergangenen dreißig Jahre: Nach dem Zusammenbruch der Tyrell Corporation hat der Konzern eines gewissen Niander Wallace angefangen, erneut Replikanten herzustellen. Freilich mit dem Unterschied, dass sie äußerst gehorsam sind. Nachdem aber bekannt wurde, dass von den alten Replikanten doch noch einige überlebt haben, erhält erneut ein "Blade Runner" namens K (Ryan Gosling) den Auftrag, sie "in den Ruhestand zu versetzen". K entdeckt dabei ein lange gehütetes Geheimnis, das die noch vorhandenen gesellschaftlichen Strukturen ins Chaos stürzen könnte. Um Licht in die Angelegenheit zu bringen, macht er sich auf die Suche nach Rick Deckard (Harrison Ford), dem ehemaligen Blade Runner, der vor dreißig Jahren spurlos verschwand.

Visuell überzeugt "Blade Runner 2049" vollends. Der vielfach oscarnominierte Kameramann Roger Deakins hat die Straßenschluchten in Los Angeles mit den futuristisch anmutenden Hochhäusern aus dem Originalfilm noch übertroffen. Dazu erschafft er weitere Welten, so etwa endlose Solarfelder, über die das fliegende Blade-Runner-Auto vorbeirauscht. Die düstere Stadtstimmung kontrastiert Deakins mit den warmen Farbtönen in den Gegenden außerhalb der Stadt. Die visuelle Kraft von "Blade Runner 2049" erschöpft sich jedoch nicht nur in den Schauplätzen. Der Film bietet spektakuläre Spezialeffekte, etwa in der virtuellen Frau Joi (Ana de Armas), in die sich Ks Hauscomputer verwandelt, und sich sogar mit einer "echten" Frau überblendet. Die Romanze zwischen K und der virtuellen Computerfrau ist zwar nicht neu. So hatte sich in "Her" (Spike Jonze, 2013) ein introvertierter Mann in ein Betriebssystem namens "Samantha" verliebt. Das Verhältnis zwischen K und Joi wird jedoch nicht nur realistischer gezeichnet. Sie erinnert auch an die poetische Beziehung in "Wall-E - Der Letzte räumt die Erde auf".

Regisseur Denis Villeneuve, der durchaus einige Akzente im Rhythmus und Inszenierung setzt, gelingt die Genre-Mischung freilich nicht vollends. Der Gesamteindruck leidet auch unter der Filmmusik von Hans Zimmer, die sich nicht nur mainstreamiger, sondern auch austauschbarer ausnimmt als der Soundtrack von Vangelis im Original-"Blade Runner". Diese wird zwar zu Beginn und vor allem in einer Szene zitiert, die wiederum als Abbild einer Schlüsselszene im Originalfilm zu verstehen ist: der Tod vom Replikanten Roy Batty samt dem legendär gewordenen, teilweise improvisierten Monolog "Tears in rain ? Time to die". Darin bleibt "Blade Runner 2049" meilenweit von der dramatischen Dichte des Originals entfernt.

Auf der Meta-Ebene vertieft einerseits "Blade Runner 2049" einige Themen, die der Original-Film angesprochen hatte, etwa die Vorspiegelung einer falschen Wirklichkeit ? und das etliche Jahre vor "Matrix" (1999). Der Nebenstrang der implantierten Erinnerungen wird denn auch erweitert: "Gibt es ein richtiges Leben im falschen?", variiert der Film Adornos Spruch. Die Veränderungen in der Gesellschaft in den letzten drei Jahrzehnten schlagen sich andererseits in Villeneuves Film nieder. Suchten die Replikanten 1982 ihren "Schöpfer" Tyrell auf, um von ihm eine Verlängerung ihrer Lebensspanne zu fordern, so ist die Frage 2017 laut Regisseur Denis Villeneuve "Was definiert einen Menschen?". Mit dieser Frage geht nicht nur eine Suche nach der eigenen Identität einher, sondern auch die Bedrohung des Transhumanismus. Statt mit Philip K. Dick zu fragen: "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?", fragt "Blade Runner 2049": "Haben Replikanten eine Seele?" Oder anders gefragt: Können menschliche Schöpfungen menschlicher sein als Menschen?
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