HAPPY END | Happy End
Filmische Qualität:   
Regie: Michael Haneke
Darsteller: Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz, Fantine Harduin, Franz Rogowski, Laura Verlinden, Toby Jones
Land, Jahr: Frankreich, Deutschland, Österreich 2017
Laufzeit: 107 Minuten
Genre:
Publikum: Erwachsene
Einschränkungen: D
im Kino: 10/2017


José Garcia
Foto: X-Verleih

In Michael Hanekes "Code: unbekannt" ("Code inconnu", 2000) kreuzten sich eine ganze Reihe verschiedener Menschenschicksale. Besonders aufschlussreich war dabei die Kameraführung von Jürgen Jürges, die vor allem in Plansequenzen und Totalen bestand. Dadurch erreichte der österreichische Regisseur insbesondere auch eine Distanz zum Geschehen. In "Caché" (2005) spielen Videoaufnahmen eine zentrale Rolle, die ein gutbürgerliches Ehepaar immer wieder erhält, um einen Eindruck des Überwachtwerdens zu vermitteln. Ähnliche filmische Mittel setzt Michael Haneke in seinem aktuellen Spielfilm "Happy End" ein, der bei den diesjährigen Internationalen Filmfestspielen Cannes uraufgeführt wurde, und nun im regulären Kinoprogramm startet.

"Happy End" beginnt mit einer Plansequenz, die durch einen speziellen Kunstgriff einen vermittelnden Blick gewährt: Eine Frau geht im Badezimmer hin und her. Sie wird mit einem Smartphone gefilmt, während ihre Schritte vorausgesagt werden — was sich in etwa als Regieanweisungen ausnehmen. Nicht nur das Format, durch das der Zuschauer das Geschehen beobachtet, und das am Ende des Films wiederkehren wird, irritiert ihn. Denn minutenlang wird er Zeuge von etwas, was er nicht einordnen kann. Zu den verfremdenden Elementen gehören weiterhin andere Merkmale, die Haneke ebenfalls in "Code: unbekannt" einsetzte, wie die Off-Stimme außerhalb des Sichtfeldes. Hanekes Film "Happy End" ist Mitte der 2010er Jahre im nordfranzösischen Calais angesiedelt, als während der Flüchtlingskrise ganz in der Nähe ein Flüchtlingslager eingerichtet wurde. Darauf spielt die Formel an, mit der die Filmproduktionsfirma das Thema zusammenfasst: "Rundherum die Welt und wir mittendrin, blind. Momentaufnahme einer bürgerlichen europäischen Familie." Dennoch: Die Flüchtlingskrise wird in "Happy End" bestenfalls gestreift. Im Mittelpunkt steht vielmehr die erwähnte gutbürgerliche, dysfunktionale Bauunternehmerfamilie, deren Zentrum wiederum vom betagten Patriarch George (Jean-Louis Trintignant) und seiner etwa fünfzigjährigen Tochter Anne (Isabelle Huppert) gebildet wird. Anne leitet inzwischen das Familienunternehmen, und versucht ihren Sohn Pierre (Franz Rogowski) in die Firma einzubinden, was aber nicht gerade auf Interesse bei dem jungen Mann stößt. Zur Großfamilie gehört weiterhin Georges Sohn Thomas (Mathieu Kassovitz), der erfolgreich als Arzt arbeitet und mit seiner durchaus bürgerlichen Familie — Frau Anais (Laura Verlinden) und Kind — glücklich zu sein scheint. Aber natürlich trügt der Schein, weil Thomas Anais mit einer jungen Musikerin betrügt. Oberflächlich betrachtet ist die Familie alles in allem normal, auf den ersten Blick gehen alle gut gesittet miteinander um. Aber auch hier trügt der Schein.

Vorangetrieben wird die Handlung, als Thomas? erste Frau wegen einer Überdosis Antidepressiva ins Krankenhaus muss. Thomas nimmt seine Tochter aus erster Ehe, die etwa13-jährige Eve (Fantine Harduin), zu sich. Endlich erfährt der Zuschauer, dass Eve es war, die zu Beginn des Films mit ihrem Smartphone ihre Mutter bei der Abendtoilette aufnahm. Zur Handlung gehören etwa Annes Versuch, einen Unfall bei der Baufirma zu vertuschen und die sich daraus ergebenden Diskussionen mit ihrem Sohn Pierre, oder die Vorbereitung ihrer Hochzeit mit dem britischen Anwalt Lawrence (Toby Jones).

Der Brennpunkt, auf den sich all diese sich immer wieder kreuzenden Handlungsstränge fokussieren, sind jedoch die Selbstmordabsichten des langsam an Demenz erkrankenden Patriarchen George. Zu Beginn hat er gerade einen Selbstmordversuch hinter sich, und sitzt im Rollstuhl. In einer tragikomischen Szene bietet er sogar einem verdutzten Friseur Geld an, wenn er ihm beim Suizid assistiert. Damit knüpft Michael Haneke an seinen letzten Film "Liebe" an, der in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Darin schilderte Haneke die Tötung auf Verlangen einer an Demenz erkrankten Frau durch ihren Mann als "Akt der Liebe". In gewisser Weise kann "Happy End" sogar als eine Art Fortsetzung von "Liebe" angesehen werden, als in diesem Film der Mann ebenfalls Georges hieß und ebenfalls von Jean-Louis Trintignant dargestellt wurde. In beiden Filmen wird Georges? Tochter außerdem von Isabelle Huppert gespielt. Trotz einiger Unterschiede zwischen den beiden Filmen nimmt Georges einen ausdrücklichen Bezug darauf: "Ich habe sie erstickt", sagt er hinsichtlich des Todes seiner Frau — wie es tatsächlich in "Liebe" geschah.

"Happy End" könnte als eine Art Zusammenfassung der früheren Filme von Michael Haneke bezeichnet werden. Im Hinblick auf die formalfilmischen Mittel nimmt er ähnliche Kunstgriffe wie in "Code: unbekannt" und "Caché" wieder auf. Inhaltlich knüpft er in der Zersetzung einer Gesellschaft, deren Heile-Welt-Fassade Risse bekommt, an "Das weiße Band - Eine deutsche Kindergeschichte" sowie unmittelbar an dessen letzten Spielfilm "Liebe" mit den morbiden Themen Selbstmord und assistiertem Suizid an. Es sieht beinahe so aus, als wollte der inzwischen 75-jährige Michael Haneke im aktuellen Spielfilm ein Resümee aus seinem Filmschaffen anbieten. Allerdings wirkt so viel Selbstreferenzialität ziemlich ermüdend, die Figuren eher holzschnittartig, die angeschnittenen Themen arg oberflächlich. Jedenfalls könnte die Szene mit einer langweiligen Rede des Rechtsanwalts als "pars pro toto" stehen für die gepflegte Langeweile, die "Happy End" durchzieht.
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