ES WAR EINMAL INDIANERLAND | Es war einmal Indianerland
Filmische Qualität:   
Regie: Ilker Çatak
Darsteller: Leonard Scheicher, Johanna Polley, Emilia Schüle, Clemens Schick, Joel Basman, Johannes Klaußner
Land, Jahr: Deutschland 2017
Laufzeit: 97 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: X -
im Kino: 10/2017


José Garcia
Foto: Camino

Bei Romanverfilmungen ist es üblich, dass eine Off-Stimme in das Geschehen einführt. Auch die Verfilmung des Jugendromans "Es war einmal Indianerland" von Nils Mohr (2011), für den der Autor den Deutschen Jugendliteraturpreis 2012 erhielt, beginnt mit der Einführung der Hauptfiguren mittels Off-Stimme. In der Inszenierung des 1984 geborenen Regisseurs Ilker Catak, der mit "Es war einmal Indianerland" sein Spielfilmdebüt vorlegt, fällt insbesondere auch die Buntheit auf. Die grellen Farben erinnern an Filme von Wes Anderson, dessen "Grand Budapest Hotel" auch in einer Szene zitiert wird, oder auch an "Pulp Fiction" (Quentin Tarantino, 1994), dessen nichtlineare Erzählstruktur Catak sogar weiterführt. Denn Regisseur Ilker Catak spult die Erzählung regelrecht ständig vor und zurück und dazu mal in Zeitraffer, mal in Zeitlupe. Wie "Pulp Fiction" unterbrechen den Erzählfluss Zwischentitel, die eine zeitliche Orientierung liefern, etwa "Donnerstag, 9 Tage vor den Wettkämpfen".

Mit den "Wettkämpfen" sind die Box-Ausscheidungskämpfe gemeint, an denen der 17-jährige Mauser (Leonard Schleicher) teilnehmen möchte. Mauser lebt in einer Hamburger Hochhaussiedlung am Stadtrand, im selben Wohnblock wie sein Vater Zöllner (Clemens Schick) und dessen neue Frau Laura (Katharina Behrens). Für Mauser ist das Boxen der einzige Ausweg aus der Tristesse seines kaputten Umfelds. Bei einer illegalen Party an einem Swimmingpool, die von der Polizei aufgelöst wird, lernt Mauser die reizende, aber zickige Jackie (Emilia Schüle) aus wohlhabender Familie lernen, in die er sich sofort verliebt. Der Märchencharakter, den der Filmtitel nahelegt, äußert sich etwa auch darin, dass Jackie beim Fliehen vor der Polizei ihren goldenen Turnschuh verliert, den Mauser tagsüber findet und ihr zurückbringt. Aber auch andere Märchen zitiert der Film, etwa in der Person der 21-jährigen Edda (Johanna Polley), die als modernes Aschenputtel gezeichnet wird. Denn Edda ist anders, anders als Mauser, als Jackie, anders als die anderen Menschen in Mausers Leben. Sie schreibt ihm Postkarten.

Eine einschneidende Wendung bekommt "Es war einmal Indianerland", als Mausers Stiefmutter Laura erwürgt aufgefunden wird. Alles deutet darauf hin, dass der Täter deren Mann, also Mausers Vater Zöllner ist, der sich aus dem Staub gemacht hat. Mauser bekommt mit, dass Zöllner bei einem bizarren Powwow-Musikfestival irgendwo auf dem Land untergetaucht ist, wohin auch Jackie gefahren ist. Nachdem sich Mauser auch noch mit seinem Freund Kondor (Joel Basman) aus der Nachbarschaft entzweit hat, erklärt sich Edda bereit, ihn zum Festival zu bringen. Als wäre das nicht schon genug, meint Mauser, von einem Indianer (Robert Alan Packard) verfolgt zu werden, der immer wieder auftaucht. "Es war einmal Indianerland" ist voller skurriler Figuren, zu denen sich noch zwei Mexikaner und ein Tankwart gesellen. Dass sich die Mexikaner über den Zustand der Bundesrepublik große Sorgen machen, ist bezeichnend für den verschrobenen Erzählton des Filmes.

Spielfilme über das Heranwachsen ("Coming of Age") gehören traditionell zu den Jugendfilmen, die auch Erwachsene ansprechen. Häufig wird die Selbstfindungsreise außerdem mit einem "Roadmovie" verknüpft: Die Reise wird zur Metapher für die Suche nach der eigenen Identität. Eine solche Verknüpfung findet sich auch im deutschen Film, von "Absolute Giganten" (Sebastian Schipper, 1999) bis Fatih Akins "tschick". Mit ihnen teilt "Es war einmal Indianerland" die extravaganten Figuren, aber auch eine besondere Inszenierung, die eigene Akzente setzt.

Ilker Catak arbeitet in seinem Spielfilmdebüt überaus eigenständig. Dies wird deutlich in der Übernahme von filmischen Zitaten. Catak zitiert zwar einige Filme aus der jüngeren Filmgeschichte. Diese Zitate sind jedoch kein Selbstzweck. Sie stehen vielmehr im Dienst der Handlung und werden zu etwas Eigenem. Obwohl die Tristesse der Hochbausiedlung kaum an ein Märchen denken lässt, entwickelt sich "Es war einmal Indianerland" doch mit seiner bunten visuellen Kraft und mit den prägnanten Dialogen zu einem modernen Märchen. Dazu trägt wesentlich die Glaubwürdigkeit der jugendlichen Darsteller bei — sowohl der bereits erfahrenen Emilia Schüle und Joel Basman als auch der weitgehend unbekannten Johanna Polley und Leonard Scheicher. Sie geben den Emotionen der Hauptfiguren ein natürliches Gesicht.

Insbesondere Leonard Scheicher drückt glaubhaft die Ratlosigkeit, ja Zerrissenheit eines Jugendlichen aus, der aus einem von Verwahrlosung und Kleinkriminalität geprägten sozialen Umfeld ausbrechen möchte. Dafür muss Mauser die Flucht nach vorne antreten, sein Leben selbst in die Hand nehmen, und auch mit den inneren Dämonen kämpfen, die in der Figur des ihm immer wieder erscheinenden Indianers sichtbare Form annehmen. Wie es sich meistens auch für eine Coming-of-Age-Geschichte gehört, muss sich Mauser darüber hinaus auch für "die Richtige" entscheiden: Ob er seine Liebe in der reichen und schönen, aber eitlen und oberflächlichen Jackie oder eher in der unscheinbaren, aber bodenständigen Edda findet, ist eine der Fragen, die Mauser auf der Suche nach dem verschwundenen Vater klären muss.
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