JEREMIAS - ZWISCHEN GLÜCK UND GENIE | El Jeremías
Filmische Qualität:   
Regie: Anwar Safa
Darsteller: Martín Castro, Karem Momo Ruiz, Paulo Galindo, Isela Vega, Marcela Sotomayor, Daniel Giménez Cacho
Land, Jahr: Mexiko 2015
Laufzeit: 0 Minuten
Genre:
Publikum: ab 6 Jahren
Einschränkungen: --
Auf DVD: 11/2017


José Garcia
Foto: Daniel Daza

Das Spielfilmdebüt des mexikanischen Regisseurs Anwar Safa "Jeremias - Zwischen Glück und Genie" wurde 2016 achtmal für den mexikanischen Filmpreis Ariel nominiert. Er gewann in der Kategorie "Best New Actor" (Martin Castro). In Deutschland feierte er seine Premiere auf dem Mannheim-Heidelberg International Filmfestival, bei dem der Film den Publikumspreis erhielt. Nun wird er als DVD/Blu-Ray veröffentlicht.

Der achtjährige Jeremias (Martín Castro) lebt mit seiner Familie im Nordwesten Mexikos. Bereits der einfallsreiche Vorspann deutet darauf hin, dass Jeremias einen außergewöhnlich hohen Intelligenzquotienten (IQ) besitzt. Allerdings hat dieser Umstand für den Jungen eher negative Folgen. Denn seine Familie könnte gelinde ausgedrückt als bildungsfern bezeichnet werden. Sein Vater Onésimo (Paulo Galindo) arbeitet in einem Kiosk, seine Mutter Margarita (Karem Momo Ruiz) hat den Schulabschluss noch nicht geschafft. Denn sie wurde mit Jeremias sehr jung schwanger, und ihr Mann findet es auch nicht so wichtig, dass sie die Schule zu Ende macht ? der Machismus in der mexikanischen Gesellschaft lässt grüßen. Weil Onésimo mit seinem einfachen Job eher zum Prekariat gehört, lebt die Familie bei Margaritas Mutter Audelia (Marcela Sotomayor). Zum Haushalt gehören noch Audelias Mutter, Jeremias Urgroßmutter Herminia (Isela Vega), die seit Jahren kein einziges Wort mehr gesprochen hat und deshalb unter anfänglicher Demenz zu leiden scheint, sowie Margaritas pubertierender Bruder Raúl (Gerardo Diego). Neffe und Onkel teilen sich ein Zimmer in der einfachen Wohnung.

Drehbuchautorin Sofía Clerici und Regisseur Anwar Safa spielen mit den Klischees der lateinamerikanischen "Telenovela" - eine solche schaut sich die Familie selbstredend im Fernsehen an. Sie umschiffen allerdings das allzu Melodramatische, auch weil die sympathischen Schauspieler den auf den ersten Blick holzschnittartigen Figuren durchaus individuelle Züge verleihen. Vor allem Martin Castro überzeugt als naiver, sensibler und intelligenter Junge.

Dramatisch könnte das Leben eines unverstandenen Achtjährigen sein. Sofía Clerici und Anwar Safa entscheiden sich jedoch für eine Komödie, in der freilich ernste Untertöne auch ihren Platz haben. Denn Jeremías leidet nicht nur unter den zwar liebevollen, aber wenig verständnisvollen Eltern. Auch in der Schule wird der Junge gemobbt, nicht nur von den Mitschülern, sondern auch von der Lehrerin, deren Durchschnittlichkeit und mangelndes Interesse von der Intelligenz eines Achtjährigen immer wieder entlarvt wird.

Nach dieser Exposition bringen die Filmemacher mittels einer zufälligen Begegnung die Handlung voran. Verfolgt von einigen Kindern, findet Jeremías Zuflucht bei zwei älteren Männern, die mitten auf der Straße Schach spielen. Don Enrique (Jesús Ochoa) und "Don G." (Eduardo MacGregor). Über das Schachspiel entdeckt Don G. Jeremías Begabung. Den skeptischen Eltern erklärt er, dass der Junge unbedingt einen IQ-Test machen soll. Obwohl die Eltern kein Interesse daran zeigen, lässt Jeremías nicht locker. Ebenso hartnäckig setzt er seinen Plan in die Tat um, den berühmten "Genie-Forscher" Dr. Federico Forni (Daniel Giménez Cacho) zu kontaktieren. Als dieser endlich erscheint, und Jeremias den Vorschlag unterbreitet, an einem Forschungsprojekt über hochbegabte Kinder in der Hauptstadt Mexiko City teilzunehmen, sind sich die Eltern zunächst einmal nicht einig: Wittert Onésimo die Chance, damit ordentlich Geld zu verdienen, so befürchtet Margarita, dass sich der Junge durch die große Entfernung und die neue Umgebung von ihnen entfremdet.

Die Filmemacher erzählen konsequent aus der Sicht des Achtjährigen. Seine durch die Kameraarbeit von Marc Bellver mit einem Hang zur Symmetrie dargestellte Welt ist bunt, aber auch fantasievoll. Dazu setzt Regisseur Anwar Safa einige interessante Kunstgriffe ein ? nicht nur die schnellgeschnittene Sequenz mit den Schachturnieren, an denen Jeremías teilnimmt, sondern insbesondere auch als roten Faden die Vorbilder, die der Junge nach und nach für sein Werdegang findet. Dazu zählen Albert Einstein, Jimi Hendrix, Bobby Fischer und Marie Curie. Dies verdeutlicht auch die Frage, die Jeremías umtreibt, was er werden möchte. Nachdem er das eine oder andere ausprobiert hat, wird sich Jeremías aber an den Rat erinnern, den ihm Don G. hinterlässt, ehe er zu seinem Sohn nach Spanien zieht: Wichtig sei es nicht, das zu tun, was man möchte, sondern eher das zu lieben, was man tue.

"Jeremias - Zwischen Glück und Genie" zeigt den Kontrast zwischen der ärmlichen Umgebung, in der Jeremias aufgewachsen ist, und der Glitzerwelt der Reichen und Schönen in der Hauptstadt. Die Gegenüberstellung prangert allerdings auch die mangelnde Chancengleichheit in einem Umfeld an, in dem der Bildung wenig Bedeutung beigemessen wird. Dadurch werden kindliche Begabungen in der Regel nicht erkannt, weshalb sie nicht gefördert werden, was freilich nicht nur für Mexiko zutrifft. Eine nicht zu leugnende Vorhersehbarkeit in der Handlung machen die Filmemacher mit einer Reihe humorvoller Einfälle wieder wett, so etwa als Jeremias von einem einschneidenden Vorhaben in letzter Minute ablässt: "Letztlich glaubte er doch noch an Gott." Zu den Werten in "Jeremias - Zwischen Glück und Genie" gehört etwa auch die Freundschaft über alle Altersunterschiede hinweg.

"Jeremías - Zwischen Glück und Genie": ab dem 20. Oktober als DVD /Blu-ray
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