SIMPEL | Simpel
Filmische Qualität:   
Regie: Makus Goller
Darsteller: David Kross, Frederick Lau, Emilia Schüle, Axel Stein, Devid Striesow, Annette Frier, Anneke Kim SarnauDavid Kross, Frederick Lau, Emilia Schüle, Axel Stein, Devid Striesow, Annette Frier, Anneke Kim Sarnau
Land, Jahr: Deutschland 2017
Laufzeit: 113 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 11/2017


José Garcia
Foto: universum

In "Rain Man" (1988) erzählte Regisseur Barry Levinson von einem ungleichen Brüderpaar, das sich auf eine abenteuerliche Reise macht, weil der von Dustin Hoffman verkörperte, unter Autismus leidende Raymond Babbitt sich vor Flugreisen fürchtet. Seit "Rain Man" sind viele Spielfilme gedreht worden, in denen Menschen mit unterschiedlichen psychischen Störungen — vom Autismus über Down-Syndrom bis hin zu geistigen Behinderungen — die Hauptrolle spielen, so etwa "Am achten Tag" (Jaco Van Dormael, 1996), "The Mighty — Gemeinsam sind sie stark" (Peter Chelsom, 1997), "I Am Sam" (Jessi Nelson, 2001) oder "Ben X" (Nick Balthazar, 2008).

Der nun im regulären Kinoprogramm anlaufende Spielfilm "Simpel" schildert nach den Regeln eines Roadmovie die Reise zweier Brüder, von denen einer geistig behindert ist. Im Unterschied zu "Rain Man" ist der Auslöser nicht das Eigeninteresse des einen Bruders — der von Tom Cruise dargestellte Charlie Babbitt entführt kurzerhand seinen älteren Bruder Raymond, um an sein Erbe zu kommen. Ganz im Gegenteil: Ben (Frederick Lau) nimmt seinen Bruder Barnabas, den alle nur "Simpel" (David Kross) nennen, auf die Reise mit, damit Simpel nach dem unerwarteten Tod der Mutter nicht in ein Heim eingewiesen wird. Denn Bens Antrag auf Simpels Betreuung wurde abgelehnt. Der Vater der beiden, den Ben und Simpel seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen haben, hat dagegen Einspruch eingelegt. Laut Gerichtsbeschluss soll Simpel den Rest seines Lebens in einer Einrichtung verbringen.

Weil der Vater David (Devid Striesow) der einzige ist, der mit einer Rücknahme des Einspruchs den richterlichen Beschluss rückgängig machen kann, machen sich Ben und Simpel auf die Suche nach ihm. Simpel lebt zwar seit Jahren in dem Glauben, der Vater sei auf Geschäftsreise. Ben weiß aber, dass er mit seiner neuen Familie in Hamburg lebt. An einer Tankstelle treffen sie auf die Medizinstudentin Aria (Emilia Schüle) und den Sanitäter Enzo (Axel Stein), die die beiden Brüder in die Hansestadt mitnehmen. In Hamburg lernt Simpel die lebensfrohe und herzensgute Prostituierte Chantal (Annette Frier) kennen, während Ben das Autohaus ausfindig macht, wo sein Vater als Verkäufer arbeitet.

"Simpel" basiert auf dem 2004 in Frankreich erschienenen Roman von Marie-Aude Murail. Regisseur Markus Goller und sein Mit-Drehbuchautor Dirk Ahner verlegen für die Kinoadaption die Handlung von Paris nach Norddeutschland — in einer frühen Szene ist das Bürgeramt der Stadt Jever zu sehen. Zur Adaption erklärt Produzent Michael Lehmann: Im Buch sei "Ben immer ein bisschen am Rand und Simpel ganz eindeutig im Mittelpunkt. Wir machen einen Film über ein ungleiches, aber gleichwertiges Brüderpaar". Regisseur und Mit-Drehbuchautor Markus Goller ergänzt: "Ben hat eine Aufgabe, und die ist, auf seinen Bruder aufzupassen. Er liebt seinen Bruder und braucht ihn — aber er muss lernen, dass es auch ein Leben außerhalb seines Bruders und der damit selbstauferlegten Aufgabe gibt, und loslassen. Für sich. Simpel ist am Ende derjenige, der ihm den Schritt abnimmt."

Kameramann Ueli Steiger kontrastiert wirkungsvoll die raue Landschaft des Wattenmeeres mit den Stadtbildern von Hamburg. Kameramann und Regisseur setzen mit "Simpel" der Hansestadt ein filmisches, wenn auch nicht gänzlich klischeefreies Denkmal — die Reeperbahn lässt grüßen. Zwar führt Markus Goller aus: "Wenn du nicht im Party-Modus unterwegs bist, sondern hier die ganzen Hinterzimmer kennenlernst und die Menschen siehst, die hier normal verkehren, finde ich es erschütternd, weil´s schon ganz schön fertig ist und ganz schön traurig." Ein Eindruck davon mag die Kampfszene mit den Zuhältern liefern. Letztendlich aber gewinnt das Klischee der "herzensguten" Prostituierten die Oberhand. Etwas ausbalanciert wird eine solche Figur durch den kurzen Auftritt eines bodenständigen polnischen Lkw-Fahrers, der besonderes Verständnis für Simpel entwickelt, weil er einen Sohn mit Down-Syndrom hat.

Die verhältnismäßig einfach gestrickte Handlung konzentriert sich ganz auf das Brüder-Verhältnis, das sich meistens harmonisch zeigt. Denn Ben kann zwar hin und wieder über Simpels Eskapaden schimpfen, aber schnell gewinnt er wieder die Beherrschung, weil sein Lebensinhalt eben in der Fürsorge für seinen geistig behinderten Bruder besteht. Unter der Oberfläche eines Road-Movies mit ereignisarmem Plot erweist sich "Simpel" als Charakterstudie eines jungen Mannes, der zwischen Pflichtgefühl, der aufrichtigen Liebe zu seinem Bruder und dem Wunsch nach einem "eigenen Leben" hin- und hergerissen ist. Der Auslöser für diesen Widerstreit der Gefühle hat natürlich einen Namen: Aria, zu der sich Ben nach und nach hingezogen fühlt. Frederick Lau macht Bens Zerrissenheit bei aller Körperlichkeit nachvollziehbar. David Kross, der als Vorbereitung für die Rolle Zeit mit geistig Behinderten verbrachte, gestaltet Simpel mit einer Reihe Ticks — dazu gehört beispielsweise sein Alter Ego, das Stofftier "Monsieur Hasehase", das er überallhin mitnimmt — stets am Rande des Chargierens, aber ohne diese Grenze zu überschreiten. Denn unter den Marotten, von denen Simpel jede Menge zu haben scheint, wird ein gutes Herz und eine große Portion Wissbegier deutlich. Regisseur Markus Goller verknüpft die witzigen Situationen, die sich aus Simpels Anderssein ergeben, mit berührenden Momenten einer besonderen Bruderliebe, in der aber die beiden Brüder ihren je eigenen Weg finden und einschlagen müssen.
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