SUBURBICON | Suburbicon
Filmische Qualität:   
Regie: George Clooney
Darsteller: Matt Damon, Julianne Moore, Noah Jupe, Oscar Isaac, Glenn Fleshler, Alex Hassell, Gary Basaraba, Karimah Westbrook, Leith Brooke, Tony Espinosa
Land, Jahr: USA, Großbritannien 2017
Laufzeit: 106 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: G, X
im Kino: 11/2017


José García
Foto: Concorde

"Suburbicon" heißt nicht nur die sechste Regiearbeit des als Schauspieler und Produzenten mit je einem Oscar ausgezeichneten George Clooney. "Suburbicon" heißt auch die fiktive Vorstadt, in der die Handlung angesiedelt ist. "Suburbicon" — von "Suburb", Vorstadt — könnte wohl mit "Erzählungen aus der Vorstadt" oder auch mit "Sittengemälde der Vorstadt" übersetzt werden. Es geht um eine Vorstadt, die in den späten 1950er Jahren irgendwo mitten in den Vereinigten Staaten entstand, und die sich im Vorspann von ihrer besten Seite zeigt. Der in Form eines Werbefilmes gestaltete Vorspann schildert schmucke Häuser mit gepflegten Vorgärten unter einem blauen Himmel. Kein Wunder, dass die Schlussfolgerung lautet: "Kommen Sie nach Suburbicon".

Doch diese Aufforderung gilt offenbar nicht jedermann. Wenigstens in einigen Teilen der Vereinigten Staaten spielt die Hautfarbe Ende der fünfziger Jahre noch eine ausschließende Rolle. So fällt der Postbote aus allen Wolken, als er der gerade zugezogenen Familie Meyers (Karimah Westbrook, Leith Brooke) die Post vorbeibringt, handelt es sich bei ihnen doch um die erste farbige Familie in "Suburbicon". Bald werden die erbosten Nachbarn in einer Gemeindesitzung "Sichtzäune" als Schutz gegen die Meyers verlangen — das ist freilich erst der Anfang einer Rassismuswelle, die im Laufe der Filmhandlung die eingangs als friedliche Menschen gepriesenen Bewohner von Suburbicon ergreift.

Solche Berührungsängste hat die Familie, die gegenüber den Meyers wohnt, allerdings nicht: Der etwa zehnjährige Nicky (Noah Jupe) soll mit dem gleichaltrigen Andy Meyers (Tony Espinosa) spielen, um ihm das Einleben in der Siedlung zu erleichtern. Nickys Mutter Rose Lodge (Julianne Moore) sitzt seit einem Autounfall im Rollstuhl, dafür ist ihre Zwillingsschwester Margaret (Julianne Moore in einer Doppelrolle) offensichtlich immer wieder länger zu Besuch. Nickys Vater Gardner Lodge (Matt Damon) arbeitet als Buchhalter in einer Firma.

Plötzlich gibt es Ärger im Paradies, nicht nur wegen der Anpöbelungen gegen die Familie Meyers. Eines Nachts wird Nicky von seinem Vater geweckt. Denn die zwei Einbrecher Ira (Glenn Fleschler) und Louis (Alex Hassell) haben die Familie in ihre Gewalt gebracht. Nachdem sie ihren Spaß mit dem Vater getrieben haben, betäuben sie alle Familienmitglieder mit Chloroform. Nickys Mutter Rose verpassen sie dabei eine besonders hohe Dosis.

Das Drehbuch von "Suburbicon" basiert auf einem bereits vor zwei Jahrzehnten verfassten Skript von Ethan und Joel Coen, das nun von George Clooney und seinem Produzenten Grant Henslov überarbeitet wurde. Der Einfluss der Coen-Brüder, die seit dem inzwischen als Klassiker geltenden "Fargo" (1996) in ihren Filmen immer wieder ein Faible fürs Makabre unter Beweis gestellt haben, äußert sich etwa in den plötzlichen und meistens auch noch skurrilen Gewaltausbrüchen. Etwa als die Gangster wieder auf der Bildfläche erscheinen, oder auch als der aalglatte, auf Eigengewinn bedachte Versicherungsagent Bud Cooper (Oscar Isaac) plötzlich das Haus der Lodges betritt. An "Fargo" erinnert aber auch, dass der kleine Mann, der mit Hilfe tollpatschiger, unterbelichteter Gangster ein "perfektes" Verbrechen plant, plötzlich von den Geistern eingeholt wird, die er rief.

George Clooney hat nicht nur in einigen der Coen-Filme die Hauptrolle übernommen, so etwa im letzten Film von Ethan und Joel Coen "Hail, Caesar!". Mit ihnen hat auch Clooney eine Vorliebe für die fünfziger Jahre gemeinsam: In diesem Jahrzehnt ist genauso "Hail, Caesar" wie auch Clooneys Meisterwerk "Good Night, and Good Luck" angesiedelt. Wie im letztgenannten Film brillieren in "Suburbicon" die heraussagende Ausstattung (Jim Bissell) und die großartigen Schauspieler — von Matt Damon über Julianne Moore bis Oscar Isaac, der trotz kurzem Auftritt dem Zuschauer in Erinnerung bleibt.

Wenn jedoch "Suburbicon" nicht zu überzeugen vermag, dann insbesondere aus mangelnder Stimmigkeit: Einerseits übernimmt der Film zwar die Perspektive des kleinen Nicky, der Regisseur tut dies aber nicht in letzter Konsequenz — wichtige Teile der Handlung sieht der Zuschauer eher aus der Sicht seines Vaters. Ähnliches gilt für die Verknüpfung zwischen den zwei Handlungssträngen. Laut der Produktion fügte George Clooney zu dem ursprünglichen Drehbuch den Nebenstrang der rassistischen Angriffe hinzu. Dies mag gut gemeint sein, vielleicht auch um eine Parallele zu heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen zu ziehen. Dramaturgisch ist dies aber kaum gelungen, denn der Nebenstrang des die Familie Meyers immer stärker angreifenden Mobs wirkt nicht nur schablonenhaft. Er läuft einfach parallel zur Haupthandlung, ohne trotz der aufkeimenden Freundschaft zwischen den zwei Jungen in diese richtig integriert zu werden.

"Suburbicon" soll offensichtlich eine äußerlich als paradiesisch dargestellte Gesellschaft von Kleinbürgern demaskieren, die einerseits die Schrecken des Krieges hinter sich gelassen hat, andererseits die ersten "Segnungen" der Wohlstandsgesellschaft etwa in Form vom festen Arbeitsplatz oder auch von technischen Errungenschaften wie Auto und Fernseher für die Mittelklasse genießt. Eine Gesellschaft, die hinter der Fassade von Saubermännern Abgründe erkennen lässt. Wie bei vielen Filmen der Coen-Brüder spielt die Gier eine entscheidende Rolle, die sich allerdings nicht auszahlt — ganz im Gegenteil: Sie führt in den Abgrund.
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