MORD IM ORIENT-EXPRESS | Murder on the Orient Express
Filmische Qualität:   
Regie: Kenneth Branagh
Darsteller: Kenneth Branagh, Johnny Depp, Penélope Cruz, Willem Dafoe, Judi Dench, Derek Jacobi, Josh Gad, Michelle Pfeiffer, Daisy Ridley, Leslie Odom Jr.
Land, Jahr: USA 2017
Laufzeit: 114 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 11/2017


José García
Foto: 20th Century Fox

Mord im Orient-Express" (1934) gehört zusammen mit "Tod auf dem Nil" (1937) zu den bekanntesten der 33 Agatha-Christie-Romane, in denen der belgische Meisterdetektiv Hercule Poirot die Hauptrolle spielt. Zu ihrer Berühmtheit trug wesentlich deren jeweilige Verfilmung bei. Der 1974 von Sidney Lumet mit Albert Finney in der Hauptrolle und mit einer ganzen Reihe Stars besetzte "Mord im Orient-Express" legte die Maßstäbe für eine solche Inszenierung fest: Sorgfältige Ausstattung und Kostüme gehören genauso dazu wie eine aufwändige Kameraführung und berühmte Schauspieler. In "Tod auf dem Nil" (John Guillermin, 1978) und weiteren Verfilmungen lieh Peter Ustinov dem von sich sehr überzeugten, pensionierten belgischen Polizeibeamten ein Gesicht.

In "Rendezvous mit einer Leiche" ("Appointment with Death", 1988) verkörperte Peter Ustinov zuletzt den immer wieder für einen Franzosen gehaltenen belgischen Detektiv. Der Film war außerdem die letzte große Kinoproduktion eines Agatha-Christie-Romans. Das Interesse an den Kriminalerzählungen der großen britischen Autorin hat zwar seitdem nicht nachgelassen, meistens jedoch als Fernsehproduktionen, so etwa "Partners in Crime". Fürs Kino galt dieses Genre lange Zeit als zu altmodisch und wohl auch recht betulich. Wenn sich jemand dieses Genres annehmen und nach etwa zwei Jahrzehnten wieder einmal einen Agatha-Christie-Roman als Kino-Superproduktion verfilmen kann, dann der irische Regisseur und Darsteller Kenneth Branagh, der mit den Shakespeare-Verfilmungen "Heinrich V." (1989), "Viel Lärm um Nichts" (1993), "Hamlet" (1996) und "Verlorene Liebesmüh" (2000) weltweit bekannt wurde. Bei seiner Adaption von "Mord im Orient-Express" schrieb das Drehbuch Michael Green, der zuletzt das Skript für "Blade Runner 2049" mitverfasste. "Mord im Orient-Express" beginnt mit einer spektakulären Plansequenz in Jerusalem, die bereits den hohen Stellenwert der Kameraarbeit von Haris Zambarloukos ankündigt. Zambarloukos setzt immer wieder solche Plansequenzen ein, um etwa den Akteuren durch die Waggons des Orient-Express zu folgen, oder auch in Kamerafahrten von außen den Zug entlangzufahren. Die Szenen in Jerusalem dienen aber inhaltlich dazu, den Ruf des belgischen Detektivs zu etablieren. Denn an der Klagemauer löst Hercule Poirot (Kenneth Branagh) einen diffizilen Fall um einen Reliquienraub, der leicht zu einem Streit zwischen den monotheistischen Religionen hätte führen können.

In Jerusalem schifft sich Poirot Richtung Istanbul ein, wo er Urlaub zu machen hofft. Bei der Einfahrt in den Hafen mit einem Panoramablick der Stadt mit der Hagia Sophia im Mittelpunkt zahlt sich aus, dass der Film auf 65 mm-Material gedreht wurde. Branagh: "Die Farben sind realer und genauer definiert, es gibt feinere Abstufungen und bessere Kontraste. Die Dinge sehen echter und schärfer aus." Den Eindruck, mittendrin im Bild zu sein, begleitet denn auch den Zuschauer ebenfalls im berühmten Zug Orient-Express. Mit dem Zug muss Hercule Poirot fahren, weil er nach London berufen wurde.

Nun folgt die Einführung der Figuren, die von einer illustren Schar an Schauspielern dargestellt werden: Michelle Pfeiffer, Judi Dench, Penélope Cruz, Willem Dafoe und Derek Jacobi gehören ebenso dazu wie Johnny Depp, dessen Edward Ratchett als einziger unzweideutiger Schurke eingeführt wird. Johnny Depp spielt den zwielichtigen Kunsthändler wohltuend zurückgenommen. Ratchett sucht vom ersten Augenblick der Reise an Hercule Poirot zu einem Gespräch zu bewegen, weil er um sein Leben bangt. Die an Paranoia grenzende Angst des schmierigen Geschäftsmanns stößt allerdings beim belgischen Detektiv auf taube Ohren. In der Nacht meint Poirot Geräusche zu hören, ehe kurz nach der jugoslawischen Grenze eine Schneelawine den Zug entgleisen lässt. Bald darauf wird ein Toter aufgefunden — der Meisterdetektiv muss seine "grauen Zellen" anstrengen, um den Fall zu lösen.

Die detailverliebte Ausstattung beginnt schon mit dem kunstvoll gestalteten Schnurrbart Poirots, der in den Agatha-Christie-Romanen zu seinem Markenzeichen wurde. Dazu gehören etwa auch die edlen Vertäfelungen sowie das Silberbesteck und die Porzellanwaren des Zuges, und vieles mehr. Ein Beispiel: Nach einer Prügelei verrutscht dem immer auf Eleganz bedachten Poirot der Hemdkragen, so dass der Zuschauer sehen kann, dass es sich dabei tatsächlich um einen "echten", in der Zeit üblichen abnehmbaren Hemdkragen handelt. Die musikalische Untermalung von Patrick Doyle, der seit "Heinrich V." die Filmmusik für alle Branagh-Filme komponiert hat, drängt sich kaum auf. Sie wirkt vielmehr unauffällig. Als durchkomponiert erweist sich etwa auch die Szene, in der Poirot den Mord auflöst. Bei Agatha Christie versammelt Hercule Poirot gewohnheitsmäßig alle Beteiligten um sich, um dann die Lösung des jeweiligen Mordfalls zu verkünden und den Täter zu überführen. Bei Kenneth Branagh sitzen alle in Frage Kommenden nebeneinander an einem Tisch, so dass der Eindruck entsteht, als säßen sie auf der Anklagebank. Im Unterschied zu anderen Krimis unterstreicht "Mord im Orient-Express" die moralische Frage, mit der sich Hercule Poirot nach der Lösung des Falls konfrontiert sieht.

Sollte "Mord im Orient-Express" Erfolg haben, werden weitere Poirot-Verfilmungen folgen. Dies hat Kenneth Branagh bereits in Aussicht gestellt ... und am Ende des Filmes eine Brücke zum nächsten Poirot-Mordfall eingebaut.
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