ZEIT FÜR STILLE | In Pursuit of Silence
Filmische Qualität:   
Regie: Patrick Shen
Darsteller:
Land, Jahr: USA, Großbritannien, Japan 2016
Laufzeit: 81 Minuten
Genre: Dokumentation
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 11/2017


José García
Foto: mindjazz

"Zeit für Stille" ist - passend zu seinem Gegenstand - ein sehr meditativer Dokumentarfilm. Der Film des US-amerikanischen Regisseurs Patrick Shen beginnt mit einer ungewöhnlich langen Einstellung mit einem Feld im Wind und einem Baum in Hintergrund: Vier Minuten und 33 Sekunden experimenteller Stille, als Tribut an John Cages berühmter Komposition 4´33", die in "Zeit für Stille" immer wieder eine Rolle spielen wird. Die lange Stille - im doppelten Wortsinn - stimmt denn auch den Zuschauer auf eine außergewöhnliche Reise durch acht Länder (Vereinigten Staaten, Japan, Großbritannien, Deutschland, Belgien, China, Taiwan und Indien) ein.

In den Vereinigten Staaten unterwegs ist etwa Greg Hindy im Rahmen seines "One-Year Performance: Walking, Silence". Nachdem Hindy ein Schweigegelübde abgelegt hatte, durchquerte der Yale-Absolvent die Vereinigten Staaten zu Fuß. Zwischen Juli 2013 und Juli 2014 - wenige Tage vor seinem 23. Geburtstag - legte er etwa 15 000 Kilometer zurück, ohne ein Wort zu sprechen. Der Film kontrastiert Momente der Stille mit einer mitunter unerträglichen Geräuschkulisse. Passend dazu setzt Regisseur Patrick Shen sozusagen eine "meditative" Kamera- und Schnittarbeit ein. Für die Bildgestaltung zeichnet er selbst zusammen mit Brandon Vedder verantwortlich, für den Schnitt Shen allein. Dazu erklärt der Regisseur: "Die Dreh- und Schnittarbeit des Films spiegelt unsere Wahrnehmung der Welt wider, wenn wir still sind: Es gibt keine Kranfahrten, schwungvolle Drohnenaufnahmen oder Kameraschwenks. Der Film folgt einem behutsam komponierten, am menschlichen Stoffwechsel orientierten Rhythmus."

Zu den stillen Momenten von "In Pursuit of Silence", so der Originaltitel des Dokumentarfilmes, gehören ein Trappistenkloster in Iowa, in dem "die Verehrung Gottes in der Stille" als Leitmotiv angegeben wird, aber auch ein buddhistisches Zen-Kloster in Japan. In Japan wird der Zuschauer Zeuge einer traditionellen Teezeremonie im berühmten Urasenke Teehaus von Kyoto. Eine wohltuende Stille verbreitet ebenfalls der Denali-Nationalpark in Alaska. Der Film besucht auch die echofreie Kammer der Orfield Labs in Minneapolis, die als "der stillste Ort der Welt" bezeichnet wird.

Auf der anderen Seite: "Der Film arbeitet auch mit dem Widerpart der Stille, um den Zuschauern ein tieferes Verständnis für letztere zu vermitteln", führt dazu Filmemacher Patrick Shen aus, steht etwa die "lauteste Stadt der Welt": Der Film zeigt einige Szenen aus der Festzeit in Mumbai. Es folgen weitere Beispiele, in denen die im Film eingeblendete Dezibelzahl hochschnellt, so etwa bei einer Fernsehdiskussion, in der alle Teilnehmer durcheinanderreden, mitten im Verkehr einer Großstadt oder auch in einer New Yorker Schule, deren Schüler unter dem Lärm einer Hochbahntrasse leiden.

Dass Dauerlärm für den Menschen eine krankmachende Wirkung hat, sollte längst bekannt sein. Die Gegenüberstellung von Stille und Lärm mag sehr effektvoll sein. Die Frage, wo die Grenze zwischen einem als "angenehm" und einem als "unangenehm" bis "unerträglich" empfundenen Geräuschpegel liegt, wird jedoch lediglich angerissen. So etwa als Shen darauf hinweist, dass es selbst in der Natur keine vollkommene Stille gibt. Eine solche, so die Meinung der eingeblendeten Experten, würde vom Menschen eher als unangenehm empfunden. Dennoch: Der Akzent liegt eindeutig auf der wohltuenden Wirkung der Stille in einer Welt, in der eine ständige Geräuschkulisse die Regel ist. Schon bei Goethe hieß es in "Die Leiden des jungen Werther": "Die Ruhe der Seele ist ein herrliches Ding und die Freude an sich selbst".

Die Ruhe schärft darüber hinaus die Sinne. Dazu Patrick Shen: "Stille erzeugt außerdem ein größeres Bewusstsein für die Geräusche, die wir machen. Der Theologe Henri Nouwen schreibt: ,Die Stille lehrt uns das Sprechen.? Wenn wir nicht still sind, besteht die Hoffnung, dass die Stille uns lehrt, vorsichtiger mit den Geräuschen zu sein, die wir machen und über die Stille legen. Der Film orientiert sich durchgängig an demselben Vorbild: Jedes gesprochene Wort, jede Musiknote wird wohlüberlegt eingesetzt und in die dem ganzen Werk zugrunde liegende Stille eingewoben. Letztlich hoffe ich, dass der Film das Publikum dahingehend bewegt, ruhiger zu machen und dass er einen neuen Blick auf die Welt ermöglicht."

Shens Dokumentarfilm schärft beim Zuschauer ebenfalls die Sinne für die Bedeutung der Ruhe und der Stille in einer immer schnelleren und auch immer lauteren Welt. Auch wenn sich die Zusammensetzung der Beispiele etwas willkürlich ausnehmen mag, auch wenn Einiges einfach zu kurz kommt, regt "Zeit der Stille" zum Nachdenken über die Folgen einer Gesellschaft an, der Ruhe und Stille abhandenzukommen drohen. Ein erster Schritt in Richtung willkommener und wohl auch notwendiger Entschleunigung.
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