COCO - LEBENDIGER ALS DAS LEBEN! | Coco
Filmische Qualität:   
Regie: Lee Unkrich, Adrian Molina
Darsteller:
Land, Jahr: USA 2017
Laufzeit: 109 Minuten
Genre:
Publikum:
Einschränkungen: --
im Kino: 12/2017


José Garcia
Foto: Disney

Fünfzehn Jahre lang war das Animations-Filmstudio Pixar gleichbedeutend mit einer perfekten Verknüpfung von hervorragender Animation und einer komplexen Dramaturgie. In den letzten Jahren folgten jedoch einige Pixar-Filme, etwa die Fortsetzungen "Cars 2" (2011) und "Cars 3" (2017) sowie "Die Monster Uni" (2013) und "Arlo & Spot" (2015), die wegen eher konventioneller Drehbücher nicht überzeugen konnten. Mit "Alles steht Kopf" drehte jedoch die inzwischen zu den Walt-Disney-Studios gehörende Animationsschmiede einen Film, der in bester Pixar-Tradition nicht nur den neuesten Stand der Animationstechnik aufweist, sondern auch tiefgründige Fragen sowohl für Kinder als auch für Erwachsene behandelt. Nun startet der 19. vollständig computererzeugte Pixar-Langspielfilm "Coco - Lebendiger als das Leben!" im regulären Kinoprogramm, der sich zwar erzählerisch geradliniger als "Alles steht Kopf" ausnimmt, aber ebenso ein Feuerwerk an origineller Fantasie entfacht. Dramaturgisch zeichnet sich "Coco" außerdem durch einige unerwartete Drehbuchwendungen aus, die nicht nur das eigentliche Geschehen, sondern auch eine ganze Familiengeschichte in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt.

"Coco" beginnt mit einer Einführung, die beinahe als "Film im Film" bezeichnet werden könnte. Dieses Stilmittel setzten die Pixar-Filmemacher bereits in "Oben - Up" ein, als in einer knapp 10-minütigen schnell geschnittenen, stummen Bilderfolge ein ganzes Eheleben erzählt wurde. In "Coco" ist zwar diese Vorgeschichte nicht stumm, wird sie doch von der Off-Stimme der Hauptfigur Miguel Rivera begleitet. Dafür besitzt dieser Vorspann eine eigene ästhetische Anmutung in Form etwa von Scherenschnitt-Bilderfolgen und dem 4x3-Format mit entsättigten Farben. Darin erzählt der etwa zwölfjährige Miguel die Geschichte seiner Familie, in der seine Urgroßmutter Coco eine zentrale Rolle spielt. Deren Vater war ein Profimusiker, der deshalb die Familie verließ, um seinen Traum von einer Musikkarriere zu leben. Aus dem Familienfoto mit einer etwa achtjährigen Coco und deren Eltern wurde das Gesicht von Cocos Vater deshalb herausgeschnitten. Ferner ist das Verschwinden von Cocos Vater aus dem Dorf Santa Cecilia und aus der Familie dafür verantwortlich, dass die Riveras "die einzige Familie Mexikos, die keine Musik mag", sind. Stattdessen arbeiten sie bereits in dritter Generation als Schumacher. Inzwischen ist Coco zu einer gebrechlichen alten Frau mit zerfurchtem Gesicht und deutlichen Anzeichen von Demenz geworden.

Obwohl es in seiner Familie strengstens verboten ist, liebt Miguel Musik, ja er träumt sogar davon, in die Fußstapfen seines Idols Ernesto de la Cruz zu treten, der längst verstorbene Musikstar aus Santa Cecilia. Am Tag der Toten, dem in Mexiko traditionell gefeierten "Día de los Muertos", möchte Miguel jedoch seine große Leidenschaft mit seiner Familie teilen, und deshalb an einem Musikwettbewerb teilnehmen. Als er dafür die Gitarre von Ernesto de la Cruz aus dessen Grabmal entwenden will, steht er den Geistern der Verstorbenen gegenüber. Miguel gelangt sogar in die Parallelwelt der Toten, wo er seine Vorfahren trifft, darunter Cocos Mutter, also seine Ururgroßmutter Imelda. Sie könnte ihn ins Diesseits wieder befördern. Allerdings nur unter der Bedingung, dass Miguel für immer der Musik abschwört. Inzwischen hat aber Miguel einen Außenseiter namens Hector kennengelernt, der ihm von einer anderen Möglichkeit erzählt. Bald stellt sich aber heraus, dass Hector auch eigene Pläne verfolgt. Denn er kämpft um seine letzte Chance, nicht vergessen zu werden, damit er nicht "den letzten Tod" erleiden muss.

In "Manolo und das Buch des Lebens" von Jorge R. Gutiérrez wurde bereits das Land der Toten nach mexikanischer Tradition Schauplatz eines Animationsfilms. In "Coco" ist dieses Totenreich genauso bunt wie in "Manolo und das Buch des Lebens". Aber im Unterschied zu Gutiérrez´ Film gehorcht die Stadt gewissen Regeln. Regisseur Lee Unkrich: "Hier sollte alles einer gewissen Logik unterliegen." Wichtiger Bestandteil der Architektur sind Türme, die den präkolumbianischen Pyramiden entsprechen. "Das Land der Toten ist vertikal, nicht horizontal wie Miguels Heimat Santa Cecilia", ergänzt Produktionsdesigner Harley Jessup. Den Pixar-Filmemachern gelingt es, diese Parallelwelt gleichzeitig düster und farbenfroh zu zeichnen. Dies gilt ebenso für die Figuren, die dieses Totenreich bevölkern, die eigentlich Skelette sind ? ohne Haut, Muskeln, Nasen und Lippen. Die Spezialisten haben ganze Arbeit geleistet. Denn im Gegensatz etwa zu der puppenhaften Anmutung der Figuren in "Manolo und das Buch des Lebens" fallen die Ausdrucksstärke und der persönliche Charakter einer jeden Figur im Reich der Toten auf. Dazu kommt die atemberaubende Detailverliebtheit, mit der sowohl das mexikanische Dorf Santa Cecilia als eben auch die Totenwelt dargestellt werden. Beide Welten werden nicht zuletzt auch durch verschiedene mexikanische Musikstile miteinander verbunden, die Komponist Michael Giacchino zu einer Filmmusik zusammengesetzt hat, die nicht nur die Handlung unterstützt, sondern auch wesentlich dazugehört.

Obwohl zunächst Miguels Gewissenskonflikt im Vordergrund steht, findet das herausragende Drehbuch einen Ausweg, den Konflikt zu lösen, und außerdem wieder einmal wie in allen Pixar-Filmen die Bedeutung der Familie in den Mittelpunkt zu stellen.
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