KANADISCHE REISE, DIE | Le fils de Jean
Filmische Qualität:   
Regie: Philippe Lioret
Darsteller: Pierre Deladonchamps, Gabriel Arcand, Catherine de Léan, Marie-Thérèse Fortin, Pierre-Yves Cardinal
Land, Jahr: Frankreich, Kanada 2016
Laufzeit: 98 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 12/2017


José García
Foto: temperclayfilm

Der in Paris lebende 33-jährige Mathieu (Pierre Deladonchamps) erhält einen mysteriösen Anruf aus Kanada: Sein Vater Jean, den er nie kennengelernt hat, sei in Montreal gestorben und habe ihm ein Päckchen hinterlassen. Der Anrufer wollte eigentlich nur Mathieus Adresse, um ihm das hinterlassene Päckchen zu schicken. Mathieu entscheidet sich jedoch spontan, nach Kanada zu fliegen und an der Beerdigung des unbekannten Vaters teilzunehmen. Am Flughafen wird der junge Mann vom besten Freund seines verstorbenen Vaters, Pierre (Gabriel Arcand), abgeholt. Der mürrische Mann übergibt ihm das Päckchen, in dem sich lediglich ein offenbar wertvolles Gemälde befindet. Über Mathieus Ankunft ist Pierre eher verärgert, denn er möchte verhindern, dass Jeans Witwe und Söhne von Mathieus Existenz erfahren. Dennoch gibt er nach, dass Mathieu, allerdings getarnt als Freund Pierres, seine zwei Halbbrüder kennenlernt. Im Gegensatz zu Pierres Argwohn wird Mathieu von Pierres Familie warmherzig aufgenommen: Pierres Frau Angie (Marie-Thérese Fortin) ist wie er ein großer Fan von Kriminalromanen; mit der Tochter Bettina (Catherine de Léan), der alleinerziehenden Mutter von Zwillingen, versteht sich Mathieu auf Anhieb. Von Angie erfährt Mathieu, dass der strenge Mann an Krebs erkrankt ist, aber die Chemotherapie verweigert.

Basierend auf den Familienromanen von Jean-Paul Dubois erzählt Drehbuchautor und Regisseur Philippe Lioret eine berührende Suche nach den eigenen Wurzeln, bei der verborgene Familiengeheimnisse ans Tageslicht kommen. Dazu setzen Lioret und seine Koautorin Nathalie Carter insbesondere eine thrillermäßige Dramaturgie ein, die in einer großartigen Drehbuchwendung ihren Höhepunkt findet. Die beobachtende Kameraführung steht im Dienst der Schauspielkunst der Darsteller. Diese drücken die emotionale Kraft von "Die kanadische Reise" mehr mit Blicken als mit Dialogen aus.


Interview mit Regisseur Philippe Lioret


Herr Lioret, Ihr Film basiert auf einem Roman von Jean-Paul Dubois. Wie war der Prozess der Kinoadaption?

Auf den Roman von Jean-Paul Dubois bin ich vor zehn Jahren gestoßen. Ich wollte von Anfang an daraus einen Film machen, aber er ließ sich nicht einfach filmisch umsetzen. Deshalb habe ich den Roman, nachdem ich mir die Rechte an ihm gesichert hatte, als Rahmen genutzt, um meine eigene Geschichte zu erzählen. Nach der Fertigstellung des Drehbuchs habe ich es Jean-Paul (Dubois) geschickt, der mit dem Ergebnis sehr zufrieden war.

Es war also ein sehr langer Prozess ...

Ja, ich könnte zwar jedes Jahr einen Film drehen, aber die Qualität der Filme würde unter der Überproduktion leiden. Ich nehme mir lieber Zeit. Eine gute Geschichte ist nicht genug, um einen guten Film zu drehen. Dazu muss die filmische Umsetzung kommen: die Kameraarbeit, die Schauspieler, die Dialoge ..., damit der Zuschauer in die Geschichte hineingezogen wird.

Woran liegt die Schwierigkeit der Umsetzung eines Romans in einen Film?

In einem Roman können die Charaktere viel ausführlicher und tiefer geschildert werden. Der filmische Anspruch besteht darin, ein Drama zu erzeugen. Das bedeutet, den Zuschauer in die Geschichte hineinzunehmen, ohne dass er die technischen Elemente — Kameraarbeit, schauspielerisches Können — bemerkt. Wenn jemand zu mir sagt: "Der Schauspieler war sehr gut", dann habe ich meine Arbeit nicht richtig getan. Es geht darum, dass er den Charakter, die Figur sieht, und nicht den Schauspieler! Der Zuschauer soll auch durch eine klare Plotstruktur, durch den Spannungsbogen, emotional berührt werden. Wir erzählen seit zweitausend Jahren Geschichten. Die Griechen wussten sehr gut, dass ein Drama entwickelt werden muss — ohne Drama kein Film.

Wie setzen Sie das konkret um?

Ich bereite jede Einstellung vor. Manchmal führe ich die Kamera selbst. Ich stelle mich sehr intuitiv auf die jeweilige Situation ein, etwa auf einen Dialog. Dennoch achte ich sehr auf eine klare Inszenierung, auf die Auflösung des Bildes. Ich arbeite nicht mit Handkamera, um eine Szene schnell aufzunehmen. Mir ist es sehr wichtig, den Schauspielern nahe zu sein, und nicht nur vom Regiestuhl aus Anweisungen zu geben. Regieführen bedeutet für mich, dem Publikum ein Geschenk zu machen. Wenn das Publikum den Prozess, die technischen Aspekte des Filmemachens mitbekommen würde, wäre es so, als würde ich ein Geschenk mit Preisschild überreichen.

Die Geschichte eines jungen Mannes, der seinen Vater nie kennengelernt hat, und sich auf die Suche nach seinen Wurzeln macht, ist nicht neu. Das Besondere an Ihrem Film besteht jedoch in einer bestimmten Drehbuchwendung, die dem Film eine besondere Tiefe verleiht. Wie kamen Sie darauf?

Es gibt viele Arten, eine Geschichte zu erzählen. Es kommt auf den Blickwinkel an. Die zwei Brüder, die Mathieu in Kanada kennenlernt, haben im Film eine "Köder"-Funktion. Andererseits spielt im Film die Harmonie in der Familie eine wichtige Rolle, so etwa in der Piano-Szene. Mathieu spricht dabei nicht, aber der Zuschauer kann regelrecht hören, was er denkt. Denn hier erlebt er eine harmonische Familie. Die Schauspieler sind dabei sehr wichtig. Als ich Gabriel Arcand erstmals traf, fragte ich ihn, ob er Klavier spielt. Er sagte: "Als ich anfing, Klavier zu spielen, war ich sechs Jahre alt, aber mit neun habe ich aufgehört. Nun bin ich 65." Um sich auf den Film vorzubereiten, hat er viele Stunden geübt, damit er diese Passage selbst spielen kann. Mir war es sehr wichtig, dass er selbst und nicht etwa ein Profi spielt, dass wir den Ton live aufnehmen konnten. Denn auf diese Weise hat das Spiel des Großvaters mit den Enkelinnen eine große emotionale Kraft.

Sie legen also viel Wert auf Authentizität ...

Wenn ein Detail nicht funktioniert, dann funktioniert der ganze Rest auch nicht.

Im Film spielt eine entscheidende Rolle das Bild, das Mathieu von seinem Vater geerbt hat. Warum ein Gemälde?

Es ist eigentlich eine kleine Idee, die aber fast wie eine Geschichte in der Geschichte wirkt. Für Mathieu hat das Bild zunächst einmal keinen ideellen Wert. Es geht ihm nur um das Geld, das ihm das Bild einbringen kann. Ich bin hier ähnlich vorgegangen wie der große Dichter und Chansonnier Georges Brassens, der über Jahre hinweg kleine Veränderungen an seinen Chansons vornahm. Bei mir ist es auch so, dass ich Jahre brauche, um auf solche Ideen zu kommen.

Wie haben Sie gerade dieses Gemälde ausgesucht?

Ich fand es im Internet. Als ich es sah, dachte ich: Das ist es. Es ist nicht signiert, sondern von einem unbekannten Maler. Ich habe die Besitzerin ausfindig gemacht, und bat sie, eine Kopie davon anfertigen lassen zu dürfen. Aber der Kopist hat keine gute Arbeit geleistet. Ich war ziemlich enttäuscht. Mein Ausstattungsleiter, der ein guter Maler ist, bot sich an, eine neue Kopie des Bildes zu machen. Es sollte ja in Öl ausgefertigt werden — denn die Details sind wichtig. Es musste so schnell gehen, weil wir tags darauf nach Montreal zu den Dreharbeiten fliegen mussten. Die Farben waren noch nicht richtig trocken ...

Gibt es einen bestimmten Grund, warum der Franzose Mathieu seine Wurzeln in Kanada sucht?

Zunächst einmal: Das ist schon so im Roman von Jean-Paul Dubois angelegt. Dazu kam, dass ich als Kind in Kanada gewesen bin. Damals habe ich schon gespürt, dass das Land einen eigenen Charakter hat. Das liegt daran, dass der Anteil an Wäldern größer ist als in jedem anderen Land. Für den Film war die Heldenreise wichtig: Ein Mann, der Frankreich verlässt, und 6 000 Kilometer zurücklegt, um seine Wurzeln zu suchen.
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