FLÜGEL DER MENSCHEN, DIE | Centaur
Filmische Qualität:   
Regie: Aktan Arym Kubat
Darsteller: Nuraly Tursunkojoev, Zarema Asanalieva, Aktan Arym Kubat, Taalaikan Abazova, Ilim Kalmuratov, Bolot Tentimyshov, Maksat Mamyrkanov
Land, Jahr: Kirgistan, Niederlande, Deutschland, Frankreich, Japan 2017
Laufzeit: 89 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 12/2017
Auf DVD: 7/2018


José García
Foto: Neue Visionen

"Pferde sind die Flügel der Menschen", lautet ein kirgisisches Sprichwort ? so eine Schrifttafel zu Beginn des Filmes "Die Flügel der Menschen" von Aktan Arym Kubat, der bei der Berlinale 2017 in der Sektion Panorama Premiere feierte. Mit einem Pferdediebstahl beginnt der Film, der im Original "Zentaur" heißt. Denn im Alatau-Gebirge, an der Grenze zwischen Kirgistan und Kasachstan geht ein Pferdedieb um. Doch Zentaur (Aktan Arym Kubat selbst) geht es nicht um Geld. Nomen est omen: Ihm geht es um die Verbindung von Mensch und Pferd. Zentaur lebt mit seiner jungen, taubstummen Frau Maripa (Zarema Asanalieva) und dem fünfjährigen Sohn Nuberdi (Nuraly Tursunkojoev), der noch kein einziges Wort gesprochen hat, in einem kleinen Dorf. Zentaur stiehlt Pferde, um sie in die Freiheit zu entlassen. Natürlich weiß er, dass die Pferdebesitzer sie unweigerlich wieder aufgreifen.

Zentaur betrieb früher ein kleines Kino im Dorf, das eine Art Fenster zur Welt darstellte, in dem sogar Bollywood-Filme Platz fanden. Aber das Kino wurde von Islam-Missionaren geschlossen. Heute dient es als Moschee. Der nun arbeitslose, etwa 60-jährige Mann findet keine Ruhe. Deshalb schleicht er sich nachts in die Rennställe der Oligarchen ein. Wenn er dann den edlen Pferden die Freiheit schenkt, weiß Zentaur, dass dies nur von kurzer Dauer sein wird. Ihm geht es jedoch um einen symbolischen Akt, der auf die Tradition verweist. Eine Tradition, die mit dem ehemaligen Nomadenleben der Kirgisen zusammenhängt, als sie durch die Weiten der zentralasiatischen Steppe zogen. Ein Echo davon findet sich etwa im Mythos, den Zentaur seinem kleinen Sohn erzählt: Als einst der grausame Herrscher Merez Khan über die Kirgisen befahl, stieg der Herr der Pferde, Kambar Ata, in Gestalt eines Pferdes auf die Erde hinab, und befahl den Kriegern, den Menschen nichts Böses zu tun.

Die Zeiten des Nomadenlebens und der mythischen Verbindung von Mensch und Pferd sind nun lange vorbei: In der Sowjetunion wurden die Kirgisen gezwungenermaßen sesshaft. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts werden die edlen Tiere als Rennpferde eingesetzt, die deren Besitzern Ruhm und Geld einbringen. Der reichste Pferdebesitzer im Dorf ist gerade Zentaurs Bruder Karabay (Bolot Tentimyshov), der es im Gegensatz zum ehemaligen Kinobesitzer zu Geld und Geltung geschafft hat. Nach dem Motto "verhaften Sie die üblichen Verdächtigen" fordert Karabay die Polizei auf, ihm den in der Gegend bekannten Pferdedieb Sadyr (Ilim Kalmuratov) auszuliefern. Aber Sadyr fühlt sich in seiner Diebesehre gekränkt, und weist den Vorwurf von sich. Er bietet deshalb an, den wahren Dieb zu überführen.

In einer Nebenhandlung zeigen Regisseur Aktan Arym Kubat und sein Mit-Drehbuchautor Ernest Abdyjaparov Zentaurs Vorliebe für ein Getränk namens Maksym ... und für dessen Verkäuferin Sharapat (Taalaikan Abazova). Zentaur unterhält sich gerne mit der schönen Frau, die seit 25 Jahren verwitwet ist und auf dem Straßenmarkt-Stand ihr Getränk anbietet. Als er sie einmal nach Hause begleitet, und sie seine Freundlichkeit missdeutet, antwortet er ihr unmissverständlich: "Ich habe Frau und Kind zuhause". Dennoch reden die anderen Marktfrauen darüber, ja eine von ihnen verunsichert sogar Zentaurs Frau Maripa mit bösen Behauptungen.

Die Kamera von Khassan Kydyraliev fängt die raue, schöne Berglandschaft in klaren Bildern ein, die von "ethnischer" Musik untermalt werden. Dennoch wirken diese Landschaftsaufnahmen nie als kitschige Postkartenbilder. Sie sollen vielmehr die Ursprünglichkeit der natürlichen Umgebung verdeutlichen, in der die Kirgisen jahrhundertelang gelebt haben. Gerade von den Veränderungen der Lebensbedingungen handelt "Die Flügel der Menschen".

Aktan Arym Kubat tut dies aber nicht nach dem allzu bekannten Muster, das Tradition und Moderne gegeneinander ausspielt. Der kirgisische Regisseur geht subtiler vor. Statt eine verklärte Vergangenheit heraufzubeschwören, weist er auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Veränderungen hin. Ein gutes Beispiel ist der reiche Karabay, nach dessen Pfeife die Polizei tanzt. An ihn wenden sich etwa auch die Islam-Missionare, um Unterstützung für eine Pilgerfahrt nach Mekka zu erbitten. Karabays Antwort: Das tue er gerne, wenn das gestohlene Pferd wiedergefunden werde. Deshalb sollen sie dafür beten. Aktan Arym Kubat zeichnet jedoch den reichsten Mann des Dorfes nicht als herzlosen Kapitalisten. Selbst Karabay hat sich ein Gespür für die kirgisischen Traditionen bewahrt, auch wenn er nun eher auf Rennpferde setzt.

Unter den Veränderungen spielt offenbar auch die Religion eine wichtige Rolle. Die Ausbreitung des Islams führte dazu, dass Zentaur sein geliebtes Kino verlor, das in eine Moschee verwandelt wurde. Heute ziehen offensichtlich durch Kirgistan Missionare des Islams wie diejenigen, die Karabay um Geld für eine Pilgerfahrt bitten. Regisseur Kubat lässt allerdings dies genauso unkommentiert wie die eine Marienprozession mit einem Pope an der Spitze, die irgendwann einmal durch die Leinwand zieht. Der Fokus liegt vielmehr auf einem Mann, der trotz dieser Veränderungen noch die alten Traditionen und insbesondere die Verbindung von Mensch und Pferd am Leben zu erhalten versucht. Nebenbei liefert "Die Flügel der Menschen" eine Hommage ans Kino, die sich etwa in der Filmdose manifestiert, ohne die Zentaur niemals aus dem Haus geht.

Der Film vertritt Kirgistan offiziell im Rennen um den nicht-englischsprachigen Oscar.
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