SPIELWÜTIGEN, DIE | Die Spielwütigen
Filmische Qualität:   
Regie: Andres Veiel
Darsteller: Prodomos Antoniadis, Constanze Becker, Karina Plachetka, Stephanie Stremler
Land, Jahr: Deutschland 2004
Laufzeit: 108 Minuten
Genre: Dokumentation
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: S


JOSÉ GARCÍA
Foto: timebandits films

Der deutsche Dokumentarfilm erlebt zurzeit eine regelrechte Konjunktur. Auf der diesjährigen Berlinale 2004 waren es gar drei deutsche Dokumentationen, die auf sich aufmerksam machten und die, auch dies recht beachtlich, nach und nach den Weg ins reguläre Kinoprogramm finden: Stanislaw Muchas „Die Mitte“(siehe Filmarchiv), die Ende Mai anlief, „Rhythm is it!“, ein Dokumentarfilm über ein außergewöhnliches Tanzprojekt der Berliner Philharmoniker mit Berliner Jugendlichen, die Mitte September im Kino starten soll, sowie Andres Veiels „Die Spielwütigen“, die ab dieser Woche in den deutschen Lichttheatern gespielt wird.

Eine gehörige Portion „Spielwut“ besitzen schon Stephanie Stremler, Constanze Becker, Karina Plachetka und Prodomos Antoniadis, vier junge Leute, die in der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ ihren Traumberuf Schauspieler erlernen wollen. Sie gehören zu den jährlich knapp 30 Bewerbern unter mehr als 1000, welche die Aufnahmeprüfung schaffen. Dokumentarfilmer Andres Veiel hat sie von der Bewerbung im Jahre 1996 und der unmittelbaren Vorbereitung über Aufnahmeprüfung und Studienbeginn 1997, Studienabschluss 2001 bis zu den ersten Engagements 2003 insgesamt sieben Jahre lang begleitet.

Als im Januar 1997 Regisseur Veiel mit seinen Aufnahmen beginnt, bereiten sich die vier Protagonisten auf die Aufnahmeprüfung vor, indem sie ihre einstudierten Rollen zu Hause den Eltern vorspielen. Dadurch gestaltet sich der Weg an die Schauspiel-Hochschule, den die vier bald darauf einschlagen, auch als Abnabelung vom Elternhaus. Die sieben Jahre dauernde Langzeitdokumentation erlaubt, Entwicklungen nachzuzeichnen – was durchaus in der Absicht des Regisseurs lag: „Es zeichnete sich dann auch ein Älter-Werden in den Gesichtern ab. Das war ja das Ziel: ich wollte einen Film über das Erwachsenwerden machen“, erklärt Andres Veiel dazu.

Andres Veiel zeigt zwar die Formung der angehenden Schauspieler an der Hochschule während der Proben mit der barschen, manches Mal jedoch liebevollen Kritik der Dozenten. Dennoch ist „Die Spielwütigen“ keine Dokumentation über die Arbeitsmethoden einer Schauspielschule. Vieles muss hier offen bleiben, etwa ob Prodomos Antoniadis mit seiner Vermutung Recht behält, an der „Ernst Busch“ gehe es darum, mit ihren strengen Methoden die angehenden Schauspieler zunächst zu „brechen“, sie in bestimmte Typenrollen hineinzuzwängen.

Mit größter Nähe zu den Protagonisten zeigt vielmehr die Kamera ihre individuelle Entwicklung: Constanze empfiehlt sich für ernsthafte Rollen, Karina übt sich in körperbetontem Spiel, Prodomos erarbeitet sich doch noch ein Selbstbewusstsein, das ihn am Ende den Weg nach New York einschlagen lässt. Stephanie fällt aus dem Rahmen, nicht nur weil sie die Aufnahmeprüfung erst im zweiten Anlauf schafft, sondern auch weil sie in dieser Zeit ihren Ehemann kennenlernt. Durch die Heirat relativiert sie ihre Haltung zum Schauspielberuf. Bei allen vieren gilt aber: Sie erreichen etwas, weil sie sich die Spielwut, den unbedingten Willen zum Schauspielberuf bewahrt haben.

Das schier uferlose Filmmaterial, das in diesen sieben Jahren entstand, wurde einer Dramaturgie mit knapper Exposition und präzisem Schluss angepasst. Dies ist Veiel durch einen unaufdringlichen, aber wirkungsvollen Schnitt gelungen: dadurch schafft er nicht nur Emotionen, sondern auch eine Spannung, wie es in einem Spielfilm nicht größer sein konnte.
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