THE CROSSING | The Crossing
Filmische Qualität:   
Regie: (Autoren): Dan Dworkin, Jay Beattie
Darsteller: Steve Zahn, Natalie Martinez, Sandrine Holt, Rick Gomez, Jay Karnes, Marcuis Harris, Simone Kessel, Kelley Missal, Rob Campbell, Grant Harvey, Tommy Bastow
Land, Jahr: USA 2018
Laufzeit: 460 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: G
im Kino: 8/2018


José García
Foto: ABC Studios

Zeitreisen-Filme stellen nicht erst seit Robert Zemeckis´ "Zurück in die Zukunft" (1985) ein beliebtes Filmgenre dar. Wie in diesem Klassiker führt die Reise meistens in die Vergangenheit, um dort irgendetwas "zurechtzubiegen". Seltener sind die Science-Fiction-Filme, in denen Menschen aus der Zukunft in unsere Gegenwart kommen. Deshalb ist es schon interessant, dass die zwei bekanntesten Online-Plattformen "Netflix" und "Amazon" zur gleichen Zeit jeweils eine Serie mit gerade dieser Handlung eingestellt haben.

Wird in der kanadischen Netflix-Serie "Travelers" eine Gruppe von Menschen aus der Zukunft auf eine Reise mehrere Jahrhunderte in die Vergangenheit ins 21. Jahrhundert mit der Mission geschickt, die Menschheit vor unterschiedlichen Katastrophen zu bewahren, was freilich der Serie einen episodischen Charakter verleiht, so nimmt sich in der Amazon-Serie "The Crossing" die Handlung einheitlicher aus.

Die Autoren Dan Dworkin und Jay Beattie siedeln die vom amerikanischen Produktionsstudio ABC für Amazon entwickelte Serie "The Crossing" in der beschaulichen Kleinstadt Port Canaan an der Westküste der Vereinigten Staaten an. Dorthin hatte sich Sheriff Jude Ellis (Steve Zahn) nach einem einschneidenden Erlebnis versetzen lassen, um ein ruhiges Leben zu führen. Doch mit der Ruhe ist es vorbei, als urplötzlich Menschen am Strand angespült werden. Die meisten von ihnen sind tot, aber 47 Menschen haben überlebt.

Sie suchen politisches Asyl, kommen aber nicht aus einem fernen Land, sondern aus einer fernen Zukunft. Was sie berichten, hört sich zwar ziemlich unwahrscheinlich an, aber nach und nach stellt sich ihr Bericht als glaubhaft heraus: Sie haben eine Zeitmaschine entworfen, um aus dem Jahre 2194 in die Zeit des "langen Friedens" zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu reisen. Denn sie sind Opfer eines regelrechten Genozids geworden. Durch Genmanipulationen wurden zwar Krankheiten so gut wie ausgerottet, einige Menschen mutierten jedoch zu sogenannten "Apex", die nicht nur besondere Kräfte, sondern sich selbst zu einer neuen Spezies mit übermenschlichen Fähigkeiten entwickelten. 180 Jahre nach unserer Zeit ist es so weit, dass die Apex die Menschen nicht nur als unterentwickelte Spezies ansehen und versklaven, sondern sie auch vernichten wollen.

Die Flüchtlinge werden in ein Aufnahmelager gebracht, wo sie unter die Aufsicht von "Homeland Security" und das Kommando der Agentin Emma Ren (Sandrine Holt) gestellt werden. Bald erscheint allerdings ein weiterer Flüchtling, der sich nicht unter den 47 Geborgenen befand: Die junge Frau heißt Reece (Natalie Martinez) und sucht nach ihrer kleinen Tochter Leah (Bailey Skodje). Sheriff Ellis stellt schnell fest, dass Reece anders als die anderen Flüchtlinge ist. Denn sie verfügt über übermenschliche Kräfte — Reece hat offensichtlich als einzige Apex den Sprung durch die Zeit geschafft. Ihr einziges Ziel ist es jedoch, ihre Tochter Leah aus dem Flüchtlingscamp herauszuholen. Denn die Kleine braucht sie: Leah leidet unter einer mysteriösen Krankheit, gegen die die Ärzte aus dem beginnenden 21. Jahrhundert kein Heilmittel kennen.

Dieses immer wiederkehrende Sujet "Mutter sucht Tochter" verbindet "The Crossing" mit dem Science-Fiction-Plot "Zeitreise". Mag auch dieser nicht ganz originell sein, so nimmt sich die Verknüpfung dieser Handlungsstränge mit dem Thema Transhumanismus als das Besondere an der Serie aus. Obwohl im Mittelpunkt der Handlung Sheriff Jude Ellis steht, stellt sich gerade Reece als die interessanteste Figur heraus. Die amerikanische Schauspielerin mit kubanischen Wurzeln Natalie Martinez verkörpert sie mit großer physischer Präsenz — sie stellt die "übermenschlichen Fähigkeiten" der Apex-Frau glaubwürdig dar. Mit der unbedingten Liebe zu Leah verleiht sie Reece ebenso einen menschlichen Charakterzug, an den es den Apex eigentlich mangeln sollte.

Dass das beginnende 21. Jahrhundert aus der Sicht des ausgehenden 22. Jahrhunderts als die Zeit des "langen Friedens" angesehen wird, stellt nicht den einzigen Grund dar, warum die bedrohten Menschen aus der Zukunft ausgerechnet unsere Zeit als Ziel ihrer Zeitreise ausgesucht haben. Bald erfährt der Zuschauer auch, dass bereits zehn Jahre zuvor eine erste "Migration" stattfand. Sie haben inzwischen teilweise hohe Ämter inne — so ist etwa das ranghohe Mitglied der Homeland Security Craig Lindauer (Jay Karnes) ein ehemaliger Flüchtling aus der Zukunft. Sie reisten in unsere Zeit, um den Anfängen in der Gentechnik zu wehren, die schließlich zu den Apex führten.

Damit steht "The Crossing" in der Tradition der Filme von "Gattaca" (Andrew Niccol, 1997) bis zur Netflix-Serie "Altered Carbon", die vor den Auswirkungen des Transhumanismus warnen. Solche Spielfilme greifen heutige Entwicklungen auf, die sie dann auf fiktionale Art und Weise weiterdenken. Sie scheinen eine Antwort auf die Schriften etwa eines Bill Joy zu sein, der bereits im Jahre 2000 in seinem vielbeachteten Essay "Warum die Zukunft uns nicht braucht" vor der Büchse der Pandora warnte, die unter anderem mit der Gentechnik geöffnet werde, womit die apokalyptische Selbstauslösung der Gattung Mensch heraufbeschwört wird.

"The Crossing", Autoren: Dan Dworkin, Jay Beattie, 11 Folgen, jeweils ca. 42 Minuten, auf Amazon.
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