GUNDERMANN | Gundermann
Filmische Qualität:   
Regie: Andreas Dresen
Darsteller: Alexander Scheer, Anna Unterberger, Axel Prahl, Thorsten Merten, Eva Weißenborn, Benjamin Kramme, Kathrin Angerer, Milan Peschel, Bjarne Mädel
Land, Jahr: Deutschland 2018
Laufzeit: 128 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 8/2018


José Garcia
Foto: Peter Hartwig/Pandora Film

Gerhard "Gundi" Gundermann (1955—1998) wurde vor und nach der Wende zu einem Idol für DDR-Bürger, die in dem Liedermacher und Baggerfahrer einen der Ihren sahen. Geboren wurde "Gundi" 1955 in Weimar. Aufgewachsen ist er aber in Hoyerswerda. Dort, mitten im Kohlerevier zwischen Dresden und Cottbus, arbeitete er in der Lausitzer Braunkohle, nachdem er aus der Offiziershochschule Löbau exmatrikuliert wurde. Gundermann, dessen Lieder manche mit denen eines Reinhard May vergleichen, begann als Texter und Schlagzeuger der Band "Brigade Feuerstein". Nach deren Ablösung folgten ab 1986 erste Soloauftritte. In der Wendezeit betätigte er sich politisch, und er schrieb Texte für die wohl bekannteste ostdeutsche Band "Silly" (mit der Schauspielerin Anna Loos als Frontfrau). "Gundi" gründete 1992 seine eigene Band mit dem bewusst provokanten Namen "Seilschaft". Mit der Tournee 1992 erreichte Gundermann erstmals eine größere Öffentlichkeit.

Genau hier setzt der Spielfilm "Gundermann" von Andreas Dresen ein: Gerhard Gundermann (Alexander Scheer) sucht Musiker für eine neue Band, mit der er auf Tournee gehen will. Der 37-Jährige arbeitet immer noch hauptberuflich als Baggerführer in seiner Heimatstadt Hoyerswerda. Denn der Mann mit dem Pferdeschwanz und der großen Brille, die er immer wieder zurechtrückt, möchte von der Musikindustrie unabhängig bleiben. In dieser Zeit wird "Gundi" freilich von der Vergangenheit eingeholt. Denn als der Puppenspieler (Thorsten Merten) seine eigene Stasiakte zu sehen bekommt, ist er sich sicher: Der Informant kann nur Gundermann sein. Gundi selbst begibt sich zur Gauck-Behörde, um seine Opferakte einzusehen. Doch diese ist nicht auffindbar.

Er fragt deshalb nach seiner "Täterakte", aber dies ist im System nicht vorgesehen. Gundermann möchte sich einfach Klarheit über das Ausmaß seiner Stasimitarbeit verschaffen. Zunächst versucht er sich damit zu rechtfertigen, er habe nichts Wesentliches verraten. Nach und nach kommt jedoch zum Vorschein, wie viel er der Stasi wirklich erzählt hat. Der Spielfilm "Gundermann" von Drehbuchautorin Laila Stieler und Regisseur Andreas Dresen spielt allerdings noch auf einer weiteren Zeitebene Mitte der 1970er Jahre, als Gundi gerade im Tagebau anfängt, erst noch den Baggerführerschein machen muss, und von der mütterlichen Freundin Helga (Eva Weißenborn) in die Arbeit eingeführt wird. Parallel dazu tritt er mit der Band "Brigade Feuerstein" auf, zu der auch seine Jugendliebe Conny (Anna Unterberger) gehört. Sie ist allerdings mit einem anderen Mann verheiratet.

Das sind die zwei Hauptpunkte im Film, zu denen Drehbuchautorin Laila Stieler ausführt: "Einerseits Gundermanns Werben um Conny, das letztlich in ihre Beziehung führt. Also eine Liebesgeschichte mit Auf und Ab. Das ging über sechs Jahre. Der zweite wichtige Strang war Gundermanns Mitarbeit im Staatssicherheitssystem und die Konfrontation damit in den Neunzigern. Da gibt es klare Daten, die am Ende stimmen müssen. Der Weg dorthin aber, die Etappen, das Wie der inneren Auseinandersetzungen und Identitätssuche, all das gab mir den Weg zum Erfinden frei." Damit beschreibt Stieler das Verhältnis zwischen Realitätswiedergabe und künstlerischer Freiheit in einem Spielfilm über eine realexistierende Person. Regisseur Andreas Dresen nennt den Gundermann in seinem Spielfilm denn auch "eine Kunstfigur", denn "ein Spielfilm muss sich Fiktionalisierung, Komprimierung und Verschiebung erlauben."

Bei Alexander Scheer verblüfft nicht nur die Ähnlichkeit mit Gerhard Gundermann. Der Charakterdarsteller überzeugt besonders deshalb, weil er einen Gundi verkörpert, der offensichtlich selbst kaum glauben mag, wie viel er der Stasi wirklich über seine Kollegen und Freunde verraten hat. Dabei war der baggerfahrende Liedermacher zwar ein unangepasster, wohl aber ein überzeugter Sozialist, der an das System glaubte. Einmal zitiert der Film Gundermanns Bagger-Tagebücher: "Ich gehöre zu den Verlierern. Ich habe aufs richtige Pferd gesetzt, aber es hat nicht gewonnen."

Es sind diese Ambivalenzen in der Person Gundermanns, die den Film sehenswert machen: "Er konnte schon eine ziemliche Nervensäge sein, glaube ich, war ein liebenswerter, aber eben auch fordernder und anstrengender Charakter", sagt Dresen über ihn. Jemand, der es beispielsweise schafft, seinem besten Freund die Frau auszuspannen, und dennoch mit ihm befreundet zu bleiben.

An "Gundermann" besticht vor allem eine Darstellung der DDR, die von einer verharmlosenden Ostalgie genauso entfernt ist wie von einer verurteilenden Sicht der Menschen, die im System "mitgemacht" haben. Eine wichtige Rolle in dieser Schilderung mit Ambivalenzen und Grautönen spielt die Tatsache, dass sowohl die 1965 geborene Drehbuchautorin Laila Stieler als auch Regisseur Andreas Dresen, Jahrgang 1963, aus Thüringen stammen und in der DDR sozialisiert wurden. Eine der Stärken von "Gundermann" ist, dass die Filmemacher keine einfachen Antworten liefern wollen, sondern dem Zuschauer das Urteil überlassen, etwa wenn Gundi seine Reue in den Worten ausdrückt: "Den Verrat an mir selber kann ich mir nicht verzeihen". Gerhard Gundermann starb 1998 plötzlich an einem Hirnschlag. Er wurde 43 Jahre alt. Vielleicht kam der Tod für ihn nicht unerwartet — vom Tod hat Gundi oft gesungen.
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