ROMA | Roma
Filmische Qualität:   
Regie: Alfonso Cuarón
Darsteller: Yalitza Aparicio, Marina de Tavira, Marco Graf, Diego Cortina Autrey, Carlos Peralta, Daniela Demesa, Nancy García García, Verónica García, Jorge Antonio Guerrero
Land, Jahr: Mexiko, USA 2018
Laufzeit: 135 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: S
im Kino: 1/2019


José Garcia
Foto: Netflix

Für Libo" heißt es am Ende des neuen Spielfilms von Alfonso Cuarón "Roma", der als erste Netflix-Eigenproduktion bei einem der großen internationalen Filmfestivals den Hauptpreis gewann: "Roma" wurde mit dem Goldenen Löwen der 75. Mostra Internazionale Venedig 2018 ausgezeichnet. Hinter "Libo" steckt Liboria Rodríguez, die Kinderfrau des Regisseurs: "Sie war wie eine Mutter für mich und meine Geschwister", so Cuarón selbst.

In "Roma" heißt sie Cleo (Yalitza Aparicio). Zusammen mit der ebenfalls indigenen Adela (Nancy García García) arbeitet Cleo im Jahre 1970 in einem gutbürgerlichen Haus im Stadtviertel Roma - daher der Filmtitel - der mexikanischen Hauptstadt als Hausangestellte von Sofía (Marina de Tavira) und ihrem Mann Dr. Antonio (Fernando Gradiaga). Über die häuslichen Beschäftigungen hinaus, wovon bereits eine erste Plansequenz mit langen Einstellungen und langsamen Kamerafahrten Zeugnis gibt, kümmert sich die aus der Ethnie der Mixteken stammende Cleo liebevoll um die vier Kinder der Familie.

Alfonso Cuarón, der in Hollywood insbesondere mit der Science-Fiction-Allegorie Children of Men und dem Weltraum-Erlösungsdrama "Gravity" (2013, mit Sandra Bullock und George Clooney) zu einem gefeierten Filmregisseur avancierte, kehrt mit "Roma" in sein Geburtsland, in das Stadtviertel, in dem er aufwuchs, ja zu seiner Kindheit zurück. Im Mittelpunkt von "Roma" steht zwar Cleo, der Alfonso Cuarón ein filmisches Denkmal setzt. Im Unterschied jedoch zu etwa dem chilenischen Film La Nana - Die Perle, der sich auf die ambivalente Stellung der Hausangestellten in der Familie - zwar Vertrauensperson sein, aber eigentlich nie zur Familie gehören - konzentriert, geht "Roma" einen entscheidenden Schritt weiter: Hier nähert er sich seiner eigenen Kindheit beziehungsweise "der" Kindheit überhaupt an, indem er dem Zuschauer seine Erinnerungen an sie weitergibt. Dazu führt Cuarón selbst aus: "Es ist das erste Mal, dass ich ein Drehbuch ohne präzise Struktur geschrieben habe. Ich habe einfach meinen Gedanken und Erinnerungen freien Lauf gelassen, ohne sie zu hinterfragen. Und dann habe ich diese niedergeschriebenen Rückblicke und Reflektionen gedreht." Deshalb erweckt "Roma" den Eindruck, dass im Film nicht viel passiert, obwohl dies keineswegs stimmt. Im Laufe der Handlung geschehen sehr wohl einschneidende Erlebnisse sowohl für Cleo als auch für Sofia, und dies alles auf dem Hintergrund von politisch bedeutsamen Ereignissen: In einer langen Sequenz erzählt "Roma" von den Studentenunruhen, die in eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und Polizei mündeten, und die als "Corpus-Christi-Massaker" in die mexikanische Geschichte eingingen.

Obwohl nicht nur dies, sondern ebenfalls weitere wichtige Erlebnisse der Familie außerhalb des Familienhauses stattfinden, spielt sich "Roma" größtenteils innerhalb des Hauses ab. Zwar erzählt Alfonso Cuarón nicht ausdrücklich von sich selbst. Denn der Film wechselt die Perspektive von Cleos Standpunkt zu der objektiven Kamera hin und her. Dennoch: "Roma" spiegelt durch die meisterhafte Kameraführung - diesmal führt die Kamera nicht wie sonst in seinen Filmen Emmanuel "Chivo" Lubezki, sondern er selbst zusammen mit Galo Olivares -, bei der etliche Einstellungen Gemälden ähneln und die Plansequenzen zusammen mit dem expressiven Schwarzweiß erzählerischen Charakter entwickeln, durch das langsame Tempo und den damit verbundenen Minimalismus den Alltag, das Tempo der Kindheit, wider.

Zur Kindheit gehören aber auch kleine und große Dramen - "Roma" erzählt ebenfalls davon. Die sich abspielenden Familiendramen hängen insbesondere mit der Einsamkeit der Frauen zusammen. "Wir sind allein. Wir Frauen sind immer allein", sagt etwa Sofía zu Cleo in einem bestimmten Augenblick. Dennoch: Es sind gerade die Frauen, Sofía, Cleo, aber auch die ebenfalls bei der Familie lebende Oma, die die Familie zusammenhalten, die die Kindheit der vier Geschwister formen. Denn in "Roma" sind die Männer abwesend beziehungsweise sie stehlen sich davon, entziehen sich ihrer Verantwortung. Es sind die Frauen, die Wunden heilen, Leben retten, Kinder trösten. Cuarón zeichnet die Frauen mit offensichtlicher Empathie, im Gegensatz zu den wichtigsten männlichen Figuren. Marina de Tavira und insbesondere auch Yalitza Aparicio gestalten Sofia beziehungsweise Cleo als liebenswürdige und Liebe und Zuneigung verströmende Frauen, die deshalb über alle gesellschaftlichen Unterschiede hinweg zusammenhalten, und die vor allem allen Schwierigkeiten und allen Dramen zum Trotz Hoffnung vermitteln. Alfonso Cuarón fasst diese Empfindungen zusammen: "Die menschliche Existenz basiert auf Einsamkeit. Im Grunde sind wir alle allein, doch was uns Bedeutung im Leben verleiht, ist die Liebe und Zuneigung zu anderen. Diese besondere Verbindung zwischen Menschen wollte ich ehren."

"Roma" gewann kürzlich den "Golden Globe" als bester nichtenglischsprachiger Film. Er wird ebenfalls als heißer Oscar-Kandidat gehandelt, nicht nur in dieser Kategorie, sondern auch in der Königskategorie "Bester Film".

"Roma". Regie: Alfonso Cuarón. Mexiko-USA 2018, 135 Min. Auf Netflix (Spanisch und Mixtekisch mit deutschen UT).
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