ATLAS | Atlas
Filmische Qualität:   
Regie: David Nawrath
Darsteller: Rainer Bock, Jan Albrecht Schuch, Thorsten Merten, Uwe Preuss, Roman Kanonik, Nina Gummich
Land, Jahr: Deutschland 2019
Laufzeit: 100 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: G
im Kino: 4/2019


José Garcia
Foto: 23/5 Film, Tobias von dem Borne

Der sechzigjährige Walter (Rainer Bock) arbeitet als Möbelpacker bei der Spedition von Roland Grone (Uwe Preuss), die sich auf Zwangsräumungen spezialisiert hat. Walter scheint aber völlig gleichgültig zu sein gegenüber dem Leid der Menschen, in deren Privatsphäre er täglich eindringen muss. Zusammen mit den zwielichtigen Familienclan der Afsaris und mit Hilfe des Gerichtsvollziehers Alfred (Thorsten Merten) kauft Grone dann billig Häuser, entmietet sie, um sie anschließend für ein Vielfaches wieder zu verkaufen.

Damit verhilft er den Afsaris, zu denen auch der neue Kollege Moussa (Roman Kanonik) gehört, zur Geldwäsche. Allerdings weigert sich ein letzter Mieter auszuziehen. In dem jungen Mann (Albrecht Schuch) glaubt Walter seinen Sohn Jan wiederzuerkennen, den er seit dreißig Jahren nicht mehr gesehen hat. Damals hatte er das Besuchsverbot überschritten und zwei Polizisten krankenhausreif geschlagen, weswegen er ins Gefängnis wanderte.

Walter offenbart sich Jan nicht, aber er nähert sich ihm und dessen Familie (Nina Gummich, Johannes Gevers) behutsam an. Als Walter klar wird, dass die Männer, auf die sich Grone eingelassen hat, nicht vor Gewalt zurückschrecken, gerät der 60-Jährige zunehmend unter Druck. Für das Drehbuch von "Atlas" gewannen Regisseur David Nawrath und sein Mit-Autor Paul Salisbury 2015 den Emder Drehbuchpreis. Hauptdarsteller Rainer Bock, der bislang ganz andere, eher "intellektuelle" Rollen gespielt hat, musste sich nicht nur lange ziemliche Muskeln antrainieren. Darüber hinaus schafft er es, die Körpersprache eines Einzelgängers glaubwürdig darzustellen. In seinem Spielfilmdebüt überzeugt David Nawrath, indem er eine ganz besondere Atmosphäre schafft.

"Dabei wirken die Menschen, Situationen und Dialoge nie gekünstelt oder inszeniert, immer herrscht der Eindruck, hier habe man ein Stück Wirklichkeit eingefangen und in starken Bildern auf die Leinwand gebannt", stellt die Deutsche Film- und Medienbewertung bei der Verleihung des Prädikats "besonders wertvoll" fest. Dem Film gelingt es, trotz der Schwere des Themas den Zuschauer nicht ohne Hoffnung zu entlassen.


Interview mit Regisseur David Nawrath und Hauptdarsteller Rainer Bock

Herr Nawrath, woher kam Ihnen die Idee für "Atlas" und wie haben Sie die Handlung entwickelt?

David Nawrath: Zu Beginn gab es einen Mann in diesem Alter, der an seine physischen Grenzen kommt. Die Physis ist unglaublich wichtig, wenn der Broterwerb darauf angewiesen ist, wie etwa eben beim Möbelpacker. Mich haben Vater-Sohn-Geschichten immer sehr interessiert. Vater-Kind-Bindungen sind nicht immer, aber oftmals an Bedingungen geknüpft. Anders als Mutter-Kind-Bindungen. Das macht sie so fragil und zeitgleich so stark. Was passiert, wenn man diese Bindung auf eine Zerreißprobe stellt? Was ist, wenn dreißig Jahre dazwischen liegen, in denen man sich nicht kennengelernt hat, wo keine Bindung entstehen konnte? Gibt es da noch so etwas wie eine Bindung? Das ist etwas sehr Zentrales in "Atlas".

Herr Bock, was hat Sie an der Rolle gereizt?

Rainer Bock: Als Vater eines Sohnes hat mich einmal die Vater-Sohn-Geschichte gereizt. Mich hat die Schuldfrage gereizt, die man ein Leben lang mit sich herumträgt. Walter bekommt noch einmal die Gelegenheit zu sagen: "Nein, ich habe mich dreißig Jahre aus allem herausgehalten." Das wäre der nächste Aspekt, so etwas wie Zivilcourage. Zivilcourage ist dann erst Zivilcourage, wenn sie einen etwas kostet. Wenn es sein kann, dass es für einen selbst nachträglich ausgeht. Das nimmt er Stück für Stück zunächst einmal, aber dann immer mehr, in Kauf.

Ist Walter ein einsamer Wolf ? auch wider Willen?

Rainer Bock: Eigentlich nicht. Er hat einmal in seinem Leben die Kontrolle verloren, als er zwei Polizisten krankenhausreif geschlagen hat. Dann kam der Speditionsbesitzer, der ihm neue Papiere und eine neue Identität verschafft hat. So hat er die letzten dreißig Jahre gelebt, zurückgezogen. Es gibt auch keinen Hinweis zu einer Beziehung, zu einer Frau. Er lebt in diesem winzigen Kosmos seiner selbstgewählten Isolation.

David Nawrath: Für mich ist Walter wie ein Meteorit, der völlig berührungslos und unsichtbar durch das Weltall fliegt ? mit niemandem in Kontakt kommt und nicht gesehen wird. Aber irgendwann einmal kommt der Zeitpunkt, an dem der Meteorit in die Atmosphäre eintaucht und anfängt zu glühen, weil der Druck einfach zu groß wird. In genau dieser Phase tauchen wir in Walters Leben ein.

Was macht in Walter, seinen Sohn nach so langer Zeit wiederzusehen?

Rainer Bock: Er sieht, dass da ein Leben ? immerhin mit seinen Genen ? geführt wird. Wir wissen nichts über die Vorgeschichte, warum Walter damals Besuchsverbot bei seinem Sohn hatte. Aber dass er darunter gelitten hat, das wissen wir. Er hat auf irgendeine Art diesem Leben nachgetrauert. Zu wissen, dass nun aufgrund der Situation dieses kleine Glück wieder einmal gefährdet ist, gar nicht durch eigene Schuld, sondern durch eine ganz starke Haltung, sich dann zu entscheiden, es zu schützen oder sich aus dem Staub zu machen ? das macht die Figur so stark, finde ich.

David Nawrath: Wenn man dreißig Jahre lang so gelebt, eigentlich an seinem Leben vorbeigelebt hat, dann kommt die Frage: "Bringt es überhaupt noch etwas, etwas daran zu ändern?" Es ist nie zu spät ? das ist nicht nur eine Floskel. Ich glaube fest daran, dass es nie zu spät ist.

Spielt dabei der Gedanke der Wiedergutmachung eine Rolle?

David Nawrath: Das war ein starkes Element. Mich haben immer Filme berührt, in denen schuldbeladene Figuren agieren. Und bei denen man nachfühlen kann, was passiert, wenn sich deren Schuld entlädt. Aber, was "Atlas" angeht, weiß ich nicht, ob man nur von Schuld reden kann. Ich glaube, es ist auch Scham. Die Scham ist ein Riesenproblem in zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie hat eine solche Macht und Kraft und kann zwischen Menschen scheinbar unüberwindbare Grenzen entstehen lassen. Uns hat es fasziniert, dieses an einer Figur Schritt für Schritt zu durchlaufen, zu schauen, wie weit die Scham jemanden bringen kann, oder nicht bringen kann. Die Frage, die sich dabei immer stellt, ist: Kann er sich noch seine Würde bewahren?

Rainer Bock: Auch die Wiederentdeckung seiner eigenen Empathie spielt eine Rolle. Walter hat keine Freunde ? die Beziehung zum Gerichtsvollzieher ist eine ziemlich verkrampfte Männerfreundschaft. Auch seine Wohnung zeugt nicht gerade von Liebe zu den Dingen und vielleicht zu sich selbst. Als er seinen Sohn sieht, entscheidet er sich nicht rational, sondern emotional. In dieser Hinsicht ist das Drehbuch sehr klug aufgebaut. Er agiert nicht sofort, er macht alles Stück für Stück. Das hat mit der Entwicklung der Figur, mit dem eigenen Erkenntniswachstum zu tun.

Durch seinen Sohn entdeckt Walter auch einen Sinn, warum er lebt ...

David Nawrath: Als ich selber Vater wurde, habe ich zu beschreiben versucht, was sich grundsätzlich für mich verändert hat. Man könnte es in einem Satz vielleicht so sagen: Das Zentrum der Welt ist von mir auf einen anderen Menschen übergegangen: Auf mein Kind. Ein starkes Gefühl. Und wenn man sich so verloren fühlt, wie Walter es in "Atlas" ist, kann dieses Gefühl auch die Welt neu ordnen.
Diese Seite ausdrucken | Seite an einen Freund mailen | Newsletter abonnieren