LEID UND HERRLICHKEIT | Dolor y gloria
Filmische Qualität:   
Regie: Pedro Almodóvar
Darsteller: Antonio Banderas, Asier Etxeandia, Leonardo Sbaraglia, Nora Navas, Julieta Serrano, César Vicente, Asier Flores, Penélope Cruz, Cecilia Roth, Susi Sánchez, Raúl Arévalo, Pedro Casablanc, Julián López, Rosalía
Land, Jahr: Spanien 2019
Laufzeit: 113 Minuten
Genre:
Publikum: Erwachsene
Einschränkungen: X
im Kino: 7/2019


José Garcia
Foto: Studiocanal

Einige Monate vor seinem 70. Geburtstag am 25. September stellte Pedro Almodóvar auf dem Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2019 seinen 22. Langspielfilm vor, der offensichtlich etliche autobiographische Elemente enthält. "Leid und Herrlichkeit" ("Dolor y gloria") liest sich in seiner Autofiktion als eine Art filmische Memoiren des Regisseurs, den die Leit-Online-Filmdatendank "IMDb" als "den international am meisten gefeierten spanischen Filmemacher seit Luis Buñuel" bezeichnet.

"Leid und Herrlichkeit" handelt von einem alternden Filmregisseur, der unter großen physischen, aber auch psychischen Schmerzen leidet. Die mithilfe einer Infografie von einer Off-Stimme erklärten Rücken- und sonstige Schmerzen und Beschwerden sind wohl der Grund, warum Salvador Mallo (Antonio Banderas) seit mehr als dreißig Jahren keinen Film mehr gedreht hat — ein bedeutsamer Unterschied zu Pedro Almodóvar selbst, der gerade in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre international bekannt wurde, und seitdem mehr als 15 Spielfilme drehte. Salvador hat sich immer mehr zurückgezogen und lebt in einer Madrider Wohnung, die immer mehr einem Museum ähnelt. "Hier ist alles seltsam", sagt die Zugehfrau des Regisseurs einmal.

Die Handlung wird vorangetrieben, als eine Kinemathek die Vorführung einer restaurierten Fassung seines Filmes "Sabor" ("Geschmack") ankündigt, mit dem Salvador Mitte der achtziger Jahre große Erfolge feierte. Natürlich möchte die Kinemathek den Regisseur und den Hauptdarsteller zu einer Runde Publikumsfragen nach der Vorführung einladen. Deshalb macht sich Salvador Mallo auf, den damaligen Hauptdarsteller aufzusuchen, dessen Adresse er von einer alten Bekannten (Cecilia Roth) bekommt, der er zufällig begegnet. Denn mit Alberto (Asier Etxeandia) hat der Regisseur seit mehr als 30 Jahren kein einziges Wort gesprochen, nachdem sich die beiden bei den Dreharbeiten überwarfen — ein autobiographischer Zug, zerstritt sich Almodóvar bei den Dreharbeiten von "Das Gesetz der Begierde" (1987) mit dessen Hauptdarsteller Eusebio Poncela.

Bei Alberto probiert der Regisseur erstmals in seinem Leben Rauschgift, das nicht nur seine Schmerzen lindert, sondern auch seine Kindheit Revue passieren lässt, als Salvador (nun von Asier Flores dargestellt) in den 1960er Jahren zusammen mit seiner geliebten Mutter Jacinta (Penelope Cruz) in ein anderes Dorf namens Paterna auswanderte. Dort lebten die Eltern mit Salvador in einer Höhle, die aber Jacinta wohnlich einrichten konnte. Dort erlebte Salvador auch sein erstes (homo-)sexuelles Begehren. In Paterna näht Jacinta für die fromme Frau des Dorfes (Susi Sánchez), die sich in den Kopf setzt, dass Salvador in das Kleine Priesterseminar einziehen soll.

"Leid und Herrlichkeit" wechselt immer wieder zwischen den beiden Zeitebenen, der Kindheit von Salvador Mallo und der heutigen Zeit. Interessanterweise wird zwar an die 1980er erinnert ("Madrid gehörte uns"), als sowohl Almodóvar als auch sein Alter Ego Mallo große Erfolge feierten. Rückblenden aus dieser Zeit bleiben jedoch aus. Darüber hinaus sind bereits in der Erinnerung an Mallos Kindheit drei Elemente enthalten, die sich durch die Filme von Pedro Almodóvar wie ein roter Faden ziehen: die Rolle der (eigenen) Mutter, die (Homo-)sexualität und der (katholische) Glaube sowie die Liebe zum Kino: "Das Kino meiner Kindheit" nimmt in "Leid und Herrlichkeit" ebenfalls einen wichtigen Platz ein.

Die Rolle der Mutterschaft hat in Almodóvars Filmen eine interessante Entwicklung erfahren: Nachdem in "Alles über meine Mutter" (1999), dessen Filmtitel auf den Klassiker "Alles über Eva" (1950) von Joseph L. Mankiewicz anspielt, noch in einer für die Anfangszeit von Pedro Almodóvar charakteristischen schrillen Welt von Lesben und Transsexuellen angesiedelt ist, tritt in "Volver — Zurückkehren" (2006) das Provokative eher in den Hintergrund, um den Film zu einer Hommage an die Mutterschaft werden zu lassen. In "Leid und Herrlichkeit" dient die Mutter des Regisseurs Salvador Mallo als Reflexionsebene für die vielen Wendungen in dessen Leben, mal als Konfrontation, mal als Verstärkung. Daher die emotionsgeladene Anmutung des neuen Films von Pedro Almodóvar.

Auch die Homosexualität, zu der sich Almodóvar stets bekannt hat, weswegen er als Galionsfigur der LGBT-Bewegung gilt, spielt in "Leid und Herrlichkeit" eine bedeutende Rolle, wenngleich deren Darstellung ebenfalls weniger durchdringend und explizit als in früheren Filmen des spanischen Regisseurs ausfällt. Ähnliches gilt für die Kritik am katholischen Glauben, die insbesondere in "La Mala Educación — Schlechte Erziehung" (2004) mit seiner Geschichte des Kindesmissbrauchs seitens eines Priesters einen Höhepunkt erreichte. In "Leid und Herrlichkeit" beschränkt sich Almodóvar darauf, eine "fromme Frau" ins Lächerliche zu ziehen, und die Abneigung des jungen Salvador gegen "die Pfaffen" anzusprechen.

Kurz vor seinem 70. Geburtstag liefert Pedro Almodóvar einen Film, der etliche autobiographische Züge aufweist und mit seiner Hommage an die (wohl eigene) Mutter des Regisseurs ein größeres Publikum ansprechen dürfte als einige seiner früheren Filme.
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