GELOBT SEI GOTT | Grâce à Dieu
Filmische Qualität:   
Regie: François Ozon
Darsteller: Melvil Poupaud, Denis Ménochet, Swann Arlaud, Éric Caravaca, François Marthouret, Bernard Verley, Josiane Balasko, Martine Erhel
Land, Jahr: Frankreich 2019
Laufzeit: 132 Minuten
Genre:
Publikum: Erwachsene
Einschränkungen: --
im Kino: 9/2019


José García
Foto: Pandora

Auf der diesjährigen Berlinale erhielt der Spielfilm des bekannten Drehbuchautors und Regisseurs François Ozon "Gelobt sei Gott" (Grâce à Dieu) den Großen Preis der Jury. Ozon nutzt die Aufmerksamkeit, die in verschiedenen Ländern die bekanntgewordenen Fälle von sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch katholische Priester hervorgerufen haben, um den in Frankreich aufsehenerregenden Fall von Abbé Preynat beziehungsweise den "Fall Barbarin" auf die Leinwand zu bringen.

Gegen Bernard Preynat wurde im Januar 2016 Anklage erhoben. Vorgeworfen wird ihm, in den 80er Jahren etliche Minderjährige missbraucht zu haben, als er für die Pfadfinder in der zur Métropole de Lyon gehörenden Kleinstadt Sainte-Foy-lès-Lyon zuständig war. Der Geistliche gab die Anschuldigungen zu. Auch wenn in den meisten Fällen die Verjährungsfrist verstrichen ist, läuft gegen ihn ein Gerichtsverfahren.

Ozon konzentriert sich auf drei unterschiedliche Opfer von Père Preynat: auf den fünffachen Familienvater Alexandre Guérin (Melvil Poupad), der sich als praktizierender Katholik an Kardinal Barbarin (François Marthouret) wendet, den sich als Atheist bezeichnenden François Debord (Denis Ménochet) und auf den gesundheitlich angeschlagenen Emmanuel Thomassin (Swann Arlaud). Den Film wird beinahe dokumentarisch inszeniert, um das Thema aus verschiedenen Perspektiven - im Wesentlichen aus der Sicht der drei erwähnten Opfern des Geistlichen - zu beleuchten. Die Vielfalt der Blickwinkel gehört zu den Stärken des Films, der sich dadurch nicht auf eine einzige Haltung beschränkt.

Dennoch wird schon bald deutlich, dass "Gelobt sei Gott" Kardinal Barbarin ins Visier nimmt, gegen den der von den drei genannten gegründete Verein "La parole libérée" ("Das gebrochene Schweigen") wegen "Nichtanzeige sexueller Aggressionen gegenüber Minderjährigen" Klage einreicht. Denn sie werfen dem Erzbischof von Lyon vor, davon gewusst, aber den Priester nicht entlassen zu haben. Obwohl "Gelobt sei Gott" Kardinal Barbarin nicht übermäßig unsympathisch zeichnet, wirft der Film insgesamt ein schlechtes Licht auf den Erzbischof von Lyon ? zusammen mit dem hauptsächlichen "Bösewicht" des Filmes Bernard Preynat gehört er zu den negativ besetzten Charakteren.

Im März 2019 und damit nach Fertigstellung des Films wurde Kardinal Barbarin wegen der Nicht-Anzeige sexueller Vergehen an Minderjährigen durch einen französischen Priester sowie unterlassener Hilfeleistung zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Der Kardinal legte Berufung ein, reichte aber gleichzeitig bei Papst Franziskus seinen Rücktritt als Erzbischof ein. Obwohl der Papst den Rücktritt nicht annahm, ernannte der Heilige Vater im Juni den ehemaligen Bischof von Evry-Corbeille-Essones, Michel Dubost, zum Apostolischen Administrator der Diözese Lyon. Allerdings betonte Bischof Dubost, dass Kardinal Barbarin der rechtmäßige Amtsinhaber bleibe.

Im Rahmen der Berlinale würdigte der deutsche Medienbischof Gebhard Fürst laut kathpress.at Ozons Film: Einen Blick auf die Missbrauchsfälle zu werfen sei "unbestreitbar schmerzhaft, aber wir haben uns seitens der katholischen Kirche für den Weg der rückhaltlosen Aufklärung entschieden." Solche Filme seien wichtig, "damit wir uns ein Bild machen können, was Missbrauch bedeutet, vor allem für die Opfer".

Allerdings bleibt bei "Grâce à Dieu" die Handlung um die schmerzlichen Konsequenzen für die Opfer eher vordergründig. Der dramaturgisch entscheidende Wendepunkt im Film ist vielmehr Alexandres Eindruck, dass Kardinal Barbarin ihn lediglich hinhalten will. Ozon geht es demnach offensichtlich darum, die Untätigkeit der Amtskirche anzuprangern.

In diesem Zusammenhang ist die Art und Weise bezeichnend, wie François Ozon mit der zugegeben politisch unkorrekten Frage nach Vergebung umgeht. Obwohl Pater Preynat einige seiner Opfer um Verzeihung bittet, sind diese kaum willens zu vergeben. Ja, es geht so weit, dass zu einem der Opfer gesagt wird: "Wenn du ihm vergibst, wirst Du auf Lebenszeit sein Opfer sein."

Filme wie "Spotlight" als auch "Gelobt sei Gott" rufen bei Katholiken selbstverständlich Schmerz und Demut hervor: Was der Kirche schadet, ist nicht die Aufdeckung der Wahrheit, sondern die Verbrechen und Sünden ihrer Angehörigen. Dennoch: Eine kritische Haltung gegenüber solchen Filmen scheint auch angebracht. Denn absichtlich oder nicht tragen sie zur in den Medien seit geraumer Zeit tobenden Kampagne gegen die Kirche bei.
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