TIEFLAND | Tiefland
Filmische Qualität:   
Regie: Leni Riefenstahl
Darsteller: Leni Riefenstahl, Bernhard Minetti, Luise Rainer, Aribert Wäscher
Land, Jahr: Deutschland 1953
Laufzeit: 94 Minuten
Genre: Literatur-Verfilmungen
Publikum: Erwachsene
Einschränkungen: --


JOSÉ GARCÍA
Foto: Kinowelt

Als DVD im Dezember 2004 erschienen

Leni Riefenstahl, die im September 2003 im Alter von 101 Jahren starb, wurde vor allem als Dokumentarfilm-Regisseurin bekannt. Insbesondere „Triumph des Willens“ (1934) erlangte im In- und Ausland enorme Anerkennung – und gilt heute gemeinhin als „bester Propagandafilm aller Zeiten“, für den Riefenstahl neue filmische Mittel erfand und meisterhaft umsetzte.

Vor ihrer Arbeit im Dokumentarfilm – neben der Reichsparteitags-Trilogie „Sieg des Glaubens“ (1933), „Triumph des Willens“ (1934) und „Tag der Freiheit“ (1935) dokumentierte sie die Olympischen Spiele 1936 in „Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“ (1938) – wirkte Leni Riefenstahl in sechs Filmen als Schauspielerin mit. Im Jahre 1932 gab sie ihr Regiedebüt mit einem Spielfilm: „Das blaue Licht“.

Nach „Das blaue Licht“ drehte Riefenstahl nur noch einen weiteren Spielfilm: „Tiefland“, nach der gleichnamigen neoromantischen Oper von Eugen d’Albert, die wiederum auf der Erzählung „Terra baixa“ (1896) von Angel Guimerà fußt.

„Tiefland“ handelt von einem spanischen Marques Roccabruna, der zur Begleichung seiner Schulden auf den Vorschlag des Bürgermeisters eingeht, dessen Tochter zu heiraten. Allerdings gilt das Interesse des Marques eher der schönen Zigeunerin Martha. Um sich durch die Hochzeit mit der Bürgermeistertochter Amelia finanziell zu sanieren, ohne auf Martha zu verzichten, verheiratet er die Tänzerin mit seinem Schäfer Pedro. Nichts ahnend von dem schändlichen Handel nimmt der überglückliche Pedro seine angebetete Martha zur Frau. Doch der Marques reklamiert die Hochzeitsnacht für sich...

„Tiefland“ wurde zu einem „Endlosprojekt“ (Jürgen Trimborn): Obwohl er bereits 1934 geplant war, zwang das finanzielle Desaster ihres Spielfilmdebüts Riefenstahl zu einer Neuorientierung. Erst nach der Reichsparteitags-Trilogie und den Olympiafilmen konnte sich die Regisseurin wieder „Tiefland“ widmen: Riefenstahl schrieb das Drehbuch zusammen mit Harald Reinl in der ersten Hälfte des Jahres 1940. Als endlich mit den Dreharbeiten begonnen werden konnte, war wegen des Krieges nicht mehr daran zu denken, an Originalschauplätzen in Spanien zu arbeiten. Riefenstahl ließ das spanische Dorf Roccabruna zusammen mit der Burg des Marques im bayerischen Krünn bei Mittenwald bauen, während die Regisseurin die ersten Außenaufnahmen in den Dolomiten drehte. Als der Krieg zu Ende ging, war „Tiefland“ zwar längst abgedreht, aber noch nicht fertig montiert. Das Filmmaterial wurde beschlagnahmt; erst 1954 konnte „Tiefland“ uraufgeführt werden.

Unter filmischen Gesichtspunkten erinnert „Tiefland“ an Riefenstahls Spielfilmdebüt „Das blaue Licht“. Beide besitzen einen ausgesprochenen fotografischen Stil, der sich in der raffinierten Komposition der Einstellungen ausdrückt. Auch in der Dramaturgie ähneln sich die zwei einzigen Spielfilme Riefenstahls: in beiden spielt eine Frau die Hauptrolle, die am Rande der Gesellschaft lebt. In beiden Filmen wird die reine Bergwelt mit dem verdorbenen Dorf (Tiefland) konfrontiert. Und noch eins ist beiden Filmen gemeinsam: Leni Riefenstahl wollte die Rolle einer Anfang bis Mitte zwanzig Jahre alten Frau unbedingt selbst spielen, obwohl sie zu den Dreharbeiten von „Tiefland“ fast vierzig war, was beim Zuschauer eine gewisse Irritation auslöst.

„Tiefland“ wurde jedoch nicht in erster Linie wegen seiner Ästhetik bekannt, sondern wegen der Bedingungen, unter denen der Film entstand, und vor allem weil als Statisten Sinti und Roma mitspielten, die nach den Dreharbeiten ins KZ deportiert wurden, und die meisten dort ums Leben kamen. In der Auseinandersetzung mit Riefenstahls Einstellung zum NZ-Regime spielt „Tiefland“ darüber hinaus insofern eine wichtige Rolle, als der Film im Jahre 1990 von der Filmemacherin Helma Sanders-Brahms als Aufruf zum Tyrannenmord gedeutet wurde: die überdeutliche Interpretation des Marques als Wolf durch den Film sei um die Inkarnation Hitlers als Marques zu erweitern. Die aktuellen Biografien Leni Riefenstahls widerlegen allerdings diese These. Rainer Rother führt sie gar ad absurdum: „Die Neubewertung provoziert die Frage, ob ein – wie ursprünglich geplant – schon 1934 realisierter „Tiefland“-Film ebenfalls als Anti-Nazi.Vehikel zu verstehen gewesen wäre.“

Mit der Veröffentlichung von „Tiefland“ als DVD wird einer breiten Öffentlichkeit ein für die Filmgeschichte bedeutender Spielfilm zugänglich gemacht.
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