MILLION DOLLAR BABY | Million Dollar Baby
Filmische Qualität:   
Regie: Clint Eastwood
Darsteller: Clint Eastwood, Hilary Swank, Morgan Freeman, Jay Baruchel, Mike Colter, Lucia Rijker, Brian O’Byrne, Anthony Mackie
Land, Jahr: USA 2004
Laufzeit: 132 Minuten
Genre: Dramen
Publikum: Erwachsene
Einschränkungen: G+, U


JOSÉ GARCÍA
Foto: Kinowelt

Die Auszeichnung von Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“ mit vier Oscars – wie auch die Verleihung des Oscars für „den besten nichtenglischsprachigen Film“ an Alejandro Aménabars „Das Meer in mir“ – hat bei Vertretern von Behindertenverbänden und christlichen Lebensrechtsinitiativen heftige Proteste hervorgerufen: Die Filme stellten Euthanasie positiv dar, heißt es. In Deutschland kritisierte die Deutsche Hospiz-Stiftung beide Filme als „unrealistische Propaganda“ für Euthanasie, die filmische Darstellung des Sterbens gehe an der Realität vorbei. Der Präsident der Päpstlichen „Akademie für das Leben“, Erzbischof Elio Sgreccia, kritisierte die Aussage von „Million Dollar Baby“ gegenüber Radio Vatikan: In Anspielung auf die Auszeichnung als „bester Film“ sagte Sgreccia, der Film zeige nicht die „beste Lösung“. Ted Baehr von der Christlichen Film- und Fernsehkommission der Vereinigten Staaten sprach sogar von Ähnlichkeiten zwischen „Million Dollar Baby“ mit Wolfgang Liebeneiers Nazifilm „Ich klage an“.

Im Folgenden eine Besprechung beider Filme, auch im Zusammenhang mit Wolfgang Liebeneiners „Ich klage an“ (1941).

Goebbels erkannte die Wirkung dieser Art Filmpropaganda

In dem von Wolfgang Liebeneiner in Zusammenarbeit mit der Berliner Euthanasie-Zentrale hergestellten Spielfilm „Ich klage an“ wurde laut des Berliner Bischofs Preysing „unaufdringliche Propaganda für die Euthanasie und die Vernichtung lebensunwerten Lebens“ gemacht. „Ich klage an“ sollte den immer noch vorhandenen und vor allem in katholischen Kreisen starken Widerstand aufbrechen.


Um die emotionale Basis für die Akzeptanz des „Euthanasie“-Gesetzes im Dritten Reich zu schaffen, wurde die Haupthandlung auf die „Tötung auf Verlangen“ konzentriert: Die Frau eines berühmten Medizinprofessors erkrankt an Multipler Sklerose. Als sich trotz Einsatzes aller wissenschaftlichen Kapazitäten kein Mittel finden lässt, ihre tödliche Krankheit zu bekämpfen, bittet sie ihren Mann, sie von ihren Qualen zu erlösen. Daraufhin wird der Medizinprofessor wegen „Tötung auf Verlangen“ angeklagt. Am Ende der Verhandlung tritt der Angeklagte indes als Ankläger auf: „Ich klage jetzt an. Ich klage einen Paragraphen an, der Ärzten und Richtern an der Ausführung ihrer Aufgabe hindert, dem Volk zu dienen. (...) Ich habe meine Frau, die unheilbar krank war, von ihren Leiden erlöst. Von Ihrem Spruch hängt jetzt mein Leben ab.“

Darüber hinaus erweist sich nicht nur der Freund, der die Tötung ursprünglich als Mord verurteilte, aufgrund neuer Erfahrungen als Befürworter der „Erlösung“ Kranker von ihren unheilbaren Leiden; sieben Geschworene führen in kurzen Statements aus ihrer jeweiligen Sicht – des Studienrats, des Jägers, des Majors… – Beispiele an, bei denen die Tötung unheilbarer Kranker als human erscheint.

Goebbels erkannte, dass der Film ein Einfallstor für die Vermittlung der „Euthanasie“ an geistig Behinderten darstellt. Man müsste nur noch vermitteln, dass diese ebenfalls arme, leidende Menschen sind, die man erlösen müsse. Worum es Goebbels bei dieser Art der Filmpropaganda ging, sprach er offen aus: dass „uns die Liquidierung dieser nicht mehr lebensfähigen Menschen psychologisch etwas leichter gemacht wird.“


„Das Meer in mir“: ein Pamphlet für den assistierten Selbstmord

Auch „Das Meer in mir“ handelt vom unumstößlichen Wunsch eines unheilbar Kranken, vom „menschenunwürdigen Leben“ „erlöst“ zu werden: Seit 27 Jahren ist Ramón querschnittsgelähmt. Seit einem Badeunfall, bei dem er sich so schwer verletzte, dass er nur noch den Kopf bewegen kann, hegt er den Wunsch, seinem Leben ein Ende zu setzen. In das im Film behandelte letzte Jahr seines Lebens treten zwei Frauen: Versucht Rosa, ein Mädchen aus dem Dorf, ihn zu überreden, sein Dasein lebenswert zu finden, so schlägt sich Julia, eine Anwältin aus Barcelona, auf Ramons Seite: die ebenfalls Schwerkranke will Ramóns Gesuch auf aktive Sterbehilfe bis vor die höchsten Gerichte bringen.

„Das Meer in mir” beruht auf einer authentischen Geschichte: Jahrzehnte lang versuchte Ramón Sampedro, seine Vorstellung vom eigenen menschenwürdigen Tod vor spanischen Gerichten sowie vor dem Europäischen Gerichtshof durchzusetzen. Nachdem vier Instanzen seinen Antrag abgelehnt hatten, nahm er sich am 12. Januar 1998 mit Hilfe einer Freundin das Leben und zeichnete sein Sterben mit der Videokamera auf.

Der 32-jährige Regisseur Alejandro Amenábar zeigt Ramón Sampedro als humorvollen, liebenswürdigen und sensiblen Menschen, der nur eins kennt: Er will sein Leben beenden. Alle Versuche, darüber zu diskutieren, erstickt er mit einem Standardsatz im Keim: „Urteile nicht über mich. Wenn du mich wirklich liebst, hilf mir zu sterben“. Seltsam widersprüchlich wirkt freilich eine Figur, die stets nach rationalen Erklärungen sucht – selbst um den Fernseher einzuschalten, um ein Fußballspiel zu sehen, verlangt er von seinem Neffen einen triftigen Grund –, aber in eigener Sache allen Vernunftgründen unzugänglich bleibt.

Zwar bemerkte der Filmkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur Aufführung von „Das Meer in mir“ auf dem Filmfestival Venedig 2004, der Film sei „tatsächlich das reinste Tränenbad. Wer je gedacht hat, nur das Hollywood-Kino sei eine Überwältigungsmaschinerie, wird hier eines Besseren belehrt.“ Der Regisseur „presst die Gemüter aus wie Zitronen, als wollte er sehen, was man mit dem Manipulationsmedium Kino alles anstellen kann.“ Die meisten Zuschauer werden jedoch vom großartigen Spiel der Darsteller und den wunderschön hellen Bildern so mitgerissen, dass die ethischen Fragen in den Hintergrund treten. Amenábar hat von seinem Landsmann Pedro Almodóvar gelernt, den Zuschauer durch Ästhetik zu benebeln.

Dabei tritt „Das Meer in mir“ mit dem Anspruch auf, den Kampf eines Menschen „gegen Staat und Kirche“ aufzuzeigen. Aber gerade das ist, was der Film nicht leisten will. Zwar wird der Besuch eines ebenso querschnittgelähmten Jesuitenpaters gezeigt, der Sampedro von dem Wert dieses Lebens überzeugen will. Aber die Szene gerät vollends zur Groteske: Der Priester kommt in dem engen galizischen Bauernhaus mit seinem Rollstuhl nicht die engen Stufen hinauf, und Ramón will nicht nach unten. Die Auseinandersetzung bleibt deshalb dem Zuschauer erspart.

Der Regisseur klammert ebenso die Auseinandersetzung mit dem Staat, mit der Justiz aus: Das Ansinnen des echten Sampedro wurde von vier Gerichten abgewiesen. Über die jeweiligen Urteilsbegründungen erfährt der Zuschauer gar nichts. Lediglich eine etwa dreiminütige Szene spielt sich im Gerichtssaal ab, wobei die meiste Zeit dem Plädoyer von Sampedros Anwalt vorbehalten bleibt. Die Richter werden mit ernsten Mienen, dicken Hornbrillen und Schnurrbärten so unsympathisch gezeichnet, als kämen sie geradewegs aus dem tiefsten Franco-Spanien.

Die Erklärung des Regisseurs, warum in seinem Film die juristische Seite keine Beachtung findet, vermag kaum zu überzeugen: „Wir wollten uns nicht bei dieser juristischen Auseinandersetzung aufhalten. Das ist eine Sache, für die man sich interessiert oder nicht, und wenn man sich nicht so dafür interessiert, kann das auf der Leinwand ziemlich ermüdend sein.“ Mit Argumenten weiß Amenábar – wie seine Hauptfigur Ramón – offensichtlich nichts anzufangen.


„Million Dollar Baby“: ein Film mit differenzierter Aussage

Gegenüber der emotionalen Manipulation durch „Das Meer in mir“ nimmt sich „Million Dollar Baby“ viel nuancierter aus. Abgesehen davon, dass die dramatische Wendung erst nach anderthalb Stunden geschieht, stellt „Million Dollar Baby“ die Sterbehilfe im Gegensatz zu „Das Meer in mir“ keineswegs als „Happy end“ dar. Herrschen im spanischen Film helle Farben vor, so liegt auf den Bildern von „Million Dollar Baby“ nicht nur eine Patina, die sie „wie historische Filme aussehen“ lassen soll (Regisseur Eastwood). Darüber hinaus erzeugen sie eine ähnlich beklemmende Stimmung wie „Mystic River“ (2003), mit dem Clint Eastwood letztes Jahr zwei Oscars (von sechs Nominierungen) gewann.

Diese durch die von Clint Eastwood erneut selbst komponierte Musik noch unterstrichene düstere Stimmung drückt eine fatalistische Weltanschauung aus. Sind die Figuren in „Das Meer in mir“ strahlende Menschen, so gestaltet Clint Eastwood die Hauptfigur seines Dramas „Million Dollar Baby“, den von Eastwood selbst verkörperten Boxtrainer Frankie, ebenso als gebrochenen, vom langen Schatten der Vergangenheit bedrückten, von Schuldgefühlen gebeugten Menschen wie die drei Freunde in Mystic River.

Grau-in-grau-Töne sowie Bilder, bei denen der Schatten jede Farbigkeit auf ein Minimum reduziert, dominieren in der Farbgebung des Filmes – als die Folie, auf der Frankie seine schwer wiegende Entscheidung trifft. Im Unterschied zu „Das Meer in mir“, der sich ja um die ethische Seite herumdrückt, spielt „Million Dollar Baby“ offen mit den moralischen Implikationen einer „Tötung auf Verlagen“: „Ich weiß, dass dies eine Sünde ist“, sagt denn auch der praktizierende Katholik zu dem Pfarrer, der ihm antwortet: „Wenn Sie es tun, sind Sie verloren, Sie werden nie wieder zu sich finden“.

Wie bereits in „Mystic River“ zieht Eastwood in „Million Dollar Baby“ keine klare Linie zwischen Gut und Böse: Frankie ist ein von seiner Schuld niedergedrückte Mann: Einerseits trägt er schwer an der Tatsache, dass seine Tochter jeglichen Kontakt zu ihm abgebrochen hat. Andererseits fühlt er sich ebenso schuldig daran, dass sein ehemaliger Boxer Eddie „Scrap“ Dupris (Morgan Freeman) einst nach einem Boxkampf ein Auge verlor, weil Frankie den Kampf nicht frühzeitig abbrach. Die Vergebung und Sühne, nach der sich Frankie sehnt, meint er in der Vater-Tochter-Beziehung zur Boxerin Maggie (Hillary Swank) gefunden zu haben, deren einziger Traum der Weltmeistertitel ist. Denn Frankie erkennt darin die Chance, seine Fehler aus der Vergangenheit wiedergutzumachen.

Der offene Ausgang, in dem die Off-Stimme von „Scrap“ vom endgültig gebrochenen Frankie erzählt, steht im deutlichen Gegensatz zu Filmen wie „Ich klage an“ oder „Das Meer in mir“. Die Behauptung, „Million Dollar Baby“ verherrliche den „assistierten Selbstmord“, wird Eastwoods Spielfilm nicht gerecht. Dennoch: Bei aller Nuancierung wird „Million Dollar Baby“ bei den meisten Zuschauern den Eindruck erwecken, der Film werte diese Tat – allen moralischen Vorbehalten zum Trotz – positiv.

„Man muss auch löschen, wenn das Nachbarhaus brennt. Man darf nicht warten, bis der eigene Dachstuhl Feuer gefangen hat“, äußerte Dominikanerpater Odilo Braun zu Clemens August Graf von Galen im Vorfeld von dessen Predigt zum Euthanasie-Programm des Naziregimes vom 3. August 1941. Darin sagte Kardinal von Galen: „Wehe den Menschen, wehe unserem deutschen Volke, wenn das heilige Gottesgebot: ‚Du sollst nicht töten‘ ... nicht nur übertreten wird, sondern wenn diese Übertretung sogar geduldet und ungestraft ausgeübt wird!“ Auf die Folgen einer solchen Übertretung hat Manfred Spieker anhand der Untersuchungen über die Euthanasiepraxis in den Niederlanden jüngst hingewiesen: „Die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe muss unvermeidlich dazu führen, dass aus dem Recht zum assistierten Selbstmord eine Pflicht wird“ (LebensForum 1/2005).

Obgleich „Million Dollar Baby“ im Gegensatz zu „Das Meer in mir“ weder den Zuschauer überwältigen will noch die Tötung auf Verlangen als eine über jeden Zweifel erhabene Handlung darstellt, wird hier wenn nicht ein Einfallstor für die Euthanasie geschaffen, so doch die Tür einen Spalt geöffnet: Im Nachbarhaus brennt es lichterloh.
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