HAUSSCHLÜSSEL, DIE | Le chiavi di casa
Filmische Qualität:   
Regie: Gianni Amelio
Darsteller: Kim Rossi Stuart, Charlotte Rampling, Andrea Rossi, Alla Faerovich, Pierfrancesco Favino, Manuel Katzy
Land, Jahr: Italien, Frankreich, Deutschland 2004
Laufzeit: 105 Minuten
Genre: Familienfilme
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --


JOSÉ GARCÍA
Foto: Pegasos Film

Gianni Amelio (Jahrgang 1945) wurde in Deutschland in den neunziger Jahren vorwiegend durch zwei Spielfilme bekannt, die auch auf internationalen Filmfestivals etliche Auszeichnungen einheimsten: für „Gestohlene Kinder“ („Ladro di bambini“, 1992) erhielt Amelio den Großen Preis der Jury in Cannes. Zwei Jahre später wurde der aus Kalabrien stammende Regisseur mit „Lamerica“ (1994) nicht nur für den Oscar nominiert, sondern auch in mehreren Kategorien beim Filmfestival von Venedig ausgezeichnet. Die beiden Filme sowie der vorangegangene „Offene Türen“ („Porte aperte“, 1990) wurden darüber hinaus als „Bester Film“ beim Europäischen Filmpreis prämiert. Damit ist Gianni Amelio der einzige Regisseur, der diesen 1988 geschaffenen Filmpreis dreimal erhalten hat.

Der mit dem „Goldenen Löwen“ in Venedig 1998 ausgezeichnete „So haben wir gelacht“ („Così ridevano”) wurde allerdings in Deutschland eher verhalten aufgenommen, so dass sich der aktuelle Film des italienischen Regisseurs „Le Chiavi di casa – Die Hausschlüssel“, der bereits 2004 am Filmfestival Venedig teilnahm, erst jetzt im deutschen Kino anläuft.

Frei inspiriert durch den autobiographischen Roman „Zwei Leben“ von Giuseppe Pontiggia erzählt Gianni Amelio in „Die Hausschlüssel“ von der schwierigen Beziehung zwischen einem Vater und seinem behinderten Sohn.

Gianni (Kim Rossi Stuart) hat seinen Sohn Paolo (Andrea Rossi) lediglich ein einziges Mal gesehen: bei dessen Geburt, als Giannis Frau starb. Paolo ist in der Familie seines Onkels Alberto aufgewachsen, weil sich Gianni einem Leben mit der Behinderung seines Sohnes nicht gewachsen fühlte. Fünfzehn Jahre später beschließt er aber, Paolo zu einer Kontrolluntersuchung in die Charité nach Berlin zu begleiten. Die langsame Annährung erinnert augenfällig an die Reise des Carabiniere Antonio mit der elfjährigen Rosetta und ihrem neunjährigen Bruder Luciano in „Gestohlene Kinder“. In diesem früheren Film Amelios wich im Laufe der Fahrt von Norden nach Süden Italiens zwar die anfängliche Fremdheit vertrauensvoller Zuneigung, aber die Annährung gestaltete sich alles andere als einfach.

In „Die Hausschlüssel“ erlebt Gianni bereits auf der Fahrt mit der Eisenbahn die Eigenwilligkeit seines Sohnes, die sich in Berlin weiter steigern wird, da es ihm schwer fällt, die neue Vaterfigur zu akzeptieren. Im Krankenhaus schließt Paolo jedoch über Sprachgrenzen hinweg leicht Freundschaften, etwa zur schwerstbehinderten Nadine, die von deren Mutter Nicole (Charlotte Rampling) hingebungsvoll umsorgt wird.

Mit Nicoles Hilfe lernt schließlich Gianni, der zum ersten Mal die Qualen der ärztlichen Untersuchungen miterlebt, mit der Behinderung seines Sohnes umzugehen. Eine bedeutende Rolle spielt dabei das Buch, das Nicole Gianni als Lektüre empfiehlt: „Zwei Leben“ von Giuseppe Pontiggia“ – eine Hommage des Regisseurs an den Schriftsteller, dem er auch den Film gewidmet hat.

Die Stärke von „Die Hausschlüssel“ liegt daran, dass Gianni Amelio aus diesem schwierigen Sujet kein sentimentales Rührstück gemacht hat. Zwar gerät die Musik leicht ins Gefühlsselige, aber sie spielt sich nicht in den Vordergrund.

Obwohl „Die Hausschlüssel“ nicht an Intensität an „Gestohlene Kinder“ herankommt, geht der Regisseur jeglichen Klischees aus dem Weg. Dank etwa der Aufrichtigkeit, mit der Nicole Gianni ihre Gefühle ihrer Tochter gegenüber offenbart, wahrt der Film eine realistische Sicht. Zwar gibt es Momente, in denen Gianni voller Enthusiasmus Paolo verspricht, ihn zu Hause in Italien zu sich zu nehmen, ja ihm sogar „die Hausschlüssel“ auszuhändigen. Ob er dieses Versprechen wird halten können, bleibt aber letztendlich offen.

Gianni Amelio nimmt sich als Regisseur zurück, er konzentriert die Kamera auf die Schauspieler, die der Versuchung zum Chargieren widerstehen. So gestalten sowohl Charlotte Rampling als auch Hauptdarsteller Kim Rossi Stuart ihre Rollen mit vielen Nuancen. Zu dem jungen Andrea Rossi, der hier seine erste Filmrolle spielt, führt Regisseur Gianni Amelio aus: „Andrea Rossi hat im wahren Leben ähnliche Probleme wie Andrea Pontiggia aus ‚Zwei Leben’. Von dem Tag an, als ich Andrea Rossi kennen lernte, hörte die Person des Sohnes im Film auf, der (realen) Figur aus dem Buch zu ähneln, und entwickelte ein Eigenleben, stellte andere Gefühle in den Vordergrund. Ohne es zu bemerken, gab uns Andrea die neu zu erzählende Geschichte (auch wenn es nicht seine eigene Geschichte war), und dann führte er mich während der Dreharbeiten, ließ mich ‚ihn anschauen’, enthüllte mir seine Gedanken.“
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