GUTE HIRTE, DER | The Good Shepherd
Filmische Qualität:   
Regie: Robert De Niro
Darsteller: Matt Damon, Angelina Jolie, Robert De Niro, Joe Pesci, William Hurt, John Turturro, Alec Baldwin, Billy Crudup, Michael Gambon
Land, Jahr: USA 2006
Laufzeit: 167 Minuten
Genre: Thriller
Publikum: Erwachsene
Einschränkungen: G, X
im Kino: 2/2007
Auf DVD: 6/2007


José García
Foto: UIP

Obwohl Robert de Niro seit Jahrzehnten zu den weltweit meistgefragten Filmschauspielern zählt, hatte er bislang ein einziges Mal „die Seiten gewechselt“ und auf dem Regiestuhl Platz genommen: In „A Bronx Tale“ („In den Straßen der Bronx“) erzählte er im Jahre 1993 eine autobiografisch gefärbte Geschichte aus seinen eigenen Kinder- und Jugendlichentagen im New Yorker Stadtteil. „In den Straßen der Bronx“ ist ein bis in die Nebenrollen hervorragend besetzter Schauspieler-Film über Vaterfiguren.

Für seine zweite Regiearbeit „Der gute Hirte“ („The Good Shepherd”) hat sich Robert de Niro Zeit gelassen. Wie sein Regiedebüt kommt der am Wettbewerb der Berlinale teilnehmende und nun im regulären Filmprogramm anlaufende Spielfilm freilich genauso bis in die Nebenrollen starbesetzt daher.

„Der gute Hirte“ erzählt aus einem wichtigen Kapitel der amerikanischen Geschichte: aus der Gründungszeit des CIA. Sein (fiktiver) Protagonist ist Edward Wilson (Matt Damon), der bereits während seines Studiums an der Yale-Universität 1939 dem Geheimbund „Skull & Bones“ beitritt, aus dem die Elite des Landes rekrutiert wird. Der brillante Student Edward Wilson glaubt unbeirrbar an die amerikanischen Werte, auf denen der Erfolg der Vereinigten Staaten fußt. Ein idealer Kandidat für das FBI, für das er seinen Englisch-Professor als Nazisympathisanten überführen soll.

Während des Zweiten Weltkrieges arbeitet Wilson für das Office of Strategic Services (OSS) in Europa, aus dem im Jahre 1947 der Central Intelligence Service (CIA) hervorgeht. Unterstützt von seinem Mentor General Sullivan (Robert De Niro), wird Wilson bald einer der wichtigsten Figuren innerhalb der Organisation. Für seinen Aufstieg bezahlt der Geheimdienstspezialist indes einen hohen Preis. Denn Wilson entfremdet sich immer mehr von seiner Ehefrau Margaret (Angelina Jolie), die er ohnehin lediglich aus Pflichtgefühl geheiratet und von der er all die Kriegsjahre getrennt gelebt hatte, sowie von seinem geliebten Sohn (Eddie Redmayne). Dieser folgt den Schritten seines Vaters: Er wird zunächst Mitglied beim „Skull & Bones“-Geheimbund, später beim CIA.

In der Zeit des Kalten Krieges mit ihrem Spiel um Identitäten, bei dem keiner keinem traut, verwandelt sich der einst liebvolle Familienvater in einen kalt berechnenden Menschen. Wilson traut zuletzt nicht einmal mehr seinem eigenen Sohn – außer General Sullivan bringt er lediglich seinem Stellvertreter Ray Brocco (John Turturro) Vertrauen entgegen, den er aus alten Kriegszeiten beim OSS kennt.

In epischer Breite und auf verschiedenen mittels Rückblenden eingeführten Zeitebenen entwirft Robert de Niro ein Psychogramm, das sich über die Zeitspanne von 1925 bis zum Vorabend der Kubakrise im Jahre 1961 erstreckt. Als Erzählfaden dient Regisseur De Niro die gescheiterte Invasion in Kubas Schweinebucht, mit der „Der gute Hirte“ beginnt. Wilson macht für die fehlgeschlagene Operation einen Verräter in den eigenen Reihen verantwortlich. Für die Suche nach dem „Maulwurf“ steht ihm jedoch lediglich ein verschwommener Filmausschnitt mit Tonstörungen zur Verfügung.

Um diesen Hauptstrang seiner Handlung geht es Robert de Niro jedoch nur am Rande. Vielmehr liefert „Der gute Hirte“ ein impressionistisches Gemälde der CIA, das durch einzelne Stationen im Leben von Edward Wilson gezeichnet wird. Die Kamera unterstützt dieses Vorhaben, indem sie nicht nur von Schwarzweiß- in Farbbilder übergeht, sondern auch ein dem Geheimdienstleben entsprechendes Schattenspiel mit Unschärfen und Perspektivverzerrungen liefert. So wechselt sich etwa die warme Farbgebung der Rückblenden mit den Bildern in ungesättigten, beinah bläulich-grauen Farben ab.

Trotz dieser ausgezeichneten Kameraarbeit gelingt es dem Regisseur jedoch nur an vereinzelten Stellen, eine dichte Atmosphäre zu schaffen, weil das Episodische seines weitschweifigen Filmes dieser Erzähldichte entgegenwirkt.

„Der gute Hirte“ erzählt freilich auch von traumatischen Vater–Sohn–Beziehungen. So erfährt der Zuschauer in einer Rückblende vom Selbstmord von Edwards Vater Thomas Wilson (Timothy Hutton), als Edward sechs Jahre alt war. General Sullivan wird dann für ihn zur Vaterfigur. Und die Beziehung zu seinem eigenen Sohn Edward Wilson Jr. bleibt die ganze Zeit von ambivalenten Gefühlen überschattet. Dies hat De Niros zweite Regiearbeit mit seinem Spielfilmdebüt „In den Straßen der Bronx“ gemeinsam.
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