STURM | Storm
Filmische Qualität:   
Regie: Hans-Christian Schmid
Darsteller: Kerry Fox, Anamaria Marinca, Stephen Dillane, Rolf Lassgård, Alexander Fehling, Kresimir Mikic, Tarik Filipovic
Land, Jahr: Deutschland / Dänemark 2009
Laufzeit: 103 Minuten
Genre: Thriller
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: X -
im Kino: 9/2009
Auf DVD: 4/2010


José García
Foto: Piffl Medien

Der Gerichtsfilm erlebte seine Blüte gegen Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre, wobei „Zeugin der Anklage“ (Billy Wilder, 1957), „Die zwölf Geschworenen“ (Sidney Lumet, 1957) und „Das Urteil von Nürnberg“ (Stanley Kramer, 1961) die bekanntesten Filme des Genres sein dürften. Im Unterschied zur kammerspielartigen Inszenierung in diesen Klassikern weiteten die Spielfilme, die zu einer Neubelebung des Genres seit den neunziger Jahren beitrugen, nicht nur den Handlungsort, sondern auch die Handlung selbst zu einem Thriller aus.

Ein mit Elementen des Gerichtsfilms verwobener Polit-Thriller. Diese Bezeichnung passt am besten zum neuen Spielfilm des deutschen Regisseurs Hans-Christian Schmid „Sturm“, der am Wettbewerb der Berlinale 2009 teilnahm und mit dem Bernhard-Wicki-Filmpreis 2009 ausgezeichnet wurde. Schmids erste englischsprachige, mit Schauspielern aus verschiedenen Ländern prominent besetzte Produktion handelt von der Arbeit am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag.

„Sturm“ erzählt einen fiktiven Fall, der allerdings für ähnliche, vor dem „Kriegsverbrechertribunal“ gehandelte Prozesse stehen könnte. Dazu Drehbuch-Mitautor Bernd Lange: „Wir versuchen so etwas wie eine verdichtete Realität herzustellen“.

Die gerade bei einer Beförderung übergangene, akribisch arbeitende Hannah Maynard (Kerry Fox) vertritt vor Gericht die Anklage gegen Goran Duric (Drazen Kühn). Dem mutmaßlich ehemaligen Befehlshaber der jugoslawischen Armee wird vorgeworfen, für die Deportation und den späteren Tod bosnisch-muslimischer Zivilisten in Kasmaj, einer Kleinstadt im heutigen serbischen Teil Bosniens, der Republika Srpska, verantwortlich zu sein.

Als sich während der Verhandlung ein wichtiger Augenzeuge in Widersprüche verstrickt, wird ein Ortstermin anberaumt. Vor Ort wird Maynards Vorahnung zur Gewissheit: Der Zeuge Alen Hajdarevic (Krešimir Mikić) hat gelogen. Sie wirft ihm vor, dadurch den ganzen Prozess scheitern zu lassen – mit ungeahnten Folgen: Alen nimmt sich das Leben.

Hannah gibt jedoch den Fall nicht verloren. Sie fährt zu Alens Beerdigung nach Sarajevo, wo sie die Schwester des Zeugen, Mira (Anamaria Marinca) kennen lernt. Der Juristin wird es von Anfang an klar, dass Mira viel über den Angeklagten weiß. Aber die junge Frau fürchtet sich nicht nur davor, sich der traumatischen Vergangenheit zu stellen. Sie hat auch Angst, durch ihre Aussage das neue Leben, das sie sich mit ihrem deutschen Mann in Berlin aufgebaut hat, aufs Spiel zu setzen.

Schließlich gelingt es der Anklägerin, Mira dazu zu bewegen, gegen Duric in Den Haag auszusagen. Unmittelbar vor der Verhandlung versucht jedoch Durics Verteidiger, Miras Zulassung als Zeugin zu verhindern. Zu Hannahs Überraschung findet dieser Vorschlag auch die Unterstützung der Richter – zu dem gegenwärtigen Zeitpunkt würde ein solcher Prozess die Beitrittsverhandlungen behindern, die der Balkansaat mit der EU führt.

Hans-Christian Schmid gelingt es, die komplizierten Strukturen der internationalen Organisationen und deren Verzahnung mit den Interessen der Diplomatie und der Politik darzustellen. Dafür setzt das Drehbuch einen Kunstgriff in der Person von Jonas Dahlberg (Rolf Lassgård) ein, der seitens der EU mit dem Balkanstaat die Verhandlungen führt, und gleichzeitig mit Hannah Maynard eine Liaison hat.

Mit viel Handkamera gedreht, bleibt „Sturm“ seine Figuren immer sehr nah. Auf diese Weise konzentriert sich der Film ganz besonders auf die zwei weiblichen Hauptpersonen, die sich in einer von Männern beherrschten Welt behaupten müssen. Dabei stellt Hans-Christian Schmid erneut unter Beweis, dass er Schauspieler besonders gut führen kann. Kerry Fox gestaltet Hannah als eine ungemein zähe, unnachgiebige Frau, die von der Richtigkeit ihres Handelns zutiefst überzeugt ist. Anamaria Marinca drückt insbesondere durch ihre Blicke und ihre ungelenke Körpersprache die in der Vergangenheit erlittenen Verletzungen aus.

Die glaubwürdige Verknüpfung der persönlichen Schicksale mit der großen internationalen Politik macht „Sturm“ zu einem der besten Spielfilme des bisherigen Kinojahres.

Laut der „Abschluss-Strategie“ des UN-Sicherheitsrates soll der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien bis Ende 2010 seine reguläre Arbeit abgeschlossen haben. „Sturm“ liefert ein Plädoyer gegen eine Gerechtigkeit „nach der Stoppuhr“.
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