ÜBERFLIEGER - KLEINE VÖGEL, GROSSES GEKLAPPER | Richard the Stork
Filmische Qualität:   
Regie: Toby Genkel, Reza Memari
Darsteller: (Sprecher): Tilman Döbler, Christian Gaul, Nicolette Krebitz, Marco Eßer, Marcus Off, Maud Ackermann
Land, Jahr: Belgien, Deutschland, Luxemburg, Norwegen 2016
Laufzeit: 84 Minuten
Genre:
Publikum:
Einschränkungen: --
im Kino: 5/2017


José García
Foto: Wild Bunch

In Hans Christian Andersens klassischem Märchen "Das hässliche Entlein" (1843), brütet bekanntlich eine Entenmutter sieben Eier aus, von denen eins größer ist. Dem siebten Ei entschlüpft keine Ente, sondern ein größeres, graues Wesen, das wegen seiner Tollpatschigkeit verspottet wird, weshalb er flieht. Im Animationsfilm "Überflieger - Kleine Vögel, großes Geklapper" ("Richard the Stork"), der auf der diesjährigen Berlinale in der Kinderfilmsektion "Generation K-plus" uraufgeführt wurde und nun im regulären Kinoprogramm startet, wird ebenfalls ein Vogel von einer anderen Vogelart aufgezogen. Denn kurz bevor der kleine Spatz Richard aus seinem Ei schlüpft, wird das Nest seiner Eltern von einem Marder überfallen. Die Storchendame Aurora ist jedoch zur Stelle. Sie kann das Ei noch rechtzeitig retten. Im Unterschied zum "hässlichen Entlein" fühlt sich Richard jedoch bei seiner "Mama" und seinem "Bruder" Max pudelwohl. Auch wenn sich Auroras Mann Claudius dabei nicht ganz wohl fühlt, drückt er einfach ein Auge zu.

Einen Sommer lang lernt Richard zusammen mit Max fliegen, fischen, auf einem Bein stehen und klappern. Aber der Herbst naht, und mit ihm die Zeit für die Zugvögel, in den Süden zu ziehen. Ein Spatz kann unmöglich die Reise nach Afrika antreten: "Du bist ein kleiner Spatz, du gehörst hierher zu den anderen Spatzen." Richard fühlt sich vor den Kopf gestoßen. Er ist zwar klein, aber doch ein Storch! So hat er sich sein bisheriges Leben lang gesehen. Deshalb will er selbst gegen den Willen seines "Vaters" Claudius unbedingt mit nach Afrika. Als Richard am Morgen aufwacht, ist er allein. Der Schwarm hat ohne ihn die Reise vor dem Morgengrauen angetreten. Richard versucht, hinterherzufliegen, aber ein Gewitter zieht auf, eine Windbö erfasst ihn, und so fällt der kleine Spatz zu Boden, vor die Füße der zerzausten, viel zu groß geratenen Zwergeule Olga. In Olgas Geschichte spiegelt sich die des "hässlichen Entleins" wider: Sie war schon immer zu groß für das Nest, weswegen sie ihre Eulen-Schwestern als Monster beschimpften. Nur ihr Freund Oleg war immer für sie da.

Deshalb führt Olga ständig Selbstgespräche mit ihrem besten Freund Oleg, den allerdings nur sie sehen kann. Zusammen mit Olga (und Oleg) macht sich Richard nun auf den Weg nach Süden. Unterwegs begegnen sie einer Reihe schräger Vögel, so etwa in einer schäbigen Bahnhofskneipe dem Wellensittich Kiki, der davon überzeugt ist, dass die ganze Welt auf seine Disco-Stimme wartet. Die drei (oder vier) ziehen weiter auf der Suche nach den Störchen. Auskunft über deren jeweiligen Standort erhalten sie von "vernetzten" Tauben, die auf Telefonleitungen sitzen und dadurch mit der ganzen Welt online verbunden sind. Auch wenn sich einige Elemente, etwa die Online-Tauben, als ein augenzwinkernder Hinweis für Jugendliche und Erwachsene ausnimmt, die darin eine Parodie auf die Sozialnetzwerke ansehen mögen, wendet sich "Überflieger ? Kleine Vögel, großes Geklapper" in erster Linie an kleine Kinder. Als Vorbild für die europäische Koproduktion unter der Regie von Toby Genkel und Reza Memari kann nicht nur Andersens Kunstmärchen, sondern etwa auch "Findet Nemo" (2003) angesehen werden, in dem Clownfisch Marlin aus Liebe zu seinem Sohn Nemo die Angst vor dem offenen Meer überwindet. Bei Genkel und Memari besiegt Wellensittich Kiki seine Höhenangst.

Animationstechnisch braucht die europäische Produktion den Vergleich mit den großen amerikanischen Animationsschmieden nicht zu scheuen. Die Animation ist nicht nur in den Texturen der Figuren, so etwa in den Federn, detailreich, sondern auch die sehr bunten und abwechslungsreichen Landschaften werden ebenfalls mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Die Filmemacher haben darüber hinaus viel Detailreichtum in die Charaktere der Figuren investiert, vor allem in die drei Reisegefährten Richard, Olga und Kiki: Richard lässt sich trotz seiner nicht gerade beeindruckenden Größe niemals unterkriegen, Olga fügt dem inzwischen arg abgedroschenen Begriff "Andersartigkeit" neue Seiten hinzu, und Kiki wird als alternde, etwas abgehalfterte Diva gezeichnet, die noch immer von einer großen Gesangskarriere träumt. Als der heimliche Star in diesem Ensemble erweist sich jedoch Olgas unsichtbarer Freund Oleg. Dass er nie gezeigt wird, steigert noch diesen Status. Dazu Mit-Regisseur und Drehbuchautor Reza Memari: Jeder Zuschauer solle "seine eigene Vorstellung von Oleg haben. Sobald man ihn zeigt, hat man ein festes Bild. Wir wollten ihn lieber mysteriös halten - und damit auch offenlassen, ob er wirklich nur Olgas Einbildung ist oder womöglich doch existiert."

Bei der Verleihung des Prädikats "besonders wertvoll" urteilt die Deutsche Film- und Medienbewertung FBW: "Eine wunderbare Geschichte um Freundschaft, bedingungslose Hilfsbereitschaft, auch unter Einsatz des eigenen Lebens, und ein Plädoyer für ein vorurteilsfreies Miteinander, was eine globale Welt unabdingbar fordert. Und: Träume deine Träume und versuche sie in Erfüllung zu bringen, sonst ist das Leben nicht lebenswert! All dies Werte, die der Film sehr glaubhaft und nicht emotional überhöht zu vermitteln vermag. Etwas, was ihn stark und positiv von vergleichbaren Hollywood-Produkten zu unterscheiden vermag." So verwandeln sich nicht nur die starrköpfige Eule Olga, sondern auch der selbstverliebte Egomane Kiki in wahre Freunde. Eine zwar nicht sehr subtile, aber dennoch einprägsame Botschaft besonders für kleine Zuschauer.
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