GESCHICHTE DER LIEBE, DIE | The History of Love
Filmische Qualität:   
Regie: Radu Mihaileanu
Darsteller: Derek Jacobi, Gemma Arterton, Elliott Gould, Mark Rendall, Sophie Nélissa, Alex Ozerov, Corneliu Ulici, Claudiu Maier
Land, Jahr: Frankreich, Kanada 2016
Laufzeit: 135 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 7/2017


José Garcia
Foto: Prokino

Der 2005 veröffentlichte Roman der amerikanischen Schriftstellerin Nicole Krauss "Die Geschichte der Liebe" ("The History of Love") erzählt eine Liebesgeschichte auf verschiedenen Ebenen. Zu den zwei, eigentlich drei Zeitebenen kommt noch eine komplexe Erzählstruktur hinzu, weil "Die Geschichte der Liebe" der Titel eines Buchmanuskripts ist, das der polnische Jude Léo Gursky in den 1930er Jahren für seine große Liebe Alma Mereminski verfasste, und von dem er fälschlicherweise glaubt, es sei verloren gegangen. Etliche Jahrzehnte später erhält eine Übersetzerin in New York den Auftrag, den Roman "Historia del Amor" aus dem Spanischen ins Englische zu übersetzen. Irgendwann einmal stellt es sich heraus, dass dieses vor Jahren auf Spanisch erschienene Buch eine in Chile angefertigte Übersetzung eben des Romanmanuskripts von Léo Gursky ist.

Der rumänische Regisseur Radu Mihaileanu, der vor mehr als zehn Jahren mit dem sich ebenfalls über einen langen Zeitraum erstreckenden Spielfilm "Geh und lebe" ("Va, vis et deviens", siehe Filmarchiv) bekannt wurde, hat zusammen mit seiner Mit-Autorin Marcia Romano den mehrere miteinander verwobene Handlungsstränge erzählenden Roman für die große Leinwand adaptiert. Zum Prozess der Filmadaption führt Radu Mihaileanu aus: "Wie lässt sich eine filmische Sprache für die komplexe Erzählstruktur des Romans finden? Im Hinblick auf die Drehbuchentwicklung war es vor allem entscheidend, dass man die Kraft und Intensität von Nicole Krauss´ Romanvorlage erhält und die zwei — wenn man es genau nimmt sogar drei — parallel laufenden Erzählstränge in der Filmadaption so miteinander verwebt, dass sie am Ende ein Gesamtbild ergeben."

Der erste Handlungsstrang spielt sich im Polen der dreißiger Jahre ab. Die drei Freunde Léo (Mark Rendall), Bruno (Corneliu Ulici) und Zvi (Claudiu Maier) sind in Alma Mereminski (Gemma Arterton), das schönste Mädchen im Schtetl, verliebt. Alma verspricht, den zu heiraten, der am besten schreibt. In Wahrheit ist jedoch ihre Wahl längst auf Léo Gursky gefallen, der sie mehr liebt als alles auf der Welt und ihr verspricht, sie ein Leben lang zum Lachen zu bringen. Léo will Schriftsteller werden. Er beginnt, die Geschichte seiner großen Liebe als einen einzigen langen Liebesbrief an Alma, seine "meistgeliebte Frau der Welt", niederzuschreiben. Als jedoch der Krieg ausbricht und die Deutschen immer näherrücken, schickt Almas Vater die junge Frau nach Amerika. Léo verspricht, ihr nachzukommen. Bis dahin wird er Alma schreiben, und in jedem Brief ein neues Kapitel der "Geschichte der Liebe" mitschicken.

Den visuellen Übergang zur zweiten Zeitebene schafft Regisseur Radu Mihaileanu durch eine virtuelle Montage: Das jüdische Dorf verwandelt sich in eine Ruine. Aber die Kamera fokussiert aus der Vogelperspektive immer näher einen Baum, hinter dem sich ein Liebespaar küsst. Das von einem der Freunde aufgenommene Bild wird Jahrzehnte später noch eine Rolle spielen, denn es stellt zusammen mit dem Buchmanuskript die Verbindung zwischen den Zeit- und Handlungssträngen her. Die zweite Zeitebene ist im New York des Jahres 2006 angesiedelt. Der inzwischen 80-jährige Léo (Derek Jacobi) lebt noch immer im Stadtteil Chinatown, in dem früher viele Juden lebten. Dort fragt Léo seinen Buchhändler wöchentlich nach der "Die Geschichte der Liebe". Aber vergeblich: Ein Roman mit diesem Titel ist ihm nicht bekannt.

Das könnte sich jedoch bald ändern. Denn in Brooklyn erhält Charlotte (Torri Higginson) den Auftrag, das Buch "Historia del Amor" aus dem Spanischen ins Englische zu übersetzen — das Buch, das ihr inzwischen verstorbener Mann ihr zu ihrem 25. Geburtstag in Chile geschenkt hat, wo sie früher lebten. Ihre Tochter, die 15-jährige Alma (Sophie Nélisse) freut sich besonders darauf, und beginnt, die übersetzten Kapiteln zu lesen.

Obwohl die Beweggründe einiger Charaktere nicht immer einleuchten, gelingt es Radu Mihaileanu und seiner Mit-Autorin Marcia Romano, diese drei Handlungsstränge und die dazugehörigen Zeitebenen, die darüber hinaus mit einigen Rückblenden zur Geschichte von Léo und Alma angereichert werden, zu einer Einheit zu verknüpfen. Eine besondere dramaturgische Spannung bringt darüber hinaus die Figur des alternden Bruno Leibovitch (Elliott Gould): Der Zuschauer fragt sich, ob sie wirklich existiert, oder ob Bruno nur ein Produkt von Léos Fantasie, sein Alter Ego, ist.

Als epischer, sich über mehrere Jahrzehnte hinziehender, unterschiedliche Handlungsstränge miteinander verbindender Film erfordert "Die Geschichte der Liebe" einen hohen Maß an Konzentration. Einen verbindenden Wesenszug in der nichtlinearen Erzählweise stellt, abgesehen von den bereits erwähnten inhaltlichen Elementen, die Bildsprache dar: Kameramann Laurent Dailland schafft ästhetisch sehr ansprechende Bilder aus den verschiedenen Zeitebenen. Darüber hinaus überzeugen die Schauspieler, allen voran Derek Jacobi, der als alter Leo die ganze Bandbreite an Gefühlen darstellt, die sich in einem langen Leben angesammelt haben.

Bei der Fülle an Charakteren nimmt nicht wunder, dass einige von ihnen nicht bis in alle Einzelheiten entwickelt werden konnten. Außerdem verfällt Regisseur Mihaileanu hin und wieder ins Pathetische, ja Kitschige. Dennoch: Radu Mihaileanu und Marcia Romano adaptieren einen vielschichtigen Roman, der mehrere Handlungsstränge und Zeitebenen miteinander verknüpft, zu einem nicht nur visuell ansprechenden, sondern auch inhaltlich bewegenden Spielfilm.
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