ZU GUTER LETZT | The Last Word
Filmische Qualität:   
Regie: Mark Pellington
Darsteller: Shirley MacLaine, Amanda Seyfried, Anne Heche, Thomas Sadoski, Annjewel Lee Dixon, Philip Baker Hall
Land, Jahr: USA 2017
Laufzeit: 108 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 4/2017


José García
Foto: Tobis

Mit einer Reihe alter Fotos von Shirley MacLaine beginnt der Spielfilm "Zu guter Letzt" ("The Last Word") von Mark Pellington (Regie) und Stuart Ross Fink (Drehbuch). So wird deutlich, dass es hier nicht nur um die von der alten Dame verkörperte Figur Harriet Lauler geht. "Zu guter Letzt" nimmt sich auch als eine Hommage an die Schauspielerin Shirley MacLaine selbst aus, die ab ihrem ersten großen Erfolg im Jahre 1960 ("Das Appartement") zur Hollywood-"Legende" aufstieg, und die in den nächsten Tagen 83 Jahre alt wird.

Harriet Lauler lebt alleine in einem geräumigen und luxuriösen Haus. Ein paar Pinselstriche — Szenen in der Küche, im Garten, beim Frisör — reichen, um ihren Charakter zu etablieren: Sie weiß alles besser, und am liebsten würde sie alles selber machen: kochen, gärtnern ... Selbst am Arzt, der sie nach einem Selbstmordversuch mit Schlaftabletten und einer Flasche Rotwein behandelt, lässt die Kratzbürste kein gutes Haar. Harriet Lauler war einst eine erfolgreiche Geschäftsfrau, aber auch im Ruhestand will sie Chefin sein und alle Menschen um sich kontrollieren. Unter dem Motto "Kontrolle ist wichtig" setzt sie sich in den Kopf, dass ihr eigener Nachruf unter ihrer Aufsicht geschrieben werden soll. Weil sie 25 Jahre lang mit ihren Anzeigen dafür sorgte, dass die Lokalzeitung weiter erscheinen konnte, und nun Chefredakteur Ronald Odom (Tom Everett Scott) hofft, dass sie eines Tages dem Blatt ihr Vermögen hinterlassen wird, kann er sich ihrem Wunsch natürlich nicht verschließen.

Die Nachruf-Expertin der Zeitung soll es also richten: Obwohl sich die junge Journalistin Anne Sherman (Amanda Seyfried) eigentlich zu Höherem berufen füllt, ist sie hier gestrandet, sozusagen in der Sackgasse "Nachrufe". Anne nimmt routiniert ihre Recherchen auf, stellt schnell fest: kein Mensch lässt an Harriet Lauler auch nur ein gutes Haar. Sie war offensichtlich eine Spezialistin darin, ihren Sturkopf durchzusetzen — mit verheerenden Folgen: Ihr Ehemann Edward (Philip Baker Hall) verließ sie, ihre Geschäftspartner in der Marketingagentur setzten sie vor die Tür, und selbst ihre Tochter Elizabeth (Anne Heche) brach mit ihr. Nicht einmal ihre Frauenärztin und der Priester in Harriets Gemeinde können sich dazu durchringen, ein gutes Wort über die herrische Frau zu sprechen. Deshalb fällt der Nachruf nichtssagend aus. Harriet muss ihr Leben ändern, damit die Todesanzeige doch noch zu einem würdigen Nachruf wird. Dafür will sich die alte Dame mit ihrer Familie und insbesondere ihrer Tochter versöhnen sowie jemandem aus schwierigen Verhältnissen helfen, wobei Anne und Harriet in einem Gemeindezentrum für schwererziehbare Kinder die ideale "Besetzung" finden: die vorlaute, 9-jährige Brenda (AnnJewel Lee Dixon). Als Krönung käme noch, was Anne "Wildcard" nennt: irgendein ungewöhnliches Detail, das einem jeden Nachruf erst Würze verleiht. Harriets wunderbare Schallplattensammlung, die von ihrer Musikkenntnis zeugt, bringt Anne auf eine Idee ...

Ein älterer Mensch, der kurz vor dem nahenden Ende sein Leben ändern will, und insbesondere Versöhnung sucht, stand etwa im wunderbaren Spielfilm "The Straight Story - Eine wahre Geschichte" (1999) von David Lynch im Mittelpunkt. Hier nahm ein von mehreren Leiden geplagter 74-Jähriger einen 560 Kilometer langen Weg auf einer uralten Mähmaschine auf sich, um sich mit seinem im Sterben liegenden Bruder zu versöhnen. So unbequem gestaltet sich die Fahrt, die Harriet mit Anne und Brenda unternimmt, um ihre Tochter Elizabeth zu besuchen, doch nicht. Auch der Ton von "Zu guter Letzt", der im Januar 2017 auf dem Sundance Film Festival Premiere feierte und nun im regulären Kinoprogramm startet, wirkt um einiges komödiantischer als der in "The Straight Story — Eine wahre Geschichte".

Mark Pellington, der 1999 bei dem vortrefflichen Polittriller "Arlington Road" Regie führte, seitdem aber international kaum in Erscheinung getreten ist, inszeniert "Zu guter Letzt" als, wie es so schön heißt, "Wohlfühl"-Komödie mit dem typischen Hollywood-Hochglanz, der sich auf jede Szene legt. Auch wenn sich nicht alle Konflikte sofort von allein lösen, hinterlässt der Ansatz beim Zuschauer einen schalen Beigeschmack, weil die Figuren dadurch nicht so ganz stimmig wirken, wie von ihnen zu erwarten war. Ein Beispiel: Brenda wird als "schwererziehbar" eingeführt, stellt sich allerdings als zwar freches, aber im Grunde braves Mädchen heraus. Die "Lebensweisheiten", die Harriet ihrer "Ersatztöchtern" Anne und Brenda beibringt — "Habt keine Angst zu scheitern. Fürchtet nicht den Sprung ins kalte Wasser. Traut Euch zu sagen, woran Ihr glaubt" — nehmen sich ziemlich abgedroschen aus. Im ersten Filmdrittel von "Zu guter Letzt" wird mit Harriet Lauler eine ungemein interessante Figur eingeführt, die leider im Laufe der Filmhandlung immer mehr weichgezeichnet wird. Schade, dass die Filmemacher aus ihr nicht mehr herausgeholt haben. Auch Amanda Seyfried, die etwa in Andrew Niccols "In Time - Deine Zeit läuft ab" (2011) und in Tom Hoopers Musical-Verfilmung "Les Misérables" (2012) ihr schauspielerisches Talent unter Beweis gestellt hatte, wirkt viel zu blass. Nicht so sehr, weil Shirley MacLaine sie erdrückt, sondern eher, weil das Drehbuch sie zur Stichwortgeberin degradiert.

Dennoch: Shirley MacLaines Spiel zuzuschauen ist schon ein großer Pluspunkt des Filmes. Der andere besteht im ausgewählten Soundtrack und der damit einhergehenden Hommage an die gute, alte Vinyl-Schallplatte.
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