Aktuelle Filmkritiken
ROSEMARI
Ein Paar verabschiedet sich. Unn Tove (Tuva Novotny) eröffnet ihrem Liebhaber Klaus (Tommy Kenter), dass sie sich nicht mehr werden sehen können: "Ich werde heiraten." Der naheliegenden Frage, warum Unn Tove denn jemand heiratet, den sie nicht liebt, geht die norwegische Drehbuchautorin und Regisseurin Sara Johnsen gar nicht nach. Denn während der Hochzeitsfeier in einem Restaurant ereignet sich etwas, was den Spielfilm "Rosemari", der in Deutschland erstmals als Eröffnungsfilm der Nordischen Filmtage Lübeck Premiere feierte, und nun im regulären Kinoprogramm startet, in eine ganz andere Richtung führt: Unn Tove findet ein neugeborenes Baby auf der Toilette des Restaurants. Die Mutter hatte es offenbar gerade dort bekommen und zurückgelassen. Die Braut übergibt das neugeborene Mädchen den Behörden.

Sechzehn Jahre später taucht bei Unn Tove die inzwischen 16-jährige Rosemari (Ruby Dagnall) auf. Obwohl sie bei ihren Pflegeeltern eine behütete Kindheit erlebt hat, möchte sie unbedingt wissen, wer ihre Eltern sind. Anhand von Krankenhausakten hat sie Unn Toves Adresse in dem Glauben herausgefunden, sie sei ihre Mutter. Zwar klärt die inzwischen als Fernsehjournalistin tätige Unn Tove die resolute Rosemari auf. Aber sie schließt mit ihr einen Pakt: Sie will dem Mädchen helfen, die Mutter zu finden. Als Gegenleistung soll sich Rosemari von einer Kamera [mehr]

Text: José García
Foto: Farbfilm
JAHRHUNDERTFRAUEN
Santa Barbara, Südkalifornien, im Jahre 1979. Auf dem Parkplatz eines Supermarkts brennt ein Auto. In dem Ford Galaxie wurde Jamie (Lucas Jade Zumann) vor 15 Jahren als Neugeborener nach Hause gefahren. Seine Mutter Dorothea Fields (Annette Bening) war damals 40 Jahre alt, der Meinung vieler nach zu alt, um erstmals Mutter zu werden. Damals lebte der Vater noch bei Frau und Kind. Später verließ er sie jedoch. Diese Vorgeschichte erfährt der Zuschauer im Spielfilm "Jahrhundertfrauen" von Drehbuchautor und Regisseur Mike Mills aus den abwechselnden Off-Stimmen von Mutter und Sohn.

Wenn irgendwann einmal im Fernsehen eine Szene aus "Casablanca" läuft, und Teile des Films mit dem berühmten "As Time Goes By" unterlegt werden, könnte man meinen, dies sei ein nostalgischer Film. Der Schein trügt aber, genauso wie der deutsche Verleihtitel "Jahrhundertfrauen" falsche Assoziationen weckt. Denn der Film handelt nicht von irgendwelchen "Super"-Frauen, sondern von Frauen aus dem 20. Jahrhundert, so auch der Originaltitel "20th Century Women", oder genauer von Frauen im ausgehenden 20. Jahrhundert.

Kettenraucherin Dorothea, die in einem Architekturbüro arbeitet, sucht einen Vaterersatz für ihren Sohn Jamie. Obwohl sie bei der Arbeit von lauter Männern umgeben ist, verspürt sie wenig Lust, eventuell unter ihnen ein männliches Vorbild für Jamie auszusuchen. Vielleicht könnte [mehr]

Text: José Garcia
Foto: splendid film
ZWISCHEN DEN STÜHLEN
Bekanntlich besteht in Deutschland die Lehrerausbildung aus zwei Stufen: Auf das Erste Staatsexamen, mit dem das eher theoretische Studium an der Universität abgeschlossen wird, folgt das "Referendariat", eine zweijährige praktische Ausbildung an einer Schule, die mit dem Zweiten Staatsexamen endet. Der zweistufige Aufbau der Ausbildung besteht übrigens nicht nur im schulischen Bereich, sondern auch in anderen Gebieten, siehe etwa "Rechtsreferendare": Nach dem Jura-Universitätsstudium folgt ebenfalls eine zweijährige praktische Ausbildung. Erst danach kann der Rechtsreferendar Rechtsanwalt werden.

Lehramtsreferendare unterrichten von Anfang an an einer Schule. Sie stehen aber unter besonderer Beobachtung (Stichwort: "Lehrprobe") und drücken selbst die Schulbank im sogenannten Fachseminar. Sie vergeben einerseits Noten, werden auf der anderen Seite selbst benotet. Sie sitzen zwischen den Stühlen, Lehrer und Schüler zugleich zu sein. Wohl deshalb betitelt Jakob Schmidt seinen Abschluss-Dokumentarfilm an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf "Zwischen den Stühlen". Der auf dem Dok.Festival Leipzig mehrfach ausgezeichnete Film begleitet drei angehende Lehrer drei Jahre lang. "Das lag daran, dass die einzelnen Protagonisten ihr Referendariat nicht zeitgleich antraten, und sich die Dauer der Ausbildung je nach Schulform auch unterschied", führt Jakob Schmidt dazu aus. In dieser Zeit begleitet die Kamera Anna, die an einer Gesamtschule ihr Referendariat durchläuft, Katja, die Grundschullehrerin werden möchte, sowie [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Weltkino
RÜCKKEHR NACH MONTAUK
Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch (1911—1991) wurde mit Theaterstücken ("Andorra", "Biedermann und die Brandstifter") und Romanen wie "Homo faber" oder "Stiller" weltbekannt. In der Erzählung "Montauk" (1975) berichtete der Autor nicht nur von einer Affäre im gleichnamigen Ort auf Long Island mit einer viel jüngeren Amerikanerin, sondern auch von weiteren Liebesbeziehungen. Das Bloßlegen solch privater Details führte zu einer Auseinandersetzung mit Frischs zweiter Frau Marianne Oellers und schließlich zur Ehescheidung. Montauk sei zu autobiographisch, um die Erzählung zu verfilmen, sagt dazu Regisseur Volker Schlöndorff. Mit dem Spielfilm "Rückkehr nach Montauk", der im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb uraufgeführt wurde und nun im regulären Kinoprogramm startet, strebe er keine Filmadaption von Frischs "Montauk" an. Er möchte vielmehr "eine ähnliche Geschichte heute erzählen: Ein Schriftsteller kommt mit seiner Partnerin nach langer Zeit zurück nach New York und trifft dort auf eine Frau aus seiner Vergangenheit."

Die erste Szene sorgt bereits für eine gewisse Irritation: Der Autor Max Zorn (Stellan Skarsgaard) spricht in Großaufnahme frontal in die Kamera einen langen Monolog, bei dem es um das schwierige Verhältnis zu seinem Vater geht. Als die Kamera etwas zurückfährt, sieht der Zuschauer, wie der Autor ein Buch zuklappt. Bei dem angeblichen Monolog handelt es sich um eine Autorenlesung aus [mehr]

Text: José García
Foto: Wild Bunch
FAHR MA OBI AM WASSER
Heutzutage fahren auf Flößen etwa auf der Isar nur noch Touristen. Von Anfang Mai bis Mitte September werden auf den 24 Kilometern von Wolfratshausen nach München regelmäßig Floßfahrten veranstaltet. Einer solchen Fahrt mit einem Touristenfloß widmet Regisseur und Produzent Walter Steffen die letzten Minuten seines Dokumentarfilmes "Fahr ma obi am Wasser", der beim Filmfestival Bozen Anfang April Welt-, am 10. Mai im Rahmen des DOK.fest München Deutschlandpremiere feierte, und nun im regulären Kinoprogramm startet.

Seit 2014 gehört die Flößerei zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. In der Begründung zur Aufnahme in das deutsche Verzeichnis heißt es: "Das Handwerk der Flößerei ist der Transport von Holz auf dem Wasserweg aus holzreichen in holzärmere Gebiete. In der Vergangenheit hat die Flößerei in Deutschland angesichts eines riesigen Holzbedarfs in allen Lebensbereichen der Gesellschaft eine herausragende Rolle gespielt. Nur durch die Flößerei konnte dieser Bedarf gedeckt werden. Das Handwerk und die Arbeit der Flößer hat die Lebenswirklichkeit vieler Menschen entscheidend und einschneidend geprägt."
Dieser Aspekt ist es denn auch, der Walter Steffen, der in seinen früheren Dokumentarfilmen"Endstation Seeshaupt - Eine Reise durch Oberbayern 1945-2010" und "München in Indien" historische Gegenstände mit bayerischem Bezug behandelt hat, für seinen Dokumentarfilm "Fahr ma obi am Wasser" [mehr]

Text: José García
Foto: Konzept + Dialog
EIN TAG WIE KEIN ANDERER
Trauerbewältigung gehört zu den immer wiederkehrenden Sujets des Kinos. Selbst ein Spielfilm wie der mit sieben Oscars ausgezeichnete "Gravity" (Alfonso Cuarón, 2013), der vordergründig von einer Weltraumreise und -rettung handelt, stellt sich eigentlich als eine Geschichte über Bewältigung von Trauer und Verlust heraus. Dass eine ungewöhnliche Freundschaft dazu beitragen kann, mit dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen, verdeutlichte Jake Scott in seinem Spielfilm "Willkommen bei den Rileys" (Jake Scott, 2010) durch eine Vater-Tochter-Beziehung zwischen einem Mann mittleren Alters, der vor Jahren eine 15-jährige Tochter verloren hatte, und einer Minderjährigen aus dem Rotlichtmilieu.

In seinem Spielfilmdebüt "Ein Tag wie kein anderer" erzählt der 1983 in Washington geborene und in Israel aufgewachsene Regisseur Asaph Polonsky ebenfalls von einer ungewöhnlichen Freundschaft über Generationen hinweg, die zur Trauerbewältigung beiträgt. Eyal (Shai Avivi) trauert nach dem Tod seines 25-jährigen Sohnes traditionsgemäß eine Woche lang. Die Shiva, das jüdische Trauerritual, ist nun beendet. Die Kamera von Moshe Mishali verbleibt bei der Aufräumungsaktion, nachdem sich die Trauergäste verabschiedet haben: Die Essensreste werden in den Müllsack befördert, Eyal und seine Frau Vicky (Evgenia Dodina) rücken den Tisch zurück an den gewohnten Platz. Als die Nachbarn mit einem Salat aufkreuzen, werden sie einfach hinauskomplimentiert. Vicky versucht, ihren Schmerz [mehr]

Text: José García
Foto: temperclayfilm
ÜBERFLIEGER - KLEINE VÖGEL, GROSSES GEKLAPPER
In Hans Christian Andersens klassischem Märchen "Das hässliche Entlein" (1843), brütet bekanntlich eine Entenmutter sieben Eier aus, von denen eins größer ist. Dem siebten Ei entschlüpft keine Ente, sondern ein größeres, graues Wesen, das wegen seiner Tollpatschigkeit verspottet wird, weshalb er flieht. Im Animationsfilm "Überflieger - Kleine Vögel, großes Geklapper" ("Richard the Stork"), der auf der diesjährigen Berlinale in der Kinderfilmsektion "Generation K-plus" uraufgeführt wurde und nun im regulären Kinoprogramm startet, wird ebenfalls ein Vogel von einer anderen Vogelart aufgezogen. Denn kurz bevor der kleine Spatz Richard aus seinem Ei schlüpft, wird das Nest seiner Eltern von einem Marder überfallen. Die Storchendame Aurora ist jedoch zur Stelle. Sie kann das Ei noch rechtzeitig retten. Im Unterschied zum "hässlichen Entlein" fühlt sich Richard jedoch bei seiner "Mama" und seinem "Bruder" Max pudelwohl. Auch wenn sich Auroras Mann Claudius dabei nicht ganz wohl fühlt, drückt er einfach ein Auge zu.

Einen Sommer lang lernt Richard zusammen mit Max fliegen, fischen, auf einem Bein stehen und klappern. Aber der Herbst naht, und mit ihm die Zeit für die Zugvögel, in den Süden zu ziehen. Ein Spatz kann unmöglich die Reise nach Afrika antreten: "Du bist ein kleiner Spatz, du gehörst hierher zu den anderen [mehr]

Text: José García
Foto: Wild Bunch
ENDE IST ERST DER ANFANG, DAS
Bereits eine der erste Szenen von "Das Ende ist erst der Anfang" verdeutlicht, welche Vorbilder der belgische Drehbuchautor und Regisseur Bouli Lanners für seinen Spielfilm "Das Ende ist erst der Anfang" ("Les premieres, les dernieres") vor Augen hatte. Da sitzen zwei nicht mehr junge Männer in einem Café und streiten darüber, wer der Ältere von ihnen sei: Gilou (Bouli Lanners) hält sich für den Älteren, weil er im Januar und sein Kollege Cochise (Albert Dupontel) im Dezember geboren sei. Woraufhin Cochise kontert, er selbst sei zwar im Dezember, aber eben ein Jahr früher zur Welt gekommen, sei also einen Monat älter als Gilou. Ein solches Gespräch zwischen Gangstern über völlig Belangloses soll natürlich an Quentin Tarantinos Killer Vincent und Jules in "Pulp Fiction" (1994) erinnern, die sich auf dem Weg zu einem Mordauftrag darüber unterhalten, dass in Europa Bier im Glas und nicht im Pappbecher serviert wird. Unterbelichtete Killer spielen ebenfalls die Hauptrolle in "Fargo — Blutiger Schnee" (1996) der Brüder Joel und Ethan Coen. Im Laufe des Films erweisen sich Gilou und Cochise allerdings als nicht so beschränkt wie die "Fargo"-Killer oder als so abgebrüht wie die Auftragsmörder in "Pulp Fiction".

Gilou und Cochise sind unterwegs in einer winterlich-kargen Landschaft [mehr]

Text: José Garcia
Foto: NFP/ Kris Dewitte
SIEBEN MINUTEN NACH MITTERNACHT
Monster und Kinder. Die Urangst des Kindes vor dem Monster stellten die Animationskünstler von Pixar im Jahre 2001 in "Die Monster AG" gewissermaßen auf den Kopf. Denn die Mitarbeiter der gleichnamigen Firma brauchen die Schreie der Kinder als Energiequelle für ihre Heimat Monstropolis. Aber im Grunde haben die Pixar-Monster mehr Angst vor Kindern, weil diese gefährliche Krankheiten übertragen sollen, als umgekehrt. Von der außerordentlichen Freundschaft zwischen einem zehnjährigen Mädchen und einem freundlichen Riesen erzählte kürzlich Steven Spielberg in "BFG - Big Friendly Giant", der an der Nahtstelle zwischen Traum und Wirklichkeit angesiedelt war. Der freundliche Riese hilft dem Kind, seine eigenen Traumata zu überwinden. Obwohl Spielbergs Film ernste Fragen ansprach und zunächst auch verhältnismäßig düster wirkte, entwickelte sich der Film in der zweiten Hälfte zu einer ausgelassenen Komödie in satten Farben.

Ganz anders der Ton in Juan Antonio Bayonas nun im regulären Kinoprogramm anlaufendem Spielfilm "Sieben Minuten nach Mitternacht" ("A Monster Call"), der auf dem gleichnamigen Kinderbuch von Patrick Ness basiert, und dessen Drehbuch ebenfalls vom Romanautor stammt. "In der Verwobenheit von Wirklichkeit und Phantasie", so die Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises 2012, erzähle Patrick Ness "die Geschichte eines Trauerprozesses in all seinen Facetten". Diese Geschichte fängt Kameramann Óscar Faura [mehr]

Text: José García
Foto: Studiocanal
HAPPY BURNOUT
Alt-Hippie war gestern. Heute gibt es den "Alt-Punk". Zum Beispiel Stefan Poschka, genannt "Fussel" (Wotan Wilke Möhring). Äußerlich mag er sich durch die Frisur und den fehlenden Bart von einem ehemaligen Hippie unterscheiden. In der Einstellung als Lebenskünstler und Systemverweigerer ist "Fussel" jedoch die Fortsetzung des Alt-Hippies mit anderen Mitteln. Seine Überlebensstrategie: Mit dem denkbar geringsten Widerstand in den Tag hineinzuleben. Wie der Sozialschmarotzer im Hamburger Schanzenviertel über die Runden kommt, zeigt der Spielfilm "Happy Burnout" von Gernot Gricksch (Drehbuch) und André Erkau (Regie) an einem Beispiel: "Fussel" lässt sich eine Belohnung von der Hundebesitzerin aushändigen, der er ihren Hund zurückgebracht hat. Nur: Den Hund hatte er selbst gerade erst losgelassen. Vor allem die Sozialarbeiterin Frau Linde (Victoria Trauttmansdorff) hat offensichtlich einen Narren an dem Nichtsnutz gefressen: Seit Jahren sorgt die Sachbearbeiterin im Arbeitsamt dafür, dass Herr Poschka als Langzeitarbeitsloser Hartz IV bezieht, ohne sich jemals um irgendeinen Job bemüht zu haben.

Als jedoch im Arbeitsamt eine interne Prüfung ansteht, bekommt Frau Linde Angst, der ganze Schwindel um "Fussel" könnte auffliegen. Deshalb besorgt sie ihm ein Arbeitsunfähigkeitsattest. Die Diagnose — ausgerechnet Burnout! — schließt eine stationäre Therapie in einer Klinik ein. So macht sich Fussel mit seinen Plastiktaschen auf den Weg [mehr]

Text: José García
Foto: Warner Bros.