Aktuelle Filmkritiken
FENCES
Pittsburgh, Pennsylvania, späte 1950er Jahre: Für die zwei Arbeiter der Müllabfuhr, die offensichtlich nicht nur Kollegen, sondern auch gute Freunde sind, beginnt langsam das Wochenende. Troy Maxson (Denzel Washington) ärgert sich darüber, warum nur Weiße als Müllwagen-Fahrer arbeiten dürfen. Er möchte lieber in der Fahrerkabine sitzen, als die Mülltonnen anzuschleppen. Im Gegensatz zu Troy ist der ältere Bono (Stephen Henderson) mit seinem Leben ziemlich zufrieden.

Obwohl Troy sein Geld als Müllmann verdient, strebte er einst eine Karriere als Profi-Baseballspieler an. Und er soll wirklich hervorragend gespielt haben. Dass die Karriere letztendlich gescheitert ist, könnte daran liegen, dass er als Schwarzer in einer damals noch von Weißen dominierten Sportart benachteiligt wurde, wie er immer wieder beteuert. Allerdings könnte dies auch damit zusammenhängen, dass der damals noch wilde Troy 15 Jahre im Gefängnis saß und deshalb einfach zu spät mit dem Profi-Baseball anfing. Troy hat zwei Söhne: Lyons (Russell Hornsby) aus seiner ersten Ehe ist bereits verheiratet und will unbedingt Musiker werden. Cory (Jovan Adepo), der noch bei den Eltern lebt, möchte unbedingt am College Football spielen. Als er tatsächlich ein Stipendium erhält, stellt sich Troy dagegen. Er möchte nicht, dass sein Sohn dieselben Enttäuschungen erlebt wie er selbst. Oder handelt es sich [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Paramount
MADAME CHRISTINE UND IHRE UNERWARTETEN GÄSTE
Die französische Drehbuchautorin und Regisseurin Alexandra Leclere führt in ihren Spielfilm "Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste" ("Le grand partage") ohne Umschweife ein: Die offenbar gutsituierten Pierre (Didier Bourdon) und Christine Dubreuil (Karin Viard) rümpfen selbstzufrieden die Nase über die demonstrierenden Obdachlosen, die Wohnraum als Menschenrecht für alle beanspruchen. Für die Gutmenschen wie ihre Hausnachbarn, die Linksintellektuellen Béatrice (Valérie Bonneton) und Grégory Bretzel (Michel Vuillermoz), hat Monsieur Dubreuil selbstverständlich nur Verachtung. Im Gegensatz zu ihren Nachbarn machen sich die Bretzels Gedanken über die armen Menschen, die bei der ungewöhnlichen Kälte auf der Straße leben müssen. Auch die französische Regierung zeigt sich über die plötzlich einsetzende Kältewelle besorgt. Sie erlässt deshalb ein Notstandsgesetz: Bürger, die über mehr als genügenden Wohnraum verfügen, müssen ihre eigene Wohnung mit Bedürftigen teilen. Daher auch der Originaltitel von Lecleres Film "Le grand partage" ("Das große Teilen"). Ein neues öffentliches Amt wird eigens und eilends dazu geschaffen, um die betuchten Zeitgenossen in die Pflicht zu nehmen.

Die Wohnungsnot und die enorm hohen Mietpreise in Paris standen bereits in den französischen, im deutschen Kino voriges Jahr gestarteten Komödien "Frühstück bei Monsieur Henri" und "Gemeinsam wohnt man besser" im Mittelpunkt. Alexandra Leclere dreht die Schraube eine [mehr]

Text: José García
Foto: universum
EID, DER
Der Eid, auf den sich der gleichnamige Thriller von Baltasar Kormákur bezieht, ist natürlich der Eid des Hippokrates, der Ärzte dazu verpflichtet, "zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil" zu arbeiten, "niemandem, auch nicht auf seine Bitte hin, ein tödliches Gift" zu verabreichen sowie "nie einer Frau ein Abtreibungsmittel" zu geben. Darüber hinaus schwört der Arzt ebenfalls: "Heilig und rein werde ich mein Leben und meine Kunst bewahren." Für den Chirurgen Finnur (Baltasar Kormákur) bedeutet dies, gewissenhaft, ja mit einem Hang zum Perfektionismus zu operieren. Von den Kollegen im Reykjavíker Krankenhaus wird der erfahrene Arzt sehr geschätzt. Privat scheint Finnurs Leben ebenfalls in bester Ordnung zu sein: In einem schönen Haus am Rande von Islands Hauptstadt lebt er zusammen mit seiner zweiten Frau Solveig (Margrét Bjarnadóttir), der gemeinsamen kleinen Tochter Hrefna und der 18-jährigen Tochter aus erster Ehe Anna (Hera Hilmar), deren Mutter in den Vereinigten Staaten lebt.

Erste Risse in der Familienidylle werden bei der Beerdigung von Finnurs Vater sichtbar, zu der Anna zu spät kommt, weil sie bis nachmittags verschlafen hat. Dass sie auch noch einen viel zu kurzen Rock trägt und dauernd Kaugummi kaut, gefällt Finnur nicht gerade. In der Vater-Tochter-Beziehung scheint es Probleme [mehr]

Text: José García
Foto: Alamode
BERLINALE RETROSPEKTIVE 2017
Heute beginnen die 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Die Berlinale besteht jedoch nicht nur aus dem Wettbewerb, in dem über den Goldenen und die Silbernen Bären entschieden wird. Andere Sektionen zeigen eine schier unüberschaubare Zahl von Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen aus aller Welt. Die "Retrospektive", die seit 1977 in Partnerschaft mit der Deutschen Kinemathek — Museum für Film und Fernsehen veranstaltet wird, widmet jedes Jahr ihr Programm bedeutenden Regisseuren oder einem filmhistorischen Thema. Im Jahr 2017 dreht sich die Berlinale-Retrospektive um den Science-Fiction-Film.

Seit jeher hat die Science-Fiction — ob in Roman- oder Filmform — nicht nur menschliche Träume thematisiert — von den Reisen eines Jule Verne bis hin zu den menschlichen Schöpfungen (Stichwort: der Golem oder auch Roboter und Androiden), die ein Eigenleben entwickeln. Darüber hinaus greift das Kino in Science-Fiction-Filmen Entwicklungen mit gesellschaftlicher Relevanz auf, um ihre Auswirkungen in künstlerischer Freiheit aufzuhellen. Dadurch warnt der Science-Fiction-Film vor gefährlichen Entwicklungen, ob es sich um einen Atomkrieg oder sonstige Formen der Zerstörung, um die Uniformierung der Gesellschaft und deren Überwachung oder etwa auch um genetische Eingriffe handelt.

Das Retrospektive-Programm der Berlinale 2017 umfasst 27 Lang- und zwei Kurzfilme aus den Jahren 1918 bis 1998, darunter Klassiker wie Byron Haskins "Kampf der Welten" (1953), [mehr]

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Foto: DEFA-Stiftung / Alexander Kühn
DEN STERNEN SO NAH
Ein Vortrag bei der NASA in einer allem Anschein nach nicht allzu fernen Zukunft: Nathaniel Shepherd (Gary Oldman) spricht von seinem Kindheitstraum, auf den Mars zu fliegen. Nun wird der Traum Wirklichkeit. Denn der erste bemannte Flug zum roten Planeten startet unter der Leitung von Sarah Elliot (Janet Montgomery). Mitten im Flug bemerkt aber Sarah, dass sie schwanger ist, so dass ihr Sohn Gardner als erster Mensch auf dem Mars geboren wird. Weil seine Mutter Sarah bei der Geburt stirbt, wächst Gardner umgeben von Wissenschaftlern wie seiner Ersatzmutter Kendra (Carla Gugino) und dem Roboter Centaur auf, der ihm Lehrer, Spielkamerad und Aufpasser in einem ist. Auf die Erde kann er nicht, denn wegen der unterschiedlichen Schwerkraft würde er die Rückkehr nicht überleben. Die Ärzte befürchten, dass sein Herz zu schwach und seine Knochen zu brüchig sein könnten.

Als 16-Jähriger (Asa Butterfield) ist ihm Centaur als einziger Freund nicht mehr genug. Gardner nimmt übers Internet Kontakt zu Gleichaltrigen auf, insbesondere aber zu Tulsa (Britt Robertson), die bei ihrem versoffenen Pflegevater in Colorado lebt und die High School besucht. Dass es sich bei Gardner um einen echten "Marsianer" handelt, ahnt Tulsa nicht. Die NASA und das von Nathaniel Shepherd gegründete Unternehmen "Genesis Space [mehr]

Text: José García
Foto: Tobis
THE SALESMAN - FORUSHANDE
In "Nader und Simin - Eine Trennung" bot der 1972 in Isfahan, Iran, geborene Regisseur Asghar Farhadi einen Einblick in eine iranische Gesellschaft voller Kontraste. Denn hier prallen zwei gesellschaftliche Schichten aufeinander: Auf der einen Seite die gebildeten, religionsfernen Protagonisten, auf der anderen strenggläubige und bildungsferne Figuren. Asghar Farhadi gelang es, die vermeintliche soziologische Versuchsanordnung als überaus spannende Geschichte zu inszenierten. Auf der Berlinale 2012 gewann das Drama den Goldenen Bären für den besten Film sowie je einen Silbernen Bären für das weibliche und das männliche Schauspieler-Ensemble. Außerdem erhielt "Nader und Simin ? Eine Trennung" den Oscar 2012 für den besten nichtenglischsprachigen Film.

Wie für "Nader und Simin ? Eine Trennung" hat Asghar Farhadi auch für seinen aktuellen Film "The Salesman ? Forushande" selbst das Drehbuch verfasst. Der Filmtitel spielt offensichtlich auf Arthur Millers bekanntes Theaterstück "Death of a Salesman" ("Tod eines Handlungsreisenden") an. Mit den Proben für eine Aufführung von Millers Stück in einem Teheraner Theater beginnt denn auch "The Salesman ? Forushande". Zum Ensemble gehören der Lehrer Emad (Shahab Hosseini) und seine Frau Rana (Taraneh Alidoosti). Wie Nader und Simin sind Emad und Rana ein modernes Ehepaar, allerdings kinderlos. Die Risse an der Wand ihrer Wohnung werden [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Prokino
TIMM THALER ODER DAS VERKAUFTE LACHEN
Andreas Dresens "Timm Thaler oder das verkaufte Lachen" basiert auf dem gleichnamigen, 1962 erschienenen Roman von James Krüss, der sich wiederum von Adelbert von Chamissos "Peter Schlemihl" inspirieren ließ. Timm Thaler (Arved Friese) wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Sein Markenzeichen ist sein Lachen. Nach dem Unfalltod seines Vaters (Bjarne Mädel) schlägt ihm Baron Lefuet (Justus von Dohnányi) einen Pakt vor: Wenn der Junge ihm sein Lachen verkauft, wird Timm jede noch so absurde Wette gewinnen. Durch die Pferde- und sonstige Wetten kommt Timm zwar zum Wohlstand, lachen kann er aber nicht mehr. Vom Pakt mit dem Lefuet (spiegelverkehrt: Teufel) darf er nicht einmal seiner besten Freundin Ida (Jule Hermann) erzählen. Barkeeper Kreschimir (Charly Hübner) kommt allerdings dahinter. Er möchte Timm helfen, aus dem Pakt herauszukommen, der von den Unterteufeln Behemoth (Axel Prahl) und Belial (Andreas Schmidt), wenn auch eher amateurhaft, überwacht wird.

Regisseur Andreas Dresen und Drehbuchautor Alexander Adolph siedeln zwar die Geschichte äußerlich in den 1920er Jahren an, wohl aber eher in einer zeitlosen Vergangenheit. Ein großzügiges Budget erlaubt, großartige Kulissen und Kostüme zu entwerfen, vor allem aber ein aus zahlreichen deutschen Stars bestehendes Ensemble zu engagieren. Dass sich die Kinderdarsteller Jule Hermann und vor allem Arved Friese, der in [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Constantin
MEIN BLIND DATE MIT DEM LEBEN
Kinofilme "nach einer wahren Begebenheit" stehen zurzeit hoch im Kurs. Noch vor kurzem startete im Kino der Spielfilm "Bob, Der Streuner", der von der schier unglaublichen Freundschaft zwischen dem jungen James und einem Kater in London sowie davon erzählte, wie der junge Mann gerade dadurch von den Drogen wegkam. Nicht minder unglaublich nimmt sich die Geschichte des Deutsch-Singhalesen Saliya Kahawatte aus, der mit einem Sehvermögen von gerade einmal fünf Prozent eine Hotelfachmann-Ausbildung absolvierte und später sogar sein eigenes Restaurant eröffnete. Seine Erfahrungen schilderte er im Buch "Mein Blind Date mit dem Leben", das nun von Marc Rothemund nach einem Drehbuch von Oliver Ziegenbalg und Ruth Thoma unter demselben Titel verfilmt worden ist.

Saliya (Kostja Ulmann) hat gerade ein Schülerpraktikum in einer Hotelküche abgeschlossen. Danach steht es für ihn sonnenklar: Er will im Hotel arbeiten. Nach dem Abitur, so erzählt er seiner Familie — seiner Mutter (Sylvana Krappatsch), seinem Vater (Sanjay Shihora) und seiner jüngeren Schwester Sheela (Nilam Farooq) — voller Begeisterung, möchte er eine entsprechende Ausbildung beginnen. Bald aber bemerkt Sali, wie er von allen genannt wird, dass seine Sehkraft rapide nachlässt. Aber der junge Mann ist nicht bereit, seinen Traum aufzugeben. Versucht sein Vater, Sali zu einer Sonderschule [mehr]

Text: José García
Foto: Ziegler
HACKSAW RIDGE - DIE ENTSCHEIDUNG
Im Mai 1945 endete zwar der Zweite Weltkrieg in Europa, nicht aber der Pazifikkrieg. Denn vom 1. April bis zum 30. Juni 1945 tobte die Schlacht um Okinawa, die letzte Verteidigungslinie, die einer Invasion der japanischen Hauptinseln durch die Alliierten im Weg stand. Über diese Schlacht drehte Lewis Milestone bereits 1951 mit Richard Widmark in der Hauptrolle den Spielfilm "Halls of Montezuma" (deutscher Filmtitel: "Okinawa"). Für den neuen Spielfilm von Mel Gibson "Hacksaw Ridge - Die Entscheidung", der im September auf dem Filmfestival von Venedig uraufgeführt wurde und nun im regulären Kinoprogramm startet, bildet die Schlacht um Okinawa allerdings den Hintergrund, auf dem sich eine schier unglaubliche, jedoch auf wahren Tatsachen beruhende Geschichte abspielte. Denn Gibsons Film erzählt von den Heldentaten des Soldaten Desmond T. Doss, der als erster Kriegsdienstverweigerer die Tapferkeitsmedaille "Medal of Honor" der Vereinigten Staaten aus der Hand des Präsidenten Harry Truman erhielt.

Nach einer kurzen Einführung mit verstörend realistischen Bildern aus der Schlacht, die durch die Zeitlupe einen noch größeren Eindruck hinterlassen, folgt das Drehbuch von Robert Schenkkan und Andrew Knight dem klassischen Aufbau in drei Akten. Als Kind leidet Desmond T. Doss (Darcy Bryce) unter seinem gewalttätigen Vater Tom (Hugo Weaving), der als Kriegsteilnehmer am Ersten [mehr]

Text: José Garcia
Foto: universum
JACKIE
Die Ermordung John F. Kennedys am 21. November 1963 stürzte nicht nur die Vereinigten Staaten und die ganze Welt in tiefe Trauer. Sie bedeutete auch ein Trauma für die gesamte Nation. Die Ungereimtheiten in der offiziellen Version des Einzeltäters Lee Harvey Oswald ließen Verschwörungstheorien aus dem Boden schießen, die Oliver Stone 1991 in "JFK —Tatort Dallas" als Spielfilm rekapitulierte. Im nun anlaufenden "Jackie" von Drehbuchautor Noah Oppenheim, der damit bei den Filmfestspielen von Venedig 2016 mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde, und Regisseur Pablo Larraín, möchte die Witwe JFKs, Jacqueline Kennedy genannt "Jackie", (Natalie Portman) ihre eigene Version dazusteuern. Dies erklärt sie dem Life-Magazin-Journalisten Theodore H. White (Billy Crudup) bei einem Interview, das auf einem Landsitz geführt wird, und das die Rahmenhandlung für den Spielfilm "Jackie" bildet. Die Handlungszeit ist auf die wenigen Tage zwischen dem Tod des Präsidenten und dessen Beerdigung verdichtet, wenn auch einige Rückblenden das Leben des Ehepaars Kennedy im Weißen Haus beleuchten.

Den Filmemachern geht es nicht um die "große" Geschichte, obwohl ein paar Akzente nicht fehlen: Lyndon B. Johnson (John Carroll Lynch) wird noch im Flugzeug zum neuen Präsidenten vereidigt. Ein paar Szenen weiter stellt der Zuschauer aber fest, wer eigentlich das Sagen [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Tobis