Aktuelle Filmkritiken
HUND BEGRABEN, DER
Was ist Glück?", fragt die Off-Stimme eines Mannes in den besten Jahren. Die Stimme gehört Hans Waldmann (Justus von Dohnányi), der sich — wie diese Frage verrät — mitten in einer Midlife-Crisis befindet. Zu Hause scheint er unsichtbar geworden zu sein. Jeder Versuch, ein Gespräch zu beginnen, wird von seiner Ehefrau Yvonne (Juliane Köhler) oder von seiner pubertierenden Tochter Laura (Ricarda Viola Zimmerer) im Keim erstickt. Diese hat ohnehin nur Zeit und Interesse für ihren Freund Fabi (Ben Cervilla Fischer). "Was stimmt nicht mit mir?" will Hans von seinem Hausarzt wissen. Dieser winkt aber ab, und bescheinigt dem verdutzten Hans, gesund zu sein. Wo der Hund begraben liegt, wüsste Hans nur allzu gern in der deutschen Komödie "Der Hund begraben" von Sebastian Stern.

Als Hans dann seine Arbeit in der Papierfabrik verliert, weil sie von einer finnischen Gruppe übernommen wurde, die ihr eigenes Personal mitbringen wird, verliert Hans jeden Halt. Wie soll er seiner Frau etwas sagen, wenn sie ihn gar nicht wahrnimmt? Was noch schlimmer geworden ist, seitdem ein streunender Hund der Familie zugelaufen ist. Yvonne schenkt dem Mischling viel mehr Aufmerksamkeit als ihrem Mann. Sie lebt so richtig auf, wenn sie sich beispielsweise auf einer Wiese zusammen mit anderen [mehr]

Text: José García
Foto: movienet/ Hendrik Heiden
HIMMEL WIRD WARTEN, DER
Zwei junge Frauen, die unterschiedliche, ja spiegelbildlich entgegengesetzte Entwicklungen durchmachen: Die 16-jährige Mélanie (Naomi Amarger) kommt über soziale Netzwerke in Kontakt mit einer Gruppe, die für den syrischen Bürgerkrieg Mitstreiter rekrutiert. Sie lernt einen Jungen kennen, der sich auf Facebook "Epris de Liberté" nennt. Er beginnt Mélanie regelmäßig zu schreiben und Komplimente zu machen. Schließlich fragt er sie, wie sie es mit der Religion hält. Eines Tages ist Mélanie verschwunden und ihre alleinerziehende Mutter Sylvie (Clotilde Courau) auf halbem Weg nach Syrien, um sie zu suchen. Die 17-jährige Sonia (Noémie Merlant) hat sich bereits dem Dschihad angeschlossen. Sie will ihrer Familie einen Platz im Paradies sichern. Bei dem Versuch, nach Syrien zu verschwinden, wird sie jedoch gefangen genommen. Der Spielfilm "Der Himmel wird warten" beginnt mit Sonias Verhaftung, als Catherine (Sandrine Bonnaire) und Samir Bouzaria (Zinedine Soualem) gerade mit ihren Töchtern aus den Sommerferien zurückgekehrt sind. Dadurch erfahren die geschockten Eltern, dass ihre Tochter einen Terroranschlag plante.

Eine der großen Stärken von "Der Himmel wird warten" besteht darin, dass Mit-Drehbuchautorin und Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar die Geschichten von Sonia und Mélanie, die parallel verlaufen und sich kaum kreuzen, nicht linear erzählt. Dabei spielt gerade Sylvie eine zentrale Rolle, ebenso die — real [mehr]

Text: José García
Foto: Neue Visionen
ISTANBUL KIRMIZI
Vor Jahren verließ der Schriftsteller Orhan Sahin (Halit Ergenc) Istanbul, um in London als Verlagslektor zu arbeiten. Seitdem hat er auch nichts Eigenes mehr geschrieben. Warum er seine Heimatstadt verließ, ist eins der Geheimnisse, die im Laufe des Spielfilms "Istanbul Kirmizi" im Gegensatz zu manch anderen Geheimnissen gelüftet wird. Nun kehrt Orhan jedoch in die Stadt am Bosporus zurück, um mit dem renommierten Regisseur Deniz Soysal (Nejat Isler) an dessen Manuskript zu arbeiten. Es soll das erste Buch von Deniz Soysal werden.

"Istanbul Kirmizi" basiert auf dem eigenen Buch von Regisseur Ferzan Ozpetek, das 2014 auf Türkisch, aber bislang nicht auf Deutsch erschienen ist. Ein Filmregisseur verfilmt sein eigenes Buch, das davon handelt, dass ein Filmregisseur ein Buch schreibt: Nicht nur die Selbstbezüglichkeit verknüpft offensichtlich Realität und Fiktion. Auch das Buch, das Deniz Soysal in "Istanbul Kirmizi" schreibt, vermischt sie. Denn bald stellt Orhan fest, dass die Figuren im Buch der Wirklichkeit entnommen sind. Dies trifft insbesondere auf die attraktive Neval (Tuba Büyüküstün) zu, eine Kindheitsfreundin des Autors, aber auch auf Yusuf (Mehmet Günsür), der im Roman Selbstmord begeht. Orhan kann sich jedoch bald davon überzeugen, dass Yusuf in der Realität (noch?) lebt.

Nach einer durchzechten Nacht zusammen mit Deniz wacht Orhan [mehr]

Text: José García
Foto: Kinostar
ZWISCHEN DEN JAHREN
Achtzehn Jahre hat der bullige Mann, der in "Zwischen den Jahren" im Mittelpunkt steht, im Gefängnis gesessen. Er hat eine "lebenslängliche" Freiheitsstrafe verbüßt. Der Mann, den jeder nur Becker (Peter Kurth) nennt, findet allerdings einen Job als Wachmann bei einer Kölner Firma. Ehe er zur Arbeit fährt, kniet er nieder und betet das Vaterunser. Auf seinem rechten Schulterblatt trägt er als Tattoo die betenden Hände von Dürer. Woran mag er denken, wenn er die Worte "Und vergib uns unsere Schuld" betet? Schuld hat er auf jeden Fall auf sich geladen. Denn "lebenslänglich" gibt es als Haftstrafe eigentlich nur für Mord. Der Glaube, den er offensichtlich im Gefängnis wieder oder überhaupt fand — davon erfährt der Zuschauer durch einen Besuch Beckers im Gefängnis, als er dem Gefängnispfarrer ein Geschenk mitbringt —, scheint ihm Halt zu geben.

In seinem Job geht Becker zusammen mit seinem armenischen Kollegen Barat (Leonardo Nigro) nachts in einem Lagerhaus auf Streife. Barats Versuche, mit ihm ein Gespräch anzufangen, würgt Becker sofort ab. Als sie beispielsweise zusammen eine Kneipe besuchen, sagt er zu Barat: "Können wir hier nicht einfach sitzen?" Bei dieser Art Weihnachtsfeier ist auch die alleinerziehende Putzfrau Rita (Catrin Striebeck) dabei, für die Becker nach und nach [mehr]

Text: José García
Foto: temperclayfilm
TATORT: BOROWSKI UND DAS DUNKLE NETZ
Nach dem Mordanschlag auf den Leiter der Abteilung Cybercrime beim LKA Kiel vermuten die Kommissare Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) hinter dem Anschlag einen Täter aus dem Umfeld der Internetkriminalität, gegen den der Tote ermittelt hatte. Während Borowski mühsam lernen muss, wie es im Netz zugeht, ist Brandt als ehemalige Hackerin in ihrem Element. Die Spur führt sie vom Tatort Kiel ins sogenannte Darknet, die verdeckte Variante des Internets. Borowski und Brandt quartieren sich bei den LKA-Internetspezialisten Cao (Yung Ngo, links) und Dennis (Mirco Kreibich) ein. Deren Arbeitsplatz: eine große, leere Halle, in der lediglich die Schreibtische und Computer von Cao und Dennis stehen. Mit deren Hilfe hoffen sie auf eine Lücke im "dunklen Netz" zu stoßen, die zum Täter führen könnte. Auch wenn der Zuschauer ziemlich früh das Gesicht des Killers Hagen Melzer (Maximilian Brauer) kennt, bleibt die Frage spannend, wer seine Hintermänner sind und aus welchen Motiven sie handeln.

Auf die Risiken des Internets wurde bereits in Kino- und Fernsehfilmen hingewiesen. Der Spielfilm "Who Am I - Kein System ist sicher" führt etwa dem Zuschauer die Sicherheitslücken und die Möglichkeiten zur Datenmanipulation eindrucksvoll vor. Der Fernsehfilm "Das weiße Kaninchen" beleuchtet das sogenannte Cybergrooming [mehr]

Text: José Garcia
Foto: NDR
MARIJA
Eine junge Frau geht zügigen Schrittes auf der Straße. Die Art, wie die Kamera sie aufnimmt, wie sie sich auf ihren Nacken fixiert, kennt der Zuschauer aus den Filmen der Brüder Luc und Jean-Pierre Dardenne. Das Spielfilmdebüt von Drehbuchautor und Regisseur Michael Koch "Marija" erinnert nicht nur in visueller Hinsicht an die Filme des Regieduos aus Belgien, zuletzt "Das unbekannte Mädchen".

Im Gegensatz zu den Heldinnen in den Dardenne-Filmen, die sich der Sympathie der Regisseure sicher sein können, nimmt sich der Charakter der gleichnamigen Protagonistin von "Marija" (Margarita Breitkreiz) eher ambivalent aus. Denn gleich zu Beginn erlebt sie der Zuschauer als Diebin. Weil sie einem Hotelgast Schmuck gestohlen hat, verliert die junge Ukrainerin ihren Job als Zimmermädchen. Wie soll sie nun ihre Miete bezahlen? Als ihr Vermieter Cem (Sahin Eryilmaz) vor ihrer Wohnungstür steht, versucht sich Marija totzustellen. Doch dies hilft ihr nicht. Zunächst verlangt er von ihr einen sexuellen "Dienst". Ab dem Moment arbeitet sie für Cem. Marija dolmetscht etwa bei einem Arztbesuch für einen illegal arbeitenden russischen Einwanderer, oder sie hilft einer Migrantenfamilie beim Beantragen von Kindergeld. Davon lebt Cem nach dem Motto "Wenn du sie nicht abziehst, ziehen sie dich ab". Vor allem scheint er von [mehr]

Text: José García
Foto: RealFiction
ORIGINAL COPY - VERRÜCKT NACH KINO
Verkehrschaos in einer der bevölkerungsreichsten Städte Indiens - in Mumbai leben etwa 12,5 Millionen Einwohner. Durch den Wahnsinnsverkehr bringt ein Mann auf dem Fahrrad sage und schreibe zehn Filmrollen in ein Kino, das im Zeitalter der Multiplexe aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Das Kino "Alfred Talkies" wurde Ende des 19. Jahrhunderts als Boulevardtheater im quirligen Mumbai Central an der Nahtstelle zwischen Rotlicht-Viertel und Ausgeh-Viertel erbaut. Heute werden dort vor allem sogenannte B-Movies, Actionstreifen aus den neunziger Jahren gezeigt, in denen viel geschossen und noch mehr geprügelt wird. "Alfred Talkies"-Manager Huzefa Bootwala bringt es auf den Punkt: "Ein guter Film ist wie ein gutes Curry: Es kommt auf die Mischung an. Der Held muss stark sein. Er muss gegen das Böse kämpfen und am Ende gewinnen. Es sollte jede Menge Aktion geben und etwas, das richtig Boom macht. Eine kurze, romantische Szene ist auch okay. Aber wenn der Held am Ende stirbt, das mögen die Zuschauer nicht."

Dementsprechend reißerisch sehen auch die Filmplakate aus, mit denen der jeweilige Film vor dem Kino beworben wird. In ihrem Dokumentarfilm "Original Copy - Verrückt nach Kino" schauen die deutschen Filmemacher Florian Heinzen-Ziob und Georg Heinzen dem Plakatmaler Sheikh Rehman und seinen Helfern bei [mehr]

Text: José García
Foto: W-film
JUNGE KARL MARX, DER
Die Filmbiografie "Der junge Karl Marx" von Raoul Peck behandelt lediglich fünf Jahre in Marx Leben, von 1843 bis 1848, die allerdings als Schlüsseljahre für die Entwicklung des Marxismus dargestellt werden. Darin bringt etwa Karl Marx (August Diehl) in einer Rede vor Arbeitern seine berühmte Definition des Proletariats zum Ausdruck. Proletarier seien Menschen, die nichts anderes als ihre Arbeitskraft besäßen. Deshalb verkauften sie eben diese Arbeitskraft, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wie das Leben besitzloser Proletarier Mitte der 1840er Jahre aussah, verdeutlichen Raoul Peck und sein Mit-Drehbuchautor Pascal Bonitzer anhand mehrerer Szenen. So beginnt ihr Spielfilm mit einer Gruppe Menschen, die in einem Wald Holz auflesen und von Soldaten angegriffen, teilweise getötet werden. Darüber ist die Stimme Karl Marx selbst zu hören: "Die Geschichte aller bisherigen Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen". Sie gipfelt in der Aussage, nun sei eine "neue Klasse, das Proletariat" entstanden.

Der 25-jährige Karl Marx arbeitet 1843 in der Redaktion der "Rheinischen Zeitung" von Arnold Ruge (Hans-Uwe Bauer) in Köln. Er plädiert für eine radikale Gangart — was die Zensur auf den Plan ruft. Zusammen mit seiner Frau Jenny, geborene von Westphalen (Vicky Krieps) muss sich Marx ins Exil begeben. In Paris, wo er weiterhin für Ruge [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Neue Visionen
SILENCE
Stille, wie selten in einem Kinofilm zu vernehmen ist. Nachdem das Rauschen des Meeres abklingt, breitet sich Stille auf der noch schwarzen Leinwand aus. "Silence" heißt der neue Film von Martin Scorsese, die Verfilmung von Shusaku Endos 1966 veröffentlichtem historischem Roman "Chinmoku" (deutscher Titel: "Schweigen").

Dieses "Schweigen" bezieht sich zwar auf das Schweigen Gottes, ein bereits im Alten Testament angelegtes Motiv. Der Spielfilm "Silence" macht aber durch ein durchdachtes Sounddesign die Stille erfahrbar. Zusammen mit der Kameraarbeit von Rodrigo Prieto, der für diese Arbeit für den diesjährigen Oscar nominiert war, mit dem Szenenbild von Dante Ferreti — der bereits drei Oscars gewonnen und hier zum neunten Mal mit Scorsese zusammenarbeitet — und mit dem Schnitt der ebenfalls dreimal mit dem Oscar ausgezeichneten Thelma Schoonmaker, die seit 40 Jahren für die Filme Scorseses tätig ist, trägt die Tonspur insbesondere zu einem Gesamterlebnis in "Silence" bei.

"Silence" erzählt von der Christenverfolgung im Japan des 17. Jahrhunderts. Im Jahre 1549 war Franz Xaver als erster Jesuitenmissionar nach Japan gelangt. Der Kaiser erlaubte ihm, in ganz Japan das Christentum zu predigen. Nach Franz Xavers Abreise nach China setzten seine Arbeit andere Jesuiten fort, so dass 1576 mehr als 50 000 Menschen in Japan getauft waren, wobei [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Concorde
OSCARVERLEIHUNG 2017
Als "Bester Spielfilm" des Jahres 2016 wurde bei der 89. Oscarverleihung in der Nacht von Sonntag auf Montag von den Mitgliedern der US-Filmakademie "Moonlight" gewählt. Obwohl Faye Dunaway zunächst "La La Land" als Gewinner des Oscars für den "Besten Film" verkündet hatte und die Beteiligten bereits auf die Bühne gekommen waren, stellte sich heraus, dass ein anderer Film gewonnen hatte. Es sei kein Scherz, sondern ein Fehler gewesen, musste von der Bühne aus verkündet werden ? wohl die peinlichste Panne in der Oscar-Geschichte. Der Haupt-Oscar ging also an das Drama um einen homosexuellen Schwarzen "Moonlight".

Als Überraschung kann es außerdem bezeichnet werden, war "La La Land" doch ins Oscar-Rennen als Favorit gegangen. Der an die klassischen Hollywood-Musicals erinnernde Spielfilm von Drehbuchautor und Regisseur Damien Chazelle hatte 14 Nominierungen erhalten ? ein Rekord, den sich "La La Land" mit "Alles über Eva" (1950) und "Titanic" (1997) teilt. Am Ende gewann "La La Land" insgesamt sechs Statuetten in den Kategorien Ausstattung, Kamera, Musik, Song, Hauptdarstellerin und Regie.

Mehr Vielfalt bei den neuen Mitgliedern der Academy

Von den inzwischen mehr als 6 000 stimmberechtigten Mitgliedern der amerikanischen Filmakademie wurden letztes Jahr 683 neu gewählt beziehungsweise eingeladen, Mitglied bei der "Academy of Motion Picture Arts and Sciences" [mehr]

Text: José García
Foto: oscar.org