Aktuelle Filmkritiken
HAPPINESS
Der Anfang des Spielfilms "Happiness" des japanischen Regisseurs SABU lässt an einen Western denken. Ein einzelner Mann namens Kanzaki (Masatoshi Nagase) steigt mitten in der Landschaft aus einem Bus, als käme er aus dem Nichts. Er betritt einen alten Laden wie weiland Clint Eastwood in einem Sergio-Leone-Film. Auch wenn es zunächst ganz anders aussieht,und der Fremde keine Waffen trägt, deutet dieser genretypische Beginn darauf hin, dass Kanzaki wie eben die einsamen Rächer in einem Spaghettiwestern eine offene Rechnung zu begleichen hat.

Vorerst aber verbreitet der schweigsame Mann eher Glücksgefühle: In dem alten Laden trifft er auf eine apathisch und traurig wirkende Frau. Kanzaki holt aus seinem Gepäck einen seltsam geformten Helm heraus, den er der Frau aufsetzt. Nach wenigen Sekunden wirkt die Frau wie ausgetauscht. Ihr Gesicht strahlt. Denn dieser eigenartige Helm erweist sich als eine selbstgebaute Glücksmaschine: Wer sie aufsetzt, erlebt die glücklichsten Erinnerungen seines Lebens wieder. Bald darauf landet der Fremde im Büro des Bürgermeisters, der sich von der Wirkung des Glückshelmes überzeugen lässt. Daraufhin bittet der Bürgermeister Kanzaki, den anderen Bewohnern des kleinen Orts den Helm aufzusetzen. Denn dort scheinen alle Menschen von einer seltsamen Traurigkeit und Teilnahmslosigkeit betroffen zu sein.

Die schönsten, wohl auch lange verschollen geglaubten Momente [mehr]

Text: José García
Foto: rapid eye movies
MADAME
"Uns bleibt immer Paris" ("We´ll Always Have Paris"). Das bekannte Zitat aus "Casablanca" (Michael Curtiz, 1942) bringt nicht nur die unmögliche Liebesgeschichte zum Ausdruck, die den Film nach Meinung des "American Film Institute" zum besten US-Liebesfilm aller Zeiten machte. Darin offenbart sich darüber hinaus die Sehnsucht vieler Amerikaner nach Europa, die jahrzehntelang mit Paris gleichgesetzt wurde. Gertrude Stein, Ernest Hemingway ("Paris ist die Stadt, die ich von allen Städten in der Welt am meisten liebe"), F. Scott Fitzgerald ... lebten lange in der Lichterstadt. Ihnen allen setzte etwa Woody Allen in "Midnight in Paris" ein filmisches Denkmal.

Amerikaner in Paris stellen den Ausgangspunkt im gerade im Kino angelaufenen Spielfilm "Madame" von Amanda Sthers dar: Bob (Harvey Keitel) und Anne Fredericks (Toni Collette) haben sich in Paris niedergelassen. Sie bewohnen ein elegantes und überaus teures Stadtpalais. Aber wieder einmal trügt der Schein: Bob sitzt finanziell in der Klemme. Um aus der Sackgasse herauszukommen, möchte er ein geerbtes Kunststück, einen "echten Caravaggio", verkaufen. Dafür hat er den Kunsthändler David (Michael Smiley) zu dem Dinner eingeladen, das seine Frau Anne für eine ausgesuchte und wohl auch erlesene Gesellschaft ausgerichtet hat.

Anne hat selbstverständlich an alles gedacht. Das Personal deckt unter der Führung der [mehr]

Text: José García
Foto: Studiocanal
COCO - LEBENDIGER ALS DAS LEBEN!
Fünfzehn Jahre lang war das Animations-Filmstudio Pixar gleichbedeutend mit einer perfekten Verknüpfung von hervorragender Animation und einer komplexen Dramaturgie. In den letzten Jahren folgten jedoch einige Pixar-Filme, etwa die Fortsetzungen "Cars 2" (2011) und "Cars 3" (2017) sowie "Die Monster Uni" (2013) und "Arlo & Spot" (2015), die wegen eher konventioneller Drehbücher nicht überzeugen konnten. Mit "Alles steht Kopf" drehte jedoch die inzwischen zu den Walt-Disney-Studios gehörende Animationsschmiede einen Film, der in bester Pixar-Tradition nicht nur den neuesten Stand der Animationstechnik aufweist, sondern auch tiefgründige Fragen sowohl für Kinder als auch für Erwachsene behandelt. Nun startet der 19. vollständig computererzeugte Pixar-Langspielfilm "Coco - Lebendiger als das Leben!" im regulären Kinoprogramm, der sich zwar erzählerisch geradliniger als "Alles steht Kopf" ausnimmt, aber ebenso ein Feuerwerk an origineller Fantasie entfacht. Dramaturgisch zeichnet sich "Coco" außerdem durch einige unerwartete Drehbuchwendungen aus, die nicht nur das eigentliche Geschehen, sondern auch eine ganze Familiengeschichte in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt.

"Coco" beginnt mit einer Einführung, die beinahe als "Film im Film" bezeichnet werden könnte. Dieses Stilmittel setzten die Pixar-Filmemacher bereits in "Oben - Up" ein, als in einer knapp 10-minütigen schnell geschnittenen, stummen Bilderfolge ein ganzes Eheleben erzählt wurde. In "Coco" [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Disney
MANN AUS DEM EIS, DER
Als am 19. September 1991 in den Ötztaler Alpen die nahezu unversehrte und vollständig erhaltene Mumie eines 1,54 m großen Mannes gefunden wurde, war das eine Sensation, zumal als es sich herausstellte, dass "der Mann aus dem Eis" vor etwa 5 300 Jahren gelebt hatte. Bald bürgerte sich die Bezeichnung "Ötzi" ein. Inzwischen haben wissenschaftliche Studien belegt, dass "Ötzi" durch eine Pfeilattacke getötet wurde. Ferner sind seine Lebensumstände etwa aus Kleidung und Ausrüstung, aber auch aus seinem Mageninhalt rekonstruiert worden.

Drehbuchautor und Regisseur Felix Randau stellt den "ersten ungeklärten Mordfall" der Geschichte in den Mittelpunkt seines Spielfilms "Der Mann aus dem Eis", der im Film Kelab heißt: Kelab (Jürgen Vogel) lebt vor 5 300 Jahren in den Südtiroler Alpen zusammen mit seiner Frau Kisis (Susanne Wuest). Als eine Gebärende aus der Sippe stirbt, steht Kelab der Totenfeier vor. Er heißt das Neugeborene feierlich willkommen ? Leben und Tod liegen nah beieinander. Als Kelab auf der Jagd ist, wird seine Siedlung von Krant (André M. Hennicke) und seinen Söhnen Tasar (Sabin Tambrea) und Gosar (Martin Augustin Schneider) überfallen. Sie rauben das Heiligtum der Gemeinschaft und töten Kelabs ganze Sippe. Kelab macht sich zusammen mit dem einzigen Überlebenden, dem Neugeborenen, auf den Weg, [mehr]

Text: José García
Foto: Martin Rattini
ZEIT FÜR STILLE
"Zeit für Stille" ist - passend zu seinem Gegenstand - ein sehr meditativer Dokumentarfilm. Der Film des US-amerikanischen Regisseurs Patrick Shen beginnt mit einer ungewöhnlich langen Einstellung mit einem Feld im Wind und einem Baum in Hintergrund: Vier Minuten und 33 Sekunden experimenteller Stille, als Tribut an John Cages berühmter Komposition 4´33", die in "Zeit für Stille" immer wieder eine Rolle spielen wird. Die lange Stille - im doppelten Wortsinn - stimmt denn auch den Zuschauer auf eine außergewöhnliche Reise durch acht Länder (Vereinigten Staaten, Japan, Großbritannien, Deutschland, Belgien, China, Taiwan und Indien) ein.

In den Vereinigten Staaten unterwegs ist etwa Greg Hindy im Rahmen seines "One-Year Performance: Walking, Silence". Nachdem Hindy ein Schweigegelübde abgelegt hatte, durchquerte der Yale-Absolvent die Vereinigten Staaten zu Fuß. Zwischen Juli 2013 und Juli 2014 - wenige Tage vor seinem 23. Geburtstag - legte er etwa 15 000 Kilometer zurück, ohne ein Wort zu sprechen. Der Film kontrastiert Momente der Stille mit einer mitunter unerträglichen Geräuschkulisse. Passend dazu setzt Regisseur Patrick Shen sozusagen eine "meditative" Kamera- und Schnittarbeit ein. Für die Bildgestaltung zeichnet er selbst zusammen mit Brandon Vedder verantwortlich, für den Schnitt Shen allein. Dazu erklärt der Regisseur: "Die Dreh- und Schnittarbeit des Films spiegelt [mehr]

Text: José García
Foto: mindjazz
PADDINGTON 2
Die vom kürzlich verstorbenen Autor Michael Bond erdachte, zwischen 1958 und 2017 erschienene Kinderbuchreihe um den putzigen Bären Paddington wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Die erste "Realverfilmung" über den kleinen Bären in rotem Schlapphut und blauem Dufflecoat aus dem Urwald Perus, der in London allerlei Abenteuer erlebt, wurde von Kritikern und Publikum gleichermaßen gefeiert. Die Filmemacher verknüpften eine hervorragend gelungene Mischung aus computererzeugten Bildern und Realfilm mit einem regelrechten Loblied auf die Familie. Bei Produktionskosten von 55 Millionen Dollar erspielte "Paddington" mehr als 258 Millionen Dollar ein. Eine Kino-Fortsetzung der Abenteuer des possierlichen Paddington war deshalb nur eine Frage der Zeit. Nun startet im regulären Kinoprogramm "Paddington 2". Regie führt erneut Paul King, der diesmal zusammen mit Simon Farnaby auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet.

Eine Rückblende erzählt zu Beginn, wie Paddington von Onkel Pastuso und vor allem von Tante Lucy gerettet und dann adoptiert wurde. In einem Brief an Tante Lucy, die bald ihren 100. Geburtstag feiern wird, erzählt Paddington (deutsche Stimme: Elyas M´Barek) von seinem Leben in London. Da es sich bei dieser Einführung um keine reinen "Was bisher geschah"-Szenen handelt, gilt sie sowohl Kennern des ersten Films als auch denjenigen Zuschauern, die sich erstmals [mehr]

Text: José García
Foto: Studiocanal
OPERATION DUVAL - DAS GEHEIMPROTOKOLL
Der etwa Mittfünfziger Duval (François Cluzet) arbeitet penibel als Buchhalter. Während seine Kollegen schon irgendetwas feiern, sitzt er noch am Computer. Der Chef erinnert ihn daran, dass er bis zum nächsten Morgen noch eine bestimmte Akte fertigstellen muss. Duval muss deshalb eine Nachtschicht einlegen. Weil er feststellt, dass die Ordnung in der Firma ziemlich chaotisch ist, beschriftet Duval die Aktenordner und ordnet sie neu: Am nächsten Morgen stehen alle Aktenordner aufgereiht auf dem Teppichboden. Duval selbst sitzt auf dem Boden mit leerem Blick.

Zwei Jahre später sucht Duval nach einem offensichtlichen Burnout immer noch nach Arbeit. Seit einem Jahr ist er wenigstens "trocken": Von der Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker wird er dafür gefeiert. Deren Chef bittet ihn, sich um den Neuzugang Sara (Alba Rohrwacher) zu kümmern, damit die junge Frau einen weiteren Kontakt für Notfälle hat. Die platonische Beziehung zu Sara wird zu einer Art Nebenhandlungsstrang im Spielfilm "Operation Duval ? Das Geheimprotokoll" von Drehbuchautor und Regisseur Thomas Kruithof.

Die eigentliche Handlung beginnt, als Duval auf einer Beerdigung einen alten Bekannten trifft. Zwar kann ihm dieser keine Arbeitsstelle anbieten, aber ein paar Tage später erhält Duval einen etwas eigenartigen Telefonanruf. Er soll direkt am nächsten Tag, einem Samstag, zu einem Vorstellungsgespräch kommen. [mehr]

Text: José García
Foto: temperclayfilm
AUS DEM NICHTS
In einem Gefängnis wird ein türkischstämmiger Mann bejubelt, als würde er gerade entlassen. Aber nein, Nuri (Numan Açar) heiratet. Die Braut Katja (Diane Kruger) ist keine türkischstämmige, sondern eine blonde, blauäugige Deutsche und — wie der Zuschauer später erfahren wird — aus gutbürgerlichem Haus. Ihre gut sichtbaren Tattoos deuten allerdings darauf hin, dass sie mit ihrer Herkunft längst abgeschlossen hat. Die Hochzeitsszene stellt freilich eine Art Prolog zum Spielfilm "Aus dem Nichts" dar, den Regisseur Fatih Akin und sein Co-Autor Hark Bohm in drei Kapitel unterteilen.

Im ersten Abschnitt "Die Familie", der offensichtlich mehrere Jahre später angesiedelt ist, wohnen Nuri, Katja und der sechsjährige Sohn Rocco (Rafael Santana) in einem Hamburger Vorort. Der inzwischen resozialisierte Nuri arbeitet in einem Übersetzungs- und Reisebüro mitten in einem türkisch geprägten Hamburger Kiez. Katja hat gerade den kleinen Rocco bei seinem Vater abgegeben, als ihr eine junge Frau auffällt, die ein neues Fahrrad unabgeschlossen abstellt. Sie spricht sie darauf an, und hört nur, als sich die Frau entfernt: "Ich komme gleich zurück". Eine alltägliche Szene, könnte man denken. Als aber Katja später ihren Mann und Sohn abholen möchte, findet sie eine Polizeiabsperrung vor. "Aus dem Nichts" hat sie ihre Familie verloren: Ein Bombenattentat hat Mann [mehr]

Text: José García
Foto: Warner
THE BIG SICK
Im Jahre 2002 erzählte die Culture-Clash-Komödie "My Big Fat Greek Wedding" von der Tochter griechischer Einwanderer in Chicago, die sich endlich einmal verliebt — allerdings zum Schrecken ihrer Familie nicht in einen Griechen, sondern in einen irisch-stämmigen Mann. Auch wenn die weibliche Hauptfigur in "My Big Fat Greek Wedding" Toula heißt, schildert der Film, bei dem Joel Zwick Regie führt, im Grunde die Geschichte der griechisch-amerikanischen Komikerin Nia Vardalos. Sie schrieb nicht nur das Drehbuch zur turbulenten multikulturellen Komödie, sondern verkörperte auch Toula.

Der nun im regulären Kinoprogramm anlaufende Spielfilm "The Big Sick", der bei seiner Premiere auf dem Sundance Film Festival im Januar viel Anklang fand, geht sogar noch einen Schritt weiter. "The Big Sick" handelt von der Liebesgeschichte zwischen dem pakistanisch-stämmigen Kumail Nanjiani und der weißen Amerikanerin Emily ebenfalls in Chicago. Eine Liebesgeschichte, die sich so oder so ähnlich in der Wirklichkeit ereignet hat, wovon die Fotos im Nachspann des Filmes zeugen. Versteckte sich die Unterhaltungskünstlerin Nia Vardalos in "My Big Fat Greek Wedding" wenigstens hinter dem Namen Toula und hinter einem Job im Reisebüro, so heißen die Hauptcharaktere in "The Big Sick" Kumail und Emily. Zwar wird Emily von der Schauspielerin Zoe Kazan dargestellt, aber Kumail spielt sich [mehr]

Text: José García
Foto: Weltkino
MORD IM ORIENT-EXPRESS
Mord im Orient-Express" (1934) gehört zusammen mit "Tod auf dem Nil" (1937) zu den bekanntesten der 33 Agatha-Christie-Romane, in denen der belgische Meisterdetektiv Hercule Poirot die Hauptrolle spielt. Zu ihrer Berühmtheit trug wesentlich deren jeweilige Verfilmung bei. Der 1974 von Sidney Lumet mit Albert Finney in der Hauptrolle und mit einer ganzen Reihe Stars besetzte "Mord im Orient-Express" legte die Maßstäbe für eine solche Inszenierung fest: Sorgfältige Ausstattung und Kostüme gehören genauso dazu wie eine aufwändige Kameraführung und berühmte Schauspieler. In "Tod auf dem Nil" (John Guillermin, 1978) und weiteren Verfilmungen lieh Peter Ustinov dem von sich sehr überzeugten, pensionierten belgischen Polizeibeamten ein Gesicht.

In "Rendezvous mit einer Leiche" ("Appointment with Death", 1988) verkörperte Peter Ustinov zuletzt den immer wieder für einen Franzosen gehaltenen belgischen Detektiv. Der Film war außerdem die letzte große Kinoproduktion eines Agatha-Christie-Romans. Das Interesse an den Kriminalerzählungen der großen britischen Autorin hat zwar seitdem nicht nachgelassen, meistens jedoch als Fernsehproduktionen, so etwa "Partners in Crime". Fürs Kino galt dieses Genre lange Zeit als zu altmodisch und wohl auch recht betulich. Wenn sich jemand dieses Genres annehmen und nach etwa zwei Jahrzehnten wieder einmal einen Agatha-Christie-Roman als Kino-Superproduktion verfilmen kann, dann der irische Regisseur und Darsteller [mehr]

Text: José García
Foto: 20th Century Fox