Aktuelle Filmkritiken
SHAPE OF WATER - DAS FLÜSTERN DES WASSERS
Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges im Jahre 1962 arbeitet ein geheimes US-Forschungslabor auf vollen Touren. Hauptsache, man ist den Sowjets einen Schritt voraus, und lässt sich nicht von ihnen in die Karten schauen. Dort arbeiten in der Reinigungskolonne die stumme Putzfrau Elisa (Sally Hawkins) und ihre Freundin Zelda (Octavia Spencer). Elisa führt ein sehr zurückgezogenes Leben. Außer Zelda hat sie einen einzigen Freund: den älteren Nachbarn Gilles (Richard Jenkis), der mehr schlecht als recht als Werbegrafiker arbeitet, und der seine Homosexualität sehr unauffällig lebt. Elisas routinemäßiges Leben ist allerdings zu Ende, als sie einen "Amphibienmann" (Doug Jones) entdeckt, der im Labor streng geheim gehalten und von Laborleiter Strickland (Michael Shannon) malträtiert wird. Sie fühlt sich immer mehr vom Wassermann angezogen, bis sie schließlich einen Rettungsplan entwirft.

In seinem neuen Spielfilm "Shape of Water ? Das Flüstern des Wassers" entwirft Guillermo del Toro wie bereits in "Pans Labyrinth" eine poetisch-fantasievolle Welt, in der er diesmal eine außergewöhnlich-märchenhafte Liebesgeschichte entfaltet. Dass es sich dabei um ein Märchen handelt, verdeutlicht bereits die Off-Stimme zu Beginn "Wenn ich darüber sprechen würde, was würde ich Ihnen erzählen?" Denn natürlich fühlt sich Elisa in der Märchen-Welt, in die sie mit ihrem amphibischen Liebhaber eintaucht, [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Fox
GRUNDSCHULLEHRERIN, DIE
Die alleinerziehende Florence Mautret (Sara Forestier) arbeitet mit Herz und Seele als Grundschullehrerin im französischen Grenoble. Dass ihr einziger Sohn, der zehnjährige Denis (Albert Cousi), auch in ihrer Klasse sitzt, macht den Unterricht jedoch nicht gerade einfacher. Denn der Junge fühlt sich dabei zurückgesetzt. Die Mutter-Sohn-Beziehung verkompliziert sich zusätzlich, seit Denis immer wieder davon spricht, zu seinem getrennt lebenden Vater nach Java zu ziehen. Aber es kommt noch schlimmer, als der aus schwierigen Verhältnissen stammende Sacha (Ghillas Bendjoudi) in ihre Klasse kommt. Weil sich seine Mutter gar nicht um ihn kümmert, soll Sacha nach dem Unterricht zu Florence ? schließlich wohnt sie im selben Schulgebäude. Eine gewisse Erleichterung tritt bei ihr ein, als ein Exfreund von Sachas Mutter Mathieu (Vincent Elbaz) den Jungen mit zu sich nimmt. Offenbar kennen sich die beiden gut. Aber: Ist das mehr als eine vorübergehende Lösung? Soll Florence das Jugendamt kontaktieren?

Wie der deutsche Filmtitel naheliegt, handelt der Film von Hélène Angel nicht so sehr von den Schülern als vielmehr von einer Lehrerin, die in ihrem Beruf voll aufgeht, ja darin ihre Berufung gefunden hat. Was allerdings auch eine Schattenseite hat. Denn Florences Perfektionismus bringt sie auch manchmal auf Konfrontationskurs mit ihren Kollegen, die ihr vorwerfen, [mehr]

Text: José García
Foto: Alamode
BERLINALE 2018 - RETROSPEKTIVE
Unter dem Titel "Weimarer Kino neu gesehen" bietet die diesjährige Berlinale-Retrospektive eine Auswahl von Dokumentar- und Spielfilmen aus einer Zeit, in der trotz - oder gerade wegen - des verlorenen Weltkrieges der deutsche Film erstmals internationale Ausstrahlung erreichte. Nach der Gründung der UFA vor 100 Jahren versammelten sich in den 1920er Jahren in Babelsberg Autoren und Regisseure wie Billy Wilder, Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau, Produzenten wie Erich Pommer, Richard Eichberg und Robert Reiner, aber auch erste Stars ? Lil Dagover, Henny Porten, Emil Jannings, Werner Krauß. Das Weimarer Kino zog Filmschaffende aus dem Ausland an, die sich in Deutschland inspirieren ließen. Weder vorher noch nachher hat das deutsche Kino eine solche Weltgeltung erreicht. Denn mit der "Machtübernahme" der Nazis 1933 begann die große Emigration insbesondere nach Hollywood.

Das diesjährige Retrospektive-Programm lässt die "großen", berühmten Filmtitel außen vor. Unter den annährend 30 Lang- und 20 Kurzfilmen sind zwar bekannte Filme, etwa Riefenstahls "Das blaue Licht" sowie G.W. Pabsts "Abwege" und "Kameradschaft". Die Restaurierung trägt aber dazu bei, dass sie "neu gesehen" werden. Exotische Filme stehen neben Historienepen, die die Gegenwart durch den Rückgriff auf die Geschichte interpretieren. Darunter befinden sich Filme, die ausdrücklich auf Legenden verzichten und auf die Tatsachen [mehr]

Text: José García
Foto: Deutsche Kinemathek Praesens Film AG
WIND RIVER
Der wortkarge Cory Lambert (Jeremy Renner) arbeitet für eine US-Behörde in Wyoming, ganz nahe dem "Wind River"- Reservat. Seit einer Tragödie, die sich vor drei Jahren ereignete, lebt Cory von seiner Frau Wilma (Julia Jones) getrennt. Wilma gehört zu den Ureinwohnern, die im Reservat leben müssen. Auf den Spuren einer Puma-Mutter mit ihren beiden Jungen findet der Fallensteller und Jäger die Leiche einer 18-Jährigen, die er gut kannte: Die ebenfalls im Reservat lebende Natalie (Kelsey Alsbile) war die beste Freundin seiner Tochter. Zusammen mit Ben (Graham Greene), dem Kommandanten der Reservatpolizei, wartet er auf das FBI. Seine Enttäuschung ist jedoch ziemlich groß, als Bundesbeamtin Jane Banner (Elisabeth Olsen) ankommt. Denn sie ist offenbar ziemlich unerfahren. Deshalb bittet sie Cory um seine Hilfe. Schließlich kennt er die Gegend wie seine Westentasche.

In "Wind River" arbeitet Taylor Sheridan erstmals nicht nur als Drehbuchautor, sondern auch als Regisseur. Der Film ist vordergründig ein actiongeladener Thriller, bei dem es um die Lösung von Natalies offensichtlich gewaltsamem Tod geht. Die realistische Kameraführung unterstützt jedoch nicht nur das Thrillermäßige des Films, sondern auch tiefere Schichten. Kameramann Ben Richardson liefert wunderbare Bilder einer Wildnis, die ziemlich fremdartig wirkt — nicht nur dem Zuschauer, sondern auch der aus Florida [mehr]

Text: José García
Foto: Wild Bunch
DINKY SINKY
Fast sechzig Jahre nach der Einführung der sogenannten "Antibabypille" wird gerade das gegenteilige Phänomen zu einem regelrechten Problem wenigstens in den entwickelten Ländern. Allein in Deutschland leben laut der Internetplattform "wunderweib" etwa 1,5 bis zwei Millionen Menschen "mit unerfülltem Kinderwunsch". Im Jahre 2013 widmete etwa "Die Zeit" dem unerfüllten Kinderwunsch gar eine "Themenwoche". Im März 2017 veröffentlichte die "Süddeutsche Zeitung" einen Beitrag mit dem vielsagenden Titel "Wenn die Sehnsucht nach einem Kind krank macht". Beim Eingeben des Schlagworts "Kinderwunsch" wirft beispielsweise Google hunderttausende Ergebnisse aus, die sich mit dessen Ursachen und Folgen beschäftigen, oder einfach damit Werbung machen ("Wir haben die Lösung"). Erstaunlich, dass dabei in den allermeisten Fällen lediglich von künstlicher Befruchtung die Rede ist.

Kein Wunder also, dass Spielfilme, die von Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch handeln, künstliche Befruchtung oder Leihmütterschaft in den Mittelpunkt stellen, so etwa Bernard Bellefroids "Melodys Baby" und Anders Morgenthalers "Um jeden Preis". Mareille Kleins neu anlaufender Spielfilm "Dinky Sinky" handelt von der Sportlehrerin Frida (Katrin Röver), bei der die biologische Uhr ganz schön heftig tickt. Ihre Freundinnen sind bereits Mütter geworden, so dass die inzwischen 36-Jährige dreifache Tante und vierfache Patin ist. Nur für sie selbst ging der Kinderwunsch bislang nicht [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Zorro Film
LEBEN IST EIN FEST, DAS
Eric Toledano und Olivier Nakache wurden mit "Ziemlich beste Freunde" weltweit bekannt. Die Geschichte einer Freundschaft zwischen einem Querschnittgelähmten und seinem Pfleger berührte wegen des unbekümmerten, humorvollen Umgangs miteinander. In ihrem neuen Film "Das Leben ist ein Fest" setzen die beiden Regisseure weiter auf Humor inmitten widriger Umstände: Max (Jean-Pierre Bacri) richtet seit Jahrzehnten luxuriöse Hochzeiten aus. Die Hochzeit zwischen Pierre (Benjamin Lavernhe) und Helena (Judith Chela) in einem herrschaftlichen Landschloss nahe Paris droht allerdings zum Fiasko zu werden. Die hohen Ansprüche des Bräutigams, aber auch die Überforderung von Max? Assistentin Adèle (Eye Haidara), die sich bereits zu Beginn mit Sänger James (Gilles Lellouche) lauthals streitet, lassen Max das Schlimmste fürchten. Und da ist auch noch sein schusseliger Schwager Julien (Vincent Macaigne), der als ehemaliger Lehrer alle korrigiert, aber selbst nichts auf die Reihe bekommt. Zu allem Überfluss hat Max noch Probleme mit seiner Geliebten Josiane (Suzanne Clément), der Hausdame.

Im Gegensatz zu den üblichen Hochzeitsfilmen stellt der neue Film der französischen Regisseure nicht die Brautleute und deren Gäste, sondern das die Hochzeit ausrichtende Personal in den Mittelpunkt. Die originelle Perspektive macht wieder wett, dass "Das Leben ist ein Fest" nicht die Tiefe ihres großen Erfolgs erreicht. In "Le [mehr]

Text: José Garcia
Foto: universum
WUNDER
Basierend auf dem preisgekrönten, 2012 erschienenen Roman von R. J. Palacio erzählt "Wunder" von einem etwas anderen 10-Jährigen: Nach 27 Operationen kann Auggie (Jacob Tremblay) ein normales Leben führen. Zurückgeblieben ist freilich ein von einem Gendefekt entstelltes Gesicht. Bislang wurde der witzige und kluge Junge von seiner Mutter Isabell (Julia Roberts) zu Hause unterrichtet, die deshalb ihre Dissertation aufs Eis legte. Dank der Liebe seiner Eltern Isabell und Nate (Owen Wilson) sowie seiner etwas älteren Schwester Olivia (Izabela Vidovic) verbrachte Auggie bislang eine behütete Kindheit. Nun soll er aber eine normale Schule besuchen. Wie werden die Mitschüler auf Auggies "Anderssein" reagieren?

Das Drehbuch von Regisseur Stephen Chbosky sowie seinen Mitautoren Steven Conrad und Jack Thorne liest sich zwar wie eine übliche, Toleranz fürs Anderssein fordernde, gerne auch gefühlsduselige Erzählung. Die Filmemacher umschiffen diese Gefahr aber, indem sie die im Folgeroman "Auggie & Me: Three Wonder Stories" (2015, Deutsch: "Wunder: Julian, Christopher und Charlotte erzählen") angebotenen Perspektiven in den Film einfließen lassen. Das Kapitel "Olivia" beispielsweise schildert lebensnah die Empfindungen einer Teenagerin, die zwischen der Liebe zu ihrem kleinen Bruder und dem Gefühl, immer die zweite Geige zu spielen, hin- und hergerissen ist. Ein weiteres Kapitel wird aus der Sicht von Jack [mehr]

Text: José García
Foto: Studiocanal
ANFÄNGERIN, DIE
Als Kind stand sie gerne auf dem Eis. Inzwischen ist Annebärbel (Ulrike Krumbiegel) 58 Jahre alt, und ihre Eiskunstlauf-Karriere längst vergessen. Als Ärztin zeigt sie wenig Mitgefühl für ihre Patienten. Für sie zählt nur die Meinung ihrer perfektionistischen Mutter Irene (Annekathrin Bürger), die immer wieder etwas zu kritisieren hat. Als ihr Mann Rolf (Rainer Bock) Annebärbel kurz vor Weihnachten verlässt, flüchtet sie sich in die Arbeit. Bei einem Bereitschaftsdienst an der Eishalle des Olympiastützpunktes Berlin wird sie von der Welt des Eiskunstlaufs magisch angezogen. Dort trifft sie auf eine Gruppe skurriler Hobbyeisläufer. In der Eishalle lernt Annebärbel aber auch die dort hart trainierende Jugendmeisterin Jolina (Maria Rogozina) kennen.

Drehbuchautorin und Regisseurin Alexandra Sell bietet eine sehr schöne Geschichte, die sich etwa auch im Zusammenhang vom Freizeitsport der älteren Generation und dem Leistungssport der Jüngeren ausdrückt. Für Annebärbel bedeutet das Eiskunstlaufen eine Entdeckung, die sie jedoch nicht auf unrealistische Weise dazu führen würde, einfach ihr ganzes Leben umzukrempeln. Der Sport und das Sich-Kümmern um ein junges Mädchen helfen ihr freilich dazu, das Leben optimistischer zu sehen und ihre Patienten liebevoller zu behandeln. Darüber hinaus vermittelt der Film auch noch etwas vom Stellenwert des Sports in der ehemaligen DDR - in der Figur [mehr]

Text: José García
Foto: Flare Film_Kolja Raschke
DOWNSIZING
In einer nahen Zukunft, als sich die Ressourcen der Erde knapp werden, entwickeln Forscher eine Methode, um die Menschen schrumpfen zu lassen. Ein zwölf Zentimeter großer Mensch verbraucht schließlich viel weniger als ein "normaler". Paul Safranek (Matt Damon) und seine Frau Audrey (Kristen Wiig) entscheiden sich, wie viele andere auch in einer neuen "geschrumpften" Gemeinde ein neues Leben zu beginnen. Ein Jahr später ist aus dem versprochenen Glück nicht viel geblieben. Durch die vietnamesische Dissidentin Ngoc Lan Tran (Hong Chau), die gegen ihren Willen geschrumpft und aus ihrer Heimat ausgewiesen wurde, lernt Paul die Schattenseiten dieser Welt kennen.

Dank der gelungenen Spezialeffekte wirkt die Interaktion zwischen geschrumpften und großen Menschen glaubwürdig. Obwohl der Tonwechsel im Film nicht ganz geglückt ist, schafft es Regisseur Payne, tiefgründige Fragen zu stellen. Denn auch in der "geschrumpften" Welt behalten Menschen ihren Hang, andere Menschen zu beherrschen... oder auch, sich für die anderen einzusetzen. Über eine vordergründige ökologische Botschaft hinaus verdeutlich "Downsizing", dass das eigentliche Glück nicht in einem materiell abgesicherten Leben, sondern darin besteht, etwas für andere zu tun ... und die große Liebe zu finden.
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Text: José García
Foto: Paramount
MILAN PROTOKOLL, DAS
Die in der kurdischen Region im Norden Iraks an der Grenze zum "Islamischen Staat" für eine Hilfsorganisation arbeitende deutsche Ärztin Martina (Catrin Striebeck) wird bei einer Grenzfahrt von einer sunnitischen Gruppe gekidnappt, weil diese einen Waffentransport vermutet. Die Geiselnahme wird zum Spielball der Interessen verschiedener Gruppen — von IS, PKK, sunnitischen Stämmen, den deutschen und türkischen Geheimdiensten. Nach ihrer Befreiung wird Martina vom deutschen BND-Mitarbeiter Moses (Christoph Bach) über die Zeit in Gefangenschaft befragt. Was für eine Rolle Moses tatsächlich in dieser Geschichte spielt, bleibt freilich unklar.

Das Gespräch zwischen Moses und Martina nach deren Befreiung stellt den Rahmen dar, in dem die Geiselnahme als Rückblende erzählt wird. Zusammen mit (Alp-)Traumszenen entsteht ein eher verworrenes Bild der Geschehnisse, das mit den Wirrwarr an unterschiedlichen Interessen in der Region korrespondiert. Die Kontraste zwischen den Bildern der Zerstörung, die von der Kamera immer wieder in den Vordergrund gestellt werden, kontrastieren mit den Neubaugebieten in der kurdischen Stadt Dohuk. Über die konkrete Lage im Nordirak hinaus handelt "Das Milan Protokoll" auch von den moralischen Fragen, die sich die Ärztin in ihrer Gefangenschaft stellen muss.
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Text: José García
Foto: RealFiction