Aktuelle Filmkritiken
ANFÄNGERIN, DIE
Als Kind stand sie gerne auf dem Eis. Inzwischen ist Annebärbel (Ulrike Krumbiegel) 58 Jahre alt, und ihre Eiskunstlauf-Karriere längst vergessen. Als Ärztin zeigt sie wenig Mitgefühl für ihre Patienten. Für sie zählt nur die Meinung ihrer perfektionistischen Mutter Irene (Annekathrin Bürger), die immer wieder etwas zu kritisieren hat. Als ihr Mann Rolf (Rainer Bock) Annebärbel kurz vor Weihnachten verlässt, flüchtet sie sich in die Arbeit. Bei einem Bereitschaftsdienst an der Eishalle des Olympiastützpunktes Berlin wird sie von der Welt des Eiskunstlaufs magisch angezogen. Dort trifft sie auf eine Gruppe skurriler Hobbyeisläufer. In der Eishalle lernt Annebärbel aber auch die dort hart trainierende Jugendmeisterin Jolina (Maria Rogozina) kennen.

Drehbuchautorin und Regisseurin Alexandra Sell bietet eine sehr schöne Geschichte, die sich etwa auch im Zusammenhang vom Freizeitsport der älteren Generation und dem Leistungssport der Jüngeren ausdrückt. Für Annebärbel bedeutet das Eiskunstlaufen eine Entdeckung, die sie jedoch nicht auf unrealistische Weise dazu führen würde, einfach ihr ganzes Leben umzukrempeln. Der Sport und das Sich-Kümmern um ein junges Mädchen helfen ihr freilich dazu, das Leben optimistischer zu sehen und ihre Patienten liebevoller zu behandeln. Darüber hinaus vermittelt der Film auch noch etwas vom Stellenwert des Sports in der ehemaligen DDR ? in der Figur [mehr]

Text: José García
Foto: Flare Film_Kolja Raschke
DOWNSIZING
In einer nahen Zukunft, als sich die Ressourcen der Erde knapp werden, entwickeln Forscher eine Methode, um die Menschen schrumpfen zu lassen. Ein zwölf Zentimeter großer Mensch verbraucht schließlich viel weniger als ein "normaler". Paul Safranek (Matt Damon) und seine Frau Audrey (Kristen Wiig) entscheiden sich, wie viele andere auch in einer neuen "geschrumpften" Gemeinde ein neues Leben zu beginnen. Ein Jahr später ist aus dem versprochenen Glück nicht viel geblieben. Durch die vietnamesische Dissidentin Ngoc Lan Tran (Hong Chau), die gegen ihren Willen geschrumpft und aus ihrer Heimat ausgewiesen wurde, lernt Paul die Schattenseiten dieser Welt kennen.

Dank der gelungenen Spezialeffekte wirkt die Interaktion zwischen geschrumpften und großen Menschen glaubwürdig. Obwohl der Tonwechsel im Film nicht ganz geglückt ist, schafft es Regisseur Payne, tiefgründige Fragen zu stellen. Denn auch in der "geschrumpften" Welt behalten Menschen ihren Hang, andere Menschen zu beherrschen... oder auch, sich für die anderen einzusetzen. Über eine vordergründige ökologische Botschaft hinaus verdeutlich "Downsizing", dass das eigentliche Glück nicht in einem materiell abgesicherten Leben, sondern darin besteht, etwas für andere zu tun ... und die große Liebe zu finden.
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Text: José García
Foto: Paramount
MILAN PROTOKOLL, DAS
Die in der kurdischen Region im Norden Iraks an der Grenze zum "Islamischen Staat" für eine Hilfsorganisation arbeitende deutsche Ärztin Martina (Catrin Striebeck) wird bei einer Grenzfahrt von einer sunnitischen Gruppe gekidnappt, weil diese einen Waffentransport vermutet. Die Geiselnahme wird zum Spielball der Interessen verschiedener Gruppen — von IS, PKK, sunnitischen Stämmen, den deutschen und türkischen Geheimdiensten. Nach ihrer Befreiung wird Martina vom deutschen BND-Mitarbeiter Moses (Christoph Bach) über die Zeit in Gefangenschaft befragt. Was für eine Rolle Moses tatsächlich in dieser Geschichte spielt, bleibt freilich unklar.

Das Gespräch zwischen Moses und Martina nach deren Befreiung stellt den Rahmen dar, in dem die Geiselnahme als Rückblende erzählt wird. Zusammen mit (Alp-)Traumszenen entsteht ein eher verworrenes Bild der Geschehnisse, das mit den Wirrwarr an unterschiedlichen Interessen in der Region korrespondiert. Die Kontraste zwischen den Bildern der Zerstörung, die von der Kamera immer wieder in den Vordergrund gestellt werden, kontrastieren mit den Neubaugebieten in der kurdischen Stadt Dohuk. Über die konkrete Lage im Nordirak hinaus handelt "Das Milan Protokoll" auch von den moralischen Fragen, die sich die Ärztin in ihrer Gefangenschaft stellen muss.
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Text: José García
Foto: RealFiction
LEUCHTEN DER ERINNERUNG, DAS
Mit ihrem uralten Wohnmobil "The Leisure Seeker" (so heißt auch der Original-Filmtitel) wollen die etwa 80-jährigen Ella (Helen Mirren) und John Spencer (Donald Sutherland) eine letzte gemeinsame Reise unternehmen, nachdem bei Ella ein Tumor entdeckt wurde, und der ehemalige Literaturprofessor zunehmend sein Gedächtnis verliert. Ihr Ziel: das Hemingway-Haus in Key West, das sie offenbar bereits einmal vor Jahrzehnten gemeinsam besuchten. Auf der Reise kommen die einen oder andern Geheimnisse zum Vorschein, so etwa auch Johns ehemalige Affäre, von der Ella wohl etwas ahnte, aber von der sie nie richtig gewusst hat. Unbeherrscht entscheidet sie daraufhin, ihren Mann "zum nächsten Altersheim, je schäbiger desto besser" zu bringen. Doch bald bereut sie es wieder. Die Liebe zueinander ist doch noch ungebrochen.

"Das Leuchten der Erinnerung" ist der erste Spielfilm, den der italienische Drehbuchautor und Regisseur Paolo Virzì (zuletzt: "Die Überglücklichen") in den Vereinigten Staaten dreht. Warum er als immerhin 53-Jähriger ein Filmprojekt außerhalb Italiens realisiert, erklärt Paolo Virzì folgendermaßen: "Der subversive Geist der Geschichte reizte mich, denn sie erzählte von der Rebellion dieser beiden Alten gegen ihre Ärzte, gegen ihre Kinder, gegen soziale und medizinische Vorschriften".

Der Film lebt von der hervorragenden Spielkunst zweier Charakterdarsteller, die mit einer gehörigen Portion Witz und [mehr]

Text: José García
Foto: Concorde
SCORE - EINE GESCHICHTE DER FILMMUSIK
Die Filmmusik ("Score") gehört zu den Elementen eines Filmes, die eher unterbewusst wirken. Sie trägt jedoch zu dessen Gesamteindruck wesentlich bei. Was wären beispielsweise Roland Joffés "Mission", Ridley Scotts "Blade Runner" ohne die jeweilige Musik von Ennio Morricone und Vangelis? Oder gar die "Star-Wars"- und die "Indiana Jones"-Filme ohne John Williams weltweit bekannte, einprägsame Musik?

Den Einfluss der Filmmusik demonstriert nun der gerade im Kino spielende "Score ? Eine Geschichte der Filmmusik" vom jungen Dokumentarfilmer Matt Schrader. Der Filmemacher geht in seinem Film der Frage nach, wie einige der berühmtesten Filmscores konzipiert wurden. Anhand der von ihm geführten Interviews mit einigen der bekanntesten Filmkomponisten der Gegenwart ? Danny Elfman, Hans Zimmer, James Cameron, Quincy Jones, Rachel Portman, Alexandre Desplat, Trent Reznor ? sowie der Besuche bei bekannten Studios, etwa den Abbey Road Studios, wird die Komplexität der Filmmusik deutlich.

Darüber hinaus bietet Schraders Film auch gewissermaßen eine Geschichte der Filmmusik - entsprechend dem deutschen Verleihtitel. Im Original ist der Titel allerdings allgemeiner: "Score: A Film Music Documentary". Dazu stellt Matt Schrader beispielsweise fest: "Stummfilme waren niemals stumm". Denn Stummfilme wurden immer von Live-Musik begleitet ... sei es auch nur, um den Projektor zu überhören. Auch wenn der Tonfilm bereits um die [mehr]

Text: José García
Foto: NFP
TANNBACH - SCHICKSAL EINES DORFES
Anhand des an der bayerisch-thüringischen Grenze liegenden, fiktiven Dorfes Tannbach schilderte vor drei Jahren der Dreiteiler "Tannbach" die Teilung Deutschlands von den letzten Kriegstagen bis zur Gründung der Bundesrepublik und der DDR. In diesem "Klein-Berlin" werden Familien auseinandergerissen, bestehende Dorfstrukturen zerstört. Die Miniserie zeigte im Auseinanderleben beider Landesteile die Entstehung zweier verschiedener Gesellschaftsordnungen.

Der zweite Dreiteiler, der nun ab dem 8. Januar im ZDF ausgestrahlt wird, setzt 1960 ein, als der Kalte Krieg auf seinem Höhepunkt steht. In einem Wald in der Nähe von Tannbach geschieht ein Unglück, als Kinder ein geheimes NATO-Waffenlager entdecken. In Ost-Tannbach werden die letzten freien Altbauern von Anna (Henriette Confurius) und ihren Mitstreitern zum Beitritt in die LPGs überredet. Die im Sommer 1961 angesiedelte zweite Episode steht im Zeichen des Mauerbaus. Obwohl sich Anna in der LPG darum bemüht, gegen die Mangelwirtschaft anzugehen, kehren immer mehr Menschen der DDR den Rücken. Gleichzeitig landet eine Frau wegen Sabotageverdacht im Gefängnis. Ein ranghoher Stasi-Offizier setzt sich für sie ein, weil er so an ihren Sohn zu kommen hofft, der für den BND arbeitet. Oder hat er auch ein persönliches Interesse an ihr? Sieben Jahre später steht im drittel Teil der "Prager Frühling" 1968 im Hintergrund der [mehr]

Text: José Garcia
Foto: ZDF/Julie Vrabelova
LUX - KRIEGER DES LICHTS
Der mit vier Oscars ausgezeichnete US-Spielfilm "Birdman oder (die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit" bietet unter anderem eine Satire auf die in letzter Zeit im Kino überhandnehmen Superhelden. Nun startet im Kino der deutsche Film "Lux - Krieger des Lichts", der ebenfalls die Superhelden auf die Schippe nimmt. Thorsten Kachel (Franz Rogowski), der sich Lux nennt, versteht sich als Krieger des Lichts. Er möchte im Alltag Gutes tun, die Welt zum Besseren verändern. Wie die Superhelden trägt er eine Maske und einen Umhang.

Die Probleme beginnen aber, als Dokumentarfilmer Jan (Tilman Strauß) einen Film über den selbsternannten "Superheld des Alltags" drehen will. Denn der windige Produzent Brandt (Heiko Pinkowski) möchte nur in das Projekt investieren, wenn dabei etwas Spektakuläres geschieht. Das bedeutet, dass sich Lux von den Sozialschwachen abwenden und sich der Kriminalitätsbekämpfung verschreiben soll. Nach einigem Zögern lässt sich der "Superheld" darauf ein. Allerdings lassen die Heldentaten auf sich warten. Erst als die Stripperin Kitty (Kristin Suckow) Lux um Hilfe bittet, sieht er seine Stunde gekommen. Doch dann kommt alles anders.

Die Brechung des "Filmes im Film" gibt Drehbuchautor und Regisseur Daniel Wild die Möglichkeit, einige Stilmittel einzuführen, so etwa die Interviews mit Thorstens Mutter (Eva Weißenborn), die subjektive Kamera, [mehr]

Text: José García
Foto: Zorro
LOVING VINCENT
Vincent van Gogh (1853—1890) gilt zusammen mit Paul Cézanne (1839—1906) und Paul Gauguin (1848—1903) als Wegbereiter der Moderne. Der niederländische Künstler hinterließ nach heutigem Wissensstand nicht nur 864 Bilder und mehr als tausend Zeichnungen, sondern auch eine umfangreiche Korrespondenz. Seine Todesumstände sind bis heute umstritten. Fest steht, dass er sich am 27. Juli 1890 eine Kugel in die Brust schoss. Ob es dabei um einen Selbstmord, um eine Art "Hilferuf" oder gar um einen Unfall handelte, wird wohl ungeklärt bleiben.

Der Spielfilm "Loving Vincent" von Dorota Kobiela und Hugh Welchman versucht, in einer Art Thriller die letzten Wochen im Leben des Künstlers zu rekonstruieren: Ein Jahr nach dem Tod van Goghs taucht plötzlich ein Brief des Künstlers an dessen Bruder Theo auf. Der Postmann Joseph Raulin (Chris O´Dowd), der mit Vincent befreundet war, hat zwar versucht, Theos Adresse zu erfahren, um den Brief zuzustellen, aber die Versuche schlugen fehl. Deshalb beauftragt er seinen Sohn Armand (Douglas Booth), nach Paris zu fahren und den Brief persönlich zu übergeben. Armand tut dies nur widerwillig, weil ihm die Freundschaft seines Vaters mit dem ausländischen Künstler, der sich selbst ein Ohr abgeschnitten haben soll und in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wurde, peinlich ist. In Paris erfährt [mehr]

Text: José García
Foto: Weltkino
FLÜGEL DER MENSCHEN, DIE
"Pferde sind die Flügel der Menschen", lautet ein kirgisisches Sprichwort — so eine Schrifttafel zu Beginn des Filmes "Die Flügel der Menschen" von Aktan Arym Kubat, der bei der Berlinale 2017 in der Sektion Panorama Premiere feierte. Mit einem Pferdediebstahl beginnt der Film, der im Original "Zentaur" heißt. Denn im Alatau-Gebirge, an der Grenze zwischen Kirgistan und Kasachstan geht ein Pferdedieb um. Doch Zentaur (Aktan Arym Kubat selbst) geht es nicht um Geld. Nomen est omen: Ihm geht es um die Verbindung von Mensch und Pferd. Zentaur lebt mit seiner jungen, taubstummen Frau Maripa (Zarema Asanalieva) und dem fünfjährigen Sohn Nuberdi (Nuraly Tursunkojoev), der noch kein einziges Wort gesprochen hat, in einem kleinen Dorf. Zentaur stiehlt Pferde, um sie in die Freiheit zu entlassen. Natürlich weiß er, dass die Pferdebesitzer sie unweigerlich wieder aufgreifen.

Zentaur betrieb früher ein kleines Kino im Dorf, das eine Art Fenster zur Welt darstellte, in dem sogar Bollywood-Filme Platz fanden. Aber das Kino wurde von Islam-Missionaren geschlossen. Heute dient es als Moschee. Der nun arbeitslose, etwa 60-jährige Mann findet keine Ruhe. Deshalb schleicht er sich nachts in die Rennställe der Oligarchen ein. Wenn er dann den edlen Pferden die Freiheit schenkt, weiß Zentaur, dass dies nur [mehr]

Text: José García
Foto: Neue Visionen
LA MÉLODIE - DER KLANG VON PARIS
Ein arbeitsloser Musiker, der durch die Kraft der Musik das Leben von schwer erziehbaren Schülern verändert, ist nicht gerade eine originelle Handlung für einen Spielfilm. Davon handelte "Die Kinder des Monsieur Mathieu" (Christophe Barratier, 2004), der sich wiederum sozusagen als Musik-Variante des Klassikers "Der Club der toten Dichter" (Peter Weir, 1989) ausnahm. Eine weitere Spielart lieferte dann die deutsch-finnisch-estnische Koproduktion mit dem an den Ersteren angelehnten Filmtitel "Die Kinder des Fechters". Der Film schildert das Hineinwachsen eines Spitzensportlers, der mitten im stalinistischen Terror seine Karriere aufgeben muss, in den Beruf des Lehrers.

"La Mélodie ? Der Klang von Paris" von Rachid Hami (Regie) sowie Guy Laurent und Valérie Zenatti (Drehbuch) erzählt wiederum von einem arbeitslosen Musiker: Die Karriere des etwa 50-jährigen Geigers Simon Daoud (Kad Merad) kommt nicht richtig voran. Deshalb nimmt er eine Stelle als Musiklehrer an einer Schule in einer Hochbausiedlung am Rande von Paris an. Dass es sich um einen sogenannten sozialen Brennpunkt handelt, bestätigt etwa ein kurzer Einblick in die Familienverhältnisse der Schüler. Dies zeigt sich von Anfang an ebenfalls daran, dass Klassenlehrer Farid (Samir Guesmi) eher als Sozialarbeiter gefragt wird. Dass Simon strenge Lehrmethoden befolgt, stimmt Faris allerdings skeptisch.

Die Schüler haben sich zu dem [mehr]

Text: José García
Foto: Prokino