Aktuelle Filmkritiken
NUR EIN AUGENBLICK
Das Gefühl eines Lebens "zwischen zwei Welten" bei Menschen mit Migrationshintergrund, die sich durch einen vollends in Deutschland integrierten Lebensvollzug auszeichnen, ohne jedoch gleichzeitig auf (Bluts-)Bande in der "alten Heimat" verzichten zu wollen oder zu können, hat kürzlich die mit ihren mongolischen Eltern in der DDR aufgewachsene Drehbuchautorin und Regisseurin Uisenma Borchu in ihrem Spielfilm Schwarze Milch anhand der Geschichte zweier Schwestern glänzend verdeutlicht.

Vom Aufeinandertreffen zweier Kulturen in einer Extremsituation erzählt etwa das Spielfilmdebüt "Im Feuer" der deutsch-griechischen Regisseurin Daphne Charizani. Dessen Protagonistin, die gebürtige Kurdin Rodja, lebt lange in Deutschland, und verpflichtet sich für die Bundeswehr. Als ihre Mutter aus dem Irak flieht, aber ihre Schwester dort vermisst wird, meldet sich Rodja zu einem Auslandseinsatz. Daphne Charizani gelingt es, Rodjas Zwiespalt zwischen ihrer Herkunft und ihrem (neuen) Land mit der unbedingten Schwesterliebe sowie mit der Liebe zu ihrer Mutter zu verknüpfen.

Auch der nun im regulären Kinoprogramm startende Spielfilm "Nur ein Augenblick" von Randa Chahoud handelt von einem jungen Menschen, der in Deutschland lebt, aber von den Ereignissen in seinem Heimatland eingeholt wird: Der syrische Student Karim (Mehdi Meskar) lebt seit einigen Jahren in Hamburg mit seiner Freundin Lilly (Emily Cox), die ein Kind erwartet.

Als seine Eltern [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Sören Schult
IL TRADITORE- ALS KRONZEUGE GEGEN DIE COSA NOSTRA
Der 1928 in Palermo geborene Tommaso Buscetta erlangte in den 1980er Jahren besondere Bekanntheit, weil er als hochrangiges Mitglied der sizilianischen "Cosa Nostra" zum wichtigsten Kronzeuge in den sogenannten "Maxi-Prozessen" wurde. Seine Aussagen führten dazu, dass in diesen Mammutprozessen Hunderte von Mafiosi verurteilt wurden.

Nun hat Marco Bellocchio, der beispielsweise 2003 über die Entführung und die Ermordung Aldo Moros im Mai 1978 den Film "Buongiorno, notte" drehte, die Geschichte des Tommaso Buscetta verfilmt.

"Il Traditore - Als Kronzeuge gegen die Costa Nostra" setzt im September 1980 ein, als die Machtkämpfe zwischen den Paten der sizilianischen Mafia einen Höhepunkt erreichen, und sich Tommaso Buscetta (Pierfranceso Favino) nach Brasilien, nach Rio de Janeiro, absetzt. Nach seiner Festnahme und seine Auslieferung an Italien im Juli 1984, bittet ihn seine Frau brasilianische Cristina (Maria Fernanda Candido), gegen die Cosa Nostra auszusagen. Es ergehen 366 Haftbefehle, ehe die Maxi-Prozesse am 10. Februar 1986 beginnen.

Nach einem eher unüberschaubaren Anfang mit den Machenschaften der Mafia, bei dem etliche Mitglieder eingeführt werden, und den Folterszenen, in denen Buscetta in Brasilien zur Aussage bewegt werden soll, kommt der Film zur Ruhe. Bellocchio konzentriert sich dann auf die Gespräche zwischen dem Untersuchungsrichter Giovanni Falcone (Fausto Russo Alesi) - Falcone wurde am 23. [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Pandora
MASTER CHENG IN POHJANJOKI
Ein abgelegenes Dorf im finnischen Lappland. Aus einem Bus steigt ein junger Mann mit einem Kind: Der chinesische Koch Cheng (Pak Hon Chu) sucht nach einem alten finnischen Freund, den jedoch niemand zu kennen scheint. Die Cafébesitzerin Sirkka (Anna-Maija Toukko) bietet ihm eine Unterkunft an; dafür hilft Cheng ihr in der Küche. Bald lernen die Einheimischen die chinesische Küche kennen und schätzen. Cheng fühlt sich immer wohler dort — was auf Gegenseitigkeit stößt. Plötzlich sind drei Monaten um, und Chengs Touristenvisum läuft ab ...

Regisseur Mika Kaurismäki erzählt minimalistisch, wobei die Landschaft und die Musik in seinem Film eine zentrale Rolle spielen. "Master Cheng in Pohjanjoki" schildert die Begegnung zweier Kulturen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Ein Beitrag zu einer positiven Globalisierung, die Menschen näher bringt, statt sie gegeneinander aufzubringen.


Interview mit Drehbuchautor und Regisseur Mika Kaurismäki

Wie sind Sie auf den Gedanken für Ihren Film gekommen? Er erinnert an "Babettes Fest", in dem eine französische Meisterköchin mit ihren Kochkünsten einfache Menschen in einem kleinen dänischen Dorf glücklich macht. Aber der geografische wie kulturelle "Abstand" China — Lappland ist weitaus größer ?

Ich bin seit Jahrzehnten ein großer Lappland-Fan, fahre dorthin mindestens zweimal im Jahr, einmal im Sommer und einmal im Winter, meistens [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Han Ruan Yuan He
STATELESS
"Inspiriert von wahren Begebenheiten", heißt es zu Beginn der australischen sechsteiligen Miniserie "Stateless". Im Mittelpunkt der tatsächlichen Ereignisse steht eine deutsch-australische, ehemalige Flugbegleiterin, die sich in den Jahren 2004-2005 zehn Monate lang unrechtmäßig in Abschiebehaft in Australien befand.

In "Stateless" heißt sie Sofie Werner (Yvonne Strahovski). Zu Beginn kommt sie Weihnachten zu ihren deutschen Eltern. Bei der Familienfeier auch dabei: ihre ältere, verheiratete Schwester Margot (Marta Dusseldorp), Mutter zweier Kinder. Die Stimmung ist gereizt, denn die Eltern und wohl auch die Schwester drängen Sofie, endlich zu heiraten. Auf der Suche nach sich selbst gerät sie in die Fänge einer Psychosekte, die sich als ein von Gordon (Dominic West) und Pat Masters (Cate Blanchett) geführtes Tanzstudio tarnt.

Gegengeschnitten zu Sofies Geschichte wird das Bemühen des afghanischen Lehrers Amir (Fayssal Bazzi), für sich und seine Familie Plätze in einem von Schleppern organisierten Boot zu ergattern, das sie nach Australien bringen soll. Als sich aber herausstellt, dass die Schlepper Betrüger sind, und es gar kein Boot gibt, muss sich Amir etwas einfallen lassen.

Die zwei weiteren Hauptfiguren in der geschlossenen Miniserie (Limited Series) stehen auf der Gegenseite: Der einfache, seine kleine Familie liebende Cameron Sandford (Jai Courtney) heuert bei der Firma an, die für die Sicherheit [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Netflix
AUF DER COUCH IN TUNIS
Ob das Bild von ihrem Vater oder ihrem Großvater stamme, wird Selma (Golshifteh Farahani) vom Umzugshelfer gefragt. Nein, es sei "ihr Chef", antwortet sie. Das Foto zeigt Siegmund Freud. Denn Selma, die gerade aus Paris nach Tunis zurückgekehrt ist, möchte hier weiter als Psychotherapeutin arbeiten. Warum kehrt sie zurück in ihre Geburtsstadt, nachdem sie offensichtlich so gut wie ihr ganzes Leben in Frankreich verbracht hat, ihr Vater noch in Paris lebt, hier ihre Verwandten sie als "postkoloniale Wichtigtuerin" beschimpfen und ihr klipp und klar sagen, dass in Tunis niemand eine(n) Psychoanalytiker(in) braucht?

Mit ihrem Spielfilmdebüt "Auf der Couch in Tunis" (Un divan à Tunis") liefert Drehbuchautorin und Regisseurin Manele Labidi eine humorvolle Hommage an die Heimat ihrer Eltern. In den Personen ihrer den Unkenrufen ihres Onkels zum Trotz die Therapeutin aufsuchenden Patienten findet Manele Labidi Gelegenheit, ein Panoptikum skurriler Gestalten — von der Besitzerin eines Schönheitssalons Baya (Feriel Chamari) bis zu dem Iman Fares (Jamel Sassi) — vorzuführen.

Zu ihrem Film führt Labidi aus: "Ich wollte mit meinem Film nicht das Klischee einer im Westen sozialisierten Psychologin nähren, die sich gegen eine rückwärtsgewandte Gesellschaft durchsetzen muss". Die bürokratischen Schwierigkeiten, die Selma meistern muss, bieten deshalb eher die Chance, die sozialen und [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Carole Bethuel
SCHWARZE MILCH
In den schier unendlichen Steppen der Mongolei leben noch Menschen von der nomadischen Viehzucht, insbesondere in der Wüste Gobi. Einen Einblick in die Lebensweise der mongolischen Nomaden bietet nun der Spielfilm "Schwarze Milch" von Uisenma Borchu, der seine Weltpremiere im Programm des Panorama bei der diesjährigen Berlinale feierte, und nun im regulären Kinoprogramm startet.

Drehbuchautorin und Regisseurin Uisenma Borchu wurde 1984 in Ulaanbaatar in der Mongolei geboren, und kam mit ihren Eltern 1988 in die DDR. Dazu sagt sie: "Obwohl ich dann in Deutschland war, haben wir mongolisch gelebt. Der deutsche Einfluss war groß, aber die Art und Weise des Redens, Essens und des Liebens war mongolisch. Ich bin mongolisch und bin in den Jahren auch deutsch geworden. Damit beginnt für mich eine wahnsinnig interessante Kollision zweier Kulturen."

Vom Aufeinandertreffen der zwei Kulturen erzählt denn auch "Schwarze Milch". Der Film beginnt in Berlin, wo Wessi (Uisenma Borchu selbst) mit ihrem Freund Franz (Franz Rogowski) lebt. Ohne groß auf ihr Leben in der Stadt einzugehen, setzt "Schwarze Milch" in dem Moment ein, als Wessis Sehnsucht nach ihrer in der Mongolei lebenden Schwester so groß wird, dass sie den Entschluss fällt, dorthin zu reisen.

Nach einer langen Reise - Flug nach Ulaanbaatar, wo sie von [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Alpenrepublik
GREYHOUND - SCHLACHT IM ATLANTIK
Der Kampf zwischen Kinos und Streamingportalen ist nicht neu. Bereits in den letzten Jahren wurde heftig über die Zulassung von Filmen, die lediglich gestreamt werden können, zu den großen internationalen Filmfestivals diskutiert. Deshalb galt als eine kleine Sensation, dass Alfonso Cuaróns Roma als erste Netflix- Eigenproduktion bei einem internationalen Filmfestival - Venedig 2018 - den Hauptpreis gewann. Immer mehr Regisseure arbeiten für Streamingdienste. Aufsehen erregte ebenfalls, dass Martin Scorsese seinen mit Robert de Niro, Al Pacino und Joe Pesci besetzten Film "The Irishman" oder auch Fernando de Meirelles Die zwei Päpste mit Anthony Hopkins und Jonathan Pryce für Netflix drehten.

Durch die Coronasituation hat sich der Kampf freilich noch weiter verschärft. Neuestes Beispiel: Der Spielfilm "Greyhound - Schlacht im Atlantik", der als "Apple Original" nicht auf der großen Leinwand, sondern auf der Streaming-Plattform "Apple TV+" zu sehen ist. Das auf dem Roman "The Good Shepherd" von C.S. Forester basierende Drehbuch zu dem Film, bei dem Aaron Schneider Regie führt, stammt von Tom Hanks. Der bekannte Schauspieler übernahm auch die Hauptrolle.

"Greyhound - Schlacht im Atlantik" ist im Jahre 1942 angesiedelt, nachdem die Vereinigten Staaten gerade in den Zweiten Weltkrieg eingetreten sind. Nun stehen sie vor ihrer ersten großen [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Apple TV+
WASP NETWORK
Der Spionagethriller "Wasp Network", der im September 2019 bei den Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt wurde und nun auf der Streamingplattform Netflix abrufbar ist, erzählt "nach einer wahren Geschichte" von einem "Wespennetz" - daher der Titel - aus kubanischen Spionen, die in den 1990er Jahren Exilkubaner in den Vereinigten Staaten unterwanderten. Der Spielfilm von Drehbuchautor und Regisseur Olivier Assayas, der ein Jahrzehnt nach seiner hervorragenden Filmbiografie über Ilich Ramírez Sánchez alias Carlos Carlos der Schakal zum Genre zurückkehrt, basiert allerdings auf dem Roman "Os últimos soldados da guerra fria" ("Die letzten Soldaten des Kalten Krieges") des brasilianischen Journalisten und Autors Fernando Morais.

Den geschichtlichen Hintergrund für Roman und Spielfilm bilden die Aktivitäten des Spionagenetzwerks "Red Avispa", ("Wespennetz"), das sich aus Exilkubanern in Miami, Florida in den neunziger Jahren zusammensetzte. Der Agentenring umfasste zwar mindestens 16 Personen. Da aber von den 1998 Verhafteten nur fünf sich weigerten, mit den US-Behörden zu kooperieren und deshalb 2001 zu hohen Strafen verurteilt wurden, sind sie unter dem Namen "Miami Five" oder auch "Cuban Five" bekannt.

Olivier Assayas konzentriert sich - wie schon Romanautor Morais - insbesondere auf drei von ihnen, damit der Zuschauer halbwegs den Überblick behalten kann. Allerdings ist es bei der Vielzahl [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Netflix
BERLIN ALEXANDERPLATZ
Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" (1929) gilt wegen seiner neuartigen Montagetechnik, der expressiven Sprache und der Schilderung der Großstadt als Moloch als eines der wichtigsten Literaturwerke der Weimarer Republik, sozusagen als literarische Entsprechung zu Walter Ruttmanns "Berlin - Die Sinfonie der Großstadt" (1927). Döblin erzählt darin vom Scheitern des einfachen Arbeiters Franz Biberkopf, sich nach Verbüßung einer vierjährigen Haftstrafe - weil er seine Freundin Ida erschlagen hatte - in der Großstadt eine neue Existenz aufzubauen. Überfordert vom Kampf gegen eine teilweise als lebendiger Organismus erscheinende Metropole, schließt er sich einer von Reinhold geführten Bande an. Nach seiner Verkrüppelung geht Franz B. ein Verhältnis zur Prostituierten Mieze ein.

Döblins "Jahrhundertroman" wurde mehrfach verfilmt, hatte sich der Autor selbst doch nach einem Gespräch mit Emil Jannings über die stilistischen Möglichkeiten des Mediums Film für die Verfilmung seines Romans interessiert. In einem Beitrag für den "Film-Kurier" vom August 1930 merkte Alfred Döblin an, dass der Tonfilm "Franz Biberkopf unmittelbar sprechen lässt und daher akustisch echter ist, als es je der Roman kann".

Der heute weitestgehend vergessene Regisseur Piel (Phil) Jutzi verfilmte den Roman nach einem Drehbuch von Hans Wilhelm und Alfred Döblin mit Heinrich George in der Hauptrolle; Bernhard Minetti spielte Reinhold. Der Film [mehr]

Text: José Garcia
Foto: entertainment One
DARK - 3. STAFFEL
Die erste deutsche Netflix-Eigenproduktion "Dark" gilt als eine der besten aktuellen Fernsehserien aus deutschen Landen, die auch internationale Erfolge feiern konnte. Sie verknüpfte das Schicksal von vier Familien in einer fiktiven Stadt auf drei verschiedenen Zeitebenen, in den Jahren 1953, 1986 und 2019. Verschwinden zu Beginn der Handlung Kinder, so scheinen sich die Tragödien alle 33 Jahre zu wiederholen.

Zu den drei Zeitebenen kamen in Dark - Zweite Staffel noch zwei weitere auf der Suche nach dem "Ursprung" hinzu. Immer deutlicher wird es, dass in einem jeden der 33-Jahre-Zyklen eine Apokalypse stattfinden muss. Um sie zu verhindern, möchte die Hauptfigur Jonas (Louis Hofmann) in die Vergangenheit reisen.

Nun stellt Netflix die dritte - und erklärtermaßen letzte - Staffel auf die Streamingplattform. Eine Off-Stimme stellt die Frage, die eigentlich über der ganzen Serie steht: "Können wir unserem Schicksal entkommen, oder wird es durch eine unsichtbare Hand gelenkt?" Denn wieder einmal ist "die Apokalypse quasi um die Ecke". Wieder einmal geht es darum, "den Ursprung" zu finden, um womöglich die endlose Zeitschleife zu durchbrechen. Erst am Ende der achten Folge, also zum Finale der gesamten "Dark"-Serie, wird diese Frage beantwortet - auf eindrückliche Weise, weil die Protagonisten allen deterministischen Vorhersagen zum [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Netflix