Aktuelle Filmkritiken
UNDINE
Liebe zu einer (echten) Frau nicht erwidert wird. Aber Undines Liebe darf nicht verraten werden, denn dann müsste der Mann sterben. Dies geschieht im Mythos, wenn die Frau doch noch den Mann liebt, und er Undine verlässt.

Christian Petzold, der nach "Yella" (2007), "Jerichow" (2008), "Barbara" (2012), "Phoenix" (2014) und Transit seinem Konzept treu bleibt, kurze, prägnante Namen als Filmtitel zu verwendet, hat mit "Undine" den Mythos als zeitgenössische Version auf die Leinwand gebracht. Beim Berlinale-Wettbewerb 2020 gewann Paula Beer den Silbernen Bären für die beste Darstellerin. Der internationale Filmkritiker-Verband verlieh dem Film den FIPRESCI-Preis.

Petzolds Undine (Paula Beer) ist Stadthistorikerin in Berlin. Als ihr Freund Johannes (Jacob Matschenz) sie verlässt, müsste sie eigentlich ihn töten, und ins Wasser zurückkehren. Aber sie widersteht dem Fluch aus dem Mythos. Hals über Kopf verliebt sich Undine in den Industrietaucher Christoph (Franz Rogowski). Diese Liebe will sie nicht verlieren.

"Vielleicht kann man sagen, dass Undine eine Märchenfigur ist, die Mensch werden will. Und wir sehen sie bei der Verwirklichung dieses Wunsches. Sie ist ja schon Mensch, sie will Mensch bleiben", führt der Drehbuchautor und Regisseur aus. Das Märchen trifft auf die Wirklichkeit.

Aber über das Erzählerische hinaus besticht "Undine" durch eine hervorragende Kamera, die in [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Schramm Film / Hans Fromm
EL PRESIDENTE
Zürich, 27. Mai 2015. In den frühen Morgenstunden verhaften Beamte des Schweizer Bundesamts für Justiz sechs hochrangige FIFA-Funktionäre im Hotel Baur au Lac; im Laufe des Vormittags wurde noch eine weitere Person festgenommen. Der in Anlehnung an die "Watergate-Affäre" genannte "FIFA-Gate"-Skandal hatte seinen Höhepunkt erreicht. Vordergründig ging es um Bestechungsgelder im Zusammenhang mit der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland und 2022 in Katar. Am selben Tag wurden auf Anordnung der Schweizer Bundesanwaltschaft im FIFA-Hauptquartier Unterlagen im Zusammenhang mit den erwähnten WM-Vergaben sichergestellt.

Dahinter stehen allerdings Korruptionsvorwürfe, die seit der Amtsübernahme seitens Joseph Blatter 1998 als Nachfolger des legendären João Havelange (1916-2016, FIFA-Präsident 1974-1998) immer wieder laut wurden. In den Jahren 1991 bis 2015 sollen FIFA-Funktionäre etwa 150 Millionen US-Dollar Schmiergelder erhalten haben.

Soweit die Tatsachen. Erzählt werden sie in der achtteiligen mexikanischen Serie "El Presidente" aus der Sicht des chilenischen Fußballverbands-Präsidenten Sergio Jadue, dessen Aufstieg und Fall Serienentwickler Armando Bó mit der Korruptionshandlung in den höchsten Fußballsphären verknüpft. Für die erzählerische Rahmenhandlung findet Armando Bó, der als Mit-Drehbuchautor von "Birdman oder (die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)" (siehe Filmarchiv) mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, einen originellen Ansatz: eine Off-Stimme aus dem Jenseits. Sie gehört dem 2014 verstorbenen argentinischen Verbandspräsidenten Julio Grondona [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Amazon Prime Video
SCHÖNSTE JAHRE EINES LEBENS, DIE
Claude Lelouches Filmkarriere verlief zwar parallel zu den bekannten Vertretern der "Nouvelle Vague" François Truffaut, Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, Éric Rohmer und Jacques Rivette. Er wird jedoch meistens nicht zu dieser Strömung gezählt, die Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre den französischen Film revolutionierte. Wohl deshalb, weil die meisten seiner Filme eher als Unterhaltung denn als Filmkunst angesehen werden.

Dieses Urteil traf sogar den Film, der Claude Lelouch die Goldene Palme in Cannes 1966 und den Oscar einbrachte, und der als sein bekanntestes Werk gilt: "Ein Mann und eine Frau" ("Un homme et une femme"). Die romantische Geschichte um den Witwer Jean-Louis Duroc (Jean-Louis Trintignant) und die Witwe Anne Gautier (Anouk Aimée), die sich in Deauville, Normandie kennen- und lieben lernen, wo ihre Tochter und sein Sohn im selben Internat leben, wurde ebenfalls trotz des großen Publikumserfolgs von manchem Kritiker als "banal" apostrophiert.

"Ein Mann und eine Frau" wird heute indes als typischer Film der "Nouvelle Vague" bewertet: Der Einsatz der Handkamera, die teils improvisierten Dialoge, die Außenaufnahmen sowie die dramaturgisch und für die Tonart des Filmes entscheidende Wirkung der Filmmusik von Francis Lai (die berühmte Melodie "Chabadabada-daba-dabada") sprechen unmissverständlich dafür. Lelouchs Film machte außerdem die Protagonisten Anouk Aimée und [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Wild Bunch Germany
GEBURTSTAG, DER
Obwohl Matthias (Mark Waschke) von seiner Frau Anna (Anne Ratte-Polle) getrennt lebt, hat er versprochen, zur Geburtstagsparty seines Sohnes Lukas (Kasimir Brause) zu kommen. Allerdings ist der Teilzeit-Vater voll im Stress: Der Abgabetermin für seine Präsentation rückt immer näher. Privat setzt ihn außerdem seine neue Freundin Katharina (Anna Brüggemann) unter Druck, damit er zur Premiere ihres Theaterstücks erscheint.

Als der Kindergeburtstag endlich vorbei ist, taucht das nächste Problem auf: Der kleine Julius (Finnlay Jan Berger) wird von seiner Mutter nicht abgeholt. Eigentlich will Matthias den Jungen einfach loswerden, aber es kommt immer wieder etwas dazwischen. Durch die gemeinsame Zeit mit Julius beginnt Matthias langsam, seinen eigenen Sohn zu verstehen, und erkennt, wie sehr er ihn vermisst.

Drehbuchautor und Regisseur Carlos A. Morelli erzählt die allgemein gültige Geschichte eines Mannes, der noch entdecken muss, was Vatersein bedeutet. Mark Waschke drückt hervorragend die Rat- und Sprachlosigkeit aus, die Matthias gegenüber seinem Sohn Lukas empfindet. Hervorzuheben ist aber auch die reife Leistung der zwei kleinen Kinderdarsteller.

Interessanter noch erweist sich aber die Ästhetik des Filmes, wie Carlos A. Morelli mit tatkräftiger Hilfe des Kameramanns Friede Clausz, der kürzlich im Dokumentarfilm Another Reality sein Können unter Beweis stellte, "Der Geburtstag" gestaltet. Die Schwarzweißbilder und insbesondere [mehr]

Text: José Garcia
Foto: W-film/Friede Clausz
THE LAST WAVE
Filme und Serien über unerklärliche, "übernatürliche" Phänomene haben zurzeit Konjunktur. Erst letzte Woche wurde an dieser Stelle der Amazon-Film Die Weite der Nacht vorgestellt, in dem es um mysteriöse, offenkundig aus dem Weltraum kommende, beunruhigende Geräusche geht. "Mystery", ein spätestens seit dem Spielfilm "The Sixth Sense" (M. Night Shyamalan, 1999) etabliertes Subgenre des fantastischen Films, zeichnet sich durch eine bestimmte Erzählweise aus, eine Stimmung zu beschreiben, in der eine diffuse Furcht vor dem Unbekannten und Unbegreiflichen einschließlich Verschwörungstheorien herrscht. Mit der Coronakrise hängt dies freilich nicht ursächlich zusammen, weil die Filme bereits vor Ausbruch der Covid19-Pandemie fertiggestellt waren.

Zum "Mystery"-Genre gehört ebenfalls die sechsteilige französische Serie "La Dernière Vague", die ZDFneo am 26. Juni spätabends unter dem englischsprachigen Titel "The Last Wave" am Stück zeigt, und ab dem 27. Juni in der ZDF-Mediathek abrufbar sein wird.

Unerklärlich ist dabei die in ihrer Form eigenartige, äußerst bedrohlich wirkende Wolke, die im idyllischen Badeort Brizan-les-Pins an der französischen Atlantikküste unvermittelt erscheint. Unter den Tieren verbreitet sich plötzlich Unruhe - ein häufig eingesetztes Element im "Mystery"-Genre -, als die Wolke immer näher kommt. Da dies während eines alljährlich stattfindenden Surfwettbewerbs geschieht, befinden sich zu dem Zeitpunkt elf Menschen unterschiedlichen Alters im Wasser, als [mehr]

Text: José Garcia
Foto: ZDF
WEITE DER NACHT, DIE
Die Angst vor Außerirdischen gehört zu den am meisten verbreiteten Motiven von Science-Fiction-Literatur und -Film. Berühmt-berüchtigt ist etwa die Wirkung einer Radiosendung aus dem Jahre 1938, in der Orson Welles "Krieg der Welten" von H.G. Wells adaptierte. Weil Orson Welles die Sendung als eine Art Reportage gestaltete, brach Panik in der Bevölkerung aus, die an eine echte Aliens-Invasion glaubte. Erst die Filme von Steven Spielberg "Unheimliche Begegnung der dritten Art" (1977) und vor allem "E.T. - Der Außerirdische" (1982) schufen menschenfreundliche Aliens. Dass Spielberg auch H.G. Wells? Werk später adaptierte - Krieg der Welten - hat allerdings damit zu tun, dass er auf diese Art und Weise das "Gefühl der Bedrohung" nach dem 11. September verarbeiten wollte.

In der Gedankenwelt der latenten Bedrohung durch Außerirdische, wenn auch mit einer anderen Tonart als die üblichen Alien-Actionfilme, ist die Amazon-Eigenproduktion "Die Weite der Nacht" ("The Vast of Night") von Andrew Patterson angesiedelt.

Die Handlung des Filmes spielt sich in einer einzigen Nacht der 1950er Jahre in der Kleinstadt Cayuga in New Mexiko ab. Während sich so gut wie die gesamte Stadt in der Turnhalle anlässlich eines Basketballspiels versammelt, arbeitet der junge, selbstbewusste Radiomoderator Everett (Jake Horowitz) im Sender. Zu ihm gesellt [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Amazon Prime Video
SNOWPIERCER
Mit dem Spielfilm "Snowpiercer" adaptierte der südkoreanische Drehbuchautor und Regisseur Bong Joon Ho im Jahre 2013 die Graphic Novel "Schneekreuzer" ("Le Transperceneige") der französischen Autoren Jacques Lob, Benjamin Legrand und Jean-Marc Rochette für die große Leinwand.

Vordergründig erzählte Bong Joon Hos Spielfilm von einer dystopischen Zukunft, in der die gesamte Erde zu einer Eiswüste geworden ist. Im Jahre 2031, 17 Jahre danach, leben die einzigen, etwa tausend Überlebenden in einem überlangen Zug namens "Snowpiercer" ("Schneebohrer"), der als rettende Arche, angetrieben von einer als Perpetuum mobile konzipierten "Maschine", ununterbrochen um die Erde reist. Dystopisch kann der Film aber vor allem deshalb bezeichnet werden, weil der Zug in zwei Klassen aufgeteilt ist: Vorne hausen die Reichen. In den letzten Waggons leben zusammengepfercht die Armen. Deshalb versuchen sie immer wieder durch Aufstände, "nach vorne" zu kommen, um die Maschine zu erobern.

Nun hat "Netflix" den Stoff als 10-teilige Serie wieder verfilmt. Im Unterschied zu dem "Originalfilm" sind keine 17, sondern erst sieben Jahre nach der Katastrophe vergangen. Der "Snowpiercer" ist auch viel länger; er umfasst 1001 Waggons; statt rund 1000 leben nun hier etwa 3000 Menschen. Diejenigen, die eine Fahrkarte erwerben konnten, sind in drei Klassen eingeteilt, wobei die Passagiere der ersten Klasse mit [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Netflix
HOMECOMING 2
Die Amazon-Serie Homecoming erzählt von einer im Auftrag der US-Regierung von einer Privatfirma namens "Geist" betriebenen Einrichtung, die Soldaten nach einem Kriegseinsatz die Wiedereingliederung ins zivile Leben erleichtern soll. Dass nicht einmal Homecoming-Leiterin Heidi Bergman (Julia Roberts) die wahren Ziele des "Homecoming"-Programms kennt, erzeugt von Anfang an genauso Spannung wie der zweite, vier Jahre später angesiedelte Handlungsstrang, in dem sich Heidi an nichts im Zusammenhang mit "Homecoming" erinnern kann.

Verschwörungstheorie, Paranoia? Das sind die Fragen, die in ihrer ersten Staffel "Homecoming" vorantrieben - und sie bestimmen auch die Handlung in der zweiten Staffel, in der nicht Heidi Bergman, sondern eine von Janelle Monáe dargestellte Jüngere im Mittelpunkt steht.

Sie wacht plötzlich allein in einem kleinen Boot mitten in einem See auf. Die junge Frau ist offensichtlich nicht nur desorientiert. Sie hat außerdem das Gedächtnis verloren - sie weiß nicht einmal ihren Namen. Regisseur Kyle Patrick Alvarez inszeniert die ersten Bilder fast als Traum, begleitet von einem kräftigen Soundtrack, der an Mystery-, teilweise an Horrorfilme denken lässt.

Die ersten zwei von den insgesamt sieben Folgen haben weder in der Inszenierung noch auf den ersten Blick inhaltlich mit der ersten "Homecoming"-Staffel gemeinsam. Sie erinnern eher an Die Bourne Identität, in dem [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Amazon Prime Video
RETTET DEN ZOO
Der deutsche Verleihtitel der südkoreanischen Komödie, die am 4. Juni im Kino startet, könnte nicht besser zur Wiedereröffnung der Kinos nach der jetzigen Corona-Kriese passen: "Rettet den Zoo" könnte in "Rettet das Kino" umgewandelt werden.

Der Film geht von einer skurrilen Grundidee aus: Der junge Anwaltsassistent Kang Tae-soo (Jae-hong Ahn) erhält endlich die Gelegenheit, in der Anwaltskanzlei aufzusteigen. Der Präsident persönlich betraut ihn damit, einen kurz vor der Schließung stehenden Zoo drei Monate lang noch am Leben zu erhalten, bis der neue Eigentümer ihn verkaufen kann.

Mit großem Elan fährt er zum Dongsan-Park. Der junge Mann muss jedoch feststellen, dass der Zoo so gut wie alle Tiere verkaufen musste. Neue Tiere zu erwerben, ist kurzfristig unmöglich. Aber: Wer soll einen Zoo ohne Tiere besuchen? So verfällt Kang Tae-soo auf die Idee, "lebensechte" Tierkostüme anfertigen zu lassen, die dann das verbliebene Personal in der Hoffnung überstreifen, dass die Zoobesucher es nicht merken. Seine schlichte Begründung: "Niemand erwartet, dass in einem Zoo Fake-Tiere sind".

Über die Situationskomik hinaus bezieht "Rettet den Zoo" seine Spannung aus der Frage, wann die Besucher den Schwindel merken. Regisseur Son Jae-gon verknüpft mit der absurden Komödie auch einige ernste Nebenstränge. So arbeitet der ehemalige Zoodirektor (Park Young-kyu) aus [mehr]

Text: José Garcia
Foto: capelight pictures
VERSCHWIEGEN - FAMILIE GEHT VOR
Ist der eigene, halbwüchsige Sohn, ein Mörder? Mit dieser Frage muss sich in der Apple TV +-Miniserie "Verschwiegen - Familie geht vor" (Originaltitel: "Defending Jacob") ausgerechnet ein Staatsanwalt konfrontieren. Die Serie verfilmt den 2012 erschienenen, gleichnamigen Roman von William Landay, der nach eigenem Bekunden wiederum auf dessen Erfahrungen als Staatsanwalt beruhe. "Verschwiegen ? Familie geht vor" wurde als geschlossene Miniserie produziert; es wird keine zweite Staffel geben.

In einer kleinen Stadt in Massachusetts im Großraum Boston wird eines Morgens die Leiche des Schülers Ben Riffkin (Liam Kilbreth) aufgefunden. Der 14-Jährige wurde mit drei Messerstichen brutal ermordet. Staatsanwalt Andy Barber (Chris Evans) nimmt gemeinsam mit Detective Pam Duffy (Betty Gabriel) die Ermittlungen auf.

Obwohl Andy und auch seine Frau Laurie (Michelle Dockery), die in einem Erziehungsprogramm für misshandelte und verlasse Kinder wichtige Arbeit leistet, an die Unschuld ihres Sohnes glauben wollen, bekommen sie im Laufe der Zeit immer mehr Zweifel. Da ist zunächst die Aussage einer Klassenkameradin von Jacob, die Andy stutzig macht, oder der Kommentar eines Mitschülers in einem Internetforum, der den Jungen des Mordes beschuldigt. Nicht nur das Auffinden eines Messers in Jacobs Zimmer, das die Mordwaffe gewesen sein könnte, nagt an Andys und Lauries Glauben an ihren Sohn. Nach [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Apple TV+