Aktuelle Filmkritiken
IN DEN GÄNGEN
Christian (Franz Rogowski) heißt der Neue, der zu der Belegschaf eines Supermarkts stößt. Es handelt sich dabei um eine eingeschworene Gemeinschaft von ehemaligen DDR-Bürgern, die nach der Wende ihre Jobs verloren, aber hier nicht nur eine Arbeit, sondern so etwas wie eine Familie gefunden haben. Christian wird vom wortkargen Bruno (Peter Kurth), dem Leiter der Getränkeabteilung, angelernt. Bruno zeigt ihm Tricks und Kniffe, auch und besonders beim Gabelstaplerfahren. Er wird sein väterlicher Freund. Bald entdeckt Christian Marion (Sandra Hüller) von der Süßwaren-Abteilung. Sie treibt ihre kleinen Scherze mit Christian. Hin und wieder trinken sie zusammen Kaffee. Als sich der schüchterne junge Mann in die Kollegin verliebt, fiebert der ganze Großmarkt mit ihm.

Ähnlich den Protagonisten in den Filmen von Aki Kaurismäki, die häufig in Fabriken, einfachen Restaurants oder Einkaufszentren arbeiten, stehen in Thomas Stubers "In den Gängen" Menschen im Mittelpunkt, die einer einfachen Arbeit nachgehen. Von Anfang an, als die Gabelstapler zu Walzerklängen durch die unendlich langen Gänge des Supermarkts fahren, legt der Regisseur großen Wert auf die gut getane Arbeit: Christian lernt, die Regale richtig zu füllen, und irgendwann einmal kommt auch der große Augenblick, wo er in die hohe Kunst des Gabelstaplerfahrens eingeweiht wird. Der Regisseur nimmt sich Zeit, [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Zorro
WOHNE LIEBER UNGEWÖHNLICH
Sophie (Julie Gayet) und Hugo (Lucien Jean-Baptiste), die bereits den gemeinsamen Sohn Gulliver (Sadia Diallo) haben, heiraten. Aber Sophies Sohn aus einer früheren Ehe Bastien (Teilo Azaïs) sieht schon die Trennung kommen, denn er hat schon zu viele Väter kommen und gehen sehen. Nicht nur Sophie hat nach drei Ehen drei Kinder — auch die Väter heiraten wieder. Aus den ganzen Patchwork-Familien hat Bastien sechs Halbgeschwister. Die insgesamt acht Erziehungsberechtigten führen wegen der Tätigkeiten ihrer Stief- und richtigen Kinder eine komplexe Freizeitlogistik. Dies bedeutet aber, dass die Kinder immer unterwegs sind. Bis Bastien auf eine revolutionäre Idee kommt: Gemeinsam besetzen sie eine große Wohnung. Die Eltern müssen nun ihren Lebensmittelpunkt verschieben, denn die Kinder wollen endlich ein Zuhause haben.

"Wohne lieber ungewöhnlich" verweist auf komödiantische Art auf die Schattenseiten moderner Patchwork-Familien: Die Kinder werden nicht nur durch ganz Paris hin- und hergefahren. Was eine Familie ist, kennen sie kaum. Denn sie haben nur auseinandergegangene und irgendwie wieder zusammengesetzte "Familien" erfahren. Gabriel Julien-Laferrière erzählt seine mit viel Humor gespickte Geschichte aus der Sicht der Kinder. Anders als die meisten Familienfilme stehen deshalb die Erwachsenen eher im Hintergrund. Dennoch wird es immer wieder deutlich, dass ihre hedonistische Suche nach Selbstverwirklichung eigentlich zu Lasten [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Neue Visionen
SYMPATHISANTEN - UNSER DEUTSCHER HERBST
"Es war schon schick, zu sympathisieren." Diese Aussage von Marius Müller-Westernhagen im Dokumentarfilm "Sympathisanten - Unser Deutscher Herbst" von Felix Moeller spiegelt die Haltung etlicher Intellektueller wider, die zwar den RAF-Terror nicht tatkräftig unterstützten, aber die Aktivisten mit einem gewissen Wohlwollen betrachteten. Der Schauspieler Christof Wackernagel sagt im Film dazu: "Sympathisanten waren die intellektuell Unterstützenden. Unterstützer waren die, die konkrete Sachen gemacht haben."

Der Begriff, der in den 1970er und 1980er Jahren im Zusammenhang mit der RAF von Behörden und Politikern benutzt wurde, gilt dem Historiker und Dokumentarfilmer Felix Moeller als roter Faden, um vierzig Jahre danach die Stimmung unter Intellektuellen während des "Deutschen Herbstes" zu analysieren. An den Anfang seines Filmes stellt Moeller eine Ansprache des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, in dem er von der "moralischen Ernüchterung auch der letzten Sympathisanten" spricht. Die Rede gipfelt in der Äußerung: "Sympathisanten sollen wissen, dass sie Mörder sind."

Wie es zu dieser Umdeutung eines an sich positiv geladenen Begriffs kam, erklärte bereits "Der Spiegel" Anfang November 1977 in seiner Serie über "Sympathisanten und sogenannte Sympathisanten" folgendermaßen: "Wahrscheinlich wäre das Wort nie zu so inkriminierend-schillernder Bedeutungsfülle gekommen, wenn in der Anfangsphase, zu Beginn der siebziger Jahre, die Sympathisanten es bei schierer Sympathie hätten bewenden lassen, [mehr]

Text: José García
Foto: NFP
NACH EINER WAHREN GESCHICHTE
Mit "Nach einer wahren Geschichte" verfilmt der inzwischen 85-jährige Roman Polanski den autobiographisch gefärbten, gleichnamigen Roman der französischen Autorin Delphine de Vigan: Die Pariser Autorin Delphine (Emmanuelle Seigner) tourt durch Frankreich, um ihren Roman über ihre Mutter zu promoten, der vor allem bei Frauen sehr gut ankommt. Plötzlich steht vor ihr eine schöne junge Frau, Elle (Eva Green). Es kommt zu weiteren Begegnungen ? Elle übernimmt immer mehr Aufgaben für Delphine, die an einer Schreibblockade leidet. Das kommt der Schriftstellerin ziemlich recht, da ihr Lebensgefährte, der bekannte Fernsehjournalist François (Vincent Perez), zu einer längeren USA-Reise aufbrechen muss, um mehrere Autoren zu interviewen. Elle überredet Delphine dazu, dass sich beide in das Landhaus der Schriftstellerin zurückziehen. Dort erkrankt Delphine, deren Gesundheitszustand sich zusehends verschlechtert, obwohl sie anscheinend von Elle liebevoll gepflegt wird.

Autofiktion nannte eine Rezensentin Delphine de Vigans Roman, denn er bewegt sich zwischen dem Erlebten und dem Imaginierten. Dadurch kreist "Nach einer wahren Geschichte" im Grunde um die Frage nach der eigentlichen Arbeit eines Autors, nach dessen Inspirationsquelle. Sowohl die Bildsprache als auch die Dramaturgie entsprechen den Gepflogenheiten eines Thrillers. Die einen Tick zu aufdringliche Filmmusik von Alexandre Desplat unterstützt diesen Charakter noch. Die beiden Protagonisten verleihen ihren Figuren die [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Studiocanal
ISLE OF DOGS - ATARIS REISE
Japan, 20 Jahre in der Zukunft. In der fiktiven Stadt Megasaki gibt es einfach zu viele Hunde. Als auch noch eine Hundegrippe dazu kommt, lässt Bürgermeister Kobayashi alle Hunde auf eine entfernte Insel bringen, die "Isle of Dogs", die allerdings die Müllkippe der Stadt ist. Als ersten Hund schickt Kobayashi Spots, den Wachhund seines Adoptivkinds Atari, in die Verbannung. Aber der 12-jährige Atari ist ein genialer Erfinder, und so schafft er es auf die Insel zu kommen, um Spots zu suchen. Zum Glück erhält Atari bei seiner abenteuerlichen Suchaktion auf der Insel der Hunde Unterstützung von Rex, King, Duke, Boss und Chief, die zwar kein Japanisch sprechen, aber trotzdem beschließen, dem Jungen zu helfen. Atari bekommt aber auch Hilfe von einer amerikanischen Schülerin, die sich einfach in den Jungen "verguckt" hat.

Wes Anderson setzt nach "Der fantastische Mr. Fox" erneut die Stop-Motion-Technik ein. Wieder einmal wird die Handschrift des Regisseurs an den leicht abgehakten Bewegungen sowie an der mimischen Ausdrucksstärke erkennbar. Allerdings ist die Technik fließender geworden. Dabei verwendet Anderson aber auch comic-typische Elemente, etwa Staubwirbel, wenn es zu Rudelkämpfen kommt. In "Isle of Dogs" sprechen die Hunde Deutsch (im Original Englisch), die Menschen hingegen japanisch. Der Regisseur lässt [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Fox
7 TAGE IN ENTEBBE
Der brasilianische Regisseur José Padilha rekonstruiert in "7 Tage in Entebbe" akribisch die Entführung einer in Tel Aviv gestarteten Air-France-Maschine mit 248 Passagieren im Sommer 1976. Zwei der Entführer sind Mitglieder der radikalen "Volksfront für die Befreiung Palästinas", die zwei anderen sind Deutsche: der Mitbegründer der linksextremistischen Revolutionären Zellen Wilfried Böse (Daniel Brühl) und seine Lebensgefährtin Brigitte Kuhlmann (Rosamunde Pike), die ebenfalls zu den Gründern der Revolutionären Zellen gehörte. Sie wollen damit 53 inhaftierte Mitstreiter freipressen. Der Flug wird nach Entebbe in Uganda umgeleitet, wo sie von Diktator Idi Amin Dada (Nonso Anozie) mit offenen Armen empfangen werden. Da sich unter den Geiseln 83 Israelis befinden, löst die Entführung eine Krise in der israelischen Regierung aus: Verteidigungsminister Schimon Peres (Eddie Marsan) befürwortet eine militärische Befreiung, Premierminister Yitzhak Rabin (Lior Ashkenazi) zieht auch Verhandlungen in Erwägung.

Für "7 Tage in Entebbe", der beim diesjährigen Berlinale-Wettbewerb außer Konkurrenz erstmals gezeigt wurde, bevorzugt Kameramann Lula Carvalho eine unmittelbare, teils wacklige Kameraführung. Penibel werden in der Ausstattung, in der Kleidung sowie in vorherrschenden Braun- und Orangetönen die 1970er wiederbelebt. José Padilha setzt ein besonderes Stilmittel ein: Zu Beginn zeigt er die "Chair dance"-Performance der Batsheva Dance Company von Ohad Naharin. Diese Darbietung, zu der [mehr]

Text: José Garcia
Foto: entertainment one
WEISSENSEE - DIE 4. STAFFEL
Im September 2010 strahlte die ARD die erste sechsteilige Staffel der "Weissensee"-Reihe aus, die inzwischen zu einer der erfolgreichsten deutschen Fernsehserien überhaupt avanciert ist. Vom 8.- 10. Mai folgen nun die Kapitel 19 bis 24: An drei aufeinanderfolgenden Tagen sendet Das Erste jeweils eine Doppelfolge der vierten "Weissensee"-Staffel.

"Weissensee" beginnt im Sommer 1980, als die Schicksale zweier Ostberliner Familien verknüpft werden, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Der Volkspolizist Martin Kupfer (Florian Lukas) lernt Julia Hausmann (Hannah Herzsprung) kennen. Martins Vater Hans Kupfer (Uwe Kockisch) arbeitet als ranghoher Offizier im Ministerium für Staatssicherheit, Martins Bruder Falk (Jörg Hartmann) folgt den Schritten des Vaters. Julias Mutter Dunja Hausmann (Katrin Sass) singt dagegen kritische Lieder gegen die Staatsmacht und hofft, ihre Tochter Julia zu einem freien Geist erzogen zu haben.

Endete die erste Staffel im Herbst 1980, als Julia und Martin auf dem Weg zu einem westdeutschen Korrespondenten von einem Stasimitarbeiter fotografiert wurden, so beginnt die zweite, ebenfalls aus sechs Folgen bestehende Staffel (Kapitel 7-12) im Jahre 1987. Martin hat inzwischen seine Stelle als Vopo aufgegeben und mit seiner Familie gebrochen. Er arbeitet nun als Tischler. Julia war sechs Jahre im Gefängnis und hat seitdem Martin nicht wiedergesehen. Ihr wurde außerdem nach der Geburt ihre [mehr]

Text: José Garcia
Foto: ARD
STRONGER
Der Spielfilm "Boston" ("Patriot´s Day") rekonstruierte das Bombenattentat beim Boston-Marathon im April 2013, indem die Suche nach den Tätern mit den Schicksalen sowohl von Opfern als auch von Helfern verknüpft wurde. In "Stronger" gehen John Pollono (Drehbuch) und David Gordon Green (Regie) einen anderen Weg: Basierend auf wahren Tatsachen erzählen sie die Geschichte von Jeff Bauman (Jake Gyllenhaal), der Opfer des Attentats wird, als er am Ziel des Marathonlaufs auf seine Angebetete Erin (Tatiana Maslany) wartet. Jeff verliert infolge der schweren Verletzung beide Beine. Zwar kann Jeff den Ermittlern einen entscheidenden Hinweis liefert, um die Attentäter zu identifizieren. "Stronger" konzentriert sich aber auf den Kampf eines Mannes, nach einem schweren Schicksalsschlag ins Leben zurückzukehren. Dazu gehören unzählige Reha-Maßnahmen sowie die Unterstützung durch seine Mutter Patty (Miranda Richardson) und seine Freundin Erin.

"Stronger" basiert auf dem 2014 erschienenen, gleichnamigen Buch, das Jeff Bauman selbst mit Hilfe seines Mitautors Bret Witter verfasste. Buch- und Filmtitel geht auf den nach dem Anschlag von Studenten entworfenen T-Shirt-Aufdruck "Boston Strong" zurück. Stark ist Jeff jedoch in Greens Film nur bedingt - darin liegt allerdings eine der Stärken des Films. Möchte die Öffentlichkeit aus Jeff einen Held machen, der beispielsweise im Rollstuhl vor einem Eishockey- [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Studiocanal
LADY BIRD
"Wer über den Hedonismus in Kalifornien redet, hat noch nie Weihnachten in Sacramento erlebt". Das Zitat aus der Feder der in eben dieser Stadt geborenen Schriftstellerin Joan Didion, das Drehbuchautorin und Regisseurin Greta Gerwig ihrem Film voranstellt, gibt den herrschenden ironischen Ton im Spielfilm "Lady Bird" vor. Die 17-jährige Christine McPherson (Saoirse Ronan), die sich "Lady Bird" nennt, besucht eine katholische Schule in ihrer Heimatstadt. Sie möchte endlich aus der Stadt, um an einer Universität an der Ostküste zu studieren. Dadurch würde sie auch der Enge ihres Elternhauses, insbesondere der Obhut ihrer allzu fürsorglichen Mutter (Laurie Metcalf) entfliehen. Ihre beste Freundin Julie (Beanie Feldstein) ist ihr auch irgendwann einmal zu wenig glamourös.

Was Greta Gerwig — vielleicht mit autobiographischen Elementen? — erzählt, ist nichts Neues, "Coming-of-Age"-Geschichten sind ein beliebtes Genre, insbesondere im US-amerikanischen Film. Neu ist allerdings die frische Art, wie die Regisseurin die Handlung entwickelt, und dabei etliche postmoderne, politisch korrekte Ansichten behandelt. Christine ist nicht einmal mit ihrem Namen glücklich. Sie schimpft dauernd auf ihre Mutter, auf die ihrer Ansicht nach bigotte Schule — obwohl der Film zwei Nebenfiguren, einen Priester und Chorleiter sowie die Schulleiterin, eine Ordensschwester, als freundliche, hilfreiche Menschen zeichnet —, auf die dickliche Freundin, auf [mehr]

Text: José García
Foto: Universal
FOOTPRINTS - DER WEG DEINES LEBENS
Über den Jakobsweg wurden bereits etliche Filme gedreht. Vor zehn Jahren stellte beispielsweise die französische Regisseurin Coline Serreau in ihrem Spielfilm Hauptmann"
"St. Jacques ... Pilgern auf Französisch" eine heterogene Gruppe Menschen zusammen, die betont nicht religiös gezeichnet werden. Serreau versucht in ihrem Film, eine "neutrale" Position zu beziehen, wenn sich auch die Protagonisten am Ziel von der Erhabenheit der Liturgie in ihren Bann ziehen lassen. Am Ende ihrer Reise haben die Mitglieder der zusammengewürfelten Reisegesellschaft, wenn auch nicht unbedingt auf der religiösen Ebene, so doch eine gewisse Umkehr erfahren. "Dein Weg" von Emilio Estevez unterstreicht demgegenüber die religiösen Beweggründe der Pilger und die spirituell verändernde Kraft des Jakobswegs - sowohl Estevez als auch der Hauptdarsteller Martin Sheen, übrigens der Vater des Regisseurs, bekennen sich zum katholischen Glauben. Ohne Pathos zeigt "Dein Weg", wie die Hauptfiguren mit sich selbst ins Reine kommen - selbst ein vermeintlicher Agnostiker fällt am "Pórtico de la Gloria" auf die Knie.

Nun hat Juan Manuel Cotelo, der mit seinem Film über Gottes Wirken in der Welt durch die Gottesmutter "Mary´s Land" Katholiken in der ganzen Weg bekannt wurde, einen Dokumentarfilm über den Jakobsweg einer elfköpfigen Gruppe aus Arizona gedreht, der ab dem 20. [mehr]

Text: José García
Foto: infinitomasunno