Aktuelle Filmkritiken
OPERATION DUVAL - DAS GEHEIMPROTOKOLL
Der etwa Mittfünfziger Duval (François Cluzet) arbeitet penibel als Buchhalter. Während seine Kollegen schon irgendetwas feiern, sitzt er noch am Computer. Der Chef erinnert ihn daran, dass er bis zum nächsten Morgen noch eine bestimmte Akte fertigstellen muss. Duval muss deshalb eine Nachtschicht einlegen. Weil er feststellt, dass die Ordnung in der Firma ziemlich chaotisch ist, beschriftet Duval die Aktenordner und ordnet sie neu: Am nächsten Morgen stehen alle Aktenordner aufgereiht auf dem Teppichboden. Duval selbst sitzt auf dem Boden mit leerem Blick.

Zwei Jahre später sucht Duval nach einem offensichtlichen Burnout immer noch nach Arbeit. Seit einem Jahr ist er wenigstens "trocken": Von der Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker wird er dafür gefeiert. Deren Chef bittet ihn, sich um den Neuzugang Sara (Alba Rohrwacher) zu kümmern, damit die junge Frau einen weiteren Kontakt für Notfälle hat. Die platonische Beziehung zu Sara wird zu einer Art Nebenhandlungsstrang im Spielfilm "Operation Duval ? Das Geheimprotokoll" von Drehbuchautor und Regisseur Thomas Kruithof.

Die eigentliche Handlung beginnt, als Duval auf einer Beerdigung einen alten Bekannten trifft. Zwar kann ihm dieser keine Arbeitsstelle anbieten, aber ein paar Tage später erhält Duval einen etwas eigenartigen Telefonanruf. Er soll direkt am nächsten Tag, einem Samstag, zu einem Vorstellungsgespräch kommen. [mehr]

Text: José García
Foto: temperclayfilm
AUS DEM NICHTS
In einem Gefängnis wird ein türkischstämmiger Mann bejubelt, als würde er gerade entlassen. Aber nein, Nuri (Numan Açar) heiratet. Die Braut Katja (Diane Kruger) ist keine türkischstämmige, sondern eine blonde, blauäugige Deutsche und — wie der Zuschauer später erfahren wird — aus gutbürgerlichem Haus. Ihre gut sichtbaren Tattoos deuten allerdings darauf hin, dass sie mit ihrer Herkunft längst abgeschlossen hat. Die Hochzeitsszene stellt freilich eine Art Prolog zum Spielfilm "Aus dem Nichts" dar, den Regisseur Fatih Akin und sein Co-Autor Hark Bohm in drei Kapitel unterteilen.

Im ersten Abschnitt "Die Familie", der offensichtlich mehrere Jahre später angesiedelt ist, wohnen Nuri, Katja und der sechsjährige Sohn Rocco (Rafael Santana) in einem Hamburger Vorort. Der inzwischen resozialisierte Nuri arbeitet in einem Übersetzungs- und Reisebüro mitten in einem türkisch geprägten Hamburger Kiez. Katja hat gerade den kleinen Rocco bei seinem Vater abgegeben, als ihr eine junge Frau auffällt, die ein neues Fahrrad unabgeschlossen abstellt. Sie spricht sie darauf an, und hört nur, als sich die Frau entfernt: "Ich komme gleich zurück". Eine alltägliche Szene, könnte man denken. Als aber Katja später ihren Mann und Sohn abholen möchte, findet sie eine Polizeiabsperrung vor. "Aus dem Nichts" hat sie ihre Familie verloren: Ein Bombenattentat hat Mann [mehr]

Text: José García
Foto: Warner
THE BIG SICK
Im Jahre 2002 erzählte die Culture-Clash-Komödie "My Big Fat Greek Wedding" von der Tochter griechischer Einwanderer in Chicago, die sich endlich einmal verliebt — allerdings zum Schrecken ihrer Familie nicht in einen Griechen, sondern in einen irisch-stämmigen Mann. Auch wenn die weibliche Hauptfigur in "My Big Fat Greek Wedding" Toula heißt, schildert der Film, bei dem Joel Zwick Regie führt, im Grunde die Geschichte der griechisch-amerikanischen Komikerin Nia Vardalos. Sie schrieb nicht nur das Drehbuch zur turbulenten multikulturellen Komödie, sondern verkörperte auch Toula.

Der nun im regulären Kinoprogramm anlaufende Spielfilm "The Big Sick", der bei seiner Premiere auf dem Sundance Film Festival im Januar viel Anklang fand, geht sogar noch einen Schritt weiter. "The Big Sick" handelt von der Liebesgeschichte zwischen dem pakistanisch-stämmigen Kumail Nanjiani und der weißen Amerikanerin Emily ebenfalls in Chicago. Eine Liebesgeschichte, die sich so oder so ähnlich in der Wirklichkeit ereignet hat, wovon die Fotos im Nachspann des Filmes zeugen. Versteckte sich die Unterhaltungskünstlerin Nia Vardalos in "My Big Fat Greek Wedding" wenigstens hinter dem Namen Toula und hinter einem Job im Reisebüro, so heißen die Hauptcharaktere in "The Big Sick" Kumail und Emily. Zwar wird Emily von der Schauspielerin Zoe Kazan dargestellt, aber Kumail spielt sich [mehr]

Text: José García
Foto: Weltkino
MORD IM ORIENT-EXPRESS
Mord im Orient-Express" (1934) gehört zusammen mit "Tod auf dem Nil" (1937) zu den bekanntesten der 33 Agatha-Christie-Romane, in denen der belgische Meisterdetektiv Hercule Poirot die Hauptrolle spielt. Zu ihrer Berühmtheit trug wesentlich deren jeweilige Verfilmung bei. Der 1974 von Sidney Lumet mit Albert Finney in der Hauptrolle und mit einer ganzen Reihe Stars besetzte "Mord im Orient-Express" legte die Maßstäbe für eine solche Inszenierung fest: Sorgfältige Ausstattung und Kostüme gehören genauso dazu wie eine aufwändige Kameraführung und berühmte Schauspieler. In "Tod auf dem Nil" (John Guillermin, 1978) und weiteren Verfilmungen lieh Peter Ustinov dem von sich sehr überzeugten, pensionierten belgischen Polizeibeamten ein Gesicht.

In "Rendezvous mit einer Leiche" ("Appointment with Death", 1988) verkörperte Peter Ustinov zuletzt den immer wieder für einen Franzosen gehaltenen belgischen Detektiv. Der Film war außerdem die letzte große Kinoproduktion eines Agatha-Christie-Romans. Das Interesse an den Kriminalerzählungen der großen britischen Autorin hat zwar seitdem nicht nachgelassen, meistens jedoch als Fernsehproduktionen, so etwa "Partners in Crime". Fürs Kino galt dieses Genre lange Zeit als zu altmodisch und wohl auch recht betulich. Wenn sich jemand dieses Genres annehmen und nach etwa zwei Jahrzehnten wieder einmal einen Agatha-Christie-Roman als Kino-Superproduktion verfilmen kann, dann der irische Regisseur und Darsteller [mehr]

Text: José García
Foto: 20th Century Fox
SUBURBICON
"Suburbicon" heißt nicht nur die sechste Regiearbeit des als Schauspieler und Produzenten mit je einem Oscar ausgezeichneten George Clooney. "Suburbicon" heißt auch die fiktive Vorstadt, in der die Handlung angesiedelt ist. "Suburbicon" — von "Suburb", Vorstadt — könnte wohl mit "Erzählungen aus der Vorstadt" oder auch mit "Sittengemälde der Vorstadt" übersetzt werden. Es geht um eine Vorstadt, die in den späten 1950er Jahren irgendwo mitten in den Vereinigten Staaten entstand, und die sich im Vorspann von ihrer besten Seite zeigt. Der in Form eines Werbefilmes gestaltete Vorspann schildert schmucke Häuser mit gepflegten Vorgärten unter einem blauen Himmel. Kein Wunder, dass die Schlussfolgerung lautet: "Kommen Sie nach Suburbicon".

Doch diese Aufforderung gilt offenbar nicht jedermann. Wenigstens in einigen Teilen der Vereinigten Staaten spielt die Hautfarbe Ende der fünfziger Jahre noch eine ausschließende Rolle. So fällt der Postbote aus allen Wolken, als er der gerade zugezogenen Familie Meyers (Karimah Westbrook, Leith Brooke) die Post vorbeibringt, handelt es sich bei ihnen doch um die erste farbige Familie in "Suburbicon". Bald werden die erbosten Nachbarn in einer Gemeindesitzung "Sichtzäune" als Schutz gegen die Meyers verlangen — das ist freilich erst der Anfang einer Rassismuswelle, die im Laufe der Filmhandlung die eingangs als friedliche Menschen gepriesenen [mehr]

Text: José García
Foto: Concorde
JETZT. NICHT.
Der drohende oder tatsächliche Verlust des Arbeitsplatzes steht seit geraumer Zeit im Mittelpunkt europäischer Spielfilme. Bereits als Klassiker des Genres kann Aki Kaurismäkis "Wolken ziehen vorüber" (1996) bezeichnet werden, in dem ein Ehepaar zur gleichen Zeit die Arbeit verliert. Der Mann gibt schnell auf, eine neue Arbeit zu finden, aber die Frau schafft es, sich selbstständig zu machen. In "Zwei Tage, eine Nacht" erzählen die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne von einer jungen Frau, die ein Wochenende Zeit hat, ihre Kollegen zum Verzicht auf eine Bonuszahlung zu bewegen, damit ihr Arbeitsplatz erhalten bleibt. In deutschen Filmen nimmt das Sujet eher einen tragikomischen Charakter, so zuletzt in Sebastian Sterns "Der Hund begraben". "Mir persönlich gefällt es, wenn Humor an der Grenze zum Tragischen wandert, man darüber lachen kann, das Lachen aber immer auch ein bisschen weh tut", erklärte etwa Stern zu seinem Film.

Diese Worte gelten im Großen und Ganzen ebenfalls für den nun im regulären Kinoprogramm anlaufenden "Jetzt. Nicht.", das Spielfilmdebüt von Julia Keller. Im Mittelpunkt steht der Mittvierziger Walter Stein (Godehard Giese), der in der Marketingabteilung eines Kosmetikherstellers arbeitet. Bereits in der ersten Szene des Filmes scheint Walter mit seinen Kollegen auf Konfrontationskurs zu stehen. Feierabend [mehr]

Text: José García
Foto: W-Film
WELT SEHEN, DIE
Die psychischen Wunden eines militärischen Auslandseinsatzes werden seit Jahren in Spielfilmen thematisiert — von Susanne Biers "Brothers - Zwischen Brüdern" bis zuletzt "Man Down". Nun befassen sich die französischen Regisseurinnen Delphine und Muriel Coulin mit einer Art Zwischenstadium, den Maßnahmen zur Prävention psychischer Erkrankungen nach einem Auslandseinsatz. Zur Vermeidung der sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen die Streitkräfte verschiedener Länder solche Maßnahmen vor und nach militärischen Auslandseinsätzen durch. In der Bundeswehr sind in den Jahren nach 2005 gezielte Präventionsmaßnahmen implementiert worden.

Der Spielfilm "Die Welt sehen" ("Voir du pays"), der seine Premiere auf dem Filmfestival von Cannes in der Sektion "Un Certain Regard" feierte und dort mit dem Preis für das "Beste Drehbuch" ausgezeichnet wurde, schildert eine Maßnahme "zum Stressabbau" der französischen Streitkräfte. Eine Einheit, die in Afghanistan gedient hat, soll auf dem Rückweg drei Tage lang in einem Fünf-Sterne-Hotel auf Zypern nicht nur entspannen, sondern auch an verschiedenen Sitzungen teilnehmen, die der sogenannten "Dekompression" dienen. Der Ausdruck aus dem Militärjargon bedeutet Druckabbau oder Druckausgleich: Die Soldaten sollen darin die im Krieg erlebten Grausamkeiten aufarbeiten. Das Schwestern-Regieduo Muriel und Delphine Coulin, die vor fünf Jahren mit ihrem Spielfilmdebüt "17 Mädchen" international bekannt wurden, konzentrieren sich in [mehr]

Text: José Garcia
Foto: peripher
SIMPEL
In "Rain Man" (1988) erzählte Regisseur Barry Levinson von einem ungleichen Brüderpaar, das sich auf eine abenteuerliche Reise macht, weil der von Dustin Hoffman verkörperte, unter Autismus leidende Raymond Babbitt sich vor Flugreisen fürchtet. Seit "Rain Man" sind viele Spielfilme gedreht worden, in denen Menschen mit unterschiedlichen psychischen Störungen — vom Autismus über Down-Syndrom bis hin zu geistigen Behinderungen — die Hauptrolle spielen, so etwa "Am achten Tag" (Jaco Van Dormael, 1996), "The Mighty — Gemeinsam sind sie stark" (Peter Chelsom, 1997), "I Am Sam" (Jessi Nelson, 2001) oder "Ben X" (Nick Balthazar, 2008).

Der nun im regulären Kinoprogramm anlaufende Spielfilm "Simpel" schildert nach den Regeln eines Roadmovie die Reise zweier Brüder, von denen einer geistig behindert ist. Im Unterschied zu "Rain Man" ist der Auslöser nicht das Eigeninteresse des einen Bruders — der von Tom Cruise dargestellte Charlie Babbitt entführt kurzerhand seinen älteren Bruder Raymond, um an sein Erbe zu kommen. Ganz im Gegenteil: Ben (Frederick Lau) nimmt seinen Bruder Barnabas, den alle nur "Simpel" (David Kross) nennen, auf die Reise mit, damit Simpel nach dem unerwarteten Tod der Mutter nicht in ein Heim eingewiesen wird. Denn Bens Antrag auf Simpels Betreuung wurde abgelehnt. Der Vater der beiden, den Ben [mehr]

Text: José Garcia
Foto: universum
MATHILDE
Der teuerste russische Spielfilm überhaupt, "Mathilde" (Budget: 15 Millionen Dollar), ist gleichzeitig wohl der umstrittenste. Der Grund: Die Darstellung des letzten Zaren Nikolaus II. als zaudernder Jüngling und vor allem seine voreheliche Liebesaffäre mit der Ballerina Mathilde Kshessinsksa beschmutze nach Ansicht russischer Monarchisten und orthodoxer Christen das Andenken des im Jahre 2000 heiliggesprochenen Zaren Nikolaus II. Die Abgeordnete des russischen Parlaments Natalja Poklonskaja bemühte sich sogar vergeblich um ein Verbot des Films. Es gab Aufrufe zum Boykott von "Mathilde" und Drohungen gegen Kinos, die ihn in ihr Programm aufnehmen wollten.

Wie so oft in Filmen der letzten Zeit, lassen Drehbuchautor Alexander Terekhov und Regisseur Aleksei Utschitel "Mathilde" mit einer Szene beginnen, die chronologisch ins letzte Filmdrittel gehört, die aber visuell und emotional besondere Kraft besitzt. In einer am Prunk kaum zu überbietenden Zeremonie soll der damals 25-jährige Nikolaus II. (Lars Eidinger) in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale des Moskauer Kremls sich selbst und anschließend seine Ehefrau Alix von Hessen-Darmstadt (Luise Wolfram), die nach Heirat und Übertritt zum russisch-orthodoxen Glauben nun Alexandra Fjodorowna heißt, krönen. Plötzlich erscheint in der Kathedrale eine junge Frau: Mathilde (Michalina Olzszanka), die aus dem Hauptschiff der Kathedrale flieht, als sie einen Offizier erkennt. Verfolgt von ihm, flüchtet sie sich auf [mehr]

Text: José García
Foto: Kinostar
THE SECRET MAN
Am 8. August 1974 erklärte Richard Nixon in einer Fernsehansprache seinen Rücktritt — als einziger US-Präsident, der sein Amt je aufgab. Nixon kam damit einem Amtsenthebungsverfahren zuvor, das wegen der Verwicklung des Weißen Hauses in die sogenannte "Watergate"-Affäre gegen ihn eingeleitet worden war. Obwohl der 37. Präsident der Vereinigten Staaten den Abzug US-amerikanischer Truppen aus Vietnam anordnete, ist sein Name mit dem politischen Skandal untrennbar verbunden, der das Land in eine der schwersten politischen Krisen seiner Geschichte stürzte.

In der Nacht zum 17. Juni 1972 verhaftete die Polizei fünf Einbrecher, die im Hauptquartier der Demokratischen Partei im Watergate-Gebäudekomplex Abhörwanzen einzubauen und Dokumente zu fotografieren versuchten. Einen großen Anteil an der Aufarbeitung der Watergate-Affäre und insbesondere der Täterschaft engster Mitarbeiter des Wahlkomitees von Präsident Nixon hatten zwei Reporter der "Washington Post", Bob Woodward und Carl Bernstein, die für ihre Berichterstattung 1973 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurden.

Den beiden Washington-Post-Reportern und dem investigativen Journalismus im Allgemeinen setzte Regisseur Alan J. Pakula 1976 ein filmisches Denkmal mit seinem Spielfilm "Die Unbestechlichen" ("All the President´s Men"), in dem Dustin Hoffman und Robert Redford die Hauptrollen spielten. In einer berühmten Szene treffen sich in Pakulas Film Bob Woodward und der Informant, der den Reportern entscheidende Insider-Informationen aus [mehr]

Text: José García
Foto: Wildbunch