Aktuelle Filmkritiken
SOMMERFEST
Die Konstellation ist besonders aus amerikanischen Spielfilmen bekannt: Nach Jahren kommt ein Erwachsener aus der Großstadt, in die er vor Jahren zog, in seine kleine Heimatstadt zurück. Dort wird er von der Vergangenheit eingeholt, und sieht sich erneut damit konfrontiert, eine Lebensentscheidung zu treffen. In Ted Demmes "Beautiful Girls" (1996) etwa kehrt der von Matt Dillon dargestellte Tommy aus New York City, wo er als Musiker arbeitet, aus Anlass eines Klassentreffens nach etlichen Jahren nach Knights Ridge, Massachusetts zurück. Diesem Muster folgen inzwischen auch deutsche Filme: In "Schrotten!" wird der von Lucas Gregorowicz verkörperte, in Hamburg lebende Mittdreißiger Mirko von lieben Verwandten aus einer Vergangenheit aufgesucht, die er eigentlich bereits vor Jahren hinter sich gelassen hatte. Obwohl er sich versprochen hatte, nie wieder in die norddeutsche Provinz zurückzukehren, findet er sich bald auf dem heimatlichen Schrottplatz wieder, wo er vom Tod seines Vaters erfährt. Nach und nach verliebt sich Mirko in die von Anna Bederke gespielte Verwalterin des Schrottplatzes.

Im nun startenden Spielfilm "Sommerfest" von Sönke Wortmann spielen erneut Lucas Gregorowicz und Anna Bederke die Hauptrollen. Stefan (Lucas Gregorowicz) steht im Münchener Residenztheater auf der Bühne. Seine Rolle in Schillers "Die Räuber" ist allerdings eher klein. Bald erfährt der [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Tom Trambow/X-Verleih
OVERDRIVE
Die "Gaunerkomödie", die als Filmgenre insbesondere in den 1950er bis 1970er Jahren ihren Höhepunkt erlebte, brachte immer wieder interessante Filmcharaktere hervor. Unter diesen "sympathischen Gaunern" ragen etwa Cary Grant als Diamantendieb in "Über den Dächern von Nizza" (Alfred Hitchcock, 1955), Audrey Hepburn und Peter OToole in "Wie klaut man eine Million" (William Wyler, 1966), Jean-Paul Belmondo und David Niven in "Das Superhirn" (Gérard Oury, 1969) sowie Robert Redford und Paul Newman in "Der Clou" (George Roy Hill, 1973) heraus. Eine Art Renaissance erlebte dieses Filmgenre vor fünfzehn Jahren mit Steven Spielbergs "Catch me if you can" (2002).

Im nun anlaufenden Spielfilm "Overdrive" verkörpern zwei Hollywood-Jungschauspieler ein "Meisterdieb"-Duo, das sich auf den Diebstahl von Luxus-Sportwagen spezialisiert hat: Die Halbbrüder Andrew (Scott Eastwood) und Garrett Foster (Freddie Thorp) reisen an die französische Riviera, um für einen finanzkräftigen Kunden einen Bugatti 1937 zu stehlen. In einer spektakulären Action-Sequenz gelingt es zwar ihnen, aus einem im rasanten Tempo über die Autobahn fahrenden Lastkraftwagen das sündhaft teure Sammlerstück zu entwenden. Damit haben jedoch für die beiden die Schwierigkeiten erst begonnen. Denn der Sportwagen gehört einem lokalen Gangster, Jacomo Mornier (Simon Abkarian), der die Halbbrüder ganz leicht schnappt. Notgedrungen gehen die beiden Diebe mit Mornier [mehr]

Text: José Garcia
Foto: universum
INNEN LEBEN
Seit mehr als sechs Jahren tobt nun der Krieg in Syrien. Nach einer so langen Zeit können verwüstete Städte, Tote und Verwundete, Flüchtlinge ... leider zu etwas Abstraktem, zu bloßen Zahlen und Statistiken werden, wenn man weit genug davon entfernt lebt, und keine persönlichen Schicksale kennt. Daher bemühen sich Hilfsorganisationen wie Kirche in Not immer wieder darum, individuelle Zeugnisse zu verbreiten, die dem Moloch Krieg persönliche Gesichter verleihen. In seinem Spielfilm "Innen Leben" ("InSyriated") geht der belgische Drehbuchautor und Regisseur Philippe Van Leeuw einen ähnlichen Weg, indem er die Folgen eines solchen lang anhaltenden Bürgerkriegs für einzelne Menschen, für Zivilisten, verdeutlicht.

Philippe Van Leeuw inszeniert "Innen Leben" als Kammerspiel in einer einzigen Wohnung während eines einzigen Tages. Dennoch beginnt der Film mit einem Blick aus der Wohnung auf einen Hinterhof. Der Ausschnitt genügt, um die Zerstörung der Stadt zu illustrieren. Einige Menschen versuchen offensichtlich Lebensmittel oder andere Dinge zum Überleben zu organisieren, als plötzlich Schüsse eines Scharfschützen fallen. Die Menschen verschwinden schnell. Innerhalb der Wohnung, von der aus auf den Hof geschaut wurde, steht ein alter, rauchender Mann. In der Wohnung im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses befinden sich ferner die philippinische Haushaltshilfe Delhani (Juliette Navis), Yaras Freund Karim (Elias Khatter), der [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Weltkino
MONSIEUR PIERRE GEHT ONLINE
Ältere Männer, die ein einsames Leben in den eigenen vier Wänden führen, standen in letzter Zeit mehrfach im Mittelpunkt französischer Spielfilme: In "Frühstück bei Monsieur Henri" zieht eine zwanzigjährige Studentin als Untermieterin bei einem Achtzigjährigen, weil sich dessen Sohn Sorgen um seinen gebrechlichen Vater macht. In "Gemeinsam wohnt man besser" bildet ein vereinsamter Witwer mehr oder weniger freiwillig eine Wohngemeinschaft mit drei jüngeren Menschen. Dass der jeweils Alte im Umgang mit den um Einiges Jüngeren wiederaufblüht und neuen Lebensmut schöpft, gehört zu den Gesetzen dieses Subgenres.

In "Monsieur Pierre geht online" ("Un profil pour deux") erzählt Drehbuchautor und Regisseur Stéphane Robelin ebenfalls von einem Rentner, der sich in seiner Wohnung mit den alten Filmaufnahmen seiner Frau Madeleine eingerichtet hat. Interesse an sozialen Kontakten hat Monsieur Pierre (Pierre Richard) nicht. Lieber schwelgt er in alten Erinnerungen. Dies behagt seiner Tochter Sylvie (Stéphane Bissot) allerdings nicht. Wenn er wenigstens durch das Internet virtuell aus sich herauskommen könnte, würde er vielleicht nicht weiter verwahrlosen. Sylvie kommt auf einen Gedanken, mit dem sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen könnte. Denn seit einiger Zeit wohnt bei ihr wieder ihre Tochter Juliette (Stéphanie Crayencour), allerdings nicht alleine, sondern mit ihrem Freund [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Neue Visionen
ICH WÜNSCHE DIR EIN SCHÖNES LEBEN
Die Suche eines zur Adoption freigegebenen Kindes nach dessen leiblichen Eltern stellt ein häufiges Sujet von Spielfilmen dar, so etwa zuletzt im norwegischen Film "Rosemari", in dem eine 16-Jährige mithilfe einer Fernsehjournalistin durch ganz Norwegen fährt, um ihren eigenen Ursprung kennenzulernen.

Eine solch lange Reise braucht die Physiotherapeutin Elisa Bérard (Céline Sallette) im Spielfilm "Ich wünsche Dir ein schönes Leben" ("Je vous souhaite d´être follement aimée") nicht zu machen. Die 30-Jährige weiß, wo sie anonym geboren und sofort nach ihrer Geburt von ihrer leiblichen Mutter zur Adoption freigegeben wurde. Deshalb zieht die frisch geschiedene Elisa zusammen mit ihrem 10-jährigen Sohn Noah (Elyes Aguis) zurück in ihre Geburtsstadt Dünkirchen. Auf die Frage, warum Elisa erst jetzt vom Wunsch angetrieben wird, ihre leibliche Mutter zu finden, geben Regisseurin Ounie Lecomte und ihre Mit-Drehbuchautorin Agnes de Sacy keine ausdrückliche Antwort. Es mag wohl damit zusammenhängen, dass Elisa in ihrem Sohn Noah einen arabischen Einschlag bemerkt, der nicht von seinem leiblichen Vater stammt, weshalb dafür nur Elisas unbekannte Eltern infrage kommen können. Noah beginnt sich in der Schule mit den arabisch stämmigen Kindern zu solidarisieren. Als ihm sogar in der Schulkantine Schweinefleisch vorenthalten wird, erkennt Elisa, dass sie auch für Noah Antworten zu [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Filmkinotext
HILFE, UNSER LEHRER IST EIN FROSCH
Ein junges Mädchen läuft über die Felder, untermalt von beschwingter Musik. Bereits die erste Szene des niederländischen Kinderfilms "Hilfe, unser Lehrer ist ein Frosch!" ("Meester Kikker") beschwört eine Land-Idylle herauf, in der eine unbeschwerte Kindheit ihren Platz hat. Sita (Yenthe Bos) lebt direkt am Flussufer bei ihrer alleinerziehenden, sich immer in Eile befindlichen Mutter Cecile (Georgina Verbaan), weil sie ihr Beruf als Tierärztin in einer Auffangstation für kranke Tiere rund um die Uhr fordert. Deshalb kümmert sich Sita ums Frühstück und darum, dass ihre Mutter mit einem Pausenbrot zur Arbeit fährt. In der ersten Szene des Films steht auch schon das Tier im Mittelpunkt, das in Mieke de Jongs (Drehbuch) und Anna van der Heides (Regie) Film eine herausragende Rolle spielen wird: Auf ihrer morgendlichen Tour versucht Sita, einen Frosch zu fangen.

Sita geht auch gerne zur Schule, häufig zusammen mit dem Nachbarsjungen Wouter (Bobby van Vleuten). Im Gegensatz zu ihr ist Wouter kein Einzelkind. Er lebt vielmehr mit Mutter, Vater und seinen drei Brüdern. Sina und Wouter teilen nicht nur die Tierliebe, sondern auch die Bewunderung für ihren jugendlich wirkenden Lehrer Franz (Jeroen Spitzenberger), der auch schon einmal Sita auf seinem Fahrrad mitnimmt, wenn ihr Fahrrad einen Platten hat. Franz [mehr]

Text: José García
Foto: 24 Bilder
ATEMPAUSE
Im Rahmen der ARD-Woche "Woran glaubst Du?" strahlt am Mittwoch, den 14. Juni, um 20.15 Uhr das Erste das Sterbedrama "Atempause" aus. Der Tod eines Kindes erschüttert immer, erst recht, wenn er aus heiterem Himmel geschieht. Wie damit möglicherweise umgegangen werden kann, schildern die Drehbuchautoren Christian Schnalke, Joyce Jacobs und Sven Halfar sowie die Regisseurin Aelrun Goette.

Esther Baumann (Katharina Marie Schubert) kommt offensichtlich viel zu spät nach Hause. Ihr geschiedener Mann Frank (Carlo Ljubek) ist bereits mit dem gemeinsamen neunjährigen Sohn Hannes (Mikke Rasch) unterwegs zur Sporthalle, wo Hannes bei einem Fußballspiel im Tor stehen soll. Der Junge schickt vom Sportplatz aus eine Videonachricht an seine Mutter, damit sie sich beeilt. Als sie auf der Zuschauertribüne Platz nimmt, lenkt sie Hannes gerade in dem Augenblick ab, als ein Junge der gegnerischen Mannschaft mit aller Wucht schießt — und Hannes auf den Kopf trifft. Der Junge bleibt zunächst liegen, steht wieder auf ... und fällt wieder zu Boden. Die alarmierten Eltern bringen ihn sofort zur Notaufnahme des nahegelegenen Krankenhauses, wobei Esther ihren Mann fragt, ob die anderen Jungs nicht viel älter und größer als ihr Sohn seien. Ja, antwortet Frank. Sie seien bereits zwölf, aber Hannes so gut als Torwart, dass [mehr]

Text: José Garcia
Foto: MDR
EIN KUSS VON BÉATRICE
Claire (Catherine Frot) ist mit Herz und Seele Hebamme. Die Exposition des Filmes von Martin Provost "Ein Kuss von Béatrice" ("La Sage femme") verdeutlicht dies an mehreren Stellen, wobei Drehbuchautor und Regisseur Martin Provost, dem 2009 mit seiner Filmbiographie über die Malerin Séraphine Louis "Séraphine" ein großer Erfolg gelang, mehrere atemberaubend realistische Geburten zeigt. Claire wird von ihren Kolleginnen wegen ihrer Erfahrung und ihrer Einfühlsamkeit zu den schwierigen Fällen gerufen. Ein unheilvolles Ereignis wirft jedoch bereits zu Anfang seine Schatten voraus: Aus Gesprächsfetzen zwischen Claire und ihren Kolleginnen wird deutlich, dass die Geburtshilfe-Station oder gleich das ganze Krankenhaus, in dem Claire arbeitet, aus Kostengründen geschlossen werden soll. Von der Übernahme durch ein hochmodernes und hocheffizientes Geburtszentrum ist auch die Rede. Claire zeigt sich allerdings überhaupt nicht geneigt, in einer steril-anonymen "Geburtsfabrik" zu arbeiten.

Durch eine unerwartete Nachricht auf dem Anrufbeantworter holt sie eine längst vergessene Vergangenheit ein: Béatrice (Catherine Deneuve), die Geliebte ihres verstorbenen Vaters, möchte sie unbedingt wiedersehen. Allerdings hat die Hebamme nicht nur mit der Schließung der Entbindungsstation, sondern auch noch damit genug zu tun, dass ihr erwachsener Sohn Simon (Quentin Dolmaire), den sie alleine großgezogen hat, zu seiner schwangeren Freundin zieht, und außerdem das Studienfach wechseln [mehr]

Text: José García
Foto: universum
CODE OF SURVIVAL - DIE GESCHICHTE VOM ENDE DER GENTECHNIK
Der Dokumentarfilm "Code of Survival" von Bertram Verhaag ist ein Film mit Botschaft. Der Untertitel "Die Geschichte vom Ende der Gentechnik" weist unmissverständlich darauf hin, dass es dem Regisseur darauf ankommt, auf die Gefahren der Gentechnik aufmerksam zu machen. Allerdings handelt es sich dabei um die Gentechnik in der Landwirtschaft. Gentechnische Eingriffe beim Menschen etwa sind nicht Gegenstand von "Code of Survival ? Die Geschichte vom Ende der Gentechnik". Es geht um die Frage: In welcher Art von Landwirtschaft liegt der "Schlüssel zum Überleben" auf der Erde? Für den Filmemacher ist die Antwort unzweideutig: Das Überleben auf der Erde ist nur durch eine Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft möglich, die sich auf ökologische Weise gegen die chemische Vorherrschaft genetisch veränderter Lebensmittel wendet.

Der Film beginnt in den Vereinigten Staaten, in Mississippi. Wie fast 90 Prozent aller US-Farmer ist Georg Jeffords ein "genetically modified organism" (GMO)-Farmer. Er folgt der Tradition seines Vaters und Großvaters, allerdings nun mit genveränderten Pflanzen: "Auf die alte Art kann ich nicht so viele Menschen ernähren wie jetzt." Die ertragreichen Felder haben eine Kehrseite: Der Hauptwirkstoff Glyphosat in den chemischen Herbiziden führt dazu, dass die Natur resistente Unkräuter bildet, die nun ein Superwachstum an den Tag legen, das Nutzpflanzen [mehr]

Text: José García
Foto: Pandora
GANZ GROSSE OPER
Der Dokumentarfilm "Ganz große Oper" von Toni Schmid trägt den Untertitel "Vorhang auf für eine Liebeserklärung" — eine "Liebeserklärung an die Kunstgattung Oper und die Menschen, die sie mit Leidenschaft ausüben", ergänzt der Pressetext. Der Filmemacher Toni Schmid ist im Hauptberuf Leiter der Kunstabteilung des bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, so dass die Bayerische Staatsoper in sein Ressort fällt. Nebenher hat Schmid auch Dokumentarfilme gedreht, so etwa die sechsteilige Serie "Das bayerische Gefühl — Unsere Wittelsbacher" (2006). Dass der Drehbuchautor und Regisseur die Bayerische Staatsoper von innen her kennt, kann zwar ein Vorteil sein. Die andere Seite der Medaille ist jedoch der mangelnde Abstand zum Gegenstand. Dieser Gefahr entgeht Toni Schmid mit seinem Dokumentarfilm nicht gänzlich.

Eine schnellgeschnittene Sequenz eröffnet den Film. Eine junge Frau sagt immer wieder ihren Text auf. Die Schauspiellehrerin stellt zwar fest, dass es noch nicht perfekt ist. Genauer weiß sie allerdings nicht, wie die Sängerin ihren Part besser ausdrücken soll. Wer in einem der renommiertesten Opernhäuser dieser Welt reüssieren möchte, muss schon ganz schön ackern. Keinen schlechten Einstieg in seinen Film hat Toni Schmid gewählt. Denn damit suggeriert er dem Zuschauer: Auch wenn es später bei den Aufführungen leicht aussehen soll, hier fällt niemand [mehr]

Text: José García
Foto: Kick Film_Wilfried Hoesl