Aktuelle Filmkritiken
EINE MORALISCHE ENTSCHEIDUNG
Dr. Kaveh Nariman (Amir Agha´ee) wird im nächtlichen Verkehr von einem überholenden Auto abgedrängt. Dabei rammt er ein Motorrad mit einer vierköpfigen Familie. Eltern und Tochter sind unverletzt, aber der achtjährige Amir ist hart auf den Boden aufgeschlagen. Gerichtsmediziner Dr. Nariman möchte sichergehen, dass der Junge keine schweren Verletzungen davon getragen hat. Deshalb bietet er dem Vater des Jungen Moosa (Navid Mohammadzadeh) Geld an, damit er dessen Sohn ins Krankenhaus bringt. Am nächsten Tag wird der Junge in Narimans Klinik zur Autopsie eingeliefert. Dr. Nariman glaubt, schuld am Tod Amirs zu sein. Allerdings stellt seine Kollegin Dr. Sayeh Bahbahani (Hediyeh Tehrani) eine Lebensmittelvergiftung als Ursache fest. Hat Moosa verdorbenes Fleisch nach Hause mitgebracht? Seine Frau Leila (Zakiyeh Behbahani) macht ihm schwere Vorwürfe.

Regisseur Vahid Jalilvand und sein Mit-Drehbuchautor Ali Zarnegar stellen viele Fragen über die Konsequenzen der eigenen Handlungen. Dr. Nariman hadert mit einer Entscheidung, die eigentlich richtig war — hätte er sich aber nicht außerdem vergewissern sollen, dass der Junge wirklich ins Krankenhaus kam? Amir Agha´ee spielt den Gerichtsmediziner als einen von Gewissensbissen gequälten Mann. Sowohl der Arzt als auch der Vater des Jungen suchen verbissen nach einer Erklärung, ob sie am Tod des Jungen schuld sind.

Die Kamera verfolgt die [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Noori Pictures
TOLKIEN
John Ronald Reuel Tolkien (1892-1973) gehört zu den bekanntesten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, ist "Der Herr der Ringe" doch eines der meistgelesenen Bücher der letzten Jahrzehnte. Mit "Mittelerde", wo "Der Herr der Ringe" und "Der Hobbit" angesiedelt sind, erschuf J.R.R. Tolkien nicht nur eine eigene Welt, sondern auch eine wahre Mythologie. Diese erschließt sich freilich erst richtig in seiner unter dem Titel "Das Silmarillion" 1977 von seinem Sohn Christopher posthum veröffentlichten Sammlung von Erzählungen aus der Zeit der "Altvorderen", um Tolkiens Sprache zu übernehmen. Es enthält darüber hinaus eine poetische Schöpfungsgeschichte, die einerseits den großen Mythologien verwandt, andererseits aber auch mit dem christlichen Glauben vereinbar ist ? mitsamt dem Sündenfall reiner Geister und der Schöpfung der "Sterblichen, ewig dem Tode Verfallenen", also der Menschen, wobei für Tolkien Sterblichkeit "Geschick und Gabe Gottes" zugleich ist.

Unter dem schlichten Filmtitel "Tolkien" schildert die erste Filmbiografie über J.R.R. Tolkien die Kindheits- und Jugendjahre des späteren Oxford-Professors für Altenglisch, der mythologische Sprachen und Geschichten erfand. Die Drehbuchautoren David Gleeson und Stephen Beresford sowie Regisseur Dome Karukoski erzählen auf zwei Zeitebenen: Die Rahmenhandlung bildet die Schlacht an der Somme 1916 während des Ersten Weltkriegs. Im Fieberwahn taumelt der junge Leutnant Tolkien (Nicholas Hoult) durch die [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Fox
DARK - 2. STAFFEL
Die deutsche Netflix-Serie "Dark" wurde 2018 mit sieben Grimme-Preisen ausgezeichnet. Die erste deutsche Netflix-Eigenproduktion feierte außerdem großen internationalen Erfolg unter den nicht-englischsprachigen Netflix-Serien. "Dark" verknüpfte das Schicksal von vier Familien in einer fiktiven Stadt auf drei verschiedenen Zeitebenen, in den Jahren 1953, 1986 und 2019. Verschwinden zu Beginn der Handlung Kinder, so scheinen sich die Tragödien alle 33 Jahre zu wiederholen.

In der zweiten Staffel, die nun anderthalb Jahre nach der Ausstrahlung der ersten Staffel ab dem 21. Juni von Netflix ins Netz gestellt wird, kommen noch zwei weitere Zeitebenen dazu. Einerseits endete Staffel 1 mit einem Epilog im Jahre 2052, wo Jonas (Louis Hofmann) - die eigentliche zentrale Figur der ganzen Serie - unerwartet landete. Dazu kommt zu Beginn der zweiten Staffel eine weitere Zeitebene, die im Jahre 1921 angesiedelt ist. "Wo ist der Ursprung? Wo hat alles begonnen?" - Mit diesen aus dem Off gesprochenen Worten reist der Zuschauer noch weiter in die Vergangenheit als in der ersten Staffel. Es ist der 21. Juni - derselbe Tag, an dem die zweite Staffel uraufgeführt wird. Der Tunnel, der als Ort für die Zeitreisen dient, wird ausgehoben. Da geschieht schon ein erster Mord - die Anspielung auf Kain und Abel [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Netflix
RAMEN SHOP
Der junge Masato (Takumi Saitoh) arbeitet als Koch in der traditionellen Suppenküche seines strengen und emotionskargen Vaters in der japanischen Kleinstadt Takasaki. Seine Spezialität ist die sogenannte Ramen-Nudel-Suppe. Als sein Vater plötzlich stirbt, entdeckt Masato einen Koffer voller Andenken sowie ein rotes Notizbuch mit Fotos. Sie gehörten einst seiner Mutter, die aus Singapur stammte und starb, als Masato erst zehn Jahre alt war. Der junge Koch macht sich auf den Weg in die Heimat seiner Mutter. In Singapur lernt Masato die japanische Food-Bloggerin Miki (Seiko Matsuda) persönlich kennen, deren Blog er in Japan regelmäßig besuchte. Sie hilft ihm, der Liebesgeschichte seiner Eltern nachzuspüren. Für Masato beginnt eine Reise in die Vergangenheit, die gleichzeitig auch eine kulinarische Reise ist. Nimmt ihn sein Onkel Ah Wee (Mark Lee) freudig auf, der sich sogar bereit erklärt, den Neffen in die Geheimnisse der Schweinerippchen-Suppe einzuführen, so trifft Masato bei seiner Großmutter Madam Lee (Beatrice Chien) auf Ablehnung.

"Ramen Shop" erzählt auf zwei verschiedenen Zeitebenen. Dadurch, dass die in der Vergangenheit liegende Handlung die Liebesgeschichte von Masatos Eltern erzählt, erinnert der Film von Eric Khoo sehr an Zhang Yimous "Heimweg (2000)". Allerdings unterscheiden sich bei "Ramen Shop" die zwei miteinander verknüpften Handlungen visuell nicht so sehr [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Neue Visionen
KINDESWOHL
Richterin Fiona Maye (Emma Thomson) ist an kniffligen Fällen gewöhnt, bei denen die Grenze zwischen Recht und Ethik fließend zu sein scheint. Zu Beginn des Spielfilmes "Kindeswohl" ("The Children Act") bereitet sich die angesehene Familienrichterin am High Court in London auf einen solchen Fall vor: Es geht dabei um siamesische Zwillinge, die zusammen nicht überleben können. Wenn aber ? so die Richterin bei der Begründung ihrer Entscheidung ? einem der zwei Kinder die Hauptschlagader durchtrennt wird, hat das andere Kind eine realistische Chance zu überleben. Die vorsätzliche Tötung des einen Kindes sei jedoch nicht als Mord zu betrachten. Denn das Gericht habe "nach dem Gesetz, nicht nach der Moral" zu entscheiden. Damit argumentieren jedoch die Eltern der Kinder, die der Klinik verbieten wollen, einen solchen Eingriff vorzunehmen: "Gott hat das Leben geschenkt. Allein Gott darf es wieder nehmen." So führen auch Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude Transparente mit der Aufschrift "Lasst Gott entscheiden". Obwohl im Gerichtssaal ein Wappen mit der Aufschrift "Dieu et mon droit" ("Gott und mein Recht") prangt, spielt der Rückgriff auf Gott bei der sich betont als laizistisch gebenden Richterin ? "Dieser dämliche Erzbischof von Westminster sitzt mir im Nacken", sagt sie zu ihrem Mann Jack (Stanley Tucci) [mehr]

Text: José Garcia
Foto: IN
AN INTERVIEW WITH GOD - WAS WÜRDEST DU IHN FRAGEN?
"Gottes Wege sind unergründlich", verkündet eine Schrifttafel zu Beginn sozusagen als Motto für den Spielfilm "An Interview with God - Was würdest Du ihn fragen?" von Ken Aguado (Drehbuch) und Perry Lang (Regie). Den Weg zu Gott zurückzufinden, fällt Paul Asher (Brenton Thwaites) gar nicht leicht. Er sitzt in einem Militärflugzeug, in dem mehrere Särge aufgereiht sind. Auf seiner Brust das Schild "Press". Seine Off-Stimme verrät seine innere Leere: "Ich habe gebetet, aber ..." Hat er im Krieg, über den er als Journalist berichtet hat, den Glauben an einen liebenden Gott verloren? Zu Hause findet er auch keinen Halt: Seine Ehe mit der wunderbaren Sarah (Yael Grobglas) kriselt. Außerdem leidet sein langjähriger Freund an einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Paul nimmt seine gewöhnliche Arbeit als Kolumnist für Religionsfragen in einer Tageszeitung wieder auf. Der nächste "Job" hört sich aber etwas außergewöhnlich an: Ein mysteriös wirkender älterer Herr (David Strathairn) gewährt den Journalisten drei halbstündige Interviews an aufeinanderfolgenden Tagen. Beim ersten Treffen fragt Paul den eleganten Herrn nach seinem Namen: "Gott" lautet die Antwort. Und er buchstabiert den Namen auch als "G-O-T-T" ins Aufnahmegerät. Selbst wenn der Mann so etwas sagt wie "Ich existiere außerhalb der Zeit. Schließlich habe ich die Zeit erschaffen", wirkt [mehr]

Text: José García
Foto: KSM
ZWISCHEN DEN ZEILEN
Léonard Spiegel (Vincent Macaigne) hat es nicht ganz verstanden. Deswegen muss es ihm Alain (Guillaume Canet) klipp und klar sagen: Alain, der den Pariser Verlag von Marc-Antoine (Pascal Greggory) leitet, hat kein Interesse am neuen Buchmanuskript Léonards, obwohl bisher dessen Romane immer in dem Verlag erschienen sind. Alain ist ohnehin vollauf damit beschäftigt, den kleinen Verlag umzustrukturieren. Denn die digitale Revolution und die Verdrängung des gedruckten Buchs durch E-Books und soziale Medien stellen insbesondere kleine Verlage vor große Schwierigkeiten.

Deshalb stellt Alain die junge Laure (Christa Théret) ein, die den Verlag ins digitale Zeitalter überführen soll. Léonard, der die digitale Welt verachtet, hat noch ein Problem: Sein Narzissmus führt ihn dazu, die Grenzen zwischen real und fiktiv verschwimmen zu lassen, und seine eigenen Liebesbeziehungen kaum verhüllt in die Handlung seiner Bücher einzubauen. In seinem aktuellen Manuskript handelt es sich um seine Affäre ausgerechnet mit Alains Frau Selena (Juliette Binoche) — was sich allerdings nur demjenigen erschließt, der "zwischen den Zeilen" lesen kann.

Sehr französisch nimmt sich "Zwischen den Zeilen" in den intellektuell wirkenden Gesprächen über die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Büchermarkt aus, die ins Allgemeine gesteigert werden, etwa ob die Blogs und sozialen Medien wirklich dazu führen, mehr zu lesen.

Das Unverständnis [mehr]

Text: José García
Foto: Alamode
LEBEN MEINER TOCHTER, DAS
Das Herz der achtjährigen Jana (Maggie Valentina Salomon) bleibt eines guten Tages einfach stehen. Sie überlebt zwar, aber bleibt an ein kühlschrankgroßes Herzunterstützungssystem angeschlossen, bis ein Spenderherz gefunden wird. Ein Jahr später hat sich nichts geändert: Kein Spenderherz ist in Aussicht, und Jana wird immer schwächer. Die Eltern Natalie (Alwara Höfels) und Micha (Christoph Bach) beginnen, an andere Möglichkeiten zu denken. Nachdem die behandelnde Ärztin Dr. Andrea Benesch (Barbara Philipp) Natalie auf die möglichen Risiken einer solchen illegalen Spende hingewiesen hat, verzichtet Janas Mutter auf solche "Umwege". Nicht so aber Micha, der sich an einen Organhändler wendet, der ihm ein Spenderherz im Ausland in Aussicht stellt. So macht sich Micha mit Jana auf den Weg nach Rumänien zum deutschen Arzt Dr. Ferdinand Bix (André M. Hennicke), riskiert aber nicht nur seine Firma und eine Gefängnisstrafe, sondern auch seine Ehe. Janas Vater muss sich die Frage stellen, wie weit er bereit ist zu gehen, um das Leben seiner Tochter zu retten.

Drehbuchautor und Regisseur Steffen Weinert stellt in seinem zweiten Langspielfilm die gesamte Inszenierung mit ihren klaren Bildern, dem ruhigen Schnitt und der zurückgenommenen Filmmusik in den Dienst der Figurenzeichnung. Nichts soll von dem Hauptsujet ablenken. Denn von Anfang an wird [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Camino /CCC Filmkunst
MIRAI - DAS MÄDCHEN AUS DER ZUKUNFT
Als einziges Kind genießt der vierjährige Kun die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Eltern. Die glückliche Kindheit des "kleinen Prinzen" endet jedoch jäh, als seine kleine Schwester Mirai geboren wird. Nun steht das Baby im Mittelpunkt des Hauses. Kun zieht sich immer mehr zurück, und erlebt seltsame Begegnungen: Er trifft seine Mutter als Kind und dann seinen Urgroßvater als jungen Mann. Das Spiel mit Vergangenheit und Zukunft setzt sich fort, als er seine Schwester Mirai aus der Zukunft trifft, so dass sie älter als er selbst ist. Kun erlebt dabei wilde Abenteuer mit seiner etwa 16-jährigen Schwester, was seine Gefühle für Mirai verändert.

"Ich mag es, die kleinen Ereignisse des Lebens als Grundlage zu nehmen, und damit die wichtigsten Themen anzusprechen", führt zu seinem Film der 1967 geborene japanische Regisseur Mamoru Hosoda aus. Vom Alltag in einer jungen Familie erzählt tatsächlich "Mirai - Das Mädchen aus der Zukunft", aber von einem Alltag, in dem sich etwa die Eifersucht von Geschwistern ausdrückt. Mamoru Hosoda erzählt auch - offensichtlich aus eigener Kenntnis - von der Überforderungen junger Eltern, Kuns Verhalten zu verstehen.

Lustig nehmen sich auch die unbeholfenen Versuche des Vaters, sich um den Haushalt und die Kinder zu kümmern, während die Mutter wieder arbeiten geht, [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Studio Chizu
VERRÄTER
London 1945. Das Ende des Zweiten Weltkriegs steht unmittelbar bevor. Die junge, aus gutem Haus stammende Britin Feef Symonds (Emma Appleton) durchläuft eine harte Ausbildung, um womöglich in Frankreich als Spionin eingesetzt zu werden, weil sie perfekt Französisch spricht. Doch dazu wird es nicht kommen. Denn das Ende des Krieges wird auch ihre Zukunftspläne durcheinanderbringen.

Auf die Aussage "Der Krieg ist vorbei", erwidert der im Hintergrund operierende US-amerikanische Geheimdienst-Chef in London Rowe (Michael Stuhlbarg): "Nein, dieser Krieg ist vorbei." Das Kriegsende bringt es mit sich, dass sich ehemals Zweckverbündete nun gegenüberstehen. Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion sind nun erbitterte Feinde, die ihre jeweilige Vormachtstellung behaupten und ausweiten möchten. Unmittelbar nach dem Krieg wählen die Briten ihren konservativen Premierminister Winston Churchill ab. Die Arbeiterpartei kommt mit deutlicher Mehrheit an die Regierung. Die Vereinigten Staaten befürchten, dass sich der britische Linksruck in der neuen Weltordnung positiv für die Sowjetunion auswirken könnte. Rowe ist davon überzeugt, dass selbst die neue britische Regierung von sowjetischen Spionen infiltriert ist. Rowe gehört zum OSS (Office of Strategic Services, Amt für strategische Dienste), dem Nachrichtendienst der Vereinigten Staaten, der mit dem britischen Geheimdienst MI6 eng zusammenarbeitet.

Nun ist aber Rowe selbst der MI6 suspekt geworden, weshalb er einen [mehr]

Text: José García
Foto: Netflix