Aktuelle Filmkritiken
BERLINALE 2020 - ENCOUNTERS
Bei den 70. Internationalen Filmfestspielen Berlin findet erstmals die Sektion "Encounters" statt, die sich laut Berlinale-Selbstverständnis "als Kontrapunkt und Ergänzung des Wettbewerbs neuen filmischen Visionen verschreibt."

Laut Berlinale sollen die "Encounters"-Filme als "Spiegel der lebendigen Energie der verschiedenen Produktionsweisen, die im 21. Jahrhundert entwickelt wurden, das Publikum zur Reflektion seiner Sichtweisen" auffordern. Im Folgenden ziehen wir zur Halbzeit der diesjährigen Berlinale ein erstes Fazit über die neue Sektion.

Bei "Encounters" fällt die ungewöhnliche Filmlänge etlicher Filme auf. Zwar liegt die Spieldauer der meisten Spielfilme zwischen neunzig und 106 Minuten, aber fünf von ihnen haben eine für heutige Sehgewohnheiten eher kürzere Filmlänge zwischen 70 und 88 Minuten. Schon deshalb aus dem Rahmen fiel mit seinen 200 Minuten der Sektions-Eröffnungsfilm "Malmkrog" des rumänischen Drehbuchautors und Regisseurs Cristi Puiu. Besonders an "Malmkrog" ist nicht nur die ausgesuchte Ästhetik der Kameraführung und des Szenenbildes — der Film ist wohl am Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelt —, sondern insbesondere auch der Inhalt.

Denn Puiu verfasste sein Drehbuch nach einem Text von Wladimir Solowjow. Der russische Religionsphilosoph, der sich der römisch-katholischen Kirche annäherte, und der Dostojewski nahestand (er sprach die Grabrede für den großen Schriftsteller 1881), vertrat eine "positive christliche Philosophie". Puius Film besteht im Grunde aus den Gesprächen, [mehr]

Text: José García
Foto: Berlinale
OMNIPRÄSENZ
Seit George Orwells 1949 erschienenem Roman "1984" (Big Brother is watching you) kehrt der Topos eines Überwachungsstaates in Literatur und Film immer wieder, so zuletzt in der Romanverfilmung The Circle. Eine neue Version liefert nun die von Pedro Aguilera entwickelte, brasilianische Netflix-Serie "Omnipräsenz" ("Onisciente"), die in einer Großstadt (wohl São Paulo) in nicht näher definierter, aber naher Zukunft angesiedelt ist. "Ein Leben ohne Angst" verspricht die Entwicklung einer privaten Firma, die von der Stadtverwaltung übernommen wurde: Jeder Einwohner wird von einer winzigen Drohne überwacht, die jedes nur so kleine Vergehen sofort meldet. Die Privatsphäre soll dadurch gewahrt bleiben, dass kein Mensch, sondern nur der Hauptcomputer Zugang zu den Daten erhält.

Im Mittelpunkt der Serie steht die junge Nina (Carla Salle), die als Auszubildende in besagter Firma an der Weiterentwicklung von Drohnen arbeitet. Als ihr Vater Inácio (Marco Antônio Pâmio) offensichtlich ermordet wird, ohne dass seine Drohne das Verbrechen meldete, beginnt sie an der Perfektion des Überwachungssystems zu zweifeln. Um an die Aufnahmen der Drohne seines Vaters heranzukommen, muss Nina selbst das Gesetz brechen. Dabei kann sie auf die spontane Hilfe der Stadtbeamtin Judite Almeida (Sandra Corveloni) rechnen.

Über die Lösung des Kriminalfalles hinaus hält "Omnipräsenz" immer inne, um in ästhetisch [mehr]

Text: José García
Foto: Netflix
BERLINALE 2020 - VORSCHAU
Die heute beginnenden 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin bringen einige Neuerungen mit sich, nachdem Dieter Kosslick letztes Jahr die Berlinale verließ. Die neue Doppelspitze aus der Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und dem Künstlerischen Leiter Carlo Chatrian hat die Sektionen "Kulinarisches Kino" und "NATIVe" abgeschafft. Dafür wurde eine neue Reihe "Encounters" ins Leben gerufen, die sich laut Berlinale "als Kontrapunkt und Ergänzung des Wettbewerbs neuen filmischen Visionen verschreibt."

Zu den neun Berlinale-Sektionen zählt auch "Perspektive Deutsches Kino", die einen Ausblick auf den Weg in die Zukunft des deutschen Films anbietet. Sie präsentiert in Deutschland produzierte Regiedebüts. Das diesjährige "Perspektive"-Programm besteht aus vier Spiel- und ebenso vielen Dokumentarfilmen.

Handeln die dokumentarischen Formen von unterschiedlichen Gegenständen, so beschäftigen sich alle vier Spielfilme in der einen oder anderen Form mit der Familie. Besonders eindrücklich in Barbara Otts "Kids Run", der von Andis (Jannis Niewöhner) Überlebenskampf mit seinen drei Kindern erzählt. Was er als Handlanger im Bau verdient, reicht offenbar weder für die Wohnungsmiete noch für seine Kinder. Mit der Mutter der zwei ältesten steht Andi eher auf Kriegsfuß - kein Wunder, auch sie scheint nichts auf die Reihe zu bekommen. Sonja (Lena Tronina), die Mutter seines dritten Kindes, liebt er zwar noch, aber sie hat inzwischen [mehr]

Text:
Foto: Berlinale
THE NEW POPE
In der Dramaserie "The Young Pope" (2016), einer Koproduktion von Sky und HBO, bot der italienische Regisseur Paolo Sorrentino das Bild eines (fiktionalen) Papstes und des Vatikans aus der Sicht eines zwar Ungläubigen, der aber offensichtlich Faszination, ja Bewunderung für die katholische Kirche empfindet - oder wenigstens für deren äußere Formen. Die Bewunderung galt wohl allerdings nicht so sehr der Liturgie im engeren Sinne, denn von den Sakramenten scheint Sorrentino nicht viel zu verstehen, sondern eher den Riten der katholischen Kirche. Ein übersteigertes Interesse an Ästhetik zeigte Sorrentino ebenfalls in seinen Spielfilmen "La Grande Bellezza - Die große Schönheit" (2013), "Ewige Jugend" (2015) und "Loro - Die Verführten" (2018). Der Suche nach filmischer Schönheit mengt der Regisseur allerdings immer wieder erotische Zutaten bei.

"The Young Pope" handelte von dem jungen amerikanischen Bischof Lenny Belardo, der nach seiner Wahl zum Papst den Namen Pius XIII. annimmt. Was Sorrentino vielleicht am meisten anzog, war die Zurschaustellung von Ritualen und bunten Gewändern, die der "rückschrittliche" Papst wieder einführt, der jedoch am Ende Zugeständnisse an die politische Korrektheit macht. Als wohl noch widersprüchlicher als Belardos Pius XIII. nimmt sich die Figur des Kardinalstaatssekretärs Angelo Voiello (Silvio Orlando) aus, der die Kirche rein politisch zu [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Sky
BOMBSHELL - DAS ENDE DES SCHWEIGENS
"Bombshell - Das Ende des Schweigens" beginnt mit einer Schrifttafel: Die wahren Ereignisse seien - bis auf die Dokumentarbilder - von Schauspielern nachgestellt. Dies spielt eine wichtige Rolle, weil es sich um ein besonders heikles Thema handelt, um den Fall von Roger Ailes, dem mächtigen Chef von "Fox News" und Medienberater dreier republikanischer US-Präsidenten. Ailes wurde 2016 entlassen, nachdem Moderatorin Gretchen Carlson ihn der sexuellen Belästigung bezichtigte. Die Nachricht schlug wie eine Bombe ein, daher auch der Originaltitel "Bombshell".

Umgangssprachlich hat "(blonde) bombshell" aber noch eine andere Bedeutung, auf die der Filmtitel ebenfalls anspielt: eine überaus attraktive (blonde) Frau. Roger Ailes setzte für die Moderatorinnen von Fox News eben ein einer Barbie-Puppe nicht unähnliches Erscheinungsbild durch, das den drei Hauptfiguren im Film - Megyn Kelly (Charlize Theron), Gretchen Carlson (Nicole Kidman) und Kayla Pospisil (Margot Robbie) - gemeinsam ist. Dass die Moderatorin zur äußeren Erscheinung reduziert wird, wird als Vorstufe für sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz dargestellt. Drehbuchautor Charles Randolph und Regisseur Jay Roach reicht denn auch eine einzige Szene, um dem Zuschauer deutlich zu machen, was dies im Opfer auslöst: In Margot Robbies Gesichtsausdruck vermischen sich Verwunderung, Widerwilligkeit, Angewidertsein und Resignation, als die von ihr verkörperte Kayla Ailes´ Befehl nachgibt, den [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Wildbunch
ENKEL FÜR ANFÄNGER
"Patengroßeltern", "Leih- und Ersatzomas" existieren seit längerer Zeit. In Berlin vermittelt etwa der "Großelterndienst" seit 1989 "Wunschgroßeltern" an Kinder alleinerziehender Eltern. Da die Nachfrage weitaus größer als das Angebot ist, offerieren sogar kommerzielle Anbieter "Leih-Omas und -Opas".

"Enkel für Anfänger" von Robert Löhr (Drehbuch) und Wolfgang Groos (Regie) erzählt von der Motivation einiger Senioren, sich ehrenamtlich als Ersatzgroßeltern zu engagieren. Karin (Maren Kroymann) hat den Ruhestand reichlich satt, zumal ihr Mann Harald (Günther Maria Halmer) den ganzen Tag seine Eisenbahnloks pflegt. Karins alter Bekannter Gerhard (Heiner Lauterbach), ein schwuler Internist im Ruhestand, dessen Hund gerade "aus Langeweile" gestorben ist, leidet ebenfalls an Unterbeschäftigung. Abhilfe könnte Karins Schwägerin Philippa (Barbara Sukowa) schaffen: Sie kümmert sich als Paten-Oma um Kinder überbeschäftigter Eltern.

Mit den drei untereinander ziemlich unterschiedlichen Senioren verknüpft das Drehbuch drei verschiedene Familienformen: Die sich selbst als erwachsene Pippi Langstrumpf bezeichnende Philippa betreut Leonie (Julia und Luise Gleich), die kleine Tochter der Öko-Eltern Antje (Paula Kalenberg) und Tobias (Tim Oliver Schultz), Gerhard soll sich ausgerechnet um den Sohn der alleinerziehenden russischen Mutter Jelena (Palina Rojinski) kümmern ("Russen haben Vorurteile gegen Schwule. Alle!"), und Karin kommt in Berührung nicht nur mit dem hyperaktiven Yannik (Julius Weckauf), sondern auch mit dessen "Patchwork"-Familie (Lavinia Wilson [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Studiocanal
INTRIGE
In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts erschütterte die Dreyfus-Affäre das politische Frankreich. Der Skandal spaltete die Politik und die Gesellschaft: Intrigen und Aktenfälschungen führten zusammen mit einem zunehmend offenen Antisemitismus in weiten Teilen der Gesellschaft zu einer politischen und moralischen Krise, die lange nachwirkte und in der Bevölkerung Misstrauen gegen staatliche Institutionen weckte. Schriftsteller und Journalist Émile Zola prangerte den Staatsapparat in einem berühmtem Zeitungsartikel mit der Überschrift "J´accuse" ("Ich klage an") an.

Dies ist auch der Originaltitel des Spielfilmes von Roman Polanski mit dem deutschen Verleihtitel "Intrige", der auf den Filmfestspielen von Venedig 2019 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, und nun im regulären Kinoprogramm startet. Der Film basiert auf dem Roman "An Officer and a Spy" von Robert Harris, der zusammen mit Polanski das Drehbuch verfasste.

Der Film beginnt am 5. Januar 1895, als der junge jüdische Offizier Alfred Dreyfus (Louis Garrel) wegen Hochverrats in einer erniedrigenden Zeremonie degradiert und zu lebenslanger Haft auf die Teufelsinsel, eine Strafkolonie in Französisch-Guyana, verbannt wird. Die Kamera von Pawel Edelman macht aus der aufwändig fotografierten Sequenz eine eindrückliche Abfolge von regelrechten Gemälden.

Unter den Zeugen der Degradierung befindet sich auch Colonel Georges Picquart (Jean Dujardin). Anfänglich von Dreyfus? Schuld [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Weltkino / Guy Ferrandis
LITTLE WOMEN
Der auf eigenen Erlebnissen der Autorin basierende Roman "Little Women" von Louisa May Alcott (1832—1888) über das Heranwachsen von vier Schwestern an der US-Ostküste in den Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs gehört zu den erfolgreichen Werken der Jugendliteratur überhaupt. "Little Women" wurde mehrfach verfilmt, zuletzt 1994 (mit Winona Ryder in der Hauptrolle), im deutschen Sprachraum unter dem Titel "Betty und ihre Schwestern".

Nun verfilmt den Roman Greta Gerwig, die mit Lady Bird ihr Talent unter Beweis stellte, ein bekanntes Thema auf erfrischend-eigenwillige Art zu interpretieren. In "Little Women" erzählt sie zwar klassisch das Leben der vier March-Schwestern Jo (Saoirse Ronan), Meg (Emma Watson), Amy (Florence Pugh) und Beth (Eliza Scanlen) aus Jos Sicht. Drehbuchautorin und Regisseurin Gerwig setzt jedoch eine Art Rahmenhandlung ein: Ihr Film beginnt, als Jo einem New Yorker Verleger ihre Kurzgeschichten anbietet. Erst dann wird die Geschichte der vier Schwestern als ausführliche Rückblende chronologisch erzählt. Dieses Stilmittel erlaubt es der Regisseurin etwa, den Romanschluss neu zu interpretieren, als dann Jo dem Verleger den Roman "Little Women" anbietet.

"Little Women" handelt von den Zukunftsräumen vier junger Frauen zu einer Zeit, in der Frauen noch ziemlich begrenzte Chancen hatten. Jo als Alter Ego Louisa May Alcotts bekommt in Greta Gerwigs [mehr]

Text: José García
Foto: Sony
EIN VERBORGENES LEBEN
Terrence Malicks Spielfilm über Franz Jägerstätter "Ein verborgenes Leben", der auf den Internationalen Filmfestspielen Cannes uraufgeführt wurde, startet nun im regulären Kinoprogramm. Der 75-jährige Regisseur zeigte als der Episkopalkirche angehörender, gläubiger Christ schon immer ein besonderes Interesse für die Transzendenz. Insbesondere in The Tree of Life bietet Terrence Malick ein Loblied auf die Schöpfung, auf die Vater- und Mutterschaft sowie auf die Suche nach Gott. Nun widmet er sich dem von der katholischen Kirche seliggesprochenen, österreichischen Bauern Franz Jägerstätter, der am 20. Mai 1907 in St. Radegund in der Nähe von Salzburg geboren, im Juli 1943 wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt und am 9. August 1943 hingerichtet wurde.

Unterlegt von Choralmusik beginnt "Ein verborgenes Leben" mit der Ankunft Adolf Hitlers in Nürnberg. Bilder, die der Zuschauer insbesondere aus Leni Riefenstahls "Triumph des Willens" (1935) kennt. Nach einem Schnitt — Terrence Malick setzt häufig einen "springenden Schnitt" ein, um einen längeren Zeitraum zu überspringen — arbeitet Franz Jägerstätter (August Diehl) zusammen mit seiner Frau Franziska, genannt Fani (Valerie Pachner) in der Natur im österreichischen Dorf St. Radegund. Es ist das Jahr 1939, also ein Jahr nach dem "Anschluss" Österreichs.

Im Jahre 1940 wird Jägerstätter zum Militärdienst einberufen. Der Regisseur verdeutlicht [mehr]

Text: José García
Foto: Pandora
WÜTENDEN, DIE
Paris, am Tag des Endspiels der Fußball-WM 2018. Die Kamera folgt dem Jugendlichen Issa (Issa Perica), der aus dem Vorort in die Innenstadt fährt, um mit auffallend vielen jungen Menschen mit Migrationshintergrund auf den Champs-Elysées den Titel für Frankreich zu feiern. Schnitt: Nur zwanzig Kilometer von Paris liegt Montfermeil entfernt, wo das Stadtbild von Plattenbauten geprägt wird. Hier siedelte Victor Hugo seinen Roman "Les Misérables" an. Dies ist ebenfalls der Handlungsort des Spielfilms "Die Wütenden" (Originaltitel: "Les Misérables") von Regisseur Ladj Ly und dessen Mitautoren Giordano Gederlini und Alexis Manenti, der in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde.

Das hervorragende Drehbuch führt die verschiedenen Gruppen ein, die in Montfermeil aufeinander treffen. Erzählt wird aus der Perspektive von Stéphane (Damien Bonnard), dem Neuen in einer von Chris (Alexis Manenti) geleiteten Einheit für Verbrechensbekämpfung. Die beiden und Gwada (Djebril Zonga) patrouillieren durch die Vorstadt. Stéphane bekommt gleich am ersten Tag mit, dass Gewalt (Chris: "Das Gesetz bin ich") keine Einbahnstraße ist. Dazu kommen ein selbst ernannter Bürgermeister (Steve Tientcheu), die Muslimbruderschaft mit deren Anführer Salah (Almamy Kanoute) und vor allem eine Bande herumlugender Teenager wie Issa. Als dieser ein Löwenbaby, das Maskottchen des Oberhaupts einer Zigeuner-Familie Zorro (Raymond Lopez), aus Übermut [mehr]

Text: José García
Foto: Alamode