Aktuelle Filmkritiken
VERSCHWINDEN, DAS
In Forstenau, einer fiktiven Kleinstadt nahe der tschechischen Grenze, verschwindet die 20-jährige Janine Grobowski (Elisa Schlott). Die Polizei glaubt, sie wollte einfach aus der Provinz ausbrechen, auch wenn ihr Auto im Graben gefunden wurde und die Wohnungstür offen stand, und legt den Fall schnell zu den Akten. Ganz anders ihre Mutter Michelle (Julia Jentsch). Obwohl das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter nicht zum Besten bestellt ist — Michelle weiß etwa nicht, dass ihre Tochter ihre Praktikumsstelle gekündigt hat — ist Michelle davon überzeugt, dass Janine etwas zugestoßen sein muss. Michelle fährt über die Grenze nach Tschechien, wo sie etwas Verstörendes entdeckt, und recherchiert unter den besten Freundinnen ihrer Tochter, Manu (Johanna Ingelfinger) und Laura (Saskia Rosendahl). Stutzig macht sie etwa, dass Manus Eltern Steffi (Nina Kunzenberg) und Leo Essmann (Sebastian Blomberg) ihr den Kontakt zu deren Tochter verwehren. Als Michelle herausfindet, dass Janines Freund Tarik (Mehmet Atesci) in Drogengeschäfte verwickelt ist, fürchtet sie das Schlimmste. Eine Miniserie mit einer Gesamtdauer von sechs Stunden erlaubt es, eine Vielzahl von Figuren und Beziehungen zu zeichnen.

Visuell steht die Miniserie "Das Verschwinden" mit ihrer düsteren Stimmung den hohen Maßstäben der Kinofilme von Hans-Christian Schmid in nichts nach. Dies gilt sowohl für die stimmungsvolle [mehr]

Text: José Garcia
Foto: ARD
VORWÄRTS IMMER!
Am 9. Oktober 1989 fand in Leipzig die Montagsdemonstration statt, die der Wende einen entscheidenden Impuls gab. Eine Rolle spielte dabei sicherlich, dass der Zug der etwa 70 000 Demonstranten vom Turm der Reformierten Kirche aus gefilmt wurde, und dass der Film in den Westen gelangte. Nachdem das bundesdeutsche Fernsehen ihn ausstrahlte und auch in der DDR gesehen wurde, war das Ende des SED-Regimes nur noch eine Frage der Zeit. Entscheidend jedoch war es, dass sich die Sicherheitskräfte zurückzogen. Lange Zeit hatte es freilich anders ausgesehen. Dazu Sven Felix Kellerhof in der "Welt" vom 9.10.2009: "Das Gerücht verbreitet sich in Windeseile: In Leipzigs Krankenhäusern seien zusätzliche Blutkonserven angekommen, und alle Chirurgen stünden in Bereitschaft. Viele Einwohner der Stadt hören dieses Geraune, die meisten glauben daran, manche erzählen es weiter. Es passt genau zur Situation, denn alles deutet darauf hin, dass der erste Montag nach dem 40. Jahrestag der DDR der Tag der Entscheidung sein wird. Die SED scheint entschlossen, am 9. Oktober 1989 die Oppositionsbewegung ohne Rücksicht auf Verluste niederzuschlagen."

Wer nun den Sicherheitskräften den Befehl erteilte, sich zurückzuziehen, wurde nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich wurden sie einfach von der Menschenmenge überrumpelt. Einsatzleiter Helmuth Hackenberg soll am frühen Abend, als sich das [mehr]

Text: José Garcia
Foto: dcm
HAPPY END
In Michael Hanekes "Code: unbekannt" ("Code inconnu", 2000) kreuzten sich eine ganze Reihe verschiedener Menschenschicksale. Besonders aufschlussreich war dabei die Kameraführung von Jürgen Jürges, die vor allem in Plansequenzen und Totalen bestand. Dadurch erreichte der österreichische Regisseur insbesondere auch eine Distanz zum Geschehen. In "Caché" (2005) spielen Videoaufnahmen eine zentrale Rolle, die ein gutbürgerliches Ehepaar immer wieder erhält, um einen Eindruck des Überwachtwerdens zu vermitteln. Ähnliche filmische Mittel setzt Michael Haneke in seinem aktuellen Spielfilm "Happy End" ein, der bei den diesjährigen Internationalen Filmfestspielen Cannes uraufgeführt wurde, und nun im regulären Kinoprogramm startet.

"Happy End" beginnt mit einer Plansequenz, die durch einen speziellen Kunstgriff einen vermittelnden Blick gewährt: Eine Frau geht im Badezimmer hin und her. Sie wird mit einem Smartphone gefilmt, während ihre Schritte vorausgesagt werden — was sich in etwa als Regieanweisungen ausnehmen. Nicht nur das Format, durch das der Zuschauer das Geschehen beobachtet, und das am Ende des Films wiederkehren wird, irritiert ihn. Denn minutenlang wird er Zeuge von etwas, was er nicht einordnen kann. Zu den verfremdenden Elementen gehören weiterhin andere Merkmale, die Haneke ebenfalls in "Code: unbekannt" einsetzte, wie die Off-Stimme außerhalb des Sichtfeldes. Hanekes Film "Happy End" ist Mitte der 2010er Jahre im nordfranzösischen Calais [mehr]

Text: José Garcia
Foto: X-Verleih
BLADE RUNNER 2049
"Blade Runner" (Ridley Scott, 1982) gehört wohl zusammen mit "Metropolis" (Fritz Lang, 1927) und "2001: Odyssee im Weltraum" (Stanley Kubrick, 1968) zu den epochenmachenden Science-Fiction-Filmen. Ihnen gemeinsam ist es, nicht nur die Sehgewohnheiten der Kinozuschauer nachhaltig beeinflusst zu haben, sondern auch Drehbuch und Ästhetik zu einer filmisch formvollendeten Einheit miteinander verknüpft zu haben. Sie handeln von menschlichen Schöpfungen, die für den Menschen zu einer lebensbedrohlichen Gefahr werden, ob es sich um den "Maschinenmenschen" in "Metropolis", den Computer "HAL" in "2001: Odyssee im Weltraum" oder die "Replikanten" in "Blade Runner" handelt. Allein der Namensfindung gebührt Anerkennung. In der Romanvorlage von Philip K. Dick "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" hießen sie noch "Androiden". Der Name "Replikant" beschwört unterbewusst durch den harten Klang eine gewisse Bedrohung herauf.

Nicht nur die Architektur, sondern auch die Musik spielt in den drei Filmen eine entscheidende Rolle. Dies gilt für Gottfried Huppertz´ Originalmusik für "Metropolis", für den Kontrast zwischen "Also sprach Zarathustra" und "An der schönen blauen Donau" in "2001: Odyssee im Weltraum", und in besonderer Weise für Vangelis´ Filmmusik für "Blade Runner", der Ridley Scotts Film einen Großteil seiner Wirkung verdankt. "Blade Runner" zeigte 1982 eine dystopische, in Kalifornien des Jahres 2019 angesiedelte Welt, in der sich [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Sony
ZUCKERSAND
Eine kleine Grenzstadt in Brandenburg, das fiktive Falkenwerder, 1979. Fred (Tilman Döbler) und Jonas (Valentin Wessely) sind beste Freunde. Die 10-Jährigen träumen von der großen, weiten Welt. Als der Nachbar Kaczmareck (Hermann Beyer), der sich zwar mit dem Leben in der DDR abgefunden hat, aber in seinem Herzen an die Freiheit glaubt, Fred einen Bumerang schenkt, steht es für die zwei Jungen fest: Sie wollen nach Australien. Fred und Jonas beginnen, in einer verlassenen Fabrik einen Tunnel quer durch den Erdball zu graben, ohne dass die Eltern davon wissen. Besonders Freds Vater Günther (Christian Friedel) wäre davon nicht gerade begeistert. Als Zollbeamter genießt er kleine Privilegien. Ein Leben außerhalb der DDR kann er sich nicht vorstellen. Auch seine Frau Michaela (Katharina Marie Schubert), die in einem Kindergarten arbeitet, freut sich über die Vorzüge, die ihre Familie durch den Beruf ihres Mannes hat. Ganz anders sieht es aus bei Jonas. Von seinem Vater fehlt jede Spur. Seine Mutter Olivia (Deborah Kaufmann) glaubt an Gott und die Seele und nicht an die DDR und träumt von einem Leben im Westen. Sie möchte ihren Sohn zum eigenen Denken erziehen. Als ihrem Ausreiseantrag überraschenderweise stattgegeben wird, muss alles sehr schnell gehen. Es bleibt keine [mehr]

Text: José Garcia
Foto: ARD
NILE HILTON AFFÄRE, DIE
Inzwischen hat sich der "Arabische Frühling" nicht nur abgekühlt. Im April 2015 titelte der Deutschlandfunk sogar: "Der arabische Frühling frisst seine Kinder". Ende 2010, Anfang 2011 war die Lage jedoch eine ganz andere. In Kairo etwa lag der Drang nach Veränderung in der Luft. Aber noch herrschten dort die Reichen und Mächtigen inmitten der Korruption. Dies ist der Hintergrund der schwedisch-deutschen-dänischen Koproduktion "Die Nile Hilton Affäre" ("The Nile Hilton Incident?). Der Spielfilm von Drehbuchautor und Regisseur Tarik Saleh feierte seine Premiere auf dem Sundance Film Festival, wo er den großen Preis der Jury gewann. Nun startet er im regulären Kinoprogramm. Im Mittelpunkt von "Die Nile Hilton Affäre" steht der Polizist Noredin. Der Kettenraucher scheint vor allem daran interessiert zu sein, von allen möglichen Leuten "Schutzgelder" einzutreiben. Das Geld bewahrt er im Kühlschrank seiner schäbigen Wohnung auf. Mit nur ein paar Pinselstrichen ist Noredin als bestechlicher Polizist nach dem Vorbild des Film-noir-Genres skizziert. Nach dem Unfalltod seiner Frau sucht Noredin Zuflucht in der Routine seines Jobs. Wenig später erfährt der Zuschauer, dass der Polizist der Neffe des Polizeichefs Kamal Mostafa (Yaser Maher) ist, der ihm zu Beförderungen verhilft. Vetternwirtschaft im wörtlichen Sinne bestimmt offensichtlich den Polizeiapparat. Kamal Mostafa wiederum bewegt sich [mehr]

Text: José García
Foto: Port-au-Prince
PARTNERS IN CRIME - MINISERIE
Agatha Christie (1890-1976) gehört zu den produktivsten Krimi-Autoren überhaupt. Ihre bekanntesten Figuren Hercule Poirot und Miss Marple sind mehrfach auch als Hauptcharaktere in Verfilmungen von Christies Kriminalromanen in Erscheinung getreten, wobei sich eine Neuverfilmung von "Mord im Orient-Express" von und mit Kenneth Branagh zurzeit in der Postproduktionsphase befindet. Zu den Schöpfungen Agatha Christies gehören auch andere Ermittler, so Tommy und Tuppence Beresford, die Protagonisten von vier Kriminalromanen und einer Kurzkrimisammlung, die zwischen 1922 und 1973 erschienen. Nachdem bereits Mitte der 1980er Jahre eine britische Fernsehserie mit 12 Episoden aus den Fällen eines Romans mit dem Ehepaar Beresford entstand, die in Deutschland unter dem Titel "Detektei Blunt" 1986 vom SWR ausgestrahlt wurde, produzierte der britische Sender BBC One im Jahre 2015 aus Anlass des 125. Geburtstages von Agatha Christie eine Neuverfilmung der ersten zwei Romane mit "Tuppence" (eigentlich Prudence) und Tommy Beresford. Die Miniserie besteht aus sechs Kapitel a 55 Minuten, wobei je drei Kapitel einen Roman wiedergeben.

Die ersten drei Episoden von "Partners in Crime" geben den Roman "Ein gefährlicher Gegner" ("The Secret Adversary") wieder, der 1922 erschien. Bei den Episoden vier bis sechs handelt es sich um die Filmadaption des Romans "Rotkäppchen und der böse Wolf" ("N or M?"), der [mehr]

Text: José García
Foto: Polyband
MAN DOWN
Der US-Marineoffizier Gabriel "Gabe" Drummer (Shia LaBeouf) kehrt nach einem Afghanistan-Einsatz nach Hause zurück. Was er dort vorfindet, schockiert ihn zutiefst: Seine Heimat gleicht nun den Schlachtfeldern, die er gerade erst zurückgelassen gehofft hatte. Zusammen mit seinem Kameraden und bestem Freund Devin Roberts (Jai Courtney) und dem Überlebenden Charles (Clifton Collins Jr.) sucht er mitten in einer postapokalyptischen Landschaft nach seiner Frau Natalie (Kate Mara) und seinem kleinen Sohn Jonathan (Charlie Shotwell). Nicht nur das Überleben in der Ödnis stellt sich als schwierig heraus. Gabe muss sich darüber hinaus einer fremden und unbekannten Macht stellen.

Als Rahmenhandlung für diese Ereignisse setzt Regisseur Dito Montiel ein Gespräch zwischen Gabe und dem Psychologen Captain Peyton (Gary Oldman) ein, bei dem es um einen Einsatz geht, der den Soldaten schwer traumatisierte. Dazu kommt mit der Militärausbildung Gabes noch eine dritte Zeitebene hinzu. Die Verknüpfung einer aus anderen Filmen bekannten Handlung — der Traumatisierung durch den Krieg — mit einem postapokalyptischen Szenario, verleiht "Man Down" eine gewisse Originalität. Dennoch: Gerade in der Verzahnung der Zeitebenen vermisst der Zuschauer eine erfahrenere Regiehand. Sie irritiert und wirkt unnötigerweise verkompliziert und dadurch weniger überraschend, als es sicherlich in der Absicht der Filmemacher lag. Visuell überzeugen jedoch die meistens [mehr]

Text: José García
Foto: ksmfilm
KÖRPER UND SEELE
Ein Hirsch mit stattlichem Geweih streift durch einen verschneiten Wald. Dort erblickt er eine kleinere und offensichtlich jüngere Hirschkuh, der er sich vorsichtig annähert. Die Anfangsszene des Spielfilms "Körper und Seele" von Ildikó Enyedi, der bei der 67. Berlinale im Februar 2017 mit dem Goldenen Bären sowie mit dem Internationalen Filmkritiker- und mit dem Preis der ökumenischen Jury ausgezeichnet wurde, stellt sich als Traumsequenz heraus.

Die eigentliche Handlung von "Körper und Geist" spielt sich in einem viel profaneren Rahmen als der betörend schöne Winterwald ab. Haupthandlungsort des Berlinale-Gewinners ist ein Schlachthof. Dessen Finanzchef Endre (Géza Morcsányi), einem etwa 50-jährigen Mann mit einem gelähmten Arm, fällt die neue Qualitätskontrolleurin Maria (Alexandra Borbély) von Anfang an auf, als sie dort ihre Stelle antritt. Ihr etwas steifes Auftreten, ihre menschenscheue Art, sich getrennt von allen Kollegen an einen freien Tisch in der Kantine zu setzen, verbindet sich mit einer beinahe entrückten Schönheit. Endres Versuche, sich der peniblen Kollegin anzunähern, die sich am liebsten in ihre Arbeit verkriecht, wo sie mit niemand in Kontakt zu treten braucht, scheitern. Ebenso, als er auf Bitten der Kollegen sie um ein Gespräch bittet: Die Mitarbeiter finden sie viel zu streng in Bezug auf die Fleischqualität. Wieder einmal findet [mehr]

Text: José García
Foto: Alamode
LEANDERS LETZTE REISE
Der störrische, 92-jährige Eduard Leander (Jürgen Prochnow) hat im Frühling 2014 seine Frau verloren. Seine Tochter Uli (Suzanne von Borsody) und seine Enkelin Adele (Petra Schmidt-Schaller) hatten zwar kaum noch Kontakt zu ihm. Nun wollen sie sich aber um den grantigen alten Mann kümmern. Eduard selbst hat nur eins im Sinn: Eine letzte Reise in die Ukraine antreten. Die Tochter kann sich zwar keinen Reim darauf machen, was ihr Vater dort will. Aber Uli will es auf jeden Fall verhindern, zumal sich die Ukraine nach der Besetzung der Krim im März 2014 durch Russland in einem offenen Kriegszustand befindet. Deshalb bittet sie Adele, den Großvater am Bahnhof abzupassen und ihn zur Vernunft zu bringen. Daran scheitert sie zwar, aber dann entscheidet die junge Frau, ihren Opa zu begleiten. In Frankfurt/Oder steigt Lew (Tambet Tuisk) in den Zug ein. Der Ukrainer mit russischen Wurzeln jobbt in Deutschland, und fährt nun ebenfalls nach Kiew. Zu Adeles Erstaunen versteht sich ihr verschlossener Opa auf Anhieb mit dem jungen Mann. Bald begreift sie auch warum: Lew erinnert Eduard an die Kosaken, an deren Seite er im Zweiten Weltkrieg zusammen kämpfte. Nach und nach versteht Adele auch, was ihren Opa antreibt: Er ist auf der [mehr]

Text: José García
Foto: Tobis