Aktuelle Filmkritiken
GLANZ DER UNSICHTBAREN, DER
In einer nordfranzösischen Stadt drängen sich Frauen in der Kälte vor dem Eingangstor zu einer Tagesstätte zusammen. Angélique (Déborah Lukumuena) erinnert sie daran, dass "L´Énvol" erst um acht Uhr ihre Tür öffnet. Die obdachlosen Frauen dürfen sich zwar hier tagsüber aufhalten, aber abends müssen sie wieder hinaus, etwa um in einem Obdachlosenheim die Nacht zu verbringen.

Zusammen mit ihren Mitarbeiterinnen Angélique und Audrey (Audrey Lamy) sowie mit der Freiwilligen Hélène (Noémie Lvovsky) versucht die Leiterin der kommunalen Einrichtung Manu (Corinne Masiero), den Frauen eine Perspektive zu geben, ihnen bei Bewerbungen zu helfen. Sie organisieren Workshops und, als die Tagesstätte geschlossen werden soll, verwandeln sie gesetzwidrig ein leer stehendes Gebäude in eine Unterkunft, wo die obdachlosen Frauen übernachten können.

Basierend auf dem Buch "Sur la route des invisibles: Femmes dans la rue" von Claire Lajeunie erzählt Drehbuchautor und Regisseur Louis-Julien Petit unaufgeregt von Frauen, die meistens einen Beruf, vielleicht auch eine Familie verloren haben, um auf der Straße zu landen.

Auch wenn Petit das harte Leben dieser größtenteils vor sich hinvegetierenden Frauen realistisch zeigt - die mit aller Härte durchgeführte Zwangsräumung eines Schlaflagers durch die Polizei verdeutlicht dies - ist sein Film weit entfernt von der galligen Sozialkritik eines Ken Loach. Louis-Julien Petit setzt [mehr]

Text: José García
Foto: Piffl Medien
OTTO NEURURER - HOFFNUNGSVOLLE FINSTERNIS
In dem berühmt-berüchtigten "Pfarrerblock" im KZ Dachau wurden insgesamt 2 796 Geistliche inhaftiert, von denen 2 652 katholische Priester waren. Besonders bekannt sind etwa der selige Karl Leisner - der einzige Priester, der in einem KZ geweiht wurde -, der ebenfalls seliggesprochene Alois Andritzki oder auch der Luxemburger Jean Bernard, über den Volker Schlöndorff den Spielfilm Der neunte Tag drehte. Wurden anfangs nur vereinzelt deutsche Geistliche nach Dachau eingeliefert, so überstellte die SS nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 zunächst 14 österreichische Priester ins Lager. Im März 1939 folgte unter anderen der Tiroler Pfarrer Otto Neururer.

Der am 25. März 1882 in Piller bei Landeck in Tirol, Österreich als zwölftes Kind einer armen Müller- und Bauernfamilie geborene Otto Neururer wollte schon in jungen Jahren Priester werden. Ein reicher Onkel ermöglicht ihm die Ausbildung in Brixen. Sein Wunsch, Jesuit zu werden und in die Mission zu gehen, konnte wegen seiner schwächlichen Gesundheit nicht verwirklicht werden. Im Jahre 1907 wird Otto Neururer in Brixen von Fürstbischof Altenweisel zum Priester geweiht. Nach mehreren Kaplanstellen wird der tieffromme Mann 1918 nach Innsbruck versetzt, wo er sich für die Armen und Schwachen verausgabt.

Aus gesundheitlichen Gründen lässt sich der [mehr]

Text: José Garcia
Foto: AVG Produktion
FRITZI - EINE WENDEWUNDERGESCHICHTE
Der 30. Jahrestag des Mauerfalls steht zurzeit im Mittelpunkt mancher Kino- und Fernsehfilme. Aus einer kindlichen Perspektive erzählt der auf dem 2009 zum 20. Jahrestag des Mauerfalls erschienen Roman "Fritzi war dabei. Eine Wendewundergeschichte" von Hanna Schott basierende Animationsfilm "Fritzi - Eine Wendewundergeschichte" die Friedliche Revolution für Kinder.

Sommer 1989 in Leipzig: Unterlegt mit fröhlicher Musik genießen die 12-jährigen, besten Freundinnen Fritzi und Sophie die Sommerferien. Die Unzertrennlichen müssen sich aber trennen: Sophie fährt mit ihrer Mutter in den Urlaub nach Ungarn. Sophies braun-weißer Terrier Sputnik soll bei Fritzi bleiben. Der liebevolle, schöne Hund vermisst bald Sophie genauso wie Fritzi. Sie tröstet sich mit der Aussicht, dass Sophie zum Schulanfang am 1. September wieder da sein wird.

Als Sophie aber zum Schulanfang wegbleibt, ahnt Fritzi, dass ihre Freundin nicht zurückkehren wird, hat sie doch aus den Nachrichten erfahren, dass Ungarn die Grenzen geöffnet hat. Nun entwickelt Fritzi einen riskanten Plan. Denn Sophies Oma lebt nahe der Grenze in Westdeutschland.

Mit einer allzu naiven Erzählung etwa des Fluchtversuchs kontrastiert die kindgerechte, aber wiederum auch realitätsnahe, an klassische Karikaturen angelehnte Zeichnung der Figuren. Besonders gelungen sind den Regisseuren Ralf Kukula und Matthias Bruhn die Szenen der Montagsgebete in der Nikolaikirche sowie der Demonstrationen [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Weltkino
DEUTSCHSTUNDE
Seit seinem Debütroman "Es waren Habichte in der Luft" (1951) zählt Siegfried Lenz (1926-2014) zusammen mit Heinrich Böll (1917-1985) und Günter Grass (1927.2015) zu den bedeutendsten und meistgelesenen Schriftstellern der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Bereits Lenz´ erster Roman - angesiedelt nach dem Ersten Weltkrieg und dem Finnischen Bürgerkrieg in dem an Sowjetrussland abgetretenen finnischen Karelien - handelt von Heimatverlust, Totalitarismus, Schuld und Pflichterfüllung, allesamt Themen, die in seinem 1968 erschienenen Hauptwerk "Deutschstunde" wiederkehren.

Vor "Deutschstunde" veröffentlichte der aus Lyck in Ostpreußen stammende Autor allerdings zunächst eher "unpolitische" Erzählungen, etwa "So zärtlich war Suleyken" (1955), eine Ansammlung von Kurzgeschichten, die immer wieder ins Karikaturhafte abdriften, in denen aber Lenz seine Figurenzeichnung schärft und außerdem dem Verlust seiner ostpreußischen Heimat nachtrauert. Ein Verlust, der ihn weiterhin beschäftigte und in detailverliebter Form Jahrzehnte später im Roman "Heimatmuseum" (1978) schildert. Dass Lenz sich eher anderen Sujets zuwandte, hing wohl damit zusammen, dass sein zweiter Roman "Der Überläufer", in dem er seine wenige Monate andauernden Kriegsdienst auf der "Admiral Scheer" verarbeitet hatte, vom Verlag abgelehnt wurde. Eine solche Handlung sei unmittelbar nach dem Krieg möglich gewesen, nun seien jedoch andere Zeiten angebrochen, weshalb man die Vergangenheit ruhen lassen sollte. So blieb "Der Überläufer" zeit seines Lebens unveröffentlicht, und [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Wild Bunch / Georges Pauly
EVEREST - EIN YETI WILL HOCH HINAUS
Das Animationsstudio "DreamWorks" setzte sich zunächst vom großen Konkurrenten "Pixar" und von dessen familienfreundlichen Filmen durch einen dreist-respektlosen Humor ab. Gutes Beispiel dafür ist der erste große "DreamWorks"-Erfolg Shrek - Der tollkühne Held (2001). Allerdings vollzog sich mit Shrek der Dritte (2007) eine augenfällige Kehrtwendung. Nun spielten Familie, Freundschaft und Verantwortung eine weitaus größere Rolle. Der nun im regulären Kinoprogramm anlaufende "DreamWorks"-Film "Everest - Ein Yeti will hoch hinaus" betont ebenfalls diese Werte.

Nachdem ein kleiner Yeti aus einem Versuchslabor in einer chinesischen Großstadt entkommen ist, wird er von der neugierigen und umtriebigen Yi entdeckt. Zusammen mit ihren Freunden Jin und Peng macht sie sich auf eine sehr lange Reise auf, um den kleinen Yeti "Everest" zu seiner Familie in das Himalaya-Gebirge zurückzubringen.

Allerdings werden sie auf ihrer beschwerlichen Reise verfolgt. Denn der alte, reiche Burnisch möchte den Yeti unbedingt seiner Sammlung einverleiben. Dabei wird er von der Zoologin Dr. Zara und von einer regelrechten Armee unterstützt.

Die vollplastischen menschlichen Figuren mit ihren leicht asiatischen Gesichtszügen drücken Emotionen aus. Die Vielfalt ihrer verschiedene Gemütsregungen äußernden Gesten kontrastiert mit den stilisierten Hintergründen der Großstadt, wenn auch später die Landschaften detailgenauer gezeichnet werden. Unterstützt wird die Handlung durch die schöne Geigenmusik, [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Universal
GELOBT SEI GOTT
Auf der diesjährigen Berlinale erhielt der Spielfilm des bekannten Drehbuchautors und Regisseurs François Ozon "Gelobt sei Gott" (Grâce à Dieu) den Großen Preis der Jury. Ozon nutzt die Aufmerksamkeit, die in verschiedenen Ländern die bekanntgewordenen Fälle von sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch katholische Priester hervorgerufen haben, um den in Frankreich aufsehenerregenden Fall von Abbé Preynat beziehungsweise den "Fall Barbarin" auf die Leinwand zu bringen.

Gegen Bernard Preynat wurde im Januar 2016 Anklage erhoben. Vorgeworfen wird ihm, in den 80er Jahren etliche Minderjährige missbraucht zu haben, als er für die Pfadfinder in der zur Métropole de Lyon gehörenden Kleinstadt Sainte-Foy-lès-Lyon zuständig war. Der Geistliche gab die Anschuldigungen zu. Auch wenn in den meisten Fällen die Verjährungsfrist verstrichen ist, läuft gegen ihn ein Gerichtsverfahren.

Ozon konzentriert sich auf drei unterschiedliche Opfer von Père Preynat: auf den fünffachen Familienvater Alexandre Guérin (Melvil Poupad), der sich als praktizierender Katholik an Kardinal Barbarin (François Marthouret) wendet, den sich als Atheist bezeichnenden François Debord (Denis Ménochet) und auf den gesundheitlich angeschlagenen Emmanuel Thomassin (Swann Arlaud). Den Film wird beinahe dokumentarisch inszeniert, um das Thema aus verschiedenen Perspektiven - im Wesentlichen aus der Sicht der drei erwähnten Opfern des Geistlichen - zu beleuchten. Die Vielfalt der Blickwinkel gehört zu [mehr]

Text: José García
Foto: Pandora
WENDEZEIT
Ein "runder" Jahrestag ist es (noch) nicht, aber der Gedenktag der Wiedervereinigung bietet Gelegenheit, die intensive Zeitspanne zwischen der Maueröffnung am Abend des 9. November 1989 und der "Herstellung der Einheit Deutschlands" am 3. Oktober 1990 Revue passieren zu lassen.

Unter den in dieses knappe Jahr fallenden Ereignissen ragt der Sturm auf die Zentrale der DDR-Staatssicherheit am 15. Januar 1990 heraus, mit dem Tausende Bürger die Vernichtung von Stasi-Akten verhindern wollten. Denn entgegen dem Befehl, die Archive unangetastet zu lassen, ordnete Generaloberst Werner Großmann, Leiter der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), an, die Akten einzustampfen.

In der Personenkartei "Formblatt 16" der Stasi-Auslandsspionageabteilung HVA waren etwa 10 000 inoffizielle MfS-Mitarbeiter sowie circa 2 000 "Quellen" im Ausland vermerkt. Die eigentlichen Personalkarten wurden zwar vernichtet. Im Jahre 1993 tauchten jedoch Mikrofilme der Personenkartei F 16, der "Vorgangsdatei" F 22 sowie von 1700 Statistikbögen auf, die offenbar von einem KGB-Offizier an die CIA verkauft wurden. Sie bekamen den Namen "Rosenholz". Von 2000 an wurden Kopien dieser Unterlagen an die Bundesregierung übergeben. 2003 nahm schließlich die damalige Leiterin der Stasi-Unterlagen-Behörde Marianne Birthler die Datensätze auf CD-ROMs in Empfang. Heute liegen im Archiv der Stasi-Unterlagenbehörde 293 118 nunmehr digital erfasste Karteikarten.

Hatte man zunächst von den "Rosenholz"-Dateien die Enttarnung [mehr]

Text: José García
Foto: ARD
IDIOTEN DER FAMILIE
In einer vom Individualismus geprägten Gesellschaft bleibt für die Solidarität in der (Groß-)Familie kaum Platz. Häufig handeln Spielfilme mal als Komödie, mal als Drama davon, dass ein Vater, eine Mutter im Alter von den eigenen Sprösslingen ins Altersheim abgeschoben werden soll, weil sie oder er den erwachsenen Kindern für deren Selbstverwirklichung im Wege steht.

Michael Klier, der zusammen mit Karin Aström das Drehbuch zu "Idioten der Familie" verfasste, Regie führt und den Film produziert, variiert die Ausgangslage insofern, als es hier die geistig behinderte Ginnie (Lilith Stangenberg) ist, die in eine Klinik gebracht werden soll. Die 26-Jährige lebt bei ihrer 40-jährigen Schwester Heli (Jördis Triebel) im Elternhaus am Rande von Berlin. Heli hat sich um das Nesthäkchen der Familie gekümmert, seit die Eltern tot sind. Nun will die Künstlerin aber ein neues Leben beginnen.

Ehe Ginnie ins Heim abgeschoben wird, kommen die drei Brüder Frederik (Kai Scheve), Tommie (Hanno Koffler) und Bruno (Florian Stetter) für ein Wochenende zu Besuch. Sie waren Heli nie eine richtige Hilfe, und lassen keinen Zweifel aufkommen, dass sie keine Verantwortung für die unberechenbare kleine Schwester übernommen wollen.

Dadurch, dass der Film fast ausschließlich in einem Haus und an einem einzigen Wochenende spielt, entsteht der Eindruck, "Idioten der Familie" [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Nadja Klier
THE SPY
Zu Beginn der 1960er Jahre befand sich der junge Staat Israel in Alarmbereitschaft. Zwar waren zwischen Israel auf der einen und Ägypten, Jordanien, dem Libanon und Syrien auf der anderen Seite Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet worden. Das Land fühlte sich jedoch bedroht, etwa von den von den Nachbarstaaten aus operierenden "Fedajin" - unter denen sich insbesondere die 1959 von Yasir Arafat gegründete Fatah befand, die 1964 in die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO eingehen sollte.

Obwohl Israel zusammen mit Großbritannien und Frankreich in der Sueskrise 1956 den Gazastreifen und die Sinai-Halbinsel besetzt hatte, musste sich Israel nach einer Resolution der UN-Generalversammlung vom November 1956 hinter die Waffenstillstandslinie zurückziehen. Militärisch kam in der ersten Hälfte der 1960er Jahre die größte Bedrohung für Israel aus Syrien. Denn mit Unterstützung sowjetischer Waffen griff Syrien vor allem von den Golanhöhen aus Ziele in Israel an.

Auf dem historischen Hintergrund spielt die sechsteilige Netflix-Miniserie "The Spy". "Inspiriert von wahren Begebenheiten" erzählt sie von einem besonderen Spionagefall: Dem Mossad gelang es in den 1960er-Jahren, den Agenten Eli Cohen in Syrien einzuschleusen, der dank seiner Kontakte bis in die höchsten politischen Ebenen hinein einen entscheidenden Einfluss auf die gegen Israel gerichteten syrischen Geheimdienst-Aktivitäten nehmen konnte. Eli Cohen wurde so zu einem [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Netflix
MEIN LEBEN MIT AMANDA
Am 13. November 2015 erschütterten mehrere koordinierte, islamistisch motivierte Terroranschläge die Stadt Paris. Die Medien berichteten ausführlich, auch etwa darüber, dass eine Woche nach den Attentaten die Zahl der Todesopfer auf 130 stieg. Doch was für menschliche Schicksale sich dahinter verbergen, was für Auswirkungen für Angehörige ein solcher Anschlag hat, bleibt der Öffentlichkeit meistens unbekannt.

Im Spielfilm "Mein Leben mit Amanda" von Mikhaël Hers spielen die Anschläge von Paris eine zentrale Rolle, befindet sich doch unter den Todesopfern auch die alleinerziehende Mutter der siebenjährigen Amanda (Isaure Multrier). Einziger Verwandter des kleinen Mädchens ist ein Onkel, der Mittzwanziger David (Vincent Lacoste). Der Zuschauer hat ihn als unbekümmerten, in den Tag hinein lebenden Tagträumer erlebt, der den Pariser Sommer einfach genießt, und der sich in die junge Léna (Stacy Martin) verliebt. Über Wasser hält er sich mit Gelegenheitsjobs. Ob er für seine kleine Nichte Verantwortung übernehmen kann?

Von der Frage, wie alleinstehende Erwachsene auf einmal für Kinder Verantwortung übernehmen sollen oder müssen, handelt so mancher Film, etwa zuletzt Paola Randis Tito, der Professor und die Aliens. Stehen in Paola Randis Film eher skurril-komödiantische Aspekte im Vordergrund, so gelingt Regisseur Hers und seiner Mitautorin Maud Ameline eine ausgewogene Mischung aus dem Drama, das [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Nord-Ouest-Films