Aktuelle Filmkritiken
ÜBER DIE UNENDLICHKEIT
"Ich sah ein Liebespaar, Liebende. Sie schwebten über einer Stadt, die berühmt für ihre Schönheit gewesen war, und nun in Trümmern lag". Die Off-Stimme führt durch diese und weitere kleine Episoden. In Roy Anderssons Spielfilm "Über die Unendlichkeit" verschwimmen die Grenzen zwischen (Alp-)Traum und Wirklichkeit. Wird bei dem über dem kriegszerstörten Köln schwebenden Liebespaar (Tatjana Delaunay, Anders Hellström) auch durch die Musikuntermalung ein Gefühl der Erhabenheit ausgelöst, so macht sich bei einem Alptraum eher Beklommenheit breit: Ein evangelisch-lutherischer Pfarrer (Martin Serner) träumt, dass er mit einer Dornenkrone auf seinem Kopf durch die Stadt ein Kreuz trägt.

Der Pfarrer klagt darüber, seinen Glauben an Gott verloren zu haben. Der Arzt, den er deshalb aufsucht, muss allerdings noch den Bus erwischen. Deshalb wird der nach dem verlorenen Glauben suchende Pastor von der Sprechstundenhilfe der Praxis verwiesen.

Zu den weiteren Episoden zählt ein Mann mittleren Alters, der in einem Bus einfach losweint, weil er nicht weiß, was er will. Derweil diskutieren die anderen Fahrgäste, ob es geht, einfach in der Öffentlichkeit zu weinen. Ein Zahnarzt lässt einen Patienten mitten in der Behandlung sitzen, weil dieser immer wieder über die Schmerzen klagt. Ein Vater bindet seiner Tochter auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier bei strömendem [mehr]

Text: José García
Foto: Neue Visionen
IMMER ÄRGER MIT GRANDPA
Basierend auf dem 1984 erschienenen, preisgekrönten Kinderbuch "The War with Grandpa" von Robert Kimmel Smith (1930-2020) erzählt der Spielfilm "Immer Ärger mit Grandpa" von Ed (Robert de Niro), der seit sechs Monaten Witwer ist, und offenkundig immer mehr Schwierigkeiten hat, alleine zurecht zu kommen.

Deshalb überredet ihn seine Tochter Sally (Uma Thurman), zu ihr und ihrer Familie zu ziehen. Dafür muss allerdings der etwa 12-jährige Peter (Oakes Fegley) sein Zimmer räumen und auf den ungemütlichen Dachboden ziehen. Aber Peter will sein Zimmer nicht kampflos aufgeben. Um es zurückzubekommen, erklärt der Enkel dem Opa den Krieg. Ed schlägt einfach zurück und zieht sogar seinen besten Freund Jerry (Christopher Walken) sowie die Supermarkt-Kassiererin Diane (Jane Seymour), die er gerade kennengelernt hat, mit in den "Krieg" hinein.

Die in den immer weiter skalierenden Streichen zum Ausdruck kommende Art Humor passt zu manchen Kinderfilmen, in denen Kinder über tollpatschige Erwachsene lachen. Feiner englischer Humor sieht selbstverständlich ganz anders aus. Wenn sich Großvater Ed und Enkel Peter in Gemeinheiten überbieten, dominiert vielmehr ein schenkelklopfendes Moment mit gewissem Hang zur Grobheit.

Dennoch: Das Besondere an "Immer Ärger mit Grandpa" ist nicht so sehr die kinderfilmmäßige Handlung, sondern eher das Familienbild: Im Gegensatz zu den gängigen Spielfilmen und Serien sind [mehr]

Text: José García
Foto: EuroVideo
OKTOBERFEST 1900
Das Oktoberfest gilt als größtes Volksfest der Welt: 6,3 Millionen Besucher strömten zuletzt auf die Theresien- oder Festwiese zu Füßen der 1850 errichteten Bavariastatue von Mitte September bis Anfang Oktober. Als Geburtsstunde der Wiesn gilt das Pferderennen, das anlässlich der Hochzeit zwischen Kronprinz Ludwig, dem späteren König Ludwig I., und der protestantischen Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen am 17. Oktober 1810 veranstaltet wurde. Auf einem Hang verfolgten 50 000 Zuschauer das Rennen; für das Prinzenpaar wurde ein Pavillon auf der Wiese errichtet, die als Hommage an die Braut "Theresens Wiese" genannt wurde.

Vieles aus der 210-jährigen Geschichte der Wiesn könnte ausreichenden Stoff für einen Spielfilm oder eine Serie bieten, etwa der Beginn des "Einzugs der Wiesnwirte" im Jahr 1887. Als Ausgangspunkt für die ARD-Event-Serie "Oktoberfest 1900" nahmen die Serienentwickler Ronny Schalk und Christian Limmer sowie Regisseur Hannu Salonen jedoch einen weiteren Meilenstein in der Oktoberfest-Geschichte: Im Jahr 1898 errichtet Georg Lang, ein Großgastronom aus Nürnberg, die damals größte Bierburg, die bis zu 6.000 Personen Platz bot. Bis dahin wurde das Bier in kleinen Bierbuden ausgeschenkt, in denen maximal 50 Personen Platz fanden.

"Ich will das Oktoberfest neu erfinden", sagt denn auch der Nürnberger Bierbrauer, der allerdings ursprünglich aus Berlin stammt und deshalb immer [mehr]

Text: José García
Foto: ARD
ALEX RIDER
Die seit dem Jahr 2000 erscheinende, bislang dreizehnbändige Jugend-Romanreihe "Alex Rider" des englischen Schriftstellers Anthony Horowitz handelt von einem 17-jährigen Schüler, der wider Willen beginnt, für den britischen Geheimdienst zu arbeiten. Von den Romanen wurden weltweit etwa 20 Millionen Exemplare vor allem in Großbritannien und den Vereinigten Staaten verkauft. Die Jugend-Spionageromane hat nun Guy Burt als Serie adaptiert. Für die erste, von Sony Pictures Television produzierte Staffel, die bei Amazon Prime Video abgerufen werden kann, verfassten die Drehbücher Guy Burt und Anthony Horowitz selbst. Regie führen Andreas Prochaska und Christopher Smith.

Die achtteilige Serie "Alex Rider" orientiert sich am zweiten, 2001 veröffentlichten Roman "Point Blanc" (deutsch: "Das Gemini-Projekt"), dem die Vorgeschichte des Spions wieder Willen vorgeschaltet wird: Zu Beginn lebt der 17-jährige Alex Rider (Otto Farrant) nach dem Unfalltod seiner Eltern bei seinem Onkel Ian (Andrew Buchan) sowie bei der im Haushalt helfenden Jack Starbright (Ronke Adekoluejo). Er geht zu einer Londoner Schule zusammen mit seinem besten Freund Tom Harris (Brenock O´Connor), der unbedingt Filmregisseur werden will. Wohl deshalb trägt Tom immer und überall eine Wollmütze. Demgegenüber scheint Alex ein durch und durch normaler Schüler zu sein, der für die Mitschülerin Ayisha (Shalisha James-Davis) schwärmt.

Doch das einfache Leben eines Schülers endet [mehr]

Text:
Foto: Amazon
CORPUS CHRISTI
"Kein Priesterseminar nimmt Straftäter auf", sagt lapidar der Gefängnispfarrer, als Daniel (Bartosz Bielenia) aus dem Jugendgefängnis entlassen wird. Vorher haben Drehbuchautor Mateusz Pacewicz und Regisseur Jan Komasa in ihrem Spielfilm "Corpus Christi" den jungen Mann als eifrigen Messdiener bei einem Gottesdienst gezeigt. Die Bekehrung, die Daniel allem Anschein nach in der Justizvollzugsanstalt erlebte, weckte in ihm offensichtlich den Wunsch, Priester zu werden.

Aus Daniels Wunsch soll also nichts werden. Stattdessen wird er in einem Sägewerk in einer kleinen Stadt "am anderen Ende des Landes" erwartet, wo der junge Mann eine Stelle antreten soll. Eher zufällig gibt sich Daniel als Priester aus, da er praktischerweise ein schwarzes Priesterhemd mit weißem Kollar bei sich trägt.

Dass sich jemand als katholischen Priester ausgibt, kommt häufiger vor, als man denken könnte. "Der Spiegel" etwa berichtete im November 2010 von einem 84-jährigen Sozialhilfeempfänger, der 20 Jahre lang jeden Sommer die Urlaubsvertretung des Pfarrers in einem kleinen Dorf nahe Padua übernommen habe. Komplizierter ist da der Fall eines Kolumbianers, der drei Monate lang eine Pfarrstelle in einer südspanischen Kleinstadt innehatte, bis es sich im Februar 2019 herausstellte, dass seine Priesterweihe - die er von einem inzwischen verstorbenen Bischof in dessen Privatkapelle erhalten zu haben vorgab, wobei es [mehr]

Text: José García
Foto: Arsenal
MEINE WUNDERBAR SELTSAME WOCHE MIT TESS
Kaum hat der Urlaub für den 10-jährigen Sam (Sonny Coops Van Utteren) und seine Familie auf der niederländischen Insel Terschelling begonnen, da bricht sich sein älterer Bruder ein Bein. Dadurch wird Sam als jüngstem Familienmitglied klar, dass Bruder und Eltern wohl vor ihm sterben werden, so dass er alleine bleibt. Deshalb trainiert der 10-Jährige eifrig das Alleinsein.

Doch Sam hat nicht mit der quirligen, eigensinnigen Tess (Josephine Arendsen) gerechnet, die zwar ziemlich seltsam ist, aber genau weiß, was sie will: Endlich ihren Vater kennenlernen, von dem ihr ihre Hippie-Mutter (Jennifer Hoffman) nie erzählt hat. Ja, ihr Vater weiß wohl nicht einmal, dass es Tess gibt. Um ihn auf die Insel zu locken, braucht Tess Sams Hilfe — und wer könnte einem so energischen Mädchen wie Tess widerstehen?

Die niederländisch-deutsche Produktion "Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess" basiert auf der gleichnamigen Buchvorlage von Anna Woltz. Der Film, bei dem Laura van Dijk das Drehbuch schrieb und Steven Wouterlood Regie führt, erhielt eine Lobende Erwähnung in der Sektion "Generation Kplus" bei der Berlinale 2019 und gewann den Preis für das "Beste Drehbuch" beim Kinder-Medien-Festival "Goldener Spatz".

Bei der Verleihung des Prädikats "besonders wertvoll" weist die Deutsche Film- und Medienbewertung FBW auf die Kameraarbeit von Sal [mehr]

Text: José García
Foto: Bind /Ostlicht
ZWÖLF GESCHWORENEN, DIE
"Die zwölf Geschworenen" gehört zu den wohl bekanntesten Spielfilmen überhaupt. Das Justizdrama geht auf ein Drehbuch von Reginald Rose (1920-2002) zurück, das er 1954 fürs Fernsehen verfasste. Bekannt wurde das Drama allerdings in seiner Kinofassung von 1957: "12 Angry Men" — so der Originaltitel — wurde von Henry Fonda produziert, der auch die Hauptrolle übernahm. Für Sydney Lumet war der Film sein Spielfilmdebüt als Regisseur. Im Jahre 1963 folgte eine deutsche Fassung — heute würde sie wohl "Remake" heißen — mit Mario Adorf und Siegfried Lowitz unter anderen bekannten Schauspielern. Unter Filmkennern gehen die Meinungen auseinander, welche von den beiden Fassungen die bessere sei.

Mit zunehmender Spannung erzählt der Film von einer aus 12 Geschworenen bestehenden Jury, die sich nach einem Mordprozess über Schuld oder Unschuld des Angeklagten entscheiden und ein Urteil einstimmig fällen muss. Aufgrund von Zeugenaussagen scheint der Fall eindeutig, so dass bei der ersten Abstimmung elf Geschworene für schuldig stimmen. Einer von ihnen aber ist sich jedoch nicht sicher. Nach und nach kann er die anderen Geschworenen überzeugen.

Die Streaming-Plattform Netflix hat nun eine belgische (flämische) Serie mit demselben Titel eingestellt: Bei "Die zwölf Geschworenen" ("De twaalf?) handelt es sich jedoch nicht um ein weiteres Remake, obwohl die Weiterentwicklung [mehr]

Text: José García
Foto: Netflix
THE HATER
"Eine Welle des Hasses" soll Tomek (Maciej Musialowski) für "Best Buzz" entfachen. Sein erster Auftrag für die von Beata Santorska (Agata Kulesza) gegründete Firma besteht darin, wohl für einen Konkurrenten die Internetsendung einer Fitness-Trainerin zum Erliegen zu bringen. Dazu startet Tomek mit Hilfe fiktiver Facebook-Accounts einfach eine Kampagne gegen die junge Frau.

Rufmord im Netz: Wie dieses bekannte Problem mit Hilfe sogenannter "Trolls", falscher Behauptungen und natürlich eines bedeutenden Zeitaufwands funktionieren kann, zeigt der polnische Netflix-Originalfilm "The Hater" von Mateusz Pacewicz (Drehbuch) und Jan Komasa (Regie).

Pacewicz und Komasa verdeutlichen zu Beginn, wie es dazu kam: Tomek wurde von der Uni zwangsexmatrikuliert, nachdem er als Semesterarbeit ein Plagiat vorlegte. Bereits die Szene, in der sich der (noch) Student vor dem Rektor und einer Professorin erklären muss, dann aber seine Bewunderung für die Professorin zum Ausdruck bringt, um von ihr eine Widmung auf dem von ihr verfassten Handbuch zu ergattern, legt meisterhaft einige Züge von Tomeks gerissenem Charakter offen: Dem Zuschauer wird es klar, dass der junge Mann diese Widmung für irgendeine Finte nutzen wird.

Denn sie benutzt er dann, um das wohlhabende Ehepaar Krasucki zu blenden: Zofia (Danuta Stenka) und Robert (Jacek Koman) Krasucki finanzieren Tomeks Studium. Offenbar kannten sie Tomek bereits [mehr]

Text: José García
Foto: Netflix / Jaroslaw Sosinski
EXIL
"Geschlossene Gesellschaft". Xhafer (Misel Maticevic) beschleicht immer mehr der Gedanke, dass er nicht nur aus dem einen Restaurant, sondern auch aus seinem Arbeitsplatz ausgeschlossen wird. Es beginnt eher harmlos: Der Pharmaingenieur wird von der Verlegung einer wichtigen Besprechung in einen anderen Raum nicht benachrichtigt, so dass er zu spät kommt, und sich vor der ganzen Belegschaft blamiert. Als er sich bei seinem Gruppenchef Urs (Rainer Bock) beschwert, misst dieser der Angelegenheit keine Bedeutung bei.

Dabei ist der in Kosovo geborene Xhafer in die deutsche Gesellschaft integriert. Er hat einen guten Job, ist mit der deutschen Nora (Sandra Hüller) verheiratet, hat mit ihr drei Kinder und wohnt im Eigenheim mit Garten. Dennoch: Er fühlt sich schikaniert von seinen Kollegen. Nachdem er an seinem Gartentor eine tote Ratte gefunden hat, interpretiert er jedes Wort und jede Geste seiner Kollegen als Mobbing. Ist dies aber nur eingebildet, wie seine Frau meint, oder geschieht dies wirklich?

Wie seine Hauptfigur wurde auch Drehbuchautor und Regisseur Visar Morina im Kosovo geboren - er kam erst mit 15 Jahren nach Deutschland. Sein Drehbuch zu "Exil" wurde 2018 mit der "Goldenen Lola" des Deutschen Drehbuchpreises für noch nicht verfilmte Werke ausgezeichnet. Der fertige Film feierte seine Premiere auf dem von [mehr]

Text: José García
Foto: Alamode
NICHT TOT ZU KRIEGEN
Die alternde Filmdiva Simone Mankus (Iris Berben) hat schon lange keine Rollen mehr bekommen. Ausgerechnet jetzt, da mit Hilfe ihres Sohnes und Agenten Jonas (Barnaby Metschurat) ihr Comeback als Sängerin feststeht, wird sie von einem Stalker bedroht. Zu ihrem Schutz engagiert sie eine Securityfirma, die ihr den wortkargen, ehemaligen Polizisten Robert Fallner (Murathan Muslu) als Personenschützer zur Seite steht. Obwohl Fallner in Simones Vergangenheit einen Hinweis auf den Stalker findet, scheint die launische Diva wenig Interesse an der Aufklärung zu haben.

Die Adaption des Romans "Nicht tot zu kriegen" von Franz Dobler "Ein Schlag ins Gesicht" ist als Hommage an Iris Berben zu ihrem 70. Geburtstag angelegt. Dabei spielt die Krimihandlung eine untergeordnete Rolle. Interessant sind vielmehr die von Nina Grosse ausgesuchten Ausschnitte aus früheren Filmen mit Iris Berben: Von "Brandstifter" (Klaus Lemke, 1969) bis "Duell in der Nacht" (Matti Geschonneck, 2007).


"Nicht tot zu kriegen", Regie: Nina Grosse, 91 Minuten. In der ZDFmediathek.


Interview mit Drehbuchautorin und Regisseurin Nina Grosse zu "Nicht tot zu kriegen"


"Nicht tot zu kriegen" handelt von einer alternden Schauspielerin, die wie viele ihrer Altersgenossinnen darunter leidet, schon lange keine Rollen mehr bekommen zu haben. Hat die Coronakrise dies noch verschärft?

Bei Schauspielerinnen ist das Alter ein Problem. [mehr]

Text: José García
Foto: ZDF/Alexander Fischerkoesen