Aktuelle Filmkritiken
BRILLANTE MADEMOISELLE NEÏLA, DIE
Der Weg von der Banlieue in die Pariser Innenstadt kann für Menschen mit Migrationshintergrund aus Nordafrika ganz schön weit sein. Neïla Salah (Camélia Jordana) hat ihn jedoch überwunden. Sie erhielt einen Studienplatz an einer renommierten Jura-Universität. Aber schon am ersten Tag kommt sie zu spät, ausgerechnet zur Vorlesung des elitären Rhetorik-Professors Pierre Mazard (Daniel Auteuil). Mazard unterbricht die Vorlesung, um sie zur Rede zu stellen. Weil Neïla nicht auf den Mund gefallen ist, entwickelt sich ein Streitgespräch, in dessen Verlauf sich Mazard zu rassistischen Bemerkungen verleiten lässt. Studenten filmen die Szene, die prompt im Netz landet. Da dies nicht der erste Zwischenfall war, zitiert der Uni-Präsident (Nicolas Vaude) den zynischen Professor vor einen Disziplinarausschuss. Mazard könne den Ausschuss jedoch dadurch gnädig stimmen, dass er Neïla auf einen prestigeträchtigen Rhetorikwettbewerb vorbereitet. Nach einigem Zögern sagt die Studentin auch zu. Die beiden müssen notgedrungen aufeinander zugehen.

Der Ausgangspunkt des Filmes erinnert an die Pygmalion-Legende oder auch an deren moderne Ausprägungen, etwa das gleichnamige Theaterstück von George Bernard Shaw (1913) oder die Musicalverfilmung "My Fair Lady" (George Cukor 1964 mit Audrey Hepburn und Rex Harrison): Mazard verwandelt das vorlaute Vorstadt-Entlein auch äußerlich in einen elegant auftretenden, und alle überzeugenden Schwan. Überzeugen: Darum geht es [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Square One / Universum
PAPST FRANZISKUS - EIN MANN SEINES WORTES
Bereits mit dem Filmtitel "Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes" ("Pope Francis - A Man Of His Word") drückt der deutsche Regisseur Wim Wenders aus, dass er keine kritische Filmbiografie über den Papst drehen wollte. Es gehe ihm eher um "eine persönliche Reise mit dem Papst". Der in Zusammenarbeit mit dem "Centro Televisivo Vaticano" koproduzierte Film zeigt den Papst bei seinen Reisen, aber auch in persönlichen Interviews. Für diese Interviews verwendete Wim Wenders eine besondere Technik, "bei der der Gefragte scheinbar in die Kamera sieht, tatsächlich aber in das Gesicht des Fragestellers. Papst Franziskus hat mir also in die Augen geschaut und ist somit Auge in Auge mit jedem Zuschauer", so der Regisseur in einem Interview. Durch die direkte Ansprache des Zuschauers entsteht einerseits eine große Unmittelbarkeit. Andererseits gehört zu einem Dokumentarfilm eigentlich eine gewisse Distanz zwischen dem Filmemacher und seinem Gegenstand.

Dramaturgisch besteht "Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes" aus zwei Teilen: In der ersten Hälfte dreht sich der Film insbesondere um die Armut in der Welt. Als Rahmenhandlung dient ein "Film im Film" über das Leben von Franz von Assisi. Diese Szenen unterscheiden sich vom Dokumentarfilm nicht nur durch ihren Spielfilmcharakter, sondern auch in filmästhetischer Hinsicht: Das [mehr]

Text: José García
Foto: Universal
TULLY
"Du hältst Dich für eine Versagerin. Dabei hast Du Dir Deinen größten Traum erfüllt", sagt irgendwann einmal die Babysitterin Tully (Mackenzie Davis) zur dauernd gestressten und immer müden Marlo (Charlize Theron) im Spielfilm "Tully". Marlos Traum: Mutter sein. Nun ist sie Mutter zweier kleiner Kinder. Als das Dritte zur Welt kommt, ist sie genauso überglücklich wie ihr Mann Drew (Ron Livingston). Nach einigen Wochen akuten Schlafmangels geht sie aber auf den Vorschlag ihres Bruders Craig (Mark Duplass) ein, für die Nacht ein Kindermädchen zu engagieren. So kann sie endlich die Nacht durchschlafen. Tully erweist sich als großer Segen für die ganze Familie: Sie kümmert sich nicht nur liebevoll um das Baby. Die 26-Jährige, die auch noch jünger wirkt, sorgt außerdem auch für Ordnung im Haus und vor allem dafür, dass Marlo einen Schub Jugendlichkeit bekommt.

Das Drehbuch stammt aus der Feder von Diablo Cody, die vor zehn Jahren mit "Juno" ein sehr ernstes Thema mit größter Ungezwungenheit behandelte. Dies äußert sich ebenfalls in "Tully", etwa im Untertitel des Filmes: "Dieses verdammte Mutterglück". Cody und Regisseur Jason Reitman, der bereits bei "Juno" Regie führte, konzentrieren sich zwar auf das ganz besondere Verhältnis der zwei Frauen zueinander. Anfangs fühlt sich Marlo [mehr]

Text: José García
Foto: dcm
TEMPERATUR DES WILLENS, DIE
"Unser Orden überwindet Krise", zitierte kath.net im November 2014 P. Andreas Schöggl, Ordensprovinzial der Legionäre Christi für Mittel- und Westeuropa. Der Orden war nach Bekanntwerden gravierender moralischer Verfehlungen seines Gründers Marcial Maciel (1920—2008) und Missstände in den Einrichtungen des Ordens in eine schwere Krise geraten. Daraufhin ernannte Papst Benedikt XVI. im Mai 2010 Kardinal De Paolis zu seinem Sonderbeauftragten, der grundlegende Reformen und eine geistliche Erneuerung des Ordens begleiten sollte. 2014 folgte auf De Paolis der Jesuit Gianfranco Ghirlanda als päpstlicher Berater der Ordensgemeinschaft.

Einen Einblick in die jetzige Verfassung der Legionäre Christi liefert der nun im deutschen Kino anlaufende Dokumentarfilm "Die Temperatur des Willens" von Peter Baranowski. Der Regisseur konnte den Alltag seines Bruders Pater Martin Baranowski unmittelbar filmen. Daraus ergibt sich ein unverstellter Blick auf das Leben der Gemeinschaft. Da der Film auf direkte Interviews und auch auf einen Kommentar verzichtet, bleibt allerdings Einiges im Dunkeln, etwa der Unterschied zwischen Freizeitangeboten für Jugendliche und dem Ordensnoviziat, oder wie der Laienzweig — "Regnum Christi" — arbeitet. Dennoch: Der ungefilterte Blick auf die Legionäre Christi trägt zum Verständnis des katholischen Ordens in hohem Maße bei.


Interview mit Regisseur Peter Baranowski

Als Bruder von Pater Martin Baranowski bekamen Sie offenbar eher Zugang zu [mehr]

Text: José García
Foto: eksystent
MEINE TOCHTER - FIGLIA MIA
Die 10-jährige Vittoria (Sara Casu) wächst auf der italienischen Insel Sardinien behütet auf. Insbesondere zu ihrer liebevollen Mutter Tina (Valeria Golino) hat sie ein sehr enges Verhältnis. Am Anfang des Sommers, nach dem nichts mehr sein wird, wie es war, trifft die schüchterne, intelligente Vittoria auf das stadtbekannte Partygirl Angelica (Alba Rohrwacher). Bald folgen andere Begegnungen, und das kleine Mädchen beginnt zu ahnen, dass Angelica ihre wirkliche Mutter sein könnte. Aus finanziellen Gründen will Angelica weg von Sardinien, möchte aber vorher Vittoria treffen. Tina stimmt dem Treffen zu, denn sie hofft, dass die junge Frau für immer aus Vittorias Leben verschwindet. Aber dann verbringen Vittoria und Angelica immer mehr Zeit miteinander - sehr zu Tinas Missfallen.

Der bosnische Kameramann Vladan Radovic fängt nicht nur die flirrende Sommerhitze auf der sonnendurchfluteten Insel ein. Vor allem am Anfang folgt er Angelica mit einer Handkamera, die er nah auf ihren Nacken hält. Dieses, insbesondere aus den Filmen der Dardenne-Brüder bekannte Stilmittel verursacht ein klaustrophobisches Gefühl, das die Lebensverhältnisse Angelicas widerspiegelt. Sie bewegt sich stets zwischen einem hochverschuldeten Hof, der verrauchten und verrufenen Bar und einer Fischfabrik, wo sie sich gelegentlich etwas dazu verdient, und wo Tina und ihr Mann Umberto (Michele Carboni) arbeiten.

Nebenbei schildern [mehr]

Text: José García
Foto: RealFiction
IN DEN GÄNGEN
Christian (Franz Rogowski) heißt der Neue, der zu der Belegschaf eines Supermarkts stößt. Es handelt sich dabei um eine eingeschworene Gemeinschaft von ehemaligen DDR-Bürgern, die nach der Wende ihre Jobs verloren, aber hier nicht nur eine Arbeit, sondern so etwas wie eine Familie gefunden haben. Christian wird vom wortkargen Bruno (Peter Kurth), dem Leiter der Getränkeabteilung, angelernt. Bruno zeigt ihm Tricks und Kniffe, auch und besonders beim Gabelstaplerfahren. Er wird sein väterlicher Freund. Bald entdeckt Christian Marion (Sandra Hüller) von der Süßwaren-Abteilung. Sie treibt ihre kleinen Scherze mit Christian. Hin und wieder trinken sie zusammen Kaffee. Als sich der schüchterne junge Mann in die Kollegin verliebt, fiebert der ganze Großmarkt mit ihm.

Ähnlich den Protagonisten in den Filmen von Aki Kaurismäki, die häufig in Fabriken, einfachen Restaurants oder Einkaufszentren arbeiten, stehen in Thomas Stubers "In den Gängen" Menschen im Mittelpunkt, die einer einfachen Arbeit nachgehen. Von Anfang an, als die Gabelstapler zu Walzerklängen durch die unendlich langen Gänge des Supermarkts fahren, legt der Regisseur großen Wert auf die gut getane Arbeit: Christian lernt, die Regale richtig zu füllen, und irgendwann einmal kommt auch der große Augenblick, wo er in die hohe Kunst des Gabelstaplerfahrens eingeweiht wird. Der Regisseur nimmt sich Zeit, [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Zorro
WOHNE LIEBER UNGEWÖHNLICH
Sophie (Julie Gayet) und Hugo (Lucien Jean-Baptiste), die bereits den gemeinsamen Sohn Gulliver (Sadia Diallo) haben, heiraten. Aber Sophies Sohn aus einer früheren Ehe Bastien (Teilo Azaïs) sieht schon die Trennung kommen, denn er hat schon zu viele Väter kommen und gehen sehen. Nicht nur Sophie hat nach drei Ehen drei Kinder — auch die Väter heiraten wieder. Aus den ganzen Patchwork-Familien hat Bastien sechs Halbgeschwister. Die insgesamt acht Erziehungsberechtigten führen wegen der Tätigkeiten ihrer Stief- und richtigen Kinder eine komplexe Freizeitlogistik. Dies bedeutet aber, dass die Kinder immer unterwegs sind. Bis Bastien auf eine revolutionäre Idee kommt: Gemeinsam besetzen sie eine große Wohnung. Die Eltern müssen nun ihren Lebensmittelpunkt verschieben, denn die Kinder wollen endlich ein Zuhause haben.

"Wohne lieber ungewöhnlich" verweist auf komödiantische Art auf die Schattenseiten moderner Patchwork-Familien: Die Kinder werden nicht nur durch ganz Paris hin- und hergefahren. Was eine Familie ist, kennen sie kaum. Denn sie haben nur auseinandergegangene und irgendwie wieder zusammengesetzte "Familien" erfahren. Gabriel Julien-Laferrière erzählt seine mit viel Humor gespickte Geschichte aus der Sicht der Kinder. Anders als die meisten Familienfilme stehen deshalb die Erwachsenen eher im Hintergrund. Dennoch wird es immer wieder deutlich, dass ihre hedonistische Suche nach Selbstverwirklichung eigentlich zu Lasten [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Neue Visionen
SYMPATHISANTEN - UNSER DEUTSCHER HERBST
"Es war schon schick, zu sympathisieren." Diese Aussage von Marius Müller-Westernhagen im Dokumentarfilm "Sympathisanten - Unser Deutscher Herbst" von Felix Moeller spiegelt die Haltung etlicher Intellektueller wider, die zwar den RAF-Terror nicht tatkräftig unterstützten, aber die Aktivisten mit einem gewissen Wohlwollen betrachteten. Der Schauspieler Christof Wackernagel sagt im Film dazu: "Sympathisanten waren die intellektuell Unterstützenden. Unterstützer waren die, die konkrete Sachen gemacht haben."

Der Begriff, der in den 1970er und 1980er Jahren im Zusammenhang mit der RAF von Behörden und Politikern benutzt wurde, gilt dem Historiker und Dokumentarfilmer Felix Moeller als roter Faden, um vierzig Jahre danach die Stimmung unter Intellektuellen während des "Deutschen Herbstes" zu analysieren. An den Anfang seines Filmes stellt Moeller eine Ansprache des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, in dem er von der "moralischen Ernüchterung auch der letzten Sympathisanten" spricht. Die Rede gipfelt in der Äußerung: "Sympathisanten sollen wissen, dass sie Mörder sind."

Wie es zu dieser Umdeutung eines an sich positiv geladenen Begriffs kam, erklärte bereits "Der Spiegel" Anfang November 1977 in seiner Serie über "Sympathisanten und sogenannte Sympathisanten" folgendermaßen: "Wahrscheinlich wäre das Wort nie zu so inkriminierend-schillernder Bedeutungsfülle gekommen, wenn in der Anfangsphase, zu Beginn der siebziger Jahre, die Sympathisanten es bei schierer Sympathie hätten bewenden lassen, [mehr]

Text: José García
Foto: NFP
NACH EINER WAHREN GESCHICHTE
Mit "Nach einer wahren Geschichte" verfilmt der inzwischen 85-jährige Roman Polanski den autobiographisch gefärbten, gleichnamigen Roman der französischen Autorin Delphine de Vigan: Die Pariser Autorin Delphine (Emmanuelle Seigner) tourt durch Frankreich, um ihren Roman über ihre Mutter zu promoten, der vor allem bei Frauen sehr gut ankommt. Plötzlich steht vor ihr eine schöne junge Frau, Elle (Eva Green). Es kommt zu weiteren Begegnungen ? Elle übernimmt immer mehr Aufgaben für Delphine, die an einer Schreibblockade leidet. Das kommt der Schriftstellerin ziemlich recht, da ihr Lebensgefährte, der bekannte Fernsehjournalist François (Vincent Perez), zu einer längeren USA-Reise aufbrechen muss, um mehrere Autoren zu interviewen. Elle überredet Delphine dazu, dass sich beide in das Landhaus der Schriftstellerin zurückziehen. Dort erkrankt Delphine, deren Gesundheitszustand sich zusehends verschlechtert, obwohl sie anscheinend von Elle liebevoll gepflegt wird.

Autofiktion nannte eine Rezensentin Delphine de Vigans Roman, denn er bewegt sich zwischen dem Erlebten und dem Imaginierten. Dadurch kreist "Nach einer wahren Geschichte" im Grunde um die Frage nach der eigentlichen Arbeit eines Autors, nach dessen Inspirationsquelle. Sowohl die Bildsprache als auch die Dramaturgie entsprechen den Gepflogenheiten eines Thrillers. Die einen Tick zu aufdringliche Filmmusik von Alexandre Desplat unterstützt diesen Charakter noch. Die beiden Protagonisten verleihen ihren Figuren die [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Studiocanal
ISLE OF DOGS - ATARIS REISE
Japan, 20 Jahre in der Zukunft. In der fiktiven Stadt Megasaki gibt es einfach zu viele Hunde. Als auch noch eine Hundegrippe dazu kommt, lässt Bürgermeister Kobayashi alle Hunde auf eine entfernte Insel bringen, die "Isle of Dogs", die allerdings die Müllkippe der Stadt ist. Als ersten Hund schickt Kobayashi Spots, den Wachhund seines Adoptivkinds Atari, in die Verbannung. Aber der 12-jährige Atari ist ein genialer Erfinder, und so schafft er es auf die Insel zu kommen, um Spots zu suchen. Zum Glück erhält Atari bei seiner abenteuerlichen Suchaktion auf der Insel der Hunde Unterstützung von Rex, King, Duke, Boss und Chief, die zwar kein Japanisch sprechen, aber trotzdem beschließen, dem Jungen zu helfen. Atari bekommt aber auch Hilfe von einer amerikanischen Schülerin, die sich einfach in den Jungen "verguckt" hat.

Wes Anderson setzt nach "Der fantastische Mr. Fox" erneut die Stop-Motion-Technik ein. Wieder einmal wird die Handschrift des Regisseurs an den leicht abgehakten Bewegungen sowie an der mimischen Ausdrucksstärke erkennbar. Allerdings ist die Technik fließender geworden. Dabei verwendet Anderson aber auch comic-typische Elemente, etwa Staubwirbel, wenn es zu Rudelkämpfen kommt. In "Isle of Dogs" sprechen die Hunde Deutsch (im Original Englisch), die Menschen hingegen japanisch. Der Regisseur lässt [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Fox