Aktuelle Filmkritiken
LEANDERS LETZTE REISE
Der störrische, 92-jährige Eduard Leander (Jürgen Prochnow) hat im Frühling 2014 seine Frau verloren. Seine Tochter Uli (Suzanne von Borsody) und seine Enkelin Adele (Petra Schmidt-Schaller) hatten zwar kaum noch Kontakt zu ihm. Nun wollen sie sich aber um den grantigen alten Mann kümmern. Eduard selbst hat nur eins im Sinn: Eine letzte Reise in die Ukraine antreten. Die Tochter kann sich zwar keinen Reim darauf machen, was ihr Vater dort will. Aber Uli will es auf jeden Fall verhindern, zumal sich die Ukraine nach der Besetzung der Krim im März 2014 durch Russland in einem offenen Kriegszustand befindet. Deshalb bittet sie Adele, den Großvater am Bahnhof abzupassen und ihn zur Vernunft zu bringen. Daran scheitert sie zwar, aber dann entscheidet die junge Frau, ihren Opa zu begleiten. In Frankfurt/Oder steigt Lew (Tambet Tuisk) in den Zug ein. Der Ukrainer mit russischen Wurzeln jobbt in Deutschland, und fährt nun ebenfalls nach Kiew. Zu Adeles Erstaunen versteht sich ihr verschlossener Opa auf Anhieb mit dem jungen Mann. Bald begreift sie auch warum: Lew erinnert Eduard an die Kosaken, an deren Seite er im Zweiten Weltkrieg zusammen kämpfte. Nach und nach versteht Adele auch, was ihren Opa antreibt: Er ist auf der [mehr]

Text: José García
Foto: Tobis
AMELIE RENNT
Die 13-jährige Amelie (Mia Kasalo) lebt gerne in Berlin, ja sie ist eine typische Großstadtgöre. Trotz ihres Asthmas lässt sie sich von niemanden etwas sagen, schon gar nicht von ihren Eltern (Susanne Bormann, Denis Moschitto). Nach einem lebensbedrohlichen Asthmaanfall ziehen die Eltern jedoch die Reißleine. Sie bringen das Mädchen in eine spezielle Asthma-Klinik nach Südtirol. Mit den anderen Klinikpatienten will Amelie nichts zu tun haben. Dafür lernt sie bald den geheimnisvollen 15-jährigen Kuhhirten mit dem sonderbaren Namen Bart kennen. Nachdem die beiden ungleichen Freunde in einen Streit geraten und Amelie sich von der Klinikleiterin Dr. Murtsakis (Jasmin Tabatabai) unfair behandelt fühlt, flüchtet sie dorthin, wo sie garantiert niemand vermutet: bergauf. Sie will es allen beweisen, und den höchsten Berg erklimmen. Bald gerät sie in Schwierigkeiten. Gut, dass Bart plötzlich auftaucht. Zusammen erleben sie ein Abenteuer vor der wunderschönen Alpenkulisse der Dolomiten. Nach einem Drehbuch von Natja Brunckhorst inszeniert Tobias Wiemann eine Freundschaft zwischen zwei Jugendlichen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten. Mia Kasalo gestaltet großartig die Widerspenstigkeit einer Pubertierenden, die ihre Krankheit nicht akzeptieren kann, weil sie sich keine Blöße geben will. Samuel Girardi verkörpert einen "Herdenmanager", der der frechen, ja manchmal aggressiven Amelie nicht nur verbal [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Martin Rattini
KÖNIG VON BERLIN, DER
Kaum in Berlin angekommen, wo er eigentlich an einer Fortbildung teilnehmen möchte, sieht sich der junge, ehrgeizige Cloppenburger Kommissar Carsten Lanner (Florian Lukas) in einen Mordfall verwickelt: Der Inhaber einer renommierten Firma für Schädlingsbekämpfung Erwin Machalik (Carl Heinz Choynski) wird tot aufgefunden. Für Kriminalhauptkommissar Kolbe (Max Hopp) steht es von vorne herein fest: Das war Selbstmord! Obwohl alle Indizien am Tatort auch dafür sprechen, wittert Lanner Mord. Aber Kolbe lässt den "Becloppenburger" auflaufen. Allerdings kann Lanner auf die lokale Kollegin Carola Rimschow (Anna Fischer) zählen, der offensichtlich der Filz in der Berliner Polizei zum Halse raushängt. Viel Zeit bleibt den beiden zur Mordaufklärung nicht. Denn Machalik hatte vor seinem Ableben eine ungeheure Rattenplage in Berlin angekündigt. Bürgermeister Koppelberg (Uwe Preuss) ist verzweifelt. Machaliks feiste Söhne Max (Rüdiger Klink) und Helmuth (Daniel Zillmann) übernehmen zwar die Firma, aber mit der Plage sind sie überfordert. Helfen könnte eher der Kammerjäger Toni Matthes (Marc Hosemann), der Sohn von Machaliks Chefsekretärin Claire Matthes (Monika Hansen). Offenbar hat die Rattenplage mit einer mysteriösen Organisation MaMMa zu tun.

Die Krimihandlung stellt sich bald als bloßes Vehikel für eine beschwingt-amüsante Krimikomödie heraus. "Der König von Berlin" könnte auch als Milieustudie über den Filz in einer wunderbar vielseitigen, aber [mehr]

Text: José García
Foto: robb
LOGAN LUCKY
Steven Soderbergh gehört zu den vielseitigsten amerikanischen Filmregisseuren überhaupt. Nachdem der 1963 in Atlanta geborene Filmemacher 2001 den Oscar in der Kategorie "Beste Regie" für den komplexen Drogen-Thriller "Traffic - Macht des Kartells" gewonnen hatte, und in derselben Kategorie für die Filmbiografie der Umweltaktivistin "Erin Brockovich" nominiert worden war, belebte Soderbergh mit der "Ocean´s"-Trilogie ("Oceans´s Eleven", 2001, "Ocean´s 12", 2004 und "Ocean´s 13", 2007) das Genre des sogenannten "Heist"- oder Raubüberfallsfilms neu. Vor nunmehr vier Jahren drehte Soderbergh seinen letzten Kinofilm, den Psychothriller "Side Effects - Tödliche Nebenwirkungen", um dann seinen Rückzug aus der Filmszene zu verkünden. Soderbergh konzentrierte sich danach aufs Fernsehen. Nach vier Jahren kehrt der amerikanische Regisseur doch noch zum Kino zurück. Mit seinem aktuellen Film für die große Leinwand knüpft er wenigstens äußerlich an die "Ocean´s"-Trilogie an: "Logan Lucky" erzählt die Geschichte eines dank eines ausgeklügelten Plans durchgeführten Raubzugs. Schauplatz ist kein Casino, sondern ein Autorennen. Aber um ähnlich viel Geld geht es beim unterirdischen Raubüberfall allemal.

Steven Soderbergh und seine Drehbuchautorin Rebecca Blunt führen ganz klassisch die Hauptfiguren ein, nachdem ein Straßenschild West Virginia als Handlungsort angibt. Die Brüder Logan scheinen vom Pech verfolgt zu werden: Jimmy Logan (Channing Tatum) verliert seine Arbeit auf [mehr]

Text: José García
Foto: Studiocanal
RADIANCE
Mit "Kirschblüten und rote Bohnen" gelang voriges Jahr der japanischen Regisseurin Naomi Kawase ein wunderbar poetischer, leicht melancholischer Film über eine Freundschaft über drei Generationen hinweg. Nun startet im Kino ihr aktueller Spielfilm "Radiance" ("Hikari"), der im Mai 2017 auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes Premiere feierte.

Eine Film-Testvorführung, an der Menschen mit Sehbehinderungen teilnehmen. Dazu kommen ein paar Mitglieder der Firma, die Audiodeskriptionen für Filme herstellt. Getestet werden die von der jungen Misako (Ayame Misaki) hergestellten und vorgetragenen Schilderungen. Dadurch sollen Menschen, die die Bilder ja nicht sehen können, dennoch den Film verstehen. Nach der Vorführung einiger Szenen wird gestoppt, damit die Teilnehmer Gelegenheit zu Verbesserungsvorschlägen bekommen. Die meisten äußern vorsichtige Kritik: "Wäre es nicht besser zu sagen, dass die Frau dunkle Haare hat — nicht schwarze?" Nur der etwas ältere Nakamori (Nagase Masatoshi), ein berühmter Fotograf, der aufgrund einer degenerativen Erkrankung langsam das Augenlicht verliert, reagiert besonders kritisch und in harschem Ton. Ihm sind die Erklärungen viel zu wortreich, sie ließen keinen Platz für die eigene Deutung.

Tief getroffen von Nakamoris Worten, macht sich Misako an eine neue Fassung der Audiodeskription heran. Von ihrer Supervisorin Tomoko (Misuzu Kanno) bekommt sie einen Bildband mit Nakamoris fast entrückten Fotografien geschenkt. [mehr]

Text: José García
Foto: Concorde
LÖWENMÄDCHEN, DAS
Eine verschneite norwegische Kleinstadt. Es ist Winter 1912, als Ruth (Lisa Loven Kongsil), die Frau des Bahnhofsvorstehers Gustav Arctander (Rolf Lassgard), ein Mädchen zur Welt bringt. Ruth stirbt bei der Geburt. Beim Anblick des Kindes ruft der Arzt aus: "So etwas habe ich noch nie gesehen". Eva, wie sie ihr Vater nennt, ist wegen eines Gendefekts von einem Pelz blonder Haaren am ganzen Körper bedeckt: "Das ist kein Kind, das ist ein Monster", schreit Arctander. Daher der Titel des norwegisch-deutschen Spielfilmes "Das Löwenmädchen" ("Lovekvinnen"), der auf dem gleichnamigen Roman von Erik Fosnes Hansen (2006) basiert. Das Drehbuch stammt von Vibeke Idsoe, die auch Regie führt.

"Das Löwenmädchen" erzählt chronologisch aus dem Leben eines Mädchens beziehungsweise einer jungen Frau, die der Wissenschaft Rätsel aufgibt. Selbst der Spezialist aus der Hauptstadt weiß keinen Ausweg, um das "Fell" von Evas Körper zu entfernen, sehr zum Leidwesen ihres Vaters. Verstoßen möchte er zwar seine Tochter nicht, aber er verbietet ihr jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Eva wächst also isoliert, aber von dem patenten Kindermädchen Hannah (Kjersti Tveteras) umsorgt, auf. Als Siebenjährige hat sich Eva (Aurora Lindseth Lokka) ihre eigene Welt erschaffen. Sie befreundet sich mit dem Bahnhofsangestellten "Funken" (Rolf Kristian Larsen), der ihr das Morsen beibringt, [mehr]

Text: José García
Foto: NFP
STORY OF BERLIN - DREHARBEITEN
Ein enger Tunnel in einem Keller. Durch diesen Tunnel müssen Kleo (Marleen Lohse) und Paul (Jeremy Mockridge) auf ihrer fantastischen Schatzsuche durch. Die Szene gehört zu dem Spielfilm "Story of Berlin", der zurzeit an 43 Drehtagen unter der Regie von Erik Schmitt in und um Berlin entsteht.

Im Mittelpunkt steht die abenteuerlustige, aber einsame Kleo. Sie lebt zurückgezogen, seitdem ihr Vater auf der Suche nach einer magischen Uhr bei einem tragischen Unfall starb. Aber Kleo hat eine besondere Gabe: Die Seele Berlins spricht zu ihr in Gestalt berühmter Berliner Persönlichkeiten. Als der Abenteurer Paul mit einer geheimnisvollen Schatzkarte zur magischen Uhr in ihr Leben eintritt, wittert Kleo die Chance, mithilfe der Uhr die Zeit zurückzudrehen, und den Unfall ungeschehen zu machen. Die Schatzsuche beginnt, bei der die Gebrüder Sass, die berüchtigten Meisterdiebe der zwanziger Jahre, eine bedeutende Rolle spielen. Kleo muss sich entscheiden: Die Geschichte neu zu schreiben, oder aber ihrem Glück eine Chance zu geben. Der Film verknüpft die drei Erzählstränge Schatzsuche, Liebesgeschichte und Berlins Geschichte zu einer Reise in die Vergangenheit, in die magische Seele von Berlin. "Story of Berlin" wird voraussichtlich Ostern 2018 im Kino starten.


Interview mit Regisseur Erik Schmitt und Hauptdarstellerin Marleen Lohse anlässlich der Dreharbeiten zu [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Sandy Kolbuch
THE CIRCLE
Vor etwa drei Jahren stand der Roman "Der Circle" von Dave Eggers wochenlang auf Platz eins der "Spiegel"-Bestseller-Liste. "The Circle" heißt ein Internet-Konzern, der als eine Art Zusammenschluss von Google, Apple, Facebook, Twitter und YouTube für absolute Transparenz eintritt: "Wenn du Circle-Tools benutzen wolltest, und es waren die besten Tools, die dominantesten und omnipräsent und gratis, musstest du das als du selbst tun, als dein wahres Selbst, als dein TruYou. Die Ära der falschen Identitäten, des Identitätsdiebstahls, der mehrfachen Benutzernamen, komplizierten Passwörter und Zahlungssysteme war vorüber. Jedes Mal, wenn du irgendwas sehen, irgendwas benutzen, irgendwas kommentieren oder irgendwas kaufen wolltest, genügte ein Button, ein Konto, alles war miteinander verknüpft und rückverfolgbar und simpel, und alles funktionierte per Handy oder Laptop, Tablet oder Netzhaut."

Das Credo dieser omnipräsenten Firma namens "Circle": Wenn die Menschen keine Geheimnisse mehr haben, wenn sie alles miteinander teilen, wird es keine Verbrechen mehr geben. Dafür bleibt alles, was gesprochen, geschrieben und fotografiert wird, in der "Cloud": "Wir löschen nicht." Das Unternehmensprinzip "Teilen ist Heilen" bedeutet aber auch, dass das Private verschwindet, dass das Individuum nur noch Teil einer Gemeinschaft ist, die sich immer mehr ausbreitet. Damit bietet Dave Eggers die dystopische Vision einer mit totalitärem Gehabe in [mehr]

Text: José Garcia
Foto: universum
HAUS OHNE DACH
Als Kinder standen sich die kurdischen Geschwister Liya, Alan und Jan offenbar sehr nah. Eine Art Prolog verdeutlicht es, als sie beim Fotografen allerlei Possen reißen. Zwar scheinen sie eine unbeschwerte Kindheit zu erleben, aber der bewaffnete Vater im Hintergrund weist bereits auf die Tragödie hin.

Eine Radiomeldung verkündet vor schwarzer Leinwand die Bombardierungen kurdischer Dörfer durch das Regime Saddam Husseins. Vor der sogenannten "Anfal-Operation" flüchten die Kurden. Nach diesem Prolog macht "Haus ohne Dach", der Abschlussfilm von Soleen Yusef an der Filmakademie Baden-Württemberg, mit dem sie den deutschen Nachwuchsfilmpreis "First Steps Award" gewann, einen Zeitsprung. Bilder des Sturzes eines Standbilds von Saddam Hussein laufen in einem deutschen Wohnzimmer im Fernsehen. Die etwa fünfzehn Jahre, die zwischen der Anfal-Operation 1988 und dem Sturz Saddam Husseins 2003 liegen, haben die Mutter Gule (Wedad Sabri) und die drei Geschwister in Deutschland verbracht, nachdem der Vater im Krieg fiel.

Nun möchte die Mutter unbedingt in die Heimat zurück. Bei den Geschwistern löst dieser Entschluss unterschiedliche Reaktionen aus: Liya (Mina Özlem Sagdic) und Alan (Murat Seven) wollen unter gar keinen Umständen zurück. Nur Jan (Sasun Sayan), der offensichtlich der Mutter am nächsten steht, kehrt zusammen mit ihr ins kurdische Autonomiegebiet im Nordirak zurück. Die wenigen Szenen [mehr]

Text: José Garcia
Foto: missingFilms
ALS PAUL ÜBER DAS MEER KAM
Paul Nkamani hat sich aus seiner Heimat Kamerun durch die Sahara bis an die Küste Marokkos durchgeschlagen. In den Wäldern bei Nador in der Nähe des Zauns vor der spanischen Exklave Melilla, der Afrika von Europa trennt, lernt ihn der Filmemacher Jakob Preuss kennen. Paul schafft es auf ein Schlauchboot, das ihn aufs europäische Festland bringt. Die Hälfte seiner Mitreisenden stirbt auf der Überfahrt, Paul überlebt. Der Regisseur sieht die Bilder mit einem entkräfteten und zitternden Paul im Fernsehen. Daraufhin begibt sich Preuss auf die Suche nach Paul, und findet ihn endlich in einem spanischen Rot-Kreuz-Heim wieder. Als der junge Kameruner aufgrund der Wirtschaftskrise in Spanien beschließt, nach Deutschland zu reisen, steht Jakob vor einer wichtigen Entscheidung: Soll er Paul aktiv unterstützen, oder in der Rolle des beobachtenden Filmemachers bleiben?

"Als Paul über das Meer kam — Tagebuch einer Begegnung" erzählt eine ganz persönliche Geschichte, in der nicht nur Pauls Weg von Afrika nach Europa, sondern auch die Suche des Regisseurs nach der ihm angemessenen Rolle im Mittelpunkt steht. Der Dokumentarfilm beleuchtet anhand eines bewegenden Einzelschicksals die verschiedenen Seiten der Migrationsdebatte. Denn der Film zeigt nicht nur die Ursachen der Migration und das Leben der Menschen auf dem teilweise sehr langen [mehr]

Text: José García
Foto: Weidemann Bros.