Aktuelle Filmkritiken
VICE - DER ZWEITE MANN
"Woran glauben wir?" fragt Dick Cheney (Christian Bale), frischgebackener Praktikant im Weißen Haus, seinen Mentor Donald Rumsfeld (Steve Carell), woraufhin dieser einfach in Gelächter ausbricht. Mit dieser plakativen Szene zeichnet Drehbuchautor und Regisseur Adam McKay in seinem Spielfilm "Vice - Der zweite Mann" nicht nur seine Hauptfigur, den späteren Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, sondern auch den nachmaligen Verteidigungsminister als skrupellose Politiker, für die nur die Macht zählt.

Adam McKay hält in keinem Augenblick mit seiner Meinung hinterm Berg. Eine kurze Szene im Jahre 1963, die später als Rückblende etwas erweitert wird, zeigt Dick Cheney als "Taugenichts" oder "faule Sau". Erst der Ehrgeiz seiner Frau Lynne (Amy Adams) macht aus ihm einen Politiker, der "das Leben von Millionen Menschen veränderte."

Drehbuchautor und Regisseur Adam McKay setzt alle möglichen visuellen und erzählerischen Mittel ein - von Dokumentaraufnahmen über Split Screen (Leinwandaufteilung), Shakespeare-Zitate und einen Off-Erzähler, dessen Zusammenhang mit Cheney sich erst gegen Ende des Filmes erschließt, bis zu einem "Fake"-Ende mitten im Film.

Allerdings schlägt McKay mehrfach über die Stränge: Manch ein Einfall wirkt einfach albern, die Überzeichnung etwa des Präsidenten George W. Bush (Sam Rockwell) kippt ins Karikaturhafte um. An manchen Stellen konterkariert die triumphalistische Musik die Aussage des Filmes, die sich in [mehr]

Text: José Garcia
Foto: universum
BERLINALE 2019 - SCHLUSSBERICHT
Am Wochenende ging nicht nur die 69. Berlinale, sondern auch eine Ära zu Ende. Dieter Kosslick verlässt die Internationalen Filmfestspiele nach 18 Jahren, die er mit einer ganzen Reihe neuer Sektionen erweiterte. Als Publikumsfestival wurde die Berlinale zu einem Massenphänomen mit zuletzt mehr als 400 000 verkauften Eintrittskarten. In der Kosslick-Ära wurde die Berlinale aber auch immer mehr zu einem filmischen Schaufenster des politisch Korrekten (siehe Berlinale 2019 - Vorschau). In der Programm-Pressekonferenz feuerte der ausscheidende Berlinale-Direktor beispielsweise eine volle Breitseite auf die Kirche ("nicht nur die katholische, auch die evangelische") ab, als er den Spielfilm "Grâce a Dieu" vorstellte. Aber auch die US-amerikanische Administration und insbesondere Donald Trump wurde genauso wie die AfD und die israelische Regierung von Benjamin Netanjau Ziel der Angriffslust Dieter Kosslicks. Im gleichen Atemzug lobte er die "Diversität" der Berlinale-Filme - insbesondere die Vielfalt der sexuellen Orientierung - was insbesondere für die "Panorama"-Sektion zutraf.

Im Wettbewerb war diese Thematik zwar durch den Spielfilm "Elisa y Marcela" der spanischen Regisseurin Isabel Coixet vertreten, der basierend auf wahren Tatsachen von der Liebesgeschichte zweier Frauen im Spanien des beginnenden 20. Jahrhunderts erzählt. Eine Beziehung, die von der Regisseurin ausgiebig in allzu expliziten Bildern dargestellt wird.

Für viel Gesprächsstoff [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Berlinale
WALPURGISNACHT - DIE MÄDCHEN UND DER TOD
Ein Dorf im Harz in der ehemaligen DDR, 1988: Eine junge Frau aus Westdeutschland stirbt, als sie von einer Klippe stürzt. Polizist Karl Albers (Ronald Zehrfeld) zweifelt an einem Unfall. Gegen alle Gewohnheit kreuzt er im Protokoll "ungeklärte Todesursache" an und sendet es in den Westen. LKA-Ermittlerin Nadja Paulitz (Silke Bodenbender) wird deshalb in den Osten entsandt. Begegnen Karl und sein Vorgesetzter Hauptmann Wieditz (Jörg Schüttauf) Nadja zunächst sachlich, so setzt Kreisleiter Egon Pölz (Godehard Giese) alles daran, den Fall rasch abzuschließen. Als eine zweite junge Frau ermordet wird, lenkt Pölz den Verdacht auf Jörg Spengler (Adam Venhaus), einen zurückgeblieben wirkenden Außenseiter. Nadja Paulitz bekommt jedoch immer mehr Zweifel daran, dass Spengler der Mörder sein soll. Zusammen mit Karl Albers will sie keine einfachen Lösungen, sondern den Mörder finden.

Der Zweiteiler "Walpurgisnacht - Die Mädchen und der Tod" spielt auf drei verschiedenen Ebenen: Zunächst einmal geht es dabei um die Lösung des Kriminalfalls. Mit dem Fortgang der Handlung wird aber immer deutlicher, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen eine zentrale Rolle spielen. Denn sowohl Nadja als auch Karl haben mit Problemen zu tun: Nadja muss noch ein Trauma aufarbeiten, und Karl schlägt sich mit seinen Eheproblemen herum. Im Hintergrund dieser Genre-Elemente steht [mehr]

Text: José Garcia
Foto: ZDF / Julie Vrabelova
CLUB DER ROTEN BÄNDER - WIE ALLES BEGANN
Im Jahre 2010 verfilmte Michael Schaerer mit Stationspiraten den spanischen Film "Planta 4ª" (Antonio Mercero, 2003) neu, der wiederum auf einem teilweise autobiografischen Theaterstück von Albert Espinosa basiert. Im Mittelpunkt standen fünf krebskranke Jugendliche, die im Krankenhaus auf unterschiedliche Weise mit dem Schicksalsschlag umzugehen versuchen. Von 2015 bis 2017 produzierte der Privatsender "Vox" die Serie "Club der roten Bänder", die mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, und sich großer Beliebtheit erfreute. Die an Krebs erkrankten Jugendlichen Leo (Tim Oliver Schultz), Emma (Luise Befort), Jonas (Damian Hardung), Alex (Timur Bartels), Toni (Ivo Kortlang) und Hugo (Nick Julius Schuck) bildeten über drei Staffel eine "Krankenhaus-Gang".

Der Kinospielfilm "Club der roten Bänder - Wie alles begann" erzählt nun teilweise parallel, wie die Jugendlichen ins Kölner "Albertus-Krankenhaus" kamen - Hugo lag schon eine Weile dort im Koma. Ein besonderes Augenmerk liegt auf Leo. Dies aber nicht nur deshalb, weil er der späteren "Anführer" sein sollte und offenkundig auch der "Alter Ego" von Albert Espinosa ist, sondern auch deswegen, weil die Beziehung zu seinem Mitbewohner Benni (Jürgen Vogel) eine zentrale Rolle spielt, damit Leo in der Situation Kraft und Hoffnung schöpft.

Auch wenn die Kenntnis der Vox-Serie von Nutzen ist, kann "Club der roten Bänder [mehr]

Text: José Garcia
Foto: universum
WEIGHTLESS
Der introvertierte Joel (Alessandro Nivola) arbeitet auf der Müllhalde in Fulton County, einem Kaff in Georgia. In seinem Leben passiert nicht viel, bis seine Ex-Frau spurlos verschwindet. Plötzlich muss sich Joel um den gemeinsamen Sohn Will (Eli Haley) kümmern, den er vorher noch nie gesehen hat. Der 10-Jährige ist nicht nur übergewichtig. Aufgrund eines Traumas spricht er darüber hinaus kein Wort. Will wirkt noch introvertierter als sein Vater. Nur das Nachbarsmädchen Carla (Phoebe Young) scheint einen Zugang zu ihm zu finden. Als aber Joel beginnt, sich auf seine Vaterrolle einzulassen, schreitet das Jugendamt ein. Denn Joels Arzt Dr. McLeod (K. Todd Freeman) spricht sich gegen die Kindesbetreuung durch Joel aus, weshalb Will in einer Pflegefamilie untergebracht werden soll.

Die entsättigten Farben des Kameramanns Darren Lew spiegeln die schwierige Annährung zwischen Vater und Sohn wider. Regisseur Jaron Albertin führt dazu aus, warum für Joel die neue Vaterrolle so problematisch erscheint: "Als Will auftaucht, sieht Joel ihn als seine unliebsame Vergangenheit, mit der er jede Konfrontation vermeidet." Will vermisst seine Mutter schmerzlich. Allerdings bleibt ihm von ihr lediglich eine DVD mit den Überwachungsbildern, auf denen sie zuletzt gesehen wurde. "Er ist eine mysteriöse Verbindung zur Zerbrechlichkeit des Lebens", so Regisseur Albertin weiter. Außer [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Kinostar
BERLINALE 2019 - VORSCHAU
Am Donnerstag, den 7. Februar werden die 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin eröffnet. Von den etwa 400 Filmen, die im Rahmen der Berlinale gezeigt werden, nehmen ganze 23 am offiziellen "Wettbewerb" teil. Die meisten Filme werden in inzwischen 13 weiteren Reihen gezeigt.

Laut der "Berlinale"-Homepage gehöre "die Auseinandersetzung mit der Vielstimmigkeit und Vielfalt der Gesellschaft" zu ihrem Selbstverständnis. In Zeiten von #MeToo sowie "Diversität und Teilhabe" sei "die Dringlichkeit der Thematik auch in der Filmbranche angekommen". Wie sich die Berlinale dem Zeitgeist anpasst, erklärt "Panorama"-Sektionsleiterin Paz Lázaro genauer: "Das ,Panorama´ spürt Stimmungen und Entwicklungen im gegenwärtigen internationalen Kino auf und hat den Finger am Puls der Zeit - ästhetisch, formal und politisch. Hier findet man Filme, die etwas mitzuteilen haben, Filme für ein großes und neugieriges Publikum und Filme, die Reibungsfläche bieten und für Diskussionsstoff sorgen." In etwa der Hälfte der Panorama-Filme heißt dies konkret: Die LGBTQ (Englisch für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Queer)-Agenda widerzuspiegeln, beispielsweise in dem guatemaltekischen Film "Temblores", der von einem Jungen namens Pablo handelt, der sich in Francisco verliebt. Pablo verlässt seine "strenggläubige, evangelikale Familie". Diese aber "stellt Glaube und Familie über alles und hält an der Vorstellung fest, Pablo heilen zu können".

Dass aber in der Wirklichkeit die [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Berlinale
LOTTE AM BAUHAUS
Weimar, 12. April 1919: Aus der Vereinigung der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für Bildende Kunst und der Kunstgewerbeschule entsteht unter der Leitung von Walter Gropius das Staatliche Bauhaus in Weimar. Aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums stellt die ARD einen "Themenabend" zusammen, zu dem der Spielfilm "Lotte am Bauhaus" und eine anschließende Dokumentation "Die Bauhausfrauen" gehören. Dass im Mittelpunkt Bauhaus-Frauen und nicht etwa die bekannten Bauhaus-Lehrer Gropius, Mies van der Rohe, Johannes Itten, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Oskar Schlemmer oder Lyonel Feiniger stehen, begründet MDR-Intendantin Karola Wille mit der Erklärung des Bauhaus-Direktors selbst, "keine Unterschiede zwischen dem schönen und starken Geschlecht" machen zu wollen. Deshalb soll mit dem Film "Lotte am Bauhaus" an "all die hochbegabten und mutigen Frauen" erinnert werden, die sich "in der von Männern dominierten Kunstwelt behaupteten".

Auch wenn zu den Bauhaus-Schülern etwa auch der spätere Benediktiner in der Abtei Maria Laach Theodor Bogler gehörte, wurde das Bauhaus vielfach als eine Domäne der Linken angesehen. Was sagten die Menschen über das Bauhaus, fragt Paul Seligmann (Noah Saavedra) die zwanzigjährige Lotte Brendel (Alicia von Rittberg), als die junge Frau Interesse bekundet, sich in die berühmte Kunstschule einschreiben lassen zu wollen: "Dass ihr Kommunisten seid, und es nicht so genau mit den Sitten [mehr]

Text: José Garcia
Foto: ARD
CHAOS IM NETZ
Seit die Animationsschmiede Pixar mit "Toy Story 2" (1999) und vor allem mit Toy Story 3 unter Beweis stellte, dass Fortsetzungen genauso gut wie die "Originale" sein, ja diese sogar übertreffen können, kommt es zu einer regelrechten "Sequel"-Flut auch im Animationsfilm. Nun startet im Kino die Fortsetzung von Ralph reichts "Chaos im Netz" ("Ralph Breaks the Internet"). Ähnlich den Protagonisten von "Toy Story" werden auch die Charaktere in den "Ralph"-Filmen lebendig, sobald die Videohalle schließt.

Blieben Ralph und seine neue Freundin Vanellope von Schweetz in "Ralph reichts" in der analogen Welt, so gelangen sie in "Chaos im Netz" in die bunte und so gut wie unendliche Welt des Internets auf der Suche nach einem Ersatzteil für Vanellopes Videospiel. Die Regisseure Rich Moore und Phil Johnston setzen das World Wide Web in farbenfrohe Bilder um, die sie rasant animieren.

Hinter den Kulissen des Internets begegnen Ralph und Vanellope allen möglichen bekannten Marken und Filmfiguren — besonders lustig ist etwa die Szene, in der Vanellope einem Dutzend Disney-Prinzessinnen begegnet, und sich unter ihnen auch eine befindet, die von den anderen nicht verstanden wird, schließlich komme sie "aus einem anderen Studio" (Pixar). Dies könnte zu einer Aneinanderreihung von Zitaten führen, aber [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Disney
GREEN BOOK - EINE BESONDERE FREUNDSCHAFT
Freundschaft über alle möglichen Unterschiede hinweg ist ein immer wiederkehrendes Filmsujet - von Ziemlich beste Freunde über Papillon bis Der Dolmetscher, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Von einer solchen Verbundenheit handelt ebenfalls der nun im Kino anlaufende Spielfilm "Green Book - Eine besondere Freundschaft", der basierend auf wahren Tatsachen von der Männerfreundschaft zwischen zwei völlig gegensätzlichen Charakteren erzählt.

New York, 1962. In der Bronx, einem der fünf Bezirke der Stadt, leben zahlreiche Nachfahren italienischer Einwanderer, die aus ihrem Rassismus gegenüber Juden und Schwarzen gar keinen Hehl machen. Einer der Italo-Amerikaner aus der Bronx ist Tony Vallelonga, genannt "The Lip" - der Name kam daher, dass er in dem Ruf stand, jeden von wirklich allem überzeugen zu können. Tony Lip arbeitete zwölf Jahre lang im Nachtclub Copacabana, wo er in direkten Kontakt mit Größen aus dem organisierten Verbrechen und mit Stars aus dem Showgeschäft kam. Obwohl er die Schule lediglich bis zur siebten Klasse besucht hatte, war er laut seinem Sohn Nick Vallelonga ein charismatischer Charakter. Nick verfasste zusammen mit Brian Currie und mit Peter Farrelly das Drehbuch für den Film über seinen Vater. Produziert wird der Film von diesen drei, Regie führt [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Entertainment One
SPITZENKANDIDAT, DER
Im Jahre 1988 stand der 51-jährige Senator Gary Hart (Hugh Jackman) aus Colorado kurz davor, der nächste Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Warum er es nicht wurde, davon erzählt der auf wahren Begebenheiten basierende Spielfilm "Der Spitzenkandidat" ("The Front Runner"). Regisseur Jason Reitman und seine Drehbuch-Mitautoren Jay Carson und Matt Bai, auf dessen 2014 veröffentlichten Buch "All the Truth Is Out: The Week Politics Went Tabloid" der Film basiert, zeigen zunächst in einer Art Prolog, wie der Kandidat der Demokraten zwar 1984 die Wahl verliert. Aber: "Jetzt wissen wir, wo wir sind".

Vier Jahre später läuft der Wahlkampf unter der Leitung von Bill Dixon (J.K. Simmons) viel besser. Der beliebte Hart hat einen großen Vorsprung bei der Nominierung des Präsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei gegen den Republikaner George Bush. Die rasante Karriere des Politikers wird jedoch gestoppt, als ein Journalist des "Miami Herald" Harts außereheliche Affäre mit der jüngeren Donna Rice (Sara Paxton) aufdeckt.

"Der Spitzenkandidat" konzentriert sich auf die Beziehungen zwischen der Politik und dem investigativen Journalismus, was etwa auch durch das Parallelschneiden von je einer Sitzung einer Zeitungs-Redaktionskonferenz und des Wahlkampf-Teams von Gary Hart ins Bild gesetzt wird. Jason Reitman inszeniert seinen Film klassisch, teilweise nach dem Vorbild von Alan [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Sony