Aktuelle Filmkritiken
AWAY
"Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit", so Neil Armstrong am 21. Juli 1969, als erstmals ein Mensch seinen Fuß auf den Mond setzte. Die Mondlandung sollte allerdings lediglich "ein Schritt" in der Raumfahrt sein. Deren eigentliches Ziel: der Mars.

Denn seit langem wird spekuliert, ob es auf dem Mars je Leben gegeben hat. Die Nasa schickte bereits in den 1970er Jahren "Viking"-Sonden, die auf dem Roten Planeten landeten, und von dort Bilder schickten. Dieses Jahr sollten sogar vier Marsmissionen starten. Wurde die europäisch-russische "ExoMars"-Mission wegen technischer Probleme und der Corona-Pandemie verschoben, so starteten im Juli 2020 sowohl die Sonde "al-Amal" (Hoffnung) der Vereinigten Arabischen Emiraten als auch das chinesische Raumschiff "Tianwen-1" ("Fragen an den Himmel") sowie die US-amerikanische "Atlas V"-Rakete mit Marsrover "Perseverance" in Richtung Mars. Nur: An eine bemannte Mars-Mission ist zurzeit wenigstens offiziell gar nicht zu denken - unter anderem auch wegen der großen Schwierigkeit, auf dem Mars zu landen.

Nicht so aber in der Fiktion, denn zum Selbstverständnis gerade der Science-Fiction gehört es, gegenwärtige Entwicklungen als mögliche künftige Szenarien weiter zu denken, ob es sich um Fragen der Biotechnologie oder der Raumfahrt handelt. So wurden in den letzten Jahren mehrere Spielfilme [mehr]

Text: José García
Foto: Diyah Pera / Netflix
I AM GRETA
Atlantischer Ozean im August 2019. Die inzwischen für ihren "Schulstreik für das Klima" weltweit bekannte, damals 16-jährige Greta Thunberg überquert den Atlantik auf Einladung eines deutschen Seglers auf dessen Segelyacht, um am UN-Klimagipfel in New York im September 2019 teilzunehmen. An Bord sind nicht nur die zwei Segler und Gretas Vater Svante Thunberg, sondern auch Dokumentarfilmer Nathan Grossmann, der den Beginn der Atlantik-Überquerung an den Anfang seiner Dokumentation "I Am Greta" setzt.

Ist es verständlich, dass Grossmann nach dem monatelangen Hype um den Schulstreik beim Törn mit seiner Kamera dabei sein wollte, so macht allerdings stutzig, warum - wie der Film dann zeigt - Grossmann beim ersten öffentlichen Auftritt Gretas vor dem Schwedischen Reichstag dabei war. Der Filmemacher führt dazu aus, er habe von einem Freund, der die Familie Thunberg kannte, davon erfahren. "Wir blieben im Hintergrund und dachten, wir könnten ein, zwei Tage filmen und gucken, was passiert."

Die Reaktionen der Passanten hält Grossmann in "I Am Greta" fest: Einige werden auf das sitzende Mädchen aufmerksam und stellen ihr Fragen. Entscheidend ist aber, dass der Sitzstreik von Anfang an mediale Verbreitung findet. So ist in dem Film zu sehen, wie Greta Thunberg von Kamerateams interviewt wird. Nachdem sie entscheidet, den Schulstreik [mehr]

Text: José García
Foto: B-Reel Films AB
ASTRONAUT
Angus Stewart (Richard Dreyfuss) hat sein Leben lang davon geträumt, Astronaut zu werden. Mit 75 Jahren hat der pensionierte Straßenbauingenieur jedoch seinen Wunsch längst begraben. Plötzlich scheint er doch noch eine Chance zu bekommen, denn Milliardär Marcus Brown (Colm Feore) organisiert einen Wettbewerb um ein Freiflugticket für eine Reise ins Weltall. Um am Wettbewerb teilnehmen zu können, muss Angus nicht nur sein Geburtsdatum manipulieren, sondern auch seinen schwachen Gesundheitszustand kaschieren. Darüber hinaus hat er den Widerstand seiner Tochter Molly (Krista Bridges) zu brechen, die natürlich gegen eine solche körperliche Strapaze völlig dagegen ist. Gut, dass er für die Vorbereitungen auf die Hilfe seines Enkels Barney (Richie Lawrence) und seiner Mitbewohner im Altersheim, insbesondere des fast stummen Len (Graham Greene) zählen kann. Als Angus eine gefährliche Schwachstelle im Raum im Raumfahrtprojekt entdeckt, nimmt seine Mission eine neue Wendung.

Auf dem Papier liest sich zwar die Handlung ziemlich klischeehaft. Denn vorhersehbar ist sie allemal. Die Figuren könnten ebenso holzschnittartig werden, wären jedoch nicht die großartigen Schauspieler: Mit dem sprichwörtlichen Schalk im Nacken verkörpert Richard Dreyfuss als Angus Emotionalität mit einer Prise Humor ... und erinnert an seinen großen Auftritt in Spielbergs "Unheimliche Begegnung der dritten Art" (1977). In einer kleinen, aber wichtigen Nebenrolle [mehr]

Text: José García
Foto: JETS Filmverleih
UNPLANNED - WAS SIE SAH, ÄNDERTE ALLES
"Was sie sah, änderte alles": Mit diesem Untertitel wird der Spielfilm "Unplanned" in Deutschland als DVD vertrieben. Was Abby Johnson (Ashley Bratcher) sah, zeigen die Drehbuchautoren und Regisseure Chuck Konzelman und Cary Solomon gleich zu Beginn des Filmes: Erstmals ist Abby selbst an einer vorgeburtlichen Kindstötung unmittelbar beteiligt. Denn aufgrund Personalmangels wird sie gebeten, bei einer ultraschallgesteuerten Abtreibung zu assistieren. Die Erfahrung, den Todeskampf eines ungeborenen Kindes in der 13. Schwangerschaftswoche - dessen Versuche, den für die Abtreibung verwendeten Vakuumschlauch auszuweichen - gesehen zu haben, wird in dramaturgischer Zuspitzung als der Augenblick dargestellt, als Abby eine lebensverändernde Entscheidung trifft.

Die schonungslose Darstellung der Abtreibung führte dazu, dass "Unplanned" in den Vereinigten Staaten die Altersfreigabe "R" ("Restricted") erhielt: Jugendliche unter 17 Jahren dürfen den Film nur in Begleitung eine Erziehungsberechtigten sehen. In Deutschland erteilte ihm die "Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft" fsk die Freigabe ab 16 Jahren.

Das Drehbuch von "Unplanned" basiert auf dem im Januar 2011 erschienenen, gleichnamigen Buch, in dem Abby Johnson ihre Erlebnisse bei "Planned Parenthood" erzählt: Eigentlich wollte sie schwangeren Frauen in Not helfen. Deshalb beginnt Abby Johnson im Jahre 2001 nach ihrem Studium bei der "Planned Parenthood"-Klinik in der texanischen Kleinstadt Bryan ehrenamtlich zu arbeiten. Sie ist offenbar [mehr]

Text: José García
Foto: Unplannedfilm.com
NIEMALS SELTEN MANCHMAL IMMER
Die 17-jährige Autum (Sidney Flanigan) lebt in einer Kleinstadt in Pennsylvania, wo sie die Schule besucht und nebenbei als Kassiererin in einem Supermarkt jobbt. Viel mehr erfährt der Zuschauer über sie nicht, außer dass sich die 17-Jährige von ihren Eltern vernachlässigt fühlt. Deshalb zeigen die meisten Anfangsszenen sie allein. Allein und einsam fühlt sich Autum insbesondere, als sie schwanger wird.

Deshalb sucht sie allein das örtliche Schwangerschaftsberatungszentrum auf. Dort wird ihr geraten, das Kind auszutragen und es zur Adoption freizugeben. Ein Weg, den nicht nur der mit dem Oscar für das beste Drehbuch ausgezeichnete Spielfilm "Juno" (Jason Reitman, 2007) beschreitet, sondern auch etliche Filme in dessen Folge. Die Beraterin zeigt Autum sogar ein Video, das über die "harte Wahrheit" der Abtreibung aufklärt. Bezeichnenderweise enthält Drehbuchautorin und Regisseurin Eliza Hittman dem Zuschauer diese Wahrheit vor. Denn mit "Niemals Selten Manchmal Immer" wollte sie erklärtermaßen auf die Reise von Frauen hinweisen, die in ihrem Bundesstaat aus verschiedenen Gründen nicht abtreiben dürfen und deshalb die vorgeburtliche Kindstötung in einem US-Nachbarstaat vornehmen lassen. Für Autum lautet der Grund: Als Minderjährige braucht sie in Pennsylvania das Einverständnis der Eltern.

So macht sich Autum zusammen mit ihrer Cousine und bester Freundin Skylar (Talia Ryder) auf den Weg [mehr]

Text: José García
Foto: Universal
VERGIFTETE WAHRHEIT
Cincinnati, 1998: Rob Bilott (Mark Ruffalo) hat es geschafft. Er ist gerade zum Partner in einer renommierten Anwaltskanzlei aufgestiegen, die insbesondere Chemiekonzerne juristisch betreut. Deshalb gerät er in einen Zwiespalt, als in der Kanzlei zwei Farmer aus seiner alten Heimat Parkersburg, West Virginia plötzlich auftauchen. Wilbur Tennant (Bill Camp) ist davon überzeugt, dass der rätselhafte Tod der meisten seiner Kühe mit dem in der Kleinstadt allgegenwärtigen, zu den Kunden der Anwaltskanzlei gehörenden Chemiekonzern DuPont zusammenhängt. Mit der Unterstützung seines Chefs Tom Terp (Tim Robbins) und seiner Frau Sarah (Anne Hathaway) beginnt Rob zu recherchieren, ohne zunächst zu ahnen, dass der Fall viele Jahre seines Lebens in Anspruch nehmen wird.

Der Kampf eines kleinen Anwalts gegen die Machenschaften eines riesigen Konzerns stellt inzwischen fast ein Subgenre im Bereich der "Gerichtsthriller" dar - meistens als Kampf David gegen Goliath inszeniert. So bestehen in Steven Zaillians "Zivilprozess" ("A Civil Action", 1998), Steven Soderberghs "Erin Brockovich" (2000) sowie in Michael Clayton solche Machenschaften in Umweltverbrechen. "Vergiftete Wahrheit" basiert wie etliche dieser Filme auf wahren Begebenheiten.

Obwohl die eigentliche Handlung nicht neu ist, schafft Regisseur Todd Haynes es, etwa durch schnellgeschnittene Sequenzen einen Rhythmus zu finden, der dem Zuschauer den ungeheuerlichen langen Atem vermittelt, den [mehr]

Text: José García
Foto: Tobis
BABYLON BERLIN - 3. STAFFEL
Deutsche Serien wie Deutschland 89 oder Babylon Berlin stellen unter Beweis, dass sie im aktuell beliebten Serien-Genre einem internationalen Vergleich standhalten können. Eine "kaleidoskopische Erzählung" (so "Babylon Berlin"-Mitregisseur Tom Tykwer), verbunden mit vielfältigen Erzählungen sowie mit eigenwilligen Kameraperspektiven verknüpfen politisch-gesellschaftlich Relevantes mit persönlichen Schicksalen, die den Zuschauer berühren.

Angesiedelt ist "Babylon Berlin" in den späten 1920er Jahren, wobei die von den Drehbuchautoren und Regisseuren Henk Handloegten, Achim von Borries und Tom Tykwer entwickelte Handlung auf dem 2008 erstmals erschienenen Kriminalroman "Der nasse Fisch" von Volker Kutscher basiert. Die Serie wird unter anderem von X Filme (der Firma, an der Tom Tykwer Miteigentümer ist), ARD Degeto und Sky produziert. Zur Vertreibungsstrategie gehört es, dass Sky bereits im Januar die dritte Staffel im Bezahl-Fernsehen ausstrahlte. Nun folgt ab dem 11. Oktober die Ausstrahlung im öffentlich-rechtlichen Ersten beziehungsweise die Einstellung in die ARD-Mediathek, wo ab dem Datum alle zwölf Folgen der dritten Staffel abgerufen werden können.

Am Anfang von "Babylon Berlin" - der Name leitet sich von Alfred Döblins Bezeichnung für die Metropole Berlin als "Hure Babylon" in seinem Roman "Berlin Alexanderplatz" ab - stand der junge Polizeikommissar Gereon Rath (Volker Bruch), der im Frühjahr 1929 von Köln nach Berlin berufen [mehr]

Text: José García
Foto: ARD
GERMANS & JEWS - EINE NEUE PERSPEKTIVE
Ein Abendessen, bei dem nichtjüdische Deutsche und in Deutschland lebende Juden über ihre Beziehungen zueinander diskutieren, bildet den Erzählrahmen für den Dokumentarfilm "Germans & Jews - Eine neue Perspektive", der zwar 2016 fertiggestellt und auf zahlreichen Filmfestivals von Jerusalem bis Los Angeles, von Washington bis London vorgeführt wurde, bei uns jedoch erst jetzt auf DVD beziehungsweise auf der Online-Streamingplattform Amazon Prime Video veröffentlicht wird.

Davon, dass ein solches Verhältnis nicht gerade einfach ist, zeugt nicht nur die Geschichte. In einem der kurzen Interviews, die dem Abendessen vorangestellt werden, heißt es: "Mein nach Israel geflüchteter Vater hat gesagt, dass es zwei Arten von Menschen auf der Welt gibt: Juden und Nazis". So plakativ und undifferenziert geht der Dokumentarfilm jedoch nicht mit der Frage um, wie es sein kann, dass Berlin 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die am schnellsten wachsende jüdische Bevölkerung in Europa besitzt, und sich gleichzeitig die Medienberichte über antisemitische Beleidigungen, Übergriffen und Anschlagsversuche auf Synagogen häufen.

Gerade diese Frage war der Auslöser für den Film: Bei einer Reise nach Berlin zeigte sich die amerikanische Jüdin Tal Recanati von der stark wachsenden jüdischen Gemeinde überrascht, auch wenn heute Juden lediglich etwa 0,2 Prozent der in Deutschland lebenden Bevölkerung ausmachen. [mehr]

Text: José García
Foto: W-film Distribution
THE RAIN - 3. STAFFEL
Die dänische Serie "The Rain" zählt zusammen mit "Stranger Things", "Haus des Geldes" und "Dark" zu den beliebtesten Netflix-Serien. Am Anfang (siehe The Rain) stand ein für Menschen tödliches Virus, das mit dem Regen verbreitet wird - daher auch der Serientitel. Ob das Virus ganz Dänemark, einen Teil des Landes oder auch darüber hinaus weitere Länder betrifft, bleibt offenkundig absichtlich im Ungewissen, nicht nur in der ursprünglichen Staffel, sondern auch während der ganzen Serie. Nach einer Mittelstaffel im Jahr 2019 geht "The Rain" mit der aus sechs Folgen bestehenden dritten Staffel, die nun Netflix auf die Plattform eingestellt hat, wohl zu Ende.

Das Geschwisterpaar Simone (Alba August) und Rasmus (Bertil De Lorenzi als 10-Jähriger, Lucas Lynggaard Tønnesen als 16-Jähriger) überleben jahrelang in einem Bunker. Die Aussage des Vaters Frederik (Lars Simonsen) - der zu Beginn mit dem Versprechen verschwindet, sobald wie nur möglich zurückzukommen -, dass Rasmus der "Schlüssel" für die Bekämpfung des Virus sei, erschließt sich erst in der zweiten Staffel.

Als die Vorräte zu Ende gehen, machen sich Simone und Rasmus auf den Weg, um ihren Vater zu suchen. Unterwegs treffen sie auf weitere Jugendliche, etwa Martin (Mikkel Boe Følsgaard). Martin und Simone werden ein Paar. Die Gruppe [mehr]

Text: José García
Foto: Henrik Ohsten / Netflix
PELIKANBLUT
Die Mittvierzigerin Wiebke (Nina Hoss) bildet auf ihrem idyllischen Reiterhof Pferde für die Polizei-Reiterstaffel aus. Sie lebt dort zusammen mit ihrer Adoptivtochter, der neunjährigen Nikolina. Nach vielen Jahren des Wartens bekommt die "Pferdeflüsterin" nun die Chance, ein weiteres Mädchen, die fünfjährige Raya, ebenfalls aus Bulgarien zu adoptieren. Nikolina freut sich sehr über das langersehnte Geschwisterchen. Nach einigen schönen ersten Wochen merkt aber Wiebke, dass Raya immer aggressiver wird, und eine zunehmende Gefahr für sich und andere darstellt. Vor allem Nikolina leidet unter ihren Übergriffen, aber auch Wiebkes Beziehungen und Freundschaften werden auf die Probe gestellt. Selbst nachdem die Ärzte Wiebke erklären, dass sich das Verhalten des Kindes vermutlich nicht mehr bessern wird, und sie ihr Adoptivkind lieber in eine spezialisierte Einrichtung geben sollte, kämpft Wiebke weiter.

In ihrem Regiedebüt Tore tanzt thematisierte Drehbuchautorin und Regisseurin Katrin Gebbe sinnlose Gewalt, die zu einem Leidensweg der Hauptfigur führt, ähnlich Fürst Myschkin aus Dostojewskis "Der Idiot". Die bedrückende Atmosphäre im Sinne eines Psychothrillers steigert sich in "Pelikanblut" noch, denn Kameramann Moritz Schultheiß fügt hier etliche Elemente aus dem Horrorfilm in seine Bildersprache ein, einschließlich einer Geisterbeschwörung, die sich wie so etwas wie eine Teufelsaustreibung ausnimmt. Dazu spart Gebbe nicht mit harten Szenen. [mehr]

Text: José Garcia
Foto: dcm