Aktuelle Filmkritiken
TRÄUM WAS SCHÖNES
Turin, 1969. Der neunjährige Massimo (Nicolo Cabras) hat ein sehr inniges Verhältnis zu seiner Mutter (Barbara Ronchi). Zusammen tanzen sie Twist oder schauen sich Horrorfilme an, wobei sich die Mutter mehr ängstigt als der Neunjährige. Eine Fernsehserie hat es ihnen am meisten angetan: "Belphégor oder das Geheimnis des Louvre" (1965). Dieser "Geist des Louvre" mit dem unheimlich wirkenden Namen "Belphégor" wird insbesondere in der Kindheit Massimos, aber auch darüber hinaus eine wichtige Rolle spielen. Mutter und Sohn stehen sich sogar so nahe, dass der Zuschauer den Eindruck hat, sie sei eine alleinerziehende Mutter avant la lettre. Dies stimmt jedoch nicht. Denn irgendwann einmal taucht auch Massimos Vater (Guido Caprino) auf. Die enge Mutter-Sohn-Beziehung erfährt allerdings auch gewisse Irritationen, etwa wenn sie Versteck spielen, und die Mutter den Jungen viel zu lange bangen lässt. Bald wird auch deutlich: Diese junge Frau ist psychisch labil, ja sie leidet an Depressionen. Eines Nachts geht Massimo ins Bett, seine Mutter verabschiedet sich mit dem titelgebenden "Träum was Schönes" ("Fai bei sogni"). Als Massimo am nächsten Tag erwacht, ist die Mutter tot.

"Träum was Schönes" basiert auf dem 2012 erschienenen, gleichnamigen und autobiografischen Roman von Massimo Gramellini, den der italienische Altmeister Marco Bellocchio (Jahrgang 1939) mit [mehr]

Text: José García
Foto: movienet/ Simone Martinetto
EIN SACK VOLL MURMELN
Im Jahre 1973 veröffentlichte Joseph Joffo seine Kindheitserinnerungen während des Zweiten Weltkrieges in Romanform: "Un sac de billes" ("Ein Sack voll Murmeln") erzählt von einer jüdischen Familie, die sich im Mai 1942 trennt, um vom besetzten Paris in den von den Deutschen nicht besetzten südlichen Teil Frankreichs zu gelangen. Der frankokanadische Regisseur Christian Duguay verfilmt den Roman konsequent aus der Kinderperspektive des zu Beginn der Handlung erst 10-jährigen Jojo (Dorian Le Clech) einschließlich Off-Stimme, die freilich eher zurückgenommen eingesetzt wird.

Begleitet von Klaviermusik läuft ein Junge eine Straße hinunter. Im August 1944 sind die Straßen von Paris von französischen und britischen Fahnen gesäumt. "Alles ist gleich", lautet sein Fazit. Nun setzt die Rückblende ein, in der Jojos Geschichte erzählt wird. Im Winter spielen auf den verschneiten Straßen der französischen Hauptstadt er und sein älterer Bruder Maurice (Batyste Fleurial Palmieri) mit Murmeln. Eine scheinbar idyllische Kindheit, die jedoch immer gefährlicher wird.

Als im Mai 1942 das Tragen des Judensterns zur Pflicht wird, erfahren Jojo und Maurice die Ablehnung seitens der meisten ihrer Mitschüler. Der Friseursalon seines Vaters Roman (Patrick Bruel) wird auch von vielen gemieden. Vater Roman und Mutter Anna (Elsa Zylberstein) schicken ihre jüngeren Kinder mit 5 000 Francs nach Südfrankreich. Sie [mehr]

Text: José García
Foto: Weltkino
THE PROMISE - DIE ERINNERUNG BLEIBT
Dem Völkermord an den Armeniern durch die jungtürkische Regierung im Jahre 1915, einer der größten Christenverfolgungen des 20. Jahrhunderts, widmete sich der armenisch-kanadische Regisseur Atom Egoyan im Jahre 2002 in seinem Spielfilm "Ararat". Egoyan berichtete vom Genozid als "Film im Film" auf zwei verschiedenen Zeitebenen: In der Gegenwart dreht ein von Charles Aznavour dargestellter Regisseur einen Spielfilm über den Völkermord, der auf den Erinnerungen von Clarence Usshers Augenzeugenbericht "Ein amerikanischer Arzt in der Türkei" basiert. Außerdem spielt für Egoyans "Ararat" Franz Werfels Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" eine herausragende Rolle. Auf den "Mosesberg" zogen sich im Sommer 1915 tausende armenische Bauern zurück, die 53 Tage lang von türkischen Soldaten belagert wurden. Am 12. September 1915 konnten französische Kriegsschiffe 4 048 Armenier, darunter 3 004 Frauen, an Bord nehmen.

Der erbitterte Widerstand der mit ein paar Jagdgewehren und Sattelpistolen bewaffneten Bauern gegen die türkische Artillerie ist ebenfalls zu sehen im nun im regulären Kinoprogramm anlaufenden Spielfilm "The Promise - Die Erinnerung bleibt" von Robin Swicord (Drehbuch), die für ihr Skript für "Der seltsame Fall des Benjamin Button" (2008) eine Nominierung für den Oscar erhielt, und Terry George (Regie), der als Drehbuchautor für "Im Namen des Vaters" und "Hotel [mehr]

Text: José García
Foto: Capelight
HELLE NÄCHTE
Ein Vater-Sohn-Annährungsversuch als Road-Movie. So könnte Thomas Arslans Spielfilm "Helle Nächte" kurz zusammengefasst werden, der im Februar im Wettbewerb der 67. Berlinale 2017 seine Weltpremiere feierte. Hauptdarsteller Georg Friedrich erhielt dort den Silbernen Bären als bester Darsteller.

Der gebürtige Österreicher Michael (Georg Friedrich) arbeitet als Bauingenieur in Berlin, wo er mit seiner Freundin Leyla (Marie Leuenberger) wohnt. Die Entfernung ließ das Verhältnis zu seinem mittlerweile 14-jährigen Sohn Luis (Tristan Göbel) erkalten, den er offenkundig seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Als Michael die Nachricht vom Tod seines Vaters erhält, lädt er Luis ein, mit ihm nach Norwegen zu reisen, wo Michaels Vater die letzten Jahre seines Lebens verbrachte. Auch zu ihm hatte Michael kaum noch Kontakt. Vielleicht aus diesem Grund, weil er nicht möchte, dass sich die Geschichte wiederholt, dass sich Luis von ihm so entfremdet, wie er sich von seinem eigenen Vater entfremdet hatte, schlägt Michael seinem pubertierenden Sohn vor, einige Tage Urlaub in Norwegen gemeinsam zu verbringen. Darin bestärkt ihn offensichtlich auch Leylas Entschluss, als Korrespondentin für ein Jahr ins Ausland zu gehen. Beides zusammen, seines Vaters Tod und der Wegzug der Freundin, geben ihm Anlass, sein bisheriges Leben und insbesondere die Nicht-Beziehung zu seinem Sohn zu überdenken. Begeistert [mehr]

Text: José García
Foto: Piffl Medien
DUNKLE TURM, DER
Der 1947 geborene Stephen King gehört zu den produktivsten und erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Seine weltweite Gesamtauflage übersteigt die 400 Millionen Exemplare in mehr als 50 Sprachen. Etliche Romane oder Kurzgeschichten von Stephen King wurden verfilmt - von "Shining" (Stanley Kubrick, 1980) über "Mystery" (Bob Reiner, 1990) und "Dolores" (Taylor Hackford, 1995) bis hin zu dem siebenfach für den Oscar nominierten "Die Verurteilten" (Frank Darabont, 1994) und dem mit vier Oscars ausgezeichneten und ebenfalls unter der Regie von Frank Darabont entstandenen "The Green Mile" (1999). Die Internet-Filmdatenbank "IMDb" listet insgesamt 238 Titel auf, in denen er als "Writer" (entweder basieren die Drehbücher auf seinen Werken oder er wirkt selbst am Drehbuch mit) aufgeführt wird.

Unter seinen mehr als 50 Romanen ragt insbesondere der aus acht Bänden bestehende Romanzyklus "Der Dunkle Turm" heraus, zu dessen Vollendung der Autor laut eigenen Angaben fast 30 Jahre lang benötigte (erschienen von 1982 bis 2012). Auf mehr als fünftausend Seiten erzählt King im Romanzyklus die Geschichte von Revolvermann ("Gunslinger") Roland, der auf seinem Weg durch unterschiedliche Welten aus verschiedenen Zeiten und Szenarien gegen den "Mann in Schwarz" kämpft. Die Bücher gehören wohl zu den weniger bekannten Werken von Stephen King, zählen aber auf eine große weltweite [mehr]

Text: José García
Foto: Sony
WEIN UND DER WIND, DER
Zu Beginn des Spielfilmes "Der Wein und der Wind" erzählt eine Off-Stimme von drei Geschwistern einer Winzerfamilie auf drei Zeitebenen: Als Kinder und als Jugendliche waren sie unzertrennlich. In den Film streut Mit-Drehbuchautor und Regisseur Cédric Klapisch immer wieder Rückblenden ein, die aus der Familiengeschichte berichten. Mit der Zeit nahm das Leben der Geschwister jedoch einen unterschiedlichen Verlauf. Der Älteste Jean (Pio Marmai) fühlte sich von seinem Vater eingeengt, und wanderte deshalb aus. In Argentinien lernte er seine Frau kennen, mit der er sich dann in Australien niederließ. Dort versucht er sich als Weinbauer. Aber so einfach ist es offenkundig nicht, denn Jean hat Schulden. Als er dann nach Jahren nach Burgund zurückkehrt, weil sein Vater (Eric Caravaca) im Sterben liegt, spürt Jean vor allem Sehnsucht nach seinem kleinen Sohn Ben, der bei der Mutter geblieben ist.

Jeans Geschwister Juliette (Ana Girardot) und Jérémie (François Civil) blieben zu Hause, und halfen dem Vater dabei, das Gut über die Jahre aufrechtzuerhalten. Allerdings hat Jérémie inzwischen geheiratet, und nun muss er sich auch noch gegen seinen herrischen Schwiegervater durchsetzen. Schon lange wollte er beispielsweise mit Frau und Kind in ein eigenes Haus ziehen, aber die drei leben immer noch in einer Art Pförtnerhaus [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Studiocanal
FINAL PORTRAIT
Die Entstehung eines Kunstwerkes scheint kaum zu einer Filmhandlung zu taugen. Das Tempo, in dem ein Kunstgegenstand geschaffen wird, ist kaum mit dem Tempo eines Spielfilmes in Einklang zu bringen, der neunzig Minuten lang Spannung schaffen soll. Deshalb zeigen Filmemacher lieber das Leben eines Künstlers, als dessen Schaffensprozess.

Selbst in "Genius - Die tausend Seiten einer Freundschaft", der sich auf die Zusammenarbeit zwischen dem Verlagslektor Maxwell Perkins und dem Schriftsteller Thomas Wolfe bei der Entstehung von Wolfes Romanen konzentriert, beschränkt sich der Regisseur nicht darauf, sondern liefert eine Art auf eine Zeitspanne im Leben seiner Protagonisten verknappte Doppelbiografie. Das Leben des Bildhauers und Malers Alberto Giacometti (1901—1966), der zu den bedeutenden Künstlers des 20. Jahrhunderts zählt, hätte reichlich Stoff für einen Kinofilm liefern können. Denn Giacometti bewegte sich in den Literatur- und Künstlerkreisen von Paris, und unterhielt Bekanntschaften und Freundschaften mit Louis Aragon, Jean-Paul Sartre und Samuel Beckett, mit Joan Miró, Pablo Picasso, Max Ernst, Hans Arp und vielen anderen mehr. Der berühmte Schauspieler Stanley Tucci geht im Spielfilm "Final Portrait", seiner fünften Regiearbeit, andere Wege: "Ich wüsste nicht, wie man das Leben eines Menschen in einen eineinhalb- oder zweistündigen Film packen soll. Da kann am Ende nur ein [mehr]

Text: José García
Foto: Prokino
PLANET DER AFFEN: SURVIVAL
"Ape-calypse now", heißt es auf einem Graffito mitten im Spielfilm "Planet der Affen: Survival", mit dem die Filmtrilogie abgeschlossen wird, die im Jahre 2011 mit "Planet der Affen: Prevolution" begann. Die drei Filme schildern die Vorgeschichte zum Science-Fiction-Klassiker "Planet der Affen" ("Planet of the Apes",1968). Basierend auf dem Roman "La planete des singes" (Pierre Boulle 1963) erzählte Franklin J. Schaffner im "Planet der Affen"-Urfilm von drei Astronauten, die nach einer Zeitreise im Jahr 3978 auf einem fremden Planeten landen, auf dem primitive Menschen von vernunftbegabten Affen beherrscht werden. Der Film endet mit der schockierenden Erkenntnis, dass sie in Wirklichkeit auf die Erde zurückgekehrt sind.

In "Planet der Affen: Prevolution" entwickelt im Rahmen der Erprobung eines Heilmittels gegen Alzheimer das gerade geborene Affenbaby "Caesar" nicht nur eine außergewöhnliche Intelligenz, sondern auch ein menschenähnliches Verhalten. Jahre später befreit Caesar eine Reihe Primaten aus einem Zoo, denen er dann dieses vermeintliche Heilmittel verabreicht. Die Affen erheben sich gegen ihre Unterdrücker, die Menschen. Sie ziehen sich zwar in den Wald zurück. Aber die Menschheit hat einen neuen Feind: Ein mysteriöses "Affen-Virus" dezimiert schnell die Erdbevölkerung. Im zehnten Jahr nach dem Ende des ersten Films angesiedelten "Planet der Affen: Revolution" haben sich [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Twentieth Century Fox
GESETZ DER FAMILIE, DAS
Patriarch Colby Cutler (Brendan Gleeson) führt ein strenges Regiment in seinem Clan, zu dem insbesondere sein erwachsener Sohn Chad (Michael Fassbender), dessen Familie sowie eine Handvoll Außenseiter gehören. Sie leben mitten in einer idyllischen Wald- und Wiesenlandschaft im ländlichen Südwesten Englands in einer Wagenburg. Zwar versteht sich Colby Cutler als gläubiger Christ, das siebte Gebot klammert er aber gerne aus. Colby lebt denn auch seit jeher von Einbrüchen und sonstigem Diebstahl. Zu diesem Lebensstil gehört etwa auch die Lebensphilosophie "Jeder sitzt eine Runde, früher oder später". Zurzeit sitzt Colbys zweiter Sohn im Gefängnis.

Ein Leben gegen das Gesetz gehörte wohl neben dem Gehorsam gegenüber seinem Vater zur einzigen Erziehung Chads. Denn er besuchte nie die Schule, so dass er weder Lesen noch Schreiben lernte. Seine Kinder sollen jedoch richtige Bildung bekommen. Darin ist sich Chad mit seiner Frau Kelly (Lyndsey Marshal) einig. So sehr Chad die Freiheit liebt und sie seinem achtjährigen Sohn Tyson (Georgie Smith) beispielsweise dadurch vermittelt, dass der Junge bei einer Hasenjagd über die Wiesen hinter dem Steuer eines Autos sitzen darf, beim Schulbesuch seiner Kinder ist Chad unerbittlich. Damit zeichnet sich bereits ein Riss zwischen ihm und seinem Vater Colby ab, der Tysons Bewunderung für ihn dazu [mehr]

Text: José García
Foto: Koch Media
PARADIES
Frankreich, 1942. Polizist Jules (Philippe Duquesne) ist davon überzeugt, nur seine Pflicht zu tun, wenn er im Auftrag der deutschen Besatzer Verdächtige verhört. Nun wurde bei einer Razzia die adlige Exilrussin Olga (Julia Vysotskaya) verhaftet, die in Paris als Redakteurin bei einer renommierten Modezeitschrift arbeitet. Sie soll zwei jüdische Kinder bei sich versteckt haben. Vor Jules streitet sie zwar alles ab, aber in Wahrheit engagiert sie sich seit Jahren im Widerstand gegen die Deutschen. Als sie keinen Ausweg mehr sieht, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen, die der geschickte Ermittler mit seinen Fragen immer enger um ihren Hals zieht, macht sie ihm eindeutige Avancen.

Dabei ist Jules ein zwar strenger, aber freundlicher Vorgesetzter, und zu Hause in der herrschaftlichen Villa ein biederer Familienvater. Vor Olgas Angebot enthüllt er jedoch seinen korrupten Kern. Jules lässt alles für das Rendezvous mit der russischen Widerstandskämpferin vorbereiten. Dazu wird es aber nicht mehr kommen. Das Ausbleiben des französischen Polizisten führt dazu, dass Olga in ein Konzentrationslager abtransportiert wird.

Im Konzentrationslager trifft die russische Adlige auf einen alten Bekannten. Regisseur Andrei Konchalovsky und seine Mit-Drehbuchautorin Elena Kiseleva führen den SS-Offizier Helmut (Christian Clauss) mit einer Rückblende ein, die ins Italien des Jahres 1933 zurückführt. Die schwarz-weißen [mehr]

Text: José García
Foto: Alpenrepublik