Aktuelle Filmkritiken
UPLOAD
Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit gehört offenkundig zum Menschsein. Wer freilich nicht an ein Leben nach dem Tod in einer jenseitigen Welt glaubt, wird verzweifelt nach einer wie auch immer gearteten diesseitigen Möglichkeit suchen, den Tod zu überwinden. Als im Jahre 1996 das Schaf "Dolly" als erstes geklonte Tier erzeugt wurde, meinten viele, den Schlüssel zur Überlistung des Todes gefunden zu haben: Wie auch immer das "Selbst" in eine jüngere Version des "Ichs" zu übertragen.

Ist inzwischen in der Wissenschaft Nüchternheit eingetreten, was die Machbarkeit eines solchen Klonierungsverfahrens bei Menschen angeht, so spielt die Fiktion spätestens seit einem Vierteljahrhundert diesen Gedanken weiter, so etwa in der nach dem gleichnamigen Roman von Richard K. Morgan von Laeta Kalogridis entwickelten Netflix-Serie "Altered Carbon - Das Unsterblichkeitsprogramm". Deren Kerngedanke: Nachdem es gelungen ist, den menschlichen Geist zu codieren und in eine kortikale kleine Scheibe zu speichern, kann er dann in verschiedene Körper übertragen werden.

Die von Greg Daniels für Amazon Prime Video entwickelte, zehnteilige Serie "Upload" bietet eine komödiantische Variante der Suche nach einem unendlichen Leben. Angesiedelt im Jahre 2033 weist die Welt, in der die Handlung spielt, einige technische Fortschritte auf: Autonom fahrende Autos (und Fahrräder!), Nahrungsmittel herstellende 3D-Drucker sowie holografische Telefonie gehören zu [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Amazon Prime Video
ANOTHER REALITY
In Deutschland geboren und aufgewachsen - wie es so politisch korrekt heißt - "mit Migrationshintergrund" sind die fünf Protagonisten des auf dem DOK.fest München 2019 mit dem Publikumspreis ausgezeichneten Dokumentarfilms "Another Reality" von Noël Dernesch und Olli Waldhauer. "Wenn ich Achim statt Ahmad heißen würde, wäre alles anders." So offenherzig Ahmad über die Großfamilie und die sich daraus ableitenden Verpflichtungen redet, so offen spricht Parham über seine kriminelle Vergangenheit einschließlich Haftstrafe wegen Körperverletzung und schweren Raubs. Bei einem anderen reichten zwei Wochen U-Haft aus, um seinen Lebensunterhalt auf legale Art und Weise verdienen zu wollen.

Überhaupt: die Begriffspaarung "legal/illegal" fällt in dem Film immer wieder. Offensichtlich ist die Versuchung allzu stark, sich in die Strukturen eines kriminellen Clans hineinziehen zu lassen. "Another Reality" zeigt eine Art Parallelgesellschaft in deutschen Großstädten, vorwiegend in Berlin und Essen. Parallel, insofern sich die Protagonisten des Filmes in geschlossenen gesellschaftlichen Kreisen bewegen.

Für die Regisseure sei es wichtig gewesen, "die Menschen zu Wort kommen zu lassen, über die sonst nur gesprochen wird. Wir wollten auf Augenhöhe mit ihnen bleiben und sie ernst nehmen". Obwohl "Another Reality" eher beobachtet - und der Film tut es mit einer ausgezeichneten Arbeit des Kameramanns Friede Clausz - und kaum eine [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Der Filmverleih
TRYING
Nikki (Esther Smith) und Jason (Rafe Spall) wünschen sich nichts sehnlicher, als endlich ein Kind zu bekommen. Allerdings sind sie auch nicht mehr die jüngsten - "wir waren die Ältesten in der Bar", heißt der erste gesprochene Satz überhaupt, und Nikki fügt noch hinzu: "Ich bin so müde. Es ist 22.35 Uhr, und ich bin müde". Eile ist also geboten. Allerdings geht es auf natürlichem Weg offensichtlich nicht. Selbst der verzweifelte Versuch mitten im nächtlichen Bus hilft nicht. Die Szene hätte zwar ziemlich obszön geraten können, aber Serienentwickler Andy Wolton und selbstverständlich auch die Darsteller inszenieren sie so, dass sie höchstens "Fremdschämen" und vor allem einen Lacher provoziert.

Kaum ein paar Minuten von "Trying", der ersten britischen für den Streaming-Dienst "Apple TV +" entwickelten Serie, sind vergangen, und sie hat bereits den Ton angegeben: Ihr sehr ernstes Sujet - der unerfüllte Kinderwunsch - wird mit einem sich in den schnellen Dialogen voller Witz ausdrückenden, typisch britischen Humor verknüpft.

Zu der humorvollen Grundeinstellung der Serie führt Hauptdarsteller Rafe Spall aus: "Ein unerfüllter Kinderwunsch und Adoption sind natürlich große und ernste Themen, die viele Paare betreffen. Doch wir Menschen können mit ernsten Situationen oft besser umgehen, wenn wir Humor darin finden. Wie [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Apple TV+
7. KOGUSTAKI MUCIZE (MIRACLE IN CELL NO. 7)
Der südkoreanische Regisseur Lee Hwan-kyung drehte 2013 einen Film mit dem internationalen Titel "Miracle in Cell No. 7" ("Wunder in der Zelle Nr. 7"), der zu seinem regelrechten Kassenschlager wurde. Darauf folgten Remakes in Indien, den Philippinen, Malaysia und auch in der Türkei. Netflix bietet auf seinem Streaming-Portal "7. Kogustaki Mucize", die türkische Adaption von Lee Hwan-kyungs Film.

Im Mittelpunkt steht der geistig behinderte junge Mann Memo (Aras Bulut Iynemli), der im April 1983 zusammen mit seiner Mutter Fatma (Celile Toyon Uysal) und seiner kleinen, naiven aber sehr intelligenten Tochter Ova (Nisa Sofiya Aksongur) lebt. Memos glückliches Leben als Schafshirte, der jedes seiner Schafe mit Namen kennt, endet jäh, als er beschuldigt wird, die Tochter eines hohen Offiziers getötet zu haben. Obwohl Memo seine Unschuld beteuert - der Zuschauer kennt auch den wahren Hergang der Ereignisse -, wird der junge Mann zum Tode verurteilt. Bis zur Vollstreckung teilt er sich die Zelle Nummer 7 im Gefängnis mit einer Reihe Krimineller.

Obwohl der Film einerseits die Gewalt in türkischen Gefängnissen realistisch darstellt, andererseits in der Darstellung der Vater-Tochter-Beziehung an der Gefühlsduselei gerade noch vorbeischrammt, überzeugt "7. Kogustaki Mucize" insgesamt dank der großartigen schauspielerischen Leistungen. Die Mischung aus realistischen und Fabelelementen, die [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Haberler.com
TEMPLE
Der Serientitel "Temple" spielt auf die "Temple Station" im Londoner U-Bahnnetz an. Unterhalb der U-Bahnstation hat sich Tunnelarbeiter Lee Simmons (Daniel Mays) eingenistet. Als "Prepper" möchte er auf eine mögliche Katastrophe vorbereitet sein. Irgendwann einmal erklärt Lee, warum er dies tue: "Eine Pandemie könnte in einem halben Jahr den halben Planeten infizieren". Da die Serie letztes Jahr gedreht wurde, erstaunt der aktuelle Bezug.

Der vergessene Tunnelkomplex - in London werden jedes Jahr etwa 50 Tunnel entdeckt - bietet sogar Platz für eine Klinik. Dort hat Lee zusammen mit dem Chirurgen Dr. Daniel Milton (Mark Strong) ein Krankenhaus eingerichtet für Menschen, die "nicht in das Gesundheitssystem gehen können". Nach dem Tod seiner Frau Beth (Catherine McCormack) gab Dr. Milton seine Stelle im Krankenhaus auf. Nun behandelt er hier Obdachlose, illegale Einwanderer und Kriminelle oder Menschen, die einfach "Diskretion" über alles lieben.

Mit seiner Arbeit verfolgt Daniel Milton jedoch seine eigenen Ziele, die zunächst eher im Dunkeln liegen. Der Zuschauer erfährt davon erstmals am Ende der ersten Episode, was der zunächst kaum erklärlichen Handlungsweise des Chirurgen einen Sinn verleiht. So wird auch verständlich, warum sich zwei so unterschiedliche Charaktere wie Lee Simmons und Daniel Milton zusammengetan haben. Davon wird auch bald Anna Willems (Carice [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Sky UK Limited
HOLLYWOOD
Hollywood. Seit mehr als hundert Jahren steht der Name des Stadtteils von Los Angeles für die Sehnsüchte und Träume von Millionen, ja Milliarden von Menschen, die "Hollywood" für die "dream factory", die "Traumfabrik" halten.

Über die Entstehung des Mythos "Hollywood" verfasste Sozialhistoriker und Kulturjournalist Neal Gabler die umfangreiche Studie "Ein eigenes Reich. Wie jüdische Emigranten Hollywood erfanden". Gabler wies nach, wie in den ersten zwei Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts das sogenannte Studio-System etabliert wurde, das den Film aus dem anrüchigen Umfeld des Vaudevilles trennte, und so zu einer eigenständigen Kultursparte machte.

Der goldenen Zeit des Hollywood-Studiosystems widmet nun Netflix eine siebenteilige Serie. "Hollywood" ist kurz nach dem Zweiten Weltkrieg (wohl im Jahre 1947) angesiedelt. Vor den Toren des (fiktiven) "Ace"-Studios steht eine große Menschentraube. Unter denen, die so auf eine Statistenrolle hoffen, befindet sich auch der junge Kriegsveteran Jack Castello (David Corenswet). Wie so viele andere möchte Jack in der "Glitzerstadt" ("Tinseltown") seinen Traumberuf Schauspieler verwirklichen.

Der junge Mann muss jedoch bald einsehen, dass sein Vorhaben nicht so einfach ist. Da er für seine schwangere Frau Henrietta (Maude Apatow) Geld braucht, geht Jack auf das Angebot des zwielichtigen Ernie West (Dylan McDermott) ein, an dessen Tankstelle zu arbeiten. Hinter der "Golden Tip Gasstation" [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Netflix
TYLER RAKE - EXTRACTION
Für den Netflix-Film "Tyler Rake - Extraction" adaptiert Joe Russo die Graphic Novel "Ciudad", die er zusammen mit Andre Parks verfasst hatte, wobei die Handlung von der uruguayischen Stadt Ciudad del Este nach Bangladesch verlegt wurde. Regie führt Sam Hargrave, der bislang mit Joe Russo und dessen Bruder Anthony als Stunt-Koordinator und "Second Unit Director" bei den "Avengers"-Filmen zusammen gearbeitet hatte, und hier nun sein Regiedebüt liefert.

Als Action-Film solide inszeniert, ist "Tyler Rake - Extraction" der Einfluss der "Bourne"-Filme sowohl im Kampf eines Einzelnen gegen eine ganze Armee als auch im Ton anzumerken. Der blutige Hyperrealismus etlicher Gewaltszenen, die häufig zu sehr in die Länge gezogen werden, könnte zwar einige Zuschauer abschrecken. Aber der Netflix-Film bietet Einiges über die reine Abfolge von Verfolgungsjagden, Faustkämpfen und Schießereien hinaus.

Zum einen entsteht zwischen dem zynischen Söldner und dem naiven Jungen im Laufe der Zeit eine Art Ersatzvater-Sohn-Beziehung, die Tyler Rake zu einer unerwarteten Entwicklung führt. Zum andern führen die Filmemacher mit Saju (Randeep Hooda) eine weitere Figur ein, die als Tylers Gegenspieler angelegt ist. Der Bodyguard des Drogenbarons Ovi Mahajan Sr. erweist sich jedoch als alles andere als klischeehaft, da es ihm vor allem darum geht, seine eigene Familie zu beschützen.


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Text: José Garcia
Foto: Netflix
INNOCENCE PROJECT - GERECHTIGKEIT FÜR JUSTITIA
Als Unschuldiger Jahre, ja Jahrzehnte im Gefängnis zu verbringen - ein Alptraum, den nicht gerade wenige Menschen in den Vereinigten Staaten erleben. Um sich einen Überblick über die Zahl solcher Fehlurteile zu verschaffen, reicht ein Blick ins Archiv der gemeinnützigen Organisation "Innocence Project".

Einen solchen Blick gewährt die Netflix-Dokumentarserie "Innocence Project - Gerechtigkeit für Justitia", die auf verheerende Justizirrtümer in den Vereinigten Staaten hinweist. Im Archiv lagern tausende von Briefen, in denen sich Männer und Frauen an die Organisation wenden, nachdem sie ergebnislos alle Rechtsmittel ausgeschöpft haben. Allerdings kann die 1992 von Barry Scheck, Juraprofessor an der Yeshiva University in New York, und Peter Neufeld gegründete gemeinnützige Organisation "nur ein Prozent der Fälle übernehmen".

In neun Folgen von je 50 bis 85 Minuten stellt die Serie eine Reihe Fälle vor, die eindrucksvoll vom Versagen des US-amerikanischen Justizsystems zeugen, weil bei der Polizei, der Staatsanwaltschaft oder auch an den Gerichten nicht "Gerechtigkeit", sondern andere Zielsetzungen an oberster Stelle standen.

Die neun Episoden sind thematisch in drei Teile untergliedert: "Der Beweis", "Der Zeuge" und "Die Staatsanwaltschaft". In der ersten Folge "Der Beweis: Tatsächlich und ohne Zweifel" wird die unumstößliche Beweiskraft von Zahnabdrücken in Frage gestellt. Es geht um Kennedy Brewer, der 1992 in Mississippi verhaftet [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Netflix
CURTIZ
"Ich seh Dir in die Augen, Kleines" ("Here´s looking at you, Kid!"), "Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft", "Die üblichen Verdächtigen" und selbstverständlich "Play It, Sam". Aus kaum einem anderen Film sind mehr Zitate ins allgemeine Kulturgut übergegangen wie aus "Casablanca" (Michael Curtiz, 1942). Der Film wurde zwar von der Kritik positiv aufgenommen, aber der Erfolg stellte sich erst im Laufe der Jahre ein: Das "American Film Institute" wählte "Casablanca" 2007 zum drittbesten US-Film aller Zeiten.

Über die Entstehung von "Casablanca" drehte 2018 der Schweizer Regisseur und Mit-Drehbuchautor mit ungarischen Wurzeln Tamas Yvan Topolanszky den Spielfilm "Curtiz", den der Streamingdienst Netflix kürzlich in sein Programm aufgenommen hat. Am Anfang steht die Rede des Präsidenten Roosevelt zum Kriegseintritt der Vereinigten Staaten. Die Regierung besteht darauf, dass "Casablanca" ein patriotischer Film wird. Dies macht Studioboss Jack L. Warner (Andrew Hefler) dem Produzenten Hal B. Wallis (Scott Alexander Young) klar. Da ist aber Regisseur Michael Curtiz (Ferenc Lengyel) anderer Meinung: "Ich will einen Kassenschlager".

"Curtiz" konzentriert sich darüber hinaus auf das eilig zusammengeschusterte "Casablanca"-Drehbuch: Curtiz drehte so schnell, dass die Zwillinge Julius und Philip Epstein (Yan und Rafael Feldman) kaum mit dem Schreiben nachkamen. Die beiden fügten einige Humorelemente in den Film ein; allerdings degradiert Topolanszky [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Netflix
AUS DER SPUR
Frei nach dem Roman "Cadre Noirs" von Pierre Lemaitre erzählt die französische Serie "Aus der Spur" ("Dérapages"), die bis zum 14. April von der Arte-Mediathek abgerufen werden kann, von einem "Mann in Wut", um den Filmtitel des berühmten französischen Kriminalfilms von Claude Pinoteau mit Lino Ventura in der Hauptrolle aus dem Jahre 1978 ("L´homme en colère") zu zitieren.

Wie weiland der von Lino Ventura dargestellte Durchschnittsmann eine ungeahnte Energie aufbrachte, um es mit der Polizei und einem Verbrechersyndikat aufzunehmen, so muss sich in "Aus der Spur" der Arbeitslose Alain Delambre (Éric Cantona) in "kalter Wut" mit etwas auseinandersetzen, das eigentlich eine Nummer zu groß für ihn sein müsste. Regie führt Ziad Doueiri, der für Der Affront für den Oscar als Bester nicht-englischsprachiger Film nominiert wurde.

Das von Buchautor Pierre Lemaitre selbst zusammen mit Perrine Margaine verfasste Drehbuch setzt eine Rahmenhandlung ein: Alain Delambre erzählt offensichtlich aus dem Gefängnis heraus in ausgedehnten Rückblenden, wie es dazu gekommen ist. Sein Äußeres unterscheidet sich durch rasierten Kopf und Backenbart grundlegend von dem Alain, der in der Haupthandlung zu sehen ist.

Alain wird als Langzeitarbeitsloser eingeführt, der langsam in die Armut hineingleitet, obwohl seine Frau Nicole (Suzanne Clément) offensichtlich eine halbwegs gute Stelle hat: Die [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Arte