Aktuelle Filmkritiken
ROCCA VERÄNDERT DIE WELT
Unbeschwert — das Eigenschaftswort kennzeichnet Rocca (Luna Marie Maxeiner) wohl am besten. Dabei hat die Elfjährige kein so leichtes Leben: Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt, ihr Vater (Volker Bruch) befindet sich an Bord der Internationalen Raumstation ISS ganz weit weg. Aber "Angst haben bringt ja nichts", meint Rocca. Sie lebte bislang am Astronautenhafen Baikonur, wo sich ihr Vater auf die Weltraummission vorbereitete. Nun, da er zu seiner Mission aufgebrochen ist, kehrt Rocca zu ihrer Großmutter (Barbara Sukowa) nach Hamburg zurück.

Dort soll sie erstmals eine Schule besuchen. Nachdem aber die Oma schwer gestürzt ist, muss sie ins Krankenhaus. Rocca ist auf sich allein gestellt. Na ja, nicht ganz: Sie hat ein verletztes Eichhörnchen gerettet, das sie Klitschko genannt und bei sich aufgenommen hat. Außerdem findet sie in den Nachbarskindern schnell Freunde. Bald lernt sie auch den Obdachlosen Casper (Fahri Yardim) kennen, mit dem sich sie schnell anfreundet.

Wenigen Kinderfilmen gelingt es, sowohl die Kinder als auch die Erwachsenen ernst zu nehmen. Das Spielfilmdebüt von Katja Benrath "Rocca verändert die Welt" schafft es. In diesem Film sind die Erwachsenen keine Staffage, damit Kinder etwas zu lachen haben — in "Rocca verändert die Welt" bleibt diese Funktion dem Schuldirektor (Michael Maertens) vorbehalten. Wenn [mehr]

Text: José García
Foto: Warner Bros.
TRAUTMANN
Wenn der Satz nicht so abgedroschen wäre, könnte man beim Spielfilm "Trautmann" wieder einmal feststellen, dass das Leben die besten Drehbücher schreibt. Jedenfalls scheint es schier unglaublich, dass bei einem solch außergewöhnlichen Leben bislang kein Spielfilm über Bernhard "Bert" Trautmann gedreht worden war.

Nun liefern Marcus H. Rosenmüller und sein Drehbuch-Mitautor Nicholas Schofield den Spielfilm "Trautmann" über den deutschen Fußballspieler Bert Trautmann (1923-2013), der insbesondere als Torwart von Manchester City nicht nur weltbekannt, sondern im Jahr 2007 von den Fans des englischen Fußballclubs zum "besten Manchester-City-Spieler aller Zeiten" gewählt wurde.

Rosenmüllers Film beginnt 1944, als der deutsche Soldat Bernd Trautmann in britische Kriegsgefangenschaft gerät, und in einem Gefangenenlager in der Nähe des Städtchens St. Helen inhaftiert wird. Bereits hier zeigt sich Trautmann als ein hervorragender Torwart. Jack Friar (John Henshaw), der Trainer des Provinzclubs St. Helen, wird auf ihn aufmerksam, und engagiert ihn für seinen Verein. Zunächst begegnen ihm die anderen Spieler misstrauisch, aber bald hat er sich einen Stammplatz im Verein gesichert. "Bert", wie er nun genannt wird, verliebt sich in Margaret (Freya Mavor), die hübsche Tochter seines Trainers. Als nach Kriegsende Talentsucher vom Premier League-Erfolgsverein Manchester City Bert Trautmann entdecken, löst die Verpflichtung des deutschen "Nazi-Torwarts" unter den [mehr]

Text: José García
Foto: Square One
BERUFUNG - IHR KAMPF FÜR GERECHTIGKEIT, DIE
Im Jahre 1956 ist das Bild der Juristischen Fakultät an der renommierten Harvard-Universität von Anzugsträgern geprägt. Regisseurin Mimi Leder verdeutlicht dies etwa mit der Kamerafahrt, die am Anfang ihres Spielfilms "Die Berufung - Ihr Kampf für Gerechtigkeit" ("On the Basis of Sex") steht. Von diesem grauen Meer heben sich wenige Frauen in ihren farbigen Kleidern ab - eine davon ist Ruth Bader Ginsburg (Felicity Jones), die bald ihr Wissen unter Beweis stellt. Aber nach ihrem Abschluss an der Columbia Law School als Klassenbeste findet sie als Frau keine Anstellung in einer Anwaltspraxis. In den 1950er Jahren haben Frauen keineswegs die gleiche Stellung wie Männer. Ihr Mann, der Steueranwalt Marty (Armie Hammer) macht sie 1972 mit einem Fall bekannt, bei dem ein Mann aufgrund seines Geschlechtes diskriminiert wird. Ruth sieht darin die Möglichkeit, vor Gericht den Kampf gegen die Diskriminierung von Frauen (und Männern) aufgrund ihres Geschlechtes aufzunehmen.

Der Film über Ruth Bader Ginsburg, die 1993 ins Oberste Gericht der Vereinigten Staaten berufen wurde, konzentriert sich auf etwa zwei Jahrzehnte ihres Lebens. Nach einem Drehbuch von Daniel Stiepleman, einem Neffen der Richterin Ginsburg, legt Regisseurin Mimi Leder das Augenmerk auf die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen in der Zeit von Mitte [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Entertainment One
M - EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER. SECHSTEILIGE SERIE
Tiefster Winter mit dichtem Schneefall in Wien. Als die kleine Elsie (Amanda Amry) ohne Jacke nach Hause kommt, schickt die sichtlich genervte Mutter (Verena Altenberger) das Mädchen zurück auf den Spielplatz, um die Jacke zu holen. Durch den Schnee ertönt aus der Dunkelheit ein Pfeifen einiger Takte aus Edvard Griegs "Peer Gynt". Plötzlich ist Elsie spurlos verschwunden. Die Polizei nimmt Elsies Vater (Lars Eidinger) ins Visier. Als aber mehr und mehr Kinder verschwinden und der schmelzende Schnee die ersten Kinderleichen zu Tage bringt, wird klar: Ein Kindermörder treibt sein Unwesen. Die Polizei ist ratlos, der ambitionierte Innenminister (Dominik Maringer) beginnt, die Morde für seine Zwecke zu nutzen. Unterstützt wird er von einem skrupellosen populistischen Verleger (Moritz Bleibtreu). "M" ist zum öffentlichen Fall geworden. Die kriminellen Geschäfte der Unterwelt werden empfindlich gestört, so dass Wiens Unterwelt beschließt, den Täter zu finden. Eine ganze Stadt macht sich auf die Suche nach dem Mörder.

Regisseur David Schalko lehnt sich an Fritz Langs Spielfilm "M" (1931) an. Er setzt einige Elemente des im Berlin der ausgehenden Weimarer Republik angesiedelten Klassikers für seine allerdings im Wien der Gegenwart spielende Miniserie "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" ein. Fritz Lang konzentrierte sich auf die "Unterwelt", deren [mehr]

Text: José García
Foto: universum
EIN KÖNIGLICHER TAUSCH
Versailles, 1721. Sechs Jahre nach dem Tod Ludwigs XIV. ist nach mehreren Todesfällen nun der rechtmäßige König von Frankreich der erst 11 Jahre alte Ludwig XV. (Igor Van Dessel), ein Urenkel des "Sonnenkönigs". Die Regentschaft führt Herzog Philipp von Orléans (Olivier Gourmet), der mit einem Bündnis mit Spanien die französische Vorherrschaft in Europa festigen will. Mit einer Doppelheirat soll es besiegelt werden, zumal in Spanien nach dem Erbfolgekrieg (1701-1714) ein Bourbon auf dem Thron sitzt: Philipp V. (Lambert Wilson), ein Enkel Ludwigs XIV.

Der Regent fädelt einen Prinzessinnentausch ein: Ludwig XV. soll die erst vier Jahre alte Tochter des spanischen Königs Maria Anna Victoria (Juliane Lepoureau) heiraten. Im Gegenzug soll die Tochter des Regenten Philipp, die zwölfjährige Louise Elisabeth (Anamaria Vartolomei), mit dem jungen spanischen Thronfolger Don Luis (Kacey Mottet Klein) vermählt werden. Bald findet der Austausch der beiden Prinzessinnen an der Grenze zwischen den beiden Ländern statt. Doch die königlichen Strategen haben die Rechnung ohne die Vermählten gemacht — denn diese haben ihren eigenen Willen.

Auf der Grundlage des auf historischen Ereignissen basierenden Romans von Chantal Thomas zeichnet der französische Regisseur Marc Dugain ein Sittenbild des Adels im 18. Jahrhundert. Gemächlich beschreibt Dugain die diplomatischen Verwicklungen, nicht ohne humorvolle Untertöne. Die [mehr]

Text: José García
Foto: Alamode
VERLORENE SOHN, DER
Basierend auf dem Buch "Boy Erased. Autobiografische Erzählung" von Garrard Conley erzählt "Der verlorene Sohn" die Geschichte des neunzehnjährigen Jared (Lucas Hedges), der in einem Baptistenprediger-Haushalt in den US-amerikanischen Südstaaten aufwächst. Als sein strenggläubiger Vater (Russell Crowe) von der Homosexualität seines Sohnes erfährt, drängt er ihn zur Teilnahme an einer Reparations- oder Konversionstherapie. Jared lässt sich auf die Behandlung ein. Seine Mutter (Nicole Kidman) begleitet ihn zu der abgeschotteten Einrichtung, in der der selbst ernannte Therapeut Viktor Sykes (Joel Edgerton) ein entwürdigendes und unmenschliches Umerziehungsprogramm leitet.

Der Film handelt vorwiegend von den haarsträubenden Methoden, denen sich Jared unterziehen muss. Wäre der Film nach seinem Ausbruch aus dem Programm zu Ende gegangen, wäre der Zuschauer sicher entrüstet über die sektenähnlichen Praktiken aus dem Kino gegangen. Aber in einem Epilog "vier Jahre später" kommt die darüber hinausgehende Intention des Filmes offen zutage: Nachdem Jared einen Artikel in der "New York Times" veröffentlicht hat - und somit im Mainstream angekommen ist -, tritt er seinem Vater gegenüber selbstsicher auf: "Ich bin schwul. Und ich bin Dein Sohn. Ich werde mich nicht ändern. Du wirst Dich ändern müssen." In diesem Gefühl der Rechtfertigung kommt die selbstgerechte Aussage des Filmes zum Ausdruck.

In den Vereinigten Staaten, wo [mehr]

Text: José García
Foto: Universal
VICE - DER ZWEITE MANN
"Woran glauben wir?" fragt Dick Cheney (Christian Bale), frischgebackener Praktikant im Weißen Haus, seinen Mentor Donald Rumsfeld (Steve Carell), woraufhin dieser einfach in Gelächter ausbricht. Mit dieser plakativen Szene zeichnet Drehbuchautor und Regisseur Adam McKay in seinem Spielfilm "Vice - Der zweite Mann" nicht nur seine Hauptfigur, den späteren Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, sondern auch den nachmaligen Verteidigungsminister als skrupellose Politiker, für die nur die Macht zählt.

Adam McKay hält in keinem Augenblick mit seiner Meinung hinterm Berg. Eine kurze Szene im Jahre 1963, die später als Rückblende etwas erweitert wird, zeigt Dick Cheney als "Taugenichts" oder "faule Sau". Erst der Ehrgeiz seiner Frau Lynne (Amy Adams) macht aus ihm einen Politiker, der "das Leben von Millionen Menschen veränderte."

Drehbuchautor und Regisseur Adam McKay setzt alle möglichen visuellen und erzählerischen Mittel ein - von Dokumentaraufnahmen über Split Screen (Leinwandaufteilung), Shakespeare-Zitate und einen Off-Erzähler, dessen Zusammenhang mit Cheney sich erst gegen Ende des Filmes erschließt, bis zu einem "Fake"-Ende mitten im Film.

Allerdings schlägt McKay mehrfach über die Stränge: Manch ein Einfall wirkt einfach albern, die Überzeichnung etwa des Präsidenten George W. Bush (Sam Rockwell) kippt ins Karikaturhafte um. An manchen Stellen konterkariert die triumphalistische Musik die Aussage des Filmes, die sich in [mehr]

Text: José Garcia
Foto: universum
BERLINALE 2019 - SCHLUSSBERICHT
Am Wochenende ging nicht nur die 69. Berlinale, sondern auch eine Ära zu Ende. Dieter Kosslick verlässt die Internationalen Filmfestspiele nach 18 Jahren, die er mit einer ganzen Reihe neuer Sektionen erweiterte. Als Publikumsfestival wurde die Berlinale zu einem Massenphänomen mit zuletzt mehr als 400 000 verkauften Eintrittskarten. In der Kosslick-Ära wurde die Berlinale aber auch immer mehr zu einem filmischen Schaufenster des politisch Korrekten (siehe Berlinale 2019 - Vorschau). In der Programm-Pressekonferenz feuerte der ausscheidende Berlinale-Direktor beispielsweise eine volle Breitseite auf die Kirche ("nicht nur die katholische, auch die evangelische") ab, als er den Spielfilm "Grâce a Dieu" vorstellte. Aber auch die US-amerikanische Administration und insbesondere Donald Trump wurde genauso wie die AfD und die israelische Regierung von Benjamin Netanjau Ziel der Angriffslust Dieter Kosslicks. Im gleichen Atemzug lobte er die "Diversität" der Berlinale-Filme - insbesondere die Vielfalt der sexuellen Orientierung - was insbesondere für die "Panorama"-Sektion zutraf.

Im Wettbewerb war diese Thematik zwar durch den Spielfilm "Elisa y Marcela" der spanischen Regisseurin Isabel Coixet vertreten, der basierend auf wahren Tatsachen von der Liebesgeschichte zweier Frauen im Spanien des beginnenden 20. Jahrhunderts erzählt. Eine Beziehung, die von der Regisseurin ausgiebig in allzu expliziten Bildern dargestellt wird.

Für viel Gesprächsstoff [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Berlinale
WALPURGISNACHT - DIE MÄDCHEN UND DER TOD
Ein Dorf im Harz in der ehemaligen DDR, 1988: Eine junge Frau aus Westdeutschland stirbt, als sie von einer Klippe stürzt. Polizist Karl Albers (Ronald Zehrfeld) zweifelt an einem Unfall. Gegen alle Gewohnheit kreuzt er im Protokoll "ungeklärte Todesursache" an und sendet es in den Westen. LKA-Ermittlerin Nadja Paulitz (Silke Bodenbender) wird deshalb in den Osten entsandt. Begegnen Karl und sein Vorgesetzter Hauptmann Wieditz (Jörg Schüttauf) Nadja zunächst sachlich, so setzt Kreisleiter Egon Pölz (Godehard Giese) alles daran, den Fall rasch abzuschließen. Als eine zweite junge Frau ermordet wird, lenkt Pölz den Verdacht auf Jörg Spengler (Adam Venhaus), einen zurückgeblieben wirkenden Außenseiter. Nadja Paulitz bekommt jedoch immer mehr Zweifel daran, dass Spengler der Mörder sein soll. Zusammen mit Karl Albers will sie keine einfachen Lösungen, sondern den Mörder finden.

Der Zweiteiler "Walpurgisnacht - Die Mädchen und der Tod" spielt auf drei verschiedenen Ebenen: Zunächst einmal geht es dabei um die Lösung des Kriminalfalls. Mit dem Fortgang der Handlung wird aber immer deutlicher, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen eine zentrale Rolle spielen. Denn sowohl Nadja als auch Karl haben mit Problemen zu tun: Nadja muss noch ein Trauma aufarbeiten, und Karl schlägt sich mit seinen Eheproblemen herum. Im Hintergrund dieser Genre-Elemente steht [mehr]

Text: José Garcia
Foto: ZDF / Julie Vrabelova
CLUB DER ROTEN BÄNDER - WIE ALLES BEGANN
Im Jahre 2010 verfilmte Michael Schaerer mit Stationspiraten den spanischen Film "Planta 4ª" (Antonio Mercero, 2003) neu, der wiederum auf einem teilweise autobiografischen Theaterstück von Albert Espinosa basiert. Im Mittelpunkt standen fünf krebskranke Jugendliche, die im Krankenhaus auf unterschiedliche Weise mit dem Schicksalsschlag umzugehen versuchen. Von 2015 bis 2017 produzierte der Privatsender "Vox" die Serie "Club der roten Bänder", die mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, und sich großer Beliebtheit erfreute. Die an Krebs erkrankten Jugendlichen Leo (Tim Oliver Schultz), Emma (Luise Befort), Jonas (Damian Hardung), Alex (Timur Bartels), Toni (Ivo Kortlang) und Hugo (Nick Julius Schuck) bildeten über drei Staffel eine "Krankenhaus-Gang".

Der Kinospielfilm "Club der roten Bänder - Wie alles begann" erzählt nun teilweise parallel, wie die Jugendlichen ins Kölner "Albertus-Krankenhaus" kamen - Hugo lag schon eine Weile dort im Koma. Ein besonderes Augenmerk liegt auf Leo. Dies aber nicht nur deshalb, weil er der späteren "Anführer" sein sollte und offenkundig auch der "Alter Ego" von Albert Espinosa ist, sondern auch deswegen, weil die Beziehung zu seinem Mitbewohner Benni (Jürgen Vogel) eine zentrale Rolle spielt, damit Leo in der Situation Kraft und Hoffnung schöpft.

Auch wenn die Kenntnis der Vox-Serie von Nutzen ist, kann "Club der roten Bänder [mehr]

Text: José Garcia
Foto: universum