Aktuelle Filmkritiken
STYX
Ein Verkehrsunfall auf nächtlicher Straße. Als Notärztin ist die etwa 40-jährige Rike (Susanne Wolff) schnell zur Stelle. Sie ist daran gewöhnt, Menschen in Not zu helfen. Für ihren Urlaub hat sich Rike einen Segeltörn von Gibraltar zu der Atlantikinsel Ascension Island ausgesucht. Mit ihrer modernen, vollausgestatteten Jacht kann sie ohne größere Schäden einen Sturm überstehen.

Als sich aber der Sturm legt, erscheint in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft ein havariertes, mit Flüchtlingen überfülltes Fischerboot. Mehrere Dutzende Menschen springen verzweifelt ins Wasser in der Hoffnung, Rikes Segelboot zu erreichen. Die Ärztin fordert per Funk Unterstützung. Die Küstenwache versichert, dass Hilfe unterwegs sei. Sie verbietet ihr, eigenmächtig zu handeln. Als aber die Hilfe nach langen Stunden immer noch nicht in Sicht ist, wird Rike gezwungen zu handeln. Wie viele Menschen könnte allerdings ihre kleine Jacht überhaupt tragen? Diese Gedanken muss sie vorerst zur Seite schieben, als ein etwa 14-jähriger Junge (Gedion Oudor Wekesa) es tatsächlich schafft, zu ihr herüberzuschwimmen.

Drehbuchautorin Ika Künzel und Regisseur Wolfgang Fischer inszenieren ihren Film mit dokumentarischer Anmutung und so gut wie ohne Dialoge. Die Tonspur besteht aus Originalgeräuschen und minimalem Musikeinsatz. Dadurch führt "Styx" den Zuschauer unmittelbar ins Geschehen. Eine selbstbewusste, starke Frau, die eine westliche Vorstellung von Glück und Erfolg [mehr]

Text: José García
Foto: Zorro Film
FALL JESUS, DER
Einige Spielfilme über das Leben Jesu setzen den Kunstgriff ein, die Echtheit der Lehre Christi durch einen (fiktiven) Agnostiker überprüfen zu lassen, so etwa Henry Costers "Das Gewand" von 1953 oder auch vor zweieinhalb Jahren Kevin Reynolds "Auferstanden".

Der kürzlich auf DVD erschienene beziehungsweise auf die Online-Plattform "Amazon Prime" eingestellte Spielfilm "Der Fall Jesus" ("The Case for Christ") von Jon Gunn geht ebenfalls diesen Weg, allerdings mit zwei wesentlichen Unterschieden: Einerseits ist der Film in unserer Zeit, in den 1980er Jahren angesiedelt, andererseits beruht er auf wahren Tatsachen. Denn bei "Der Fall Jesus" handelt es sich um die Verfilmung des autobiographischen Buchs von Lee Strobel, das im Deutschen 1999 unter dem Titel "Der Fall Jesus. Ein Journalist auf der Suche nach der Wahrheit" erschien. Weltweit wurde das Buch mehr als 17 Millionen Mal verkauft.

Dass Lee Strobel kein verschrobener Sonderling war, als er seine Recherche über das Leben Jesu begann, stellt der Film von vorneherein fest. "Der Fall Jesu" beginnt denn auch damit, dass Lee Strobel (Mike Vogel) als Gerichtsreporter einen Journalistenpreis erhält, und bei der "Chicago Tribune" befördert wird. Bei der anschließenden Feier in einem Restaurant rettet Krankenschwester Alfie Davis (L. Scott Caldwell) seine Tochter vor dem Erstickungstod. Alfies [mehr]

Text: José García
Foto: IN
PRINZIP MONTESSORI - DIE LUST AM SELBERLERNEN, DAS
Alexandre Mourot hält kaum damit hinter dem Berg, dass sein Dokumentarfilm "Das Prinzip Montessori - Die Lust am Selberlernen" nach einem sehr persönlichen Anliegen entstanden ist: Die ersten Szenen seines Filmes zeigen die Entwicklung seiner Tochter von der Geburt an. Erstaunt stellt er fest, wie die Kleine mit sechs Monaten nicht mehr auf den Vater gehört habe und eigene Wege gegangen sei. Dieser Prolog erklärt, warum Mourot sich mit der Pädagogik von Maria Montessori (1870-1952) beschäftigt, die davon ausgeht, dass jedes Kind anders und für sich in einem eigenen Rhythmus lernt.

Mourot film in der "Jeanne-d´Arc-Schule" in der französischen Stadt Roubaix vom Mai 2015 bis Juli 2017, in der Klasse von Christian Maréchal. Es handelt sich um eine "école maternelle", um die französische freiwillige Schule für Drei- bis Sechsjährige - vergleichbar also mit dem deutschen Kindergarten. Im Unterschied zu der üblichen Maternelle, die ihre Kinder in drei Stufen einteilt, "arbeiten" in Roubaix Kinder aller Altersstufen - von zweieinhalb bis sechs Jahren - im selben Raum. Zu der Off-Stimme des Regisseurs kommen Zitate von Maria Montessori hinzu, etwa "Wir neigen dazu, Kinder zu unterschätzen. Die Erwachsenen sollen passiv sein, damit das Kind aktiv wird." Das Erlernen von Aufmerksamkeit und Konzentration sei eins [mehr]

Text: José García
Foto: Neue Visionen
MENASHE
Von einem Sorgerechtskampf erzählte erst kürzlich das französische Drama"Nach dem Urteil". Um das Sorgerecht für ein Kind geht es ebenfalls in dem Spielfilm "Menashe" von Joshua Z. Weinstein — allerdings unter ganz anderen Vorzeichen. Denn in dem nahezu ausschließlich auf jiddisch gedrehten und in Brooklyn, New York angesiedelten Film fällt diese Entscheidung kein weltliches Gericht, sondern der Ruv (der Rabbi). Der alleinerziehende Vater Menashe (Menashe Lustig) lebt in Borough Park, einem Stadtviertel im Südwesten von Brooklyn, das sich durch die streng orthodoxe jüdische Gemeinde auszeichnet. Laut New York Times ist die Gegend ein Zentrum des chassidischen jüdischen Lebens mit etwa 200 Synagogen. Sie gilt als die größte chassidische Gemeinschaft außerhalb Israels. Einen Eindruck des von streng orthodoxen "Chassidim" geprägten Stadtbildes gibt die Kamera von Yoni Brook und Joshua Z Weinstein bereits in der ersten dokumentarisch anmutenden Filmsequenz: Überall Männer mit hohen Hüten und langen Mänteln und noch längeren Schaufäden des Gebetsmantels.

Nachdem seine Ehefrau gestorben ist, kann Menashe seinen elfjährigen Sohn Rieven (Ruben Niborski) nur noch zeitweise sehen. Da die Tradition gebietet, dass chassidische Kinder nicht in einem Haushalt ohne Mutter aufwachsen dürfen, lebt Rieven seitdem bei seinem Onkel Eizik (Yoel Wiesshaus). Als Immobilienmakler wohnt dieser in einer schönen [mehr]

Text: José García
Foto: mindjazz / Federica Valabrega
GRÜNER WIRD´S NICHT - SAGTE DER GÄRTNER UND FLOG DAVON
"Was genau ist eigentlich das Problem - grüner wird´s nit", sagt Georg "Schorsch" Kempter (Elmar Wepper) zu seinem Kunde Dr. Starke (Bernd Stegemann), der ihn mit der Anlage eines Golfplatzes beauftragt hatte. Weil Dr. Starcke nicht gewillt ist, dafür zu zahlen, steht die Gärtnerei Kempter kurz vor der Pleite. Mit Schorschs Ehe mit Monika (Monika Baumgartner) steht es auch nicht besonders gut bestellt. Als sein Doppeldecker, ein "Kiebitz", auch noch gepfändet werden soll, setzt sich der Gärtner kurzerhand ins Flugzeug, und fliegt davon. Es beginnt eine Reise mit dem entfernten Ziel Nordkap, wohin er schon sein ganzes Leben wollte. Da er aber mit wenig Kraftstoff und keinem Geld unterwegs ist, muss er immer wieder zwischenlanden. So kommt es zu skurrilen Begegnungen, etwa mit Philomena (Emma Bading), die ihn mit den Worten begrüßt: "Aus welcher Galaxie bist du gekommen?".

Die junge Frau bringt ihn zum Schloss der Familie von Zeydlitz irgendwo im Nirgendwo, wo Schorsch auf einen einträchtigen Job hofft. Denn der exzentrische Schlossherr Richard von Zeydlitz (Ulrich Tukur) möchte seinen Schlosspark ausbauen. Dessen Tochter Philomena kann ihre Stiefmutter Evelyn (Sunnyi Melles) gar nicht leiden ("sie ist so adelig wie ein Turnschuh"), und so bittet sie Schorsch, sie mitzunehmen. Obwohl er [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Majestic
SAFE
"Gated Communities" heißen auf Neudeutsch abgeschlossene und gut bewachte Wohnquartiere für Besserverdienende. Solche geschlossene Wohnsiedlungen gibt es längst auch in Deutschland. In der "gated community" einer britischen Kleinstadt ist die Netflix-Serie "Safe" angesiedelt, die in Koproduktion mit dem französischen Sender Canal+ entstand.

Ein Barbecue, an dem die Siedlungsbewohner teilnehmen, gibt ein idyllisches Bild wieder: helle Fassaden, großzügig geschnittene und äußerlich ansprechende Häuser. Auf dem schönen Rasen spielen vorwiegend Kinder Fußball. Man ist unter sich, denn die ganze Siedlung ist eingezäunt. In die gated community führt eine Zufahrtsstraße hinter einem geschlossenen Tor, an dem in seinem Häuschen der Wachmann sitzt. Einige haben darüber hinaus noch eine codegesicherte Alarmanlage ins Haus eingebaut. Es scheint, dass sich die Siedlungsbewohner sicher fühlen dürfen. Aber der Schein trügt. Darauf weist ironischerweise der Serientitel "Safe" hin — denn "safe", sicher, sind sie trotz aller Sicherheitsvorkehrungen eben nicht.

Die eigentliche Handlung setzt ein, als die Neureichen Jojo (Nigel Lindsay) und Lauren Marshall (Laila Rouass) ein Wochenende auf dem Lande verbringen wollen, um ihren Hochzeitstag zu feiern. Tochter Sia (Amey-Leigh Hickman) soll auf das Haus aufpassen, und nur ja nicht eine Party veranstalten. Und was macht Sia? Natürlich alle möglichen Freunde zu einer Party einladen. Da wird nicht nur getanzt, [mehr]

Text: José García
Foto: Netflix
NACH DEM URTEIL
Ein geschiedenes Ehepaar sitzt vor der Richterin, die über den Umgang des Vaters Antoine (Denis Ménochet) mit den bei ihrer Mutter Miriam (Léa Drucker) lebenden Kindern befinden soll. Als die Richterin (Saadia Bentaïeb) dann ihre Entscheidung mitteilt, ist Miriam fassungslos. Denn der 11-jährige Sohn Julien (Thomas Gioria) soll jedes zweite Wochenende bei seinem unberechenbaren Vater verbringen. Die fast 18-jährige Tochter des geschiedenen Ehepaars Joséphine (Mathilde Auneveux) ist von der Regelung allerdings nicht betroffen.

Dies erstaunt Miriam umso mehr, als sie der Richterin vom aggressiven Charakter ihres Mannes deutlich erzählt hatte. Sie sei sogar in eine andere Stadt gezogen, um weit weg von ihm zu kommen. Aber Antoine kann auch sehr charmant sein, und bereut sein Fehlverhalten, so dass es der Richterin nichts anderes übrig bleibt, als dem Vater ein Besuchsrecht einzuräumen. Bald stellt sich aber heraus, dass Antoine nicht nur Zeit mit seinem Sohn verbringen möchte. Er will unbedingt herausfinden, wo Miriam mit den Kindern wohnt. Denn er glaubt daran fest, dass sie ihn doch noch liebt.

Drehbuchautor und Regisseur Xavier Legrande wurde mit seinem Langspielfilmdebüt "Nach dem Urteil" bei den letztjährigen Filmfestspielen von Venedig mit dem Preis für die Beste Regie ausgezeichnet. Legrande inszeniert sehr präzise mit ausgesuchten, häufig langen Einstellungen [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Weltkino
GUNDERMANN
Gerhard "Gundi" Gundermann (1955—1998) wurde vor und nach der Wende zu einem Idol für DDR-Bürger, die in dem Liedermacher und Baggerfahrer einen der Ihren sahen. Geboren wurde "Gundi" 1955 in Weimar. Aufgewachsen ist er aber in Hoyerswerda. Dort, mitten im Kohlerevier zwischen Dresden und Cottbus, arbeitete er in der Lausitzer Braunkohle, nachdem er aus der Offiziershochschule Löbau exmatrikuliert wurde. Gundermann, dessen Lieder manche mit denen eines Reinhard May vergleichen, begann als Texter und Schlagzeuger der Band "Brigade Feuerstein". Nach deren Ablösung folgten ab 1986 erste Soloauftritte. In der Wendezeit betätigte er sich politisch, und er schrieb Texte für die wohl bekannteste ostdeutsche Band "Silly" (mit der Schauspielerin Anna Loos als Frontfrau). "Gundi" gründete 1992 seine eigene Band mit dem bewusst provokanten Namen "Seilschaft". Mit der Tournee 1992 erreichte Gundermann erstmals eine größere Öffentlichkeit.

Genau hier setzt der Spielfilm "Gundermann" von Andreas Dresen ein: Gerhard Gundermann (Alexander Scheer) sucht Musiker für eine neue Band, mit der er auf Tournee gehen will. Der 37-Jährige arbeitet immer noch hauptberuflich als Baggerführer in seiner Heimatstadt Hoyerswerda. Denn der Mann mit dem Pferdeschwanz und der großen Brille, die er immer wieder zurechtrückt, möchte von der Musikindustrie unabhängig bleiben. In dieser Zeit wird "Gundi" freilich von der [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Peter Hartwig/Pandora Film
FINSTERES GLÜCK
Am Anfang des Spielfilms "Finsteres Glück" steht der Isenheimer Altar, unterlegt von Choral-Musik. Der in Zürich geborene Regisseur Stefan Haupt, der auch nach dem gleichnamigen Roman von Lukas Hartmann das Drehbuch verfasste, erklärt dazu, das Hauptwerk von Matthias Grünewald besitze im Film wie im Buch eine besondere Funktion "in dieser absolut ungeschönten Brutalität, die den Schmerz und das Leiden nicht kaschiert."

Einen brutalen Schicksalsschlag erlebt der achtjährige Yves (Noé Ricklin), als bei einem Verkehrsunfall seine Eltern und seine Geschwister sterben. Noch in derselben Nacht erhält Psychologin Eliane Hess (Eleni Haupt) einen Notruf. Sie eilt ans Krankenhausbett des Jungen, und von Anfang an spürt sie, dass Ives etwas beschäftigt, worüber er nicht sprechen kann, und die in der Unfallnacht passierte. Tante und Großmutter des Jungen streiten über das Sorgerecht für Yves, der jedoch weder bei der einen noch bei der anderen leben möchte.

"Finsteres Glück" handelt vorwiegend von der ungewöhnlichen Mutter-Sohn-Beziehung, die zwischen dem Achtjährigen und der Psychologin entsteht, so dass nicht nur die Grenze zwischen Beruflichem und Privatem bei ihr verschwimmt. Darüber hinaus weckt Elianes Verhalten bei ihren eigenen Töchtern Helen (Elisa Plüss) und Alice (Chiara Carla Bär) eine gewisse Eifersucht. Zum Glück kann aber Eliane auf ihren von ihr getrennt lebenden [mehr]

Text: José Garcia
Foto: W-fim
DON´T WORRY, WEGLAUFEN GEHT NICHT
John Callahan (1951-2010) wurde ein berühmter Zeichner von frechen, häufig bitterbösen, manchmal auch zynischen Comics. Seine unverwechselbare, etwas zittrige Linienführung hängt damit zusammen, dass Callahan gelähmt war, nachdem er mit 21 Jahren in betrunkenem Zustand einen Verkehrsunfall baute. Callahan veröffentlichte seine Zeichnungen in mehr als 50 Zeitschriften. Dabei bestand die größte Schwierigkeit, die er überwinden musste, nicht in seiner Behinderung, sondern eher im Alkoholismus - so der Zeichner selbst in seiner 1989 veröffentlichten Autobiographie "Don´t worry, He won´t get far on foot".

Der Buchtitel geht auf eine Comiczeichnung Callahans zurück, auf der drei Sheriffs zu sehen sind, die in der Wüste vor einem leeren Rollstuhl stehen. Diese Worte - wörtlich übersetzt: "Keine Sorge, weit wird er zu Fuß nicht kommen" - sagt einer der Sheriffs. Genau dieser schwarze Humor prägt ebenfalls den Spielfilm von Gus Van Sant mit demselben Originaltitel, der in Deutschland allerdings unter dem Verleihtitel "Don´t worry, weglaufen geht nicht" diese Woche in den Kinos startet.

Das Drehbuch von Gus Van Sant, Jack Gibson und William Andrew Eatman beschränkt sich jedoch auf einen Ausschnitt im Leben des John Callahan, auf die Überwindung der Trunksucht und auf den Beginn seiner Arbeit als Zeichner. Die Handlung beginnt an dem letzten Tag, an [mehr]

Text: José García
Foto: NFP